FÜNFZEHNTES KAPITEL
"Jeanne, komm einmal mit." Luigi rief die kleine Welsche, als sie einen Augenblick ohne Beschäftigung war. Die frühen Gäste waren abgezogen; erst gegen Mittag würde es wieder Hochbetrieb geben. Er führte seinen Schützling in das obere Stockwerk des Hauses und öffnete die Türe zum "Büro" des Padrone. Die Bezeichnung passte eigentlich nicht zu dem Raume, in den sie eintraten. Wohl sah man in einer Ecke einen Schreibtisch und davor einen lederüberzogenen Sessel, aber sonst wies das Zimmer keine Büro-Merkmale auf. In der Mitte stand ein eichener Tisch mit einer dicken Schieferplatte, um den sich schwere Stühle gruppierten. Die eiserne Lampe, die von der getäfelten Decke hing, war mit einer elektrischen Glühbirne ausgerüstet, ein Zugeständnis an die Neuzeit, das Battista Lombardi schwere Überwindung gekostet hatte. Luigi schob Jeanne, die ihm verwundert gefolgt war, den bequemen Ledersessel hin und deutete auf einen Rahmen an der Wand, der kein Bild, sondern einen in seltsamen verschnörkelten Buchstaben gemalten Spruch enthielt. "Diese Urkunde wollte ich dir zeigen, Jeanne, bevor ich heute Abend die versprochene Geschichte erzähle. Schau, was darauf steht. Es ist die genaue Kopie einer Seite aus einem alten Aktenstück der Talschaft Bedretto." Jeanne konnte die alte, verschnörkelte Schrift nicht entziffern, doch Luigi las ihr die Zeilen vor: _Im Namen des Herrn._ _Am ersten Dienstag des Monats Februar, im Jahre des Heils 1288 so fanden_ _sich die Mannschaften der Talschaften Bedretto zusammen, beim Orte,_ _genannt Stabulum Veterum, zu Airolo._ _Nach altem Brauch hierher geboten, beschlossen die Wehrhaften Mannen der_ _Alp- und Talgemeinschaft Bedretto, was folgt:_ _Die Brüder Battista und Augustus Lombardi werden als gleichberechtigte_ _Genossen in die Gemeinschaft der freien Mannen aufgenommen, mit gleichen_ _Pflichten. So kundzutun und zu wissen allen Freien und Edlen. Die beiden_ _Lombarden haben sich vor vielen Jahren mit ihren Saumtieren bei uns_ _niedergelassen und sich als rechte Leute erwiesen, so ist ihr Platz an_ _unserem Feuer und in unserem Rat._ _Im Namen des Herrn._ _Da Torre, Der Obmann._ _Ramelli, Der Schreiber._ Beinahe feierlich hatte Luigi die Worte vorgelesen, und Jeanne lauschte gefesselt. "Nun will ich dir noch erzählen, welche Bewandtnis es mit dem Blatte hat. Die Zeit wird gerade reichen, und die anderen kennen diese Geschichte schon. Vor etwa vierzig Jahren kehrten der Padrone und ich von einer Tour aus dem Bedrettotal zurück. Wir machten nicht den Umweg über Airolo, sondern stiegen bei Bedretto an den Flanken des Lucendro aufwärts bis zur Höhe, die Pian Secco heisst. Ein schmales Weglein führt dort den Berghang entlang bis zu der Stelle, wo man in die Tremola einsteigt, ungefähr auf der Höhe des Motto Bartola. Dort mündet das Weglein in die Passstrasse. Wir hatten vier Saumtiere bei uns, die aber nur leicht beladen waren. Es war im Oktober, und einige Tage vorher war der erste Schnee gefallen. Auf der Ebene des Motto Bartola machten wir einen kurzen Halt. Bleiern war der Himmel, und der Padrone deutete auf eine schwarze Wolke, die sich wie ein Pfeil in die Berge am Horizont bohrte. ''Die Wolke dort gefällt mir nicht'', sagte er. ''Und dazu der Luftdruck. Das Barometer muss unheimlich gefallen sein.'' Es lag wirklich etwas in der Luft, wie eine schwere Drohung. Doch vorerst regte sich nichts, und wir stiegen langsam in der Tremola empor. Etwa in der Mitte überraschte uns das Unwetter. Wenn ich zurückdenke, wie nahe uns damals der Tod war, erscheint es mir immer noch wie ein Wunder, dass wir mit dem Leben davongekommen sind. Durch den Engpass, der wie ein Kamin wirkte, fegte auf einmal ein furchtbarer Windstoss, der uns beide und die vier Maulesel an die Felsen schleuderte. Das geschah ohne vorherige Warnung, ohne irgendwelche Anzeichen; ganz plötzlich war die Hölle los. Zugleich wurde es Nacht, stockdunkle Nacht; nur die aufzuckenden Blitze zeigten uns den Weg. Steine prasselten rings um uns nieder; zum Glück wurden wir nicht getroffen. Wir hielten uns an den Schwänzen zweier Maultiere fest und liessen uns ziehen; die Tiere fanden sich noch am ehesten zurecht. Die beiden andern Tiere, die wir freigegeben hatten, waren etwas voraus. Wir sahen sie nie mehr. Erst ein Jahr später fand man bei Airolo unten ihre Traglast, zwei Ledersäcke; das war alles. Von vorne schlugen uns kirschgrosse Hagelschlossen entgegen. Von Zeit zu Zeit drängten wir uns mit den Tieren an die Felsen, um Atem zu schöpfen. Das Brausen und Pfeifen des Orkans mischte sich mit den einander unaufhörlich folgenden Donnerschlägen; das Getöse war so gross, dass man sein eigenes Wort nicht vernahm." "Aber konntet ihr denn nicht umdrehen ?" "Das war nicht möglich, denn wir hatten mehr als die Hälfte der Höhe überwunden, und abwärts gehen, mit dem Sturm im Rücken nein, dann hätte uns der Orkan unweigerlich in den Abgrund gefegt. Wer noch nie ein solches Unwetter im Gebirge mitgemacht hat, kann sich das Toben der Elemente nicht vorstellen. In dem engen Kamin der Tremola wirken sich die losgelassenen Naturkräfte doppelt aus. Jedenfalls konnten wir uns nur retten, wenn wir uns, eng an die Felsen gedrückt, vorwärtskämpften. Nach einer Weile wurde der Hagel vom Schnee abgelöst. Bald mussten wir meterhohe Wehen durchwaten. Gleich darauf war der Boden spiegelglatt vereist, so dass wir uns auf Händen und Knien vorwärtskämpfen mussten. Mit den Nägeln krallten wir uns am Boden fest, und dennoch rutschten wir oft mit den Maultieren zusammen bis hart an den Rand des Abgrunds. Dort hinunter, und niemand hätte mehr etwas von uns gefunden. Die Tiere hatten begriffen, um was es ging und hielten sich bewunderungswürdig. In den kurzen Pausen, wenn wir Atem schöpften, beruhigten wir sie, so gut wir konnten. Gewöhnlich brauchten wir eine Stunde für den ganzen Weg durch die Tremola; damals kämpften wir über zwei Stunden um einige hundert Meter Höhendifferenz. Da fanden wir den Mann. Im Aufleuchten eines Blitzes sah ihn der Padrone bei der Felswand am Boden liegen. Der furchtbare Sturm hatte ihn erledigt, doch tot war er nicht, denn als der Padrone neben dem Unglücklichen niederkniete und ihn untersuchte, zuckte sein Körper zusammen und die blassen Lippen murmelten unverständliche Worte. ''Oh Gott, oh Gott'', war alles, was wir verstanden. Es war also ein Deutscher. Wie sollten wir ihn retten, wo wir doch selber alle Mühe hatten, heil aus dem Unwetter herauszukommen ? Ich beschwor den Padrone, zuerst für uns zu sorgen, und versuchte ihm klarzumachen, dass wir den Mann nicht mitnehmen könnten. ''Das gibt es nicht'', entgegnete er. ''Entweder kommen wir alle drei zum Hospiz oder keiner. Ein Lombardi lässt einen Hilflosen nicht liegen.'' Wir entledigten ein Saumtier seiner Last und banden den Mann auf dem Rücken des Tieres fest. Mit unseren steifgefrorenen Händen war das eine langwierige und schmerzliche Arbeit. Noch mehr als eine Stunde kämpften wir dann gegen Eis und Schnee, Sturm und Steinschlag. Als wir aus der Tremola heraus waren und in die Mulde unterhalb des Hospizes gelangten, hörte das Toben der Hölle wie mit einem Schlage auf. Es war, als ob die Elemente den Kampf gegen uns aufgäben, nachdem sie gemerkt hatten, dass die Opfer dem Unheil entronnen waren. In kurzer Zeit erreichten wir das rettende Haus. Die Leute dort sahen sofort an unserem Zustand, was wir durchgemacht hatten, und ohne viel zu fragen, griffen sie helfend zu. Sie kannten das Gebirge. Der Unglückliche, den wir mitgebracht hatten ein deutscher Maler, der in die Heimat wollte -, erholte sich erst nach einigen Tagen. Sein Bericht von dem Sturme, der ihn bezwungen hatte, enthielt in beredten Worten das Grauen, von dem er erfasst worden war. Er hatte alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben und mit seinem Ende gerechnet. Von uns, die wir ihn gefunden hatten, wusste er nichts, und er war umso verwunderter, als er im Hospiz aus seiner Ohnmacht erwachte. Wie zum Hohne herrschte darauf über einen Monat wunderbares Wetter. Der Maler blieb noch eine Zeitlang bei uns; er wanderte jeden Tag nach Airolo hinunter und arbeitete dort an diesem Werk, einer meisterhaften Kopie der Original-Urkunde im Archiv der Kirchgemeinde, die ich selbst gesehen habe. Wie der Deutsche sie entdeckt hat, weiss ich nicht. Als die Arbeit fertig war, brachte er sie herauf und hängte sie an dieser Stelle auf. Der Padrone kam am Abend heim und sah das Werk. Wortlos stand er davor, wortlos drückte er dem Maler die Hand und als der junge Mann dann in seine Heimat zog, gab er ihm ein Weggeld mit, das das Blatt in Gold aufwog. So ist der Padrone, ein echter Lombardi, hart, aber dennoch ein guter Mensch.
Nach dem Nachtessen blieben die Angestellten des Berghauses in dem Raume neben der Küche sitzen, denn wenn Luigi erzählte, hörten allen gern zu. In dem grossen Raume herrschte eine wohlige Wärme, die das mächtige Kaminfeuer spendete. Ein ganzer Baumstamm war hineingeschoben worden, dessen eines Ende auf einem niederen Eisengestell ruhte. In die erwartungsvolle Stille sprach Luigi: "Ihr alle kennt die Urkunde oben im Büro des Padrone. Heute Morgen habe ich Jeanne ihre Geschichte erzählt. Erst wenn man weiss, wann und wie die Lombardis hier sesshaft geworden sind, kann man die ganze Bedeutung des alten Geschlechts erfassen. Zu jener Zeit war die Eidgenossenschaft noch nicht einmal begründet. Aber hier, im jetzigen Tessin, bestanden schon festgefügte Verbindungen freier Männer. Es waren die Talschaften, die Alpgenossenschaften und die Nachbarschaften, die wie heute die Gemeinden das gemeinsame Leben der Angeschlossenen regelten und für ihren Schutz sorgten. Einer dieser Verbände, der von Bedretto, nahm Battista und Augustus Lombardi, die römischer Herkunft waren, auf. Darüber gibt die Urkunde Aufschluss. Römischen Ursprungs sind viele Namen in dieser Gegend, die wir heute verdeutscht aussprechen. So hiess der Gotthardpass früher Passo d'Orsaria, ein Name, der später auf das Urserental überging. Göschenen ist die deutsche Umformung von 'Cascina', und die Schöllenen hat ihren Namen von dem lateinischen Wort für Leiter oder Stiege: Scalone, Scalinata. Auch in der Urkunde ist eine römische Ortsbezeichnung angeführt: Stabulum veturum, das heutige Stalvedro. Schon Battista und Augustus Lombardi befassten sich mit dem Transport von Gütern und Tieren über weite Strecken. In anderen Urkunden der Talschaft sind Mitglieder der Familie erwähnt, die es im Jahre 1531 ermöglichten, dass Papst Clemens VII. die Nachricht vom Ausgang des zweiten kappelerkrieges in fünf Tagen erhielt. Ich achtzehnten Jahrhundert wurde dann von den Lombardis ein regelmässiger Postverkehr über den Gotthard eingerichtet. Binnen vier Tagen brachten die Kuriere jeden Mittwoch und Samstag die Post von Mailand nach Zürich. Etwas später begann der grosse Güterverkehr über den Berg, und Hand in Hand entwickelte sich die überragende Stellung der Lombardis. Das Hospiz selbst war ursprünglich eine Gründung des Bischofs San Galdino von Mailand, die wahrscheinlich in der Mitte des zwölften Jahrhunderts stattfand. Das genaue Datum ist unbekannt. In der darauf bezüglichen lateinischen Urkunde wird der Pass <> genannt, nach dem Bischof Godehard von Hildesheim, der 1123 als Sankt Gotthard heilig gesprochen wurde. Im Jahre 1683 wurde das Hospiz, nachdem es von einer gewaltigen Lawine weggefegt worden war, neu erbaut, wiederum von einem Kirchenfürsten, dem Kardinal Visconti von Mailand. Hundert Jahre später wurde das Hospiz abermals verschüttet und niedergerissen. Im Jahre 1777 baute man es wieder auf, grösser und fester als je. Zweiundzwanzig Jahre später brannten die Russen unter General Suworow, die damals über den Gotthard zogen, um die Franzosen in Oberitalien zu bekämpfen, das stolze Gebäude bis auf die Grundmauern nieder. Erst 1834 wurde das Berghaus neu erstellt. Wie es damals aufgebaut wurde, so steht es noch heute. Das war das Werk des Vaters unseres Padrone, der das Hospiz mit allen Rechten und Pflichten für die Familie Lombardi käuflich erwarb. Um diese Zeit setzte der grosse Verkehr über die Alpenpässe ein, der rasch einen gewaltigen Aufschwung nahm. Im Jahre 1803 war der jetzige Kanton Tessin der Eidgenossenschaft beigetreten. Von da ab befasste sich die Kantonsregierung eifrig mit dem Ausbau des Strassennetzes, auch in den Alpen. Erst durch den Ausbau der Gotthardstrasse im Tal und auf der Bergstrecke wurde der starke Nord Süd Verkehr möglich. Der Kanton Tessin war auf diesen Durchgangsverkehr angewiesen, brachte er doch Tausenden seiner Bürger lohnenden Verdienst." Luigi machte eine Pause. "Was ich bisher erzählt habe", fuhr er dann fort, "weiss ich alles von dem Vater unseres Padrone. Als ich vor etwa sechzig Jahren bei den Lombardis in Dienst trat, arbeitete man schon an der Bahn. Hier oben herrschte immer noch Hochbetrieb. Wir waren an die hundert Angestellte, und die Ställe neben dem Hospiz, die jetzt leer stehen, beherbergten gegen vierhundert Tiere Pferde und Maulesel. Derselbe Betrieb herrschte auf der Furka; auf der Oberalp ging es etwas weniger lebhaft zu. Alle diese Berghäuser gehörten schon seit langem der Familie Lombardi, wie auch das grosse Hotel und die Ställe unten in Airolo. In Bedretto, All'Aqua, Rodi, Lavorgo, Biasca und Bellinzona besassen sie grosse Stationen und Herbergen. Weiter unten, am See bei Magadino, lagen die grossen Speicher. Südlich des Ceneri hatten die Lombardis ihren Betrieb nicht ausgedehnt. Mit Schiffen kamen die Güter und vielfach die Auswanderer über den See aus Italien und wurden in Magadino ausgeladen. Die Menschen zogen mit der Post weiter nach Norden, die Güter lagerten oft wochenlang in den Speichern und wurden dann auf Wagen verladen oder gesäumt. Von Magadino bis nach Göschenen wurde mehr als die Hälfte aller Lasten von den Lombardis mit eigenem Gespann befördert, gegen tausend Säume und ebensoviele Lasten im Monat. Im ganzen herrschte der Vater unseres Padrone über zweitausend Angestellte, und er besass ebensoviele Tiere und gegen fünfhundert Wagen. Eigene Schmieden und Wagnereien hielten das Rollmaterial in gutem Zustand. Besonders wichtige und kostbare Transporte wurden von Bewaffneten des Kantons Tessin bis hierher begleitet und dann von Soldaten des Kantons Uri übernommen. Hier im Hospiz übernachteten oft an die fünfhundert Personen..." "Wie war das möglich, wo hatten denn die alle Platz ?" unterbrach ihn Jeanne verwundert. Luigi lächelte. "Damals stellten die Leute keine so grossen Ansprüche. Einzelzimmer gab es natürlich nicht, auch keine Speisesäle. Das waren alles Schlafstätten. Die Knechte schliefen im Stall bei den Tieren oder im Heu. Die Durchreisenden waren oft wochenlang unterwegs, und ihnen genügte ein Dach über dem Kopf. In grossen Kesseln wurde für alles dasselbe gekocht. Das war ein Betrieb, sag' ich euch. Mitunter blieben allerdings auch vornehme Herrschaften über Nacht hier. Aber meistens machten diese Leute von den Relais-Stationen Gebrauch. So nannte man damals die Orte, wo für eilige Reisende frische Pferde zum Wechseln bereit standen. Auf dem Wege von Airolo oder Andermatt hierher habt ihr diese Gebäude, die sich alle gleichen, sicher schon bemerkt. Diese Relais-Stationen lagen so weit auseinander, wie es der Leistung guter Postpferde entsprach. Das Auswechseln der Pferde dauerte fünf Minuten. Dann ging es mit frischen Kräften weiter. Andere Reisende nahmen es gemütlicher. Wenn ihre Pferde müde waren, machten sie halt, spannten aus und rasteten gleichfalls. Damals war das Reisen nicht so bequem wie heute mit der Eisenbahn, aber dafür war es romantisch..." Luigi seufzte leise. "Etwas vom Schönsten war die alte Gotthardpost... die fünfspännig über den Berg fuhr. Jetzt steht der Wagen in Zürich im Landesmuseum... Leise begann jemand zu singen: _"Ich bin vom Gotthard der letzte Postillon,_ _ich bin vom Gotthard der Postillon,_ _hab' viel gesehen in hoher Alpenwelt,_ _hab' viel erfahren, das ihr nicht kennt;_ _Ein junges Herrchen mit schmucker Maid,_ _ein liebes Pärchen ich seh's noch heut',_ _das sass im Wagen einst auf seiner Hochzeitsreis',_ _ich hört' die Küsse wohl als Liebespreis;_ _s'ging mich nichts an da drin,_ _ich dacht' in meinem Sinn:_ _Hüpp, hüpp, mein Liesel, nur sacht im Schritt._ _Ein reicher Fabrikant und Kompagnon,_ _schon dreimal abgebrannt und gut entflohn,_ _mit einem Sack voll Geld, es war das Defizit,_ _reist' in des Südens Welt, ich nahm ihn mit,_ _Schuft, dacht' ich immerhin,_ _doch rief ich vor mich hin:_ _Hüpp, hüpp, mein Liesel, nur sacht im Schritt._ _Ein alter, kranker Herr, im Aug' den Tod,_ _dem warme Meeresluft tat schleunig not,_ _der reiste traurig mit, da war mein grösster Wunsch,_ _wenn ich nur Doktor wär', ich hülf' umsonst._ _Herr Gott, hilf du dem Mann,_ _ich tü was ich kann:_ _Hüpp, hüpp, mein Liesel, nur sacht im Schritt._ _Nun fahr' ich nimmermehr dem Tessin zu_ _und bitte Gott: Mein Herr, schenk' mir bald Ruh',_ _ich tauge nichts mehr hier, drum willst mir gnädig sein,_ _lass' durch die Himmelstür mich bald hinein._ _Dann wenn du rufst, oh Gott, sing' auf dem Bock ich flott:_ _Hüpp, hüpp, mein Liesel, nur sacht im Schritt."_ Andächtige Stille herrschte im Raume, als das Lied verklungen war. Nach einer Weile sagte Luigi leise: "Ich war dabei, als die letzte Post hier vorbeikam. Es war ein trauriger Tag für uns, den ich nie vergessen werde... als ob ein lieber alter Freund gestorben wäre. Draussen auf dem Platz vor dem Hospiz stand der Padrone und wir um ihn herum. Als sie abgefahren war, die letzte Gotthardpost, hat er sich wortlos umgedreht, um ins Haus zu gehen. Die Tränen liefen ihm über die Wangen. Dann nahm er das Gewehr und ging in die Berge. Erst nach einer Woche kam er von der Jagd zurück, ein stiller, wortkarger Mann." "Und dann ?" fragte Jeanne gespannt. Luigi seufzte. "Nach wie vor ging der Padrone mit dem Zweispänner seinen Geschäften nach, doch viel war davon nicht übriggeblieben. Das Lagerhaus in Magadino stand fast immer leer. Die Stationen wurden eine nach der anderen aufgehoben und zum Teil verkauft. Die Bahn riss den ganzen Bergverkehr an sich; hier oben wurde es still, für lange, lange Jahre. Zuletzt blieben nur noch die drei Berghäuser, das Hotel in Airolo und dasjenige droben am Ritomsee in Betrieb. Die Zahl der Angestellten war von zweitausend auf zweihundert gesunken. Mehr und mehr verlegte sich der Padrone auf den Vieh- und Holzhandel. Nötig hätte er das nicht gehabt, aber er konnte nicht untätig sein. Die stille Zeit ging erst zu Ende, als das Auto aufkam. Ich sehe es noch, als wäre es gestern gewesen, wie das erste Auto hier oben erschien. Wir liefen alle hinaus. Der Wagen, mit zwei Personen besetzt, knatterte wie ein Maschinengewehr, rauchte wie ein Kamin und war so heiss, dass man sich sogar an der Karosserie die Finger verbrennen konnte. Aber er hatte den Berg bezwungen. Die beiden Fahrer wurden beinahe als Helden gefeiert und blieben über Nacht hier. Das war sozusagen der Anfang der neuen Zeit. Bald kamen immer mehr Autos. Die Wagen wurden grösser und stärker, so dass sie die Steigung besser überwinden konnten. Dann tauchten die ersten Lastkraftwagen auf; anfangs kamen sie einzeln, später in ganzen Kolonnen. Bei uns stellte man sich rasch auf den neuen Betrieb um, denn Battista Lombardi erkannte sogleich, welche Möglichkeiten sich ihm durch den Autoverkehr eröffneten. Eine Tankstation wurde eingerichtet. Das Hospiz wurde umgebaut und modernisiert, denn die neuen Gäste gaben sich mit Massenquartieren und Gemeinschaftsküche nicht mehr zufrieden. Es kamen mehr Angestellte ins Haus, das Hospiz blühte wieder auf. Die bequemen Verbindungen und Reisemöglichkeiten brachten Leute herauf, die die Gotthardtour sonst nie hätten machen können. Es war, als hätte ein neues Reisefieber die Leute ergriffen. Mitten in diesem Betrieb wuchs Battistino auf. Inmitten der Autos wurde er gross. Es war ein Vergnügen, den Jungen zu sehen, kräftig, immer lustig und freundlich zu allen. Als Vierzehnjähriger führte er einen hochbeladenen Vierspänner über den Berg. Da leuchtete das Gesicht des Padrone. 'Er ist ein echter Lombardi', sagte er stolz zu mir. Battistino hatte Freude am Betrieb und war von früh bis spät auf den Beinen. Überall sah man ihn, hier im Hospiz, in den Ställen, viel auf der Fahrt und beim Vieh auf den Alpen. Der Battistino wäre aber kein rechter Junge gewesen, wenn ihn die Autos nicht angezogen hätten. Gibt es heutzutage noch einen Buben, , der sich nicht für Velos, Autos, überhaupt für alles Mechanische interessiert ? Zuerst staunte Battistino die vielen Kraftwagen an, dann machte er sich an die Chauffeure heran, die grosse Freude an dem aufgeweckten Jungen hatten und ihm gerne alles erklärten. Bald konnte er jeden ankommenden Wagen, schon ehe der in sah, am Klang des Auspuffs, am Arbeiten des Motors unterscheiden. So wuchs seine Liebe zu den neuen Verkehrsmitteln. Nicht dass er im Betrieb seines Vaters ungern arbeitete; nein, wo es galt, griff er immer fest zu, schon als ganz kleiner Kerl. Der Umgang mit den Pferden machte ihm besondere Freude, und wenn er mit seinem Vater eine kleinere oder grössere Wagenfahrt unternehmen konnte, war er glücklich. Aber er war auch für alles Neue empfänglich, und so jung er war, er sah die Verhältnisse klar. Er erkannte, dass ein motorisierter Betrieb bedeutend leistungsfähiger, schneller und wirtschaftlicher sein würde, und dass die Zeit der Pferdefuhrwerke zu Ende war. Seinem Vater war es nicht verborgen geblieben, dass der Junge allmählich in den Bann der Kraftwagen geriet. Das war ihm nicht recht, denn für ihn galt nur das Alte; das Neue war schlecht. Zäh und still kämpfte er um seinen Nachfolger und suchte ihn an sich und das Werk der Lombardis zu fesseln. Jahrelang habe ich diesen verbissenen Kampf beobachtet. Was konnte ich tun ? Auch ich liebte den stolzen, freien Betrieb mit Ross und Wagen, aber das Auto war stärker; das liess sich nicht verkennen. In früheren Jahren hatten Battista Lombardi und sein Vater einen gewaltigen Kampf geführt gegen die Bahn, in Volksversammlungen, im Ratssaal und in der Presse. Sie hatten auch gegen die Bahngesellschaft prozessiert, wegen Landabtretungen, um Weg- und Wasserrechte. Doch die Bahn hatte den Staat und den Fortschritt auf ihrer Seite; so blieb sie Siegerin. Der Kampf um den Sohn war ebenso zäh und verbissen, wenn auch lautlos. Doch auch hier siegte das Neue, und dadurch verlor Battista Lombardi an jenem Sturmtag vor fünfzehn Jahren seinen Sohn. Am Nachmittag jenes Tages war ein furchtbares Gewitter niedergegangen, das zahlreiche Reisende gezwungen hatte, mit ihren Autos im Hospiz Station zu machen. Im Kamin loderte ein mächtiges Feuer, und mehrere Chauffeure sassen hier am Tisch und wärmten sich. Mitten unter ihnen war Battistino. Auch ich sass da, schnitzte an einem Holzschuh und gab acht aufs Feuer. Hin und wieder trat einer der Männer unter die Türe und schaute hinaus, doch der Sturm fegte Regen und grosse Hagelschlossen herein. Am Kamin war es war und gemütlich, und so kamen die Chauffeure ins Erzählen. Sie berichteten von Städten und fernen Ländern, die sie durchfahren hatten, und von Erlebnissen auf ihren Reisen. Battistino hörte mit leuchtenden Augen zu. Das waren Leben, denn diese Männer sahen etwas von der Welt und erfuhren täglich Neues. 'Ich will auch Chauffeur werden', wandte er sich an einen gemütlichen, grossen Berner, der mit einem gewaltigen Car Alpin gekommen war. 'So ist's recht, Junge', sagte der Mann. Doch da tönte es hart von der offenen Türe her: 'Ein Lombardi wird nicht Chauffeur !' Battista Lombardi hatte gesprochen; hoch aufgerichtet, mit flammenden Augen stand er da. Er war von aussen in die Küche getreten und hatte seines Sohnes Bemerkung gehört. Was er befürchtet und wogegen er seit Jahren angekämpft hatte, war eingetreten. Sein eigener Sohn wollte das Lebenswerk der Lombardis im Stiche lassen, wollte nichts mehr wissen vom väterlichen Betrieb. Dass Battistino nur lernen wollte, um den Betrieb zu modernisieren und wieder neu aufzubauen, kam ihm nicht in den Sinn. Er hielt sich an das Alte, Überlieferte, und das Auto, das ihm seinen Sohn abspenstig machte, war genauso sein Feind wie die Bahn, die ihm so viel genommen hatte. All das hielt ihm Battistino vor, allerdings, wie es seine Art war, recht heftig. Der Vater wurde noch aufgebrachter, denn die Vorwürfe seines Sohnes waren berechtigt. Die Chauffeure, die den alten Lombardi nicht kannten, nahmen natürlich für den Jungen Partei, ohne zu ahnen, dass sie damit Öl ins Feuer gossen. Mit einer gebieterischen Handbewegung hiess Battista Lombardi sie schweigen, doch Battistino wiederholte seinen Willen, Chauffeur zu werden. 'Du darfst nicht Chauffeur werden, tu mir das nicht an !' rief der Vater. Aus diesen Worten klang verzweifelte Qual, für die Battistino sicher nicht taub war. Aber das Unglück wollte es, dass einige Männer lachten, und dadurch wurde Battistinos Trotz von neuem geweckt; der Vater aber wurde umso erbitterter und unnachgiebiger, je mehr die Chauffeure für den Jungen eintraten. So kam es, dass Battista Lombardi schliesslich in furchtbarer Wut seinen Sohn aus dem Haus wies. Nie werde ich den Blick vergessen, mit dem Battistino seinen Vater anschaute, als das böse Wort fiel... wortlos, als begriffe er nicht. Dann drehte der Junge sich um, ohne noch etwas zu sagen, und rannte, so wie er war, hinaus in den Sturm. Das war vor fünfzehn Jahren, und seither ist der Padrone an diesem Tage nie im Hospiz geblieben; die Erinnerung hat ihn immer fortgetrieben. Für uns kam nach diesem Ereignis eine schwere Zeit. Den Padrone sahen wir mehr als eine Woche überhaupt nicht. Er hatte sein Gewehr genommen und war in die Berge gegangen, noch in derselben Stunde, da sein Sohn mit dem Sturm um sein Leben kämpfte. Am meisten litten die Mutter und die beiden Schwestern unter der Trennung. Giovanna, die ältere Schwester, heiratete später nach Bellinzona; Maria aber blieb hier im Hause. Den Battistino habe ich später oft wiedergesehen. Er ist nicht Chauffeur geworden, sondern Lokomotivführer bei der Bahn. Sicher denkt er jedesmal an uns, wenn er unten durch den Berg fährt. Vor dem Padrone darf der Name des Sohnes nicht ausgesprochen werden, aber Frau Lombardi sieht ihn hin und wieder, und auch Maria besucht ihn manchmal in Bellinzona. So wurde Battista Lombardi der stille, finstere Mann, den ihr alle kennt. Glaubt mir, er sehnt sich nach seinem Sohne, wie Battistino sich nach seinem Vaterhaus sehnt, denn beide sind zwar harte und stolze, doch im Grunde gute Menschen. Aber nur eine höhere Macht kann die beiden wieder zusammenführen Granit gibt nicht nach.