Lokomotivführer Lombardi
SECHZEHNTES KAPITEL

Einige Wochen später befand sich Battista Lombardi auf dem Heimweg von einer Fahrt. In gemächlichem Tempo zogen die beiden Pferde den leichten Wagen durch die Tremolaschlucht den Berg hinauf. Der Alte sass auf dem Bock des Wagens und sann über die Geschäfte nach, die er in den letzten Tagen abgeschlossen hatte. Er brauchte des Weges nicht zu achten, die Pferde kannten ihn genau. Bald lag der Engpass hinter ihm; noch kurze Zeit, dann war er wieder zu Hause. Plötzlich hörte er über sich ein heftiges Pfeifen und Sausen Steinschlag. Mit einem kräftigen Ruck riss er die Pferde nach rechts unter die überhängenden Felsen. Schon sausten die Steine über ihn hinweg und verschwanden polternd im Abgrund. Da... ein Nachzügler schlog oberhalb der Felsen auf, kam au seiner Bahn... Lombardi hörte den dröhnenden Schlag; er duckte sich unwillkürlich, und auch die Pferde drängten sich zitternd näher an die feuchte Felswand. Aber es war zu spät. Das Felsstück schlug hinten auf dem Wagen auf, und durch den Anprall wurde der alte Mann auf die Strasse geschleudert. Er wollte sich aufrichten, aber sogleich sank er wieder zusammen. Sein letztes Empfinden war ein furchtbarer Schmerz im Rücken. Dann erlöste ihn eine schwere Ohnmacht... Auf der Strasse war alles still; nur leise hallte das ferne Rauschen des jungen Tessin von der Tremola herauf. Die Pferde hatten sich wieder beruhigt, schauten umher und sahen ihren Herrn auf der Strasse liegen. Er regte sich nicht. Die Pferde wieherten leise, scharrten mit den Hufen keine Antwort. Langsam setzten die Tiere sich in Bewegung, Blickten noch einmal zurück und rasten dann im Galopp, den zerschlagenen Wagen hinter sich herziehend, nach Hause. Die Tiere wussten es nur dort fanden sie Hilfe für ihren Herrn. Im Hospiz sah man die daherrasenden Pferde schon von weitem, und man sah auch, dass kein Lenker auf dem Wagen war. Einige Angestellte liefen auf den Platz, um die Tiere aufzuhalten. Man rief nach Luigi, der sofort zur Stelle war. Als er den zertrümmerten Wagen erblickte, wusste er Bescheid. "Ausspannen !" befahl er. "Die Tiere melden ein Unglück. Rasch !" Die Knechte beeilten sich, seinem Befehl zu folgen. Luigi schwang sich auf eines der ungesattelten Pferde und rief den Zurückbleibenden zu: "Benachrichtigt die Padrona und kommt mit dem blauen Wagen nach. Verbandskasten mitnehmen !" Niemand hätte dem alten Luigi die Raschheit und Umsicht zugetraut, mit der er die Lage meisterte. Die knappen Worte des Alten brachten Ordnung in den zusammengelaufenen Haufen, und schnell wurden die Aufträge ausgeführt. Nach kurzer Zeit fuhren zwei Knechte mit dem Verbandskasten und zwei frischen Pferden ab, der Tremola zu.

Luigi lenkte sein Pferd nicht. Das kluge Tier würde ihn schon an den rechten Ort führen. Wie angegossen sass er auf dem Rücken des Pferdes und spähte scharf vorwärts. Bei dem ersten Felsen der Tremola verlangsamte das Pferd das Tempo. Dort lag Battista Lombardi mit geschlossenen Augen und schneeweissem Gesicht in sonderbar verkrümmter Stellung. Luigi sprang ab und kniete neben seinem Herrn nieder. Der Padrone lebte noch. Er stöhnte schmerzvoll, als Luigi ihm den Kopf hob. Vorsichtig untersuchte Luigi die Glieder. Nichts schien gebrochen zu sein. Als er jedoch versuchte, den Verunglückten aufzurichten, zuckte Lombardi mit einem furchtbaren Schrei zusammen und fiel abermals in tiefe Ohnmacht. Nun konnte Luigi sich die seltsame Stellung, in der er den Padrone gefunden hatte, erklären das Rückgrat musste verletzt sein. Luigi hatte oft genug mitgeholfen, in den Bergen Verunfallte zu bergen, um zu wissen, dass dies ein besonders schwieriger Fall war. Unterdessen waren die beiden Knechte mit dem Wagen angekommen. Luigi erteilte unverzüglich Befehle: "Giuseppe, du fährst sofort wieder zurück. Hol die Türe von einem Wandschrank im Hausgang. Wir müssen den Padrone auf einer festen Unterlage nach Hause tragen. Die Kastentüren sind stark und gerade recht in der Grösse. Vorher sagst du der Padrona Bescheid, man soll sofort Herrn Doktor Ramelli und den Krankenwagen bestellen. Los, mach schnell ! Und bring noch zwei Knechte mit."

Als Giuseppe zurückkam, wurde die feste Schranktür langsam und vorsichtig unter den schweren Körper des Verletzten geschoben. Lombardi musste furchtbare Schmerzen leiden. Immer wieder entrang sich seiner Brust ein qualvolles Stöhnen. Behutsam trugen die Knechte die traurige Last abwechselnd zum Hospiz. Kurz darauf, fast gleichzeitig mit dem Krankenauto, traf Doktor Ramelli ein. Der Arzt untersuchte den Verletzten gründlich. Dann wandte er sich an Frau Lombardi: "Liebe Frau Giovanna, der Fall ist sehr ernst. Sie wissen ja, dass ich keine Geschichten erfinde, um die Leute zu trösten. Ein Glied der Wirbelsäule ist gebrochen, vielleicht sogar zersplittert. Wir müssen auf das Ärgste gefasst sein. Aber es gibt eine Möglichkeit der Rettung sofortige Operation. Zu diesem Zweck müssen wir Battista unverzüglich nach Zürich transportieren. Professor Raimond, der berühmte Chirurg, ist der einzige Mann, der uns helfen kann. Überlebt Battista den Transport, so besteht Hoffnung auf Rettung. Andernfalls..." Gefasst erwiderte Frau Giovanna: "Tun sie, was nötig ist, Herr Doktor. Ich vertraue ihnen vollkommen." Nun handelte der Arzt rasch und zielbewusst. Der Verletzte wurde mit breiten Bändern auf seiner Unterlage festgeschnürt, so dass er sich nicht zu rühren vermochte. Dann gab Ramelli telephonisch die nötigen Anweisungen. Zuerst berichtete er nach Bellinzona an die Bahnhofleitung und forderte einen Krankenwagen an. Wenn möglich sollte in Airolo ein Extrazug nach Zürich bereitgestellt werden. Eile tat not, und die Kosten spielten keine Rolle. Dann benachrichtigte er die Klinik in Zürich und erbat die Weisungen Professor Raimonds in einer Stunde nach dem Bahnhof Airolo. Die für den Transport erforderliche Zeit hatte er schon berechnet in einer Stunde konnte sie mit dem Verunfallten in Airolo sein. Gleich darauf kam ein Anruf von der Station in Airolo, der Krankenwagen sei mit einem Extrazug unterwegs. Der Patient, dem der Arzt eine schmerzstillende Einspritzung gemacht hatte, wurde vorsichtig in das Krankenauto gehoben. Der Arzt, eine Krankenschwester und Battistas Tochter Maria nahmen im Auto Platz, und Luigi setzte sich neben den Chauffeur. Langsam fuhr der gut gefederte Wagen die Strasse hinunter nach Airolo. Dort wurde neben der Station haltgemacht. Doktor Ramelli hatte während der Fahrt unausgesetzt seinen kranken Freund beobachtet. Kein Zucken in dem blassen Gesicht war ihm entgangen. Während Maria die Formalitäten mit dem Bahnhofsvorstand erledigte, sprach Doktor Ramelli telephonisch mit Professor Raimond, der genaue Anweisungen für die Behandlung Lombardis gab. In der Klinik wurde alles für die Operation vorbereitet. Professor Raimond wollte zur gegebenen Zeit nach Thalwil fahren und dort in den Extrazug steigen. Inzwischen sollte Doktor Ramelli im Krankenwagen einige Röntgenaufnahmen des Verunfallten machen und sie sogleich entwickeln lassen. Auf diese Weise gewann man wertvolle Zeit und konnte schon vor der Ankunft in Zürich die sichere Diagnose stellen.