Lokomotivführer Lombardi
SIEBZEHNTES KAPITEL

Im Reservezimmer des Lokomotivdepots von Bellinzona hielten sich drei Lokomotivführer auf. Soeben war Personal verlangt worden, um einen Güterzug nach Chiasso zu führen. Im Reservedienst wusste man nie, wohin man zu fahren hatte. Man begann früh am Morgen, im Laufe des Tages oder spät am Abend, ohne zu ahnen, wann man fertig sein würde. Das war nun einmal so; den Bedürfnissen des Dienstes musste man sich anpassen. Bei Dienstantritt hatten die drei Männer die Lokomotiven in der Remise kontrolliert und fahrbereit gemacht, um jeden Augenblick ausrücken zu können. Jetzt sassen sie da, studierten die aufgelegten Dienstanweisungen und warteten auf weiteren Befehl. Auf einmal trat der Dienstleiter ein und rief: "Lombardi ! Sie nehmen Lok 10410 und führen einen Extrazug nach Zürich. Krankentransport. Höchste Eile !" "Jawohl." Battistino Lombardi holte die Mappe mit den Fahrplänen und den notwendigen Vorschriften, die man immer brauchte, aus seinem Schrank. Dann begab er sich in die Lokomotivremise, wo die Maschinen aufgestellt waren. Inzwischen war ein Führergehilfe telefonisch beauftragt worden, die 10410 eine kleine Schnellzugsmaschine in der Remise vorzubereiten. Das war in einigen Minuten erledigt, da die Hauptarbeit immer vorher gemacht werden musste, so dass die Lokomotive im Notfall ohne Zeitversäumnis verwendet werden konnte. In den wenigen Minuten untersuchte Battistino gewissenhaft die mechanischen Teile der Maschine. Dann fuhr er vorsichtig aus der Remise und durch die weitläufigen Geleise-Anlagen in den Bahnhof. Dort standen schon der Krankenwagen und ein Personenwagen. Die Maschine wurde angekuppelt, die Bremse geprüft, und Battistino erhielt die Fahrordnung für den Extrazug. Halt in Airolo und Thalwil. Offenbar war im Gotthardgebiet wieder einmal ein Bergsteiger verunglückt. Das kam öfter vor, denn manche Touristen waren sehr sorglos, trotz allen Warnungen, die der Alpenklub ihnen immer wieder zuteil werden liess. Der Abfahrtsbefehl wurde gegeben; Battistino setzte seinen leichten Zug in Bewegung, der bald Höchstgeschwindigkeit hatte. "Höchste Eile", hatte der Dienstleiter gesagt. Also hing von Minuten vielleicht ein Menschenleben ab. An ihm, dem Lokomotivführer, sollte es nicht fehlen; er wollte sein möglichstes tun, um in kürzester Zeit das Ziel zu erreichen. Der Zeiger des Geschwindigkeitsmessers war auf hundert geklettert und blieb dort, leicht zitternd, stehen. Aufmerksam beobachtete Battistino, der, da der Zug nur leicht war, keinen Gehilfen bei sich hatte, die Strecke mit ihren vielen Signalen; hin und wieder warf er einen raschen Blick auf den Führertisch mit seinen Instrumenten. Die Stationen der ebenen Strecke flogen vorüber, dann begann bei Bodio die Steigung. Die Berghänge sind hier eng zusammengedrängt, und der junge Tessin muss sich neben Bahn und Staatsstrasse den Weg nach Süden erzwingen. Der engen Kurven wegen musste Battistino die Geschwindigkeit auf siebzig Kilometer vermindern. Über hohe Brücken, vorbei an tiefen Schluchten ging die Fahrt. Tunnels und Kehrtunnels wurden durchrast, dann kam wieder ein Stück weit eine ebene Strecke. Faido ohne Halt weiter. Wieder wand sich die Strecke im Innern des Berges aufwärts. Der Höllenlärm im Tunnel übertönte alles; Battistino hätte sein eigenes Wort nicht verstehen können. Er starrte in die Finsternis, die nur dicht vor der Lokomotive erhellt wurde. Eine Minute... zwei Minuten... der Zug eilte erneut zwischen schroffen Felswänden dahin. Rodi und Ambri flogen vorbei. Der Zug liess die letzte Steigung hinter sich und hielt in Airolo. Während des kurzen Aufenthalts in Airolo kontrollierte Battistino die Maschine. Unterdessen war das Krankenauto herangefahren, und man hatte den Patienten eingeladen. Gerade, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, schien es Battistino, der zurückschaute, als sähe er den alten Luigi neben dem leeren Krankenauto stehen. Es blieb ihm jedoch keine Zeit, um darüber nachzusinnen, denn die Zugführung nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Im Hunderkilometertempo fuhr der Zug durch den Gotthardtunnel. Göschenen kein Halt. Durch vorsichtiges Abschalten verminderte Battistino die hohe Geschwindigkeit auf die für die Talfahrt erlaubte Kilometerzahl. Abermals ging die Fahrt an Schluchten vorbei, über hohe Brücken und durch Kehrtunnels. Mit erhöhter Geschwindigkeit wurde die Strecke von Amsteg bis zum Vierwaldstättersee durchfahren. Die wunderbare Landschaft rechts und links der Bahn sah der Führer nicht, denn er durfte den Blick nicht von seinen Instrumenten und dem schmalen Ausschnitt der Strecke unmittelbar vor sich lassen. Alle Gedanken, die nicht mit seinem Dienst zusammenhingen, waren ausgeschaltet. In Sekunden-Bruchteilen folgten sich die Registrierungen, von Signalen durch Augen und Ohren und das aufs höchste beanspruchte Gehirn. Auch der Körper gehörte nur der Maschine. Der eine Fuss drückte fortwährend das Totmannpedal nieder; die eine Hand regelte mit dem Steuerkontroller die Geschwindigkeit, während die andere die Bremsen und die Lokomotivpfeife bediente. Der ganze Mensch war ein Teil der Maschine geworden. Flüelen, Brunnen waren bald erreicht. In Goldau leitete Battistino den Zug mit besonderer Vorsicht auf das Zürcher Geleise, beinahe im Schritt, um bei der Fahrt über die ablenkenden Weichen keinen Ruck in den Wagen zu verursachen. Dann raste er weiter, wieder mit Höchstgeschwindigkeit. Der Extrazug war vorgemeldet und die Strecke überall frei, so dass er durchfahren konnte. Zahlreiche Züge hatte er schon überholt; vielleicht gelang es ihm, den Streckenrekord zu brechen. Nach Zug kamen nochmals Steigungen und Tunnels. Dann ging die Fahrt über Horgen Oberdorf am Zürichsee entlang bis Thalwil, dem zweiten Halt, der aber nur wenige Sekunden dauerte, denn gleich nachdem ein Mann eingestiegen war, gab der Stationsvorstand das Abfahrtzeichen. Zehn Minuten später lief der Zug im Zürcher Hauptbahnhof ein. Im Krankenwagen war der Verletzte mit seiner Unterlage auf das allseitig gut gefederte Bett gelegt worden. Maria machte die Reise mit. Ihre Mutter war zusammengebrochen, nachdem sie dem Kranken die erste Hilfe geleistet hatte. Doktor Ramelli hatte unverzüglich die Röntgenaufnahmen gemacht, die von der Krankenschwester entwickelt worden waren. Daraus ersah er, dass seine Diagnose und die getroffenen Anordnungen richtig gewesen waren. Wenn Battista Lombardi hin und wieder zu vollem Bewusstsein erwachte, blickte er verwundert umher, doch kam kein Wort über seine blassen Lippen. Maria wich nicht von der Seite ihres Vaters und leistete dem Arzt zusammen mit der Schwester die nötigen Handreichungen. Vom Fahren des Zuges spürte man beinahe nichts. Der Wagen war sorgsam gefedert und rollte stossfrei über die Schienen. Doktor Ramelli teilte Maria das Ergebnis seiner Untersuchungen mit. Wenn der Vater lebend nach Zürich kam, konnte die geschickte Hand Professor Raimonds ihn wahrscheinlich retten. Gefasst hörte sie den alten Freund der Familie an. "Mut, Maria, Mut", tröstete er sie. "Dein Vater hat eine eiserne Konstitution. Die Operation wird er gut überstehen. Ich glaube sogar, dass keinerlei Lähmungserscheinungen zurückbleiben werden." In Thalwil stieg Professor Raimond in den Wagen. Er zog sich mit Doktor Ramelli in ein Nebenabteil zurück, um den schwierigen Fall zu besprechen. Gemeinsam betrachteten sie noch einmal die Röntgenbilder. Die Operation war gefährlich, doch keineswegs aussichtslos. Als günstiger Umstand fiel ins Gewicht, dass das Allgemeinbefinden des alten Mannes denkbar gut und sein Herz widerstandsfähig war. Battista Lombardi war nie krank gewesen, und er nahm es trotz seinem Alter noch mit den Jüngsten auf. In Zürich kamen sofort nach dem Halt die Wärter der chirurgischen Klinik an den Wagen, die den Patienten heraushoben, um ihn zu dem Auto zu tragen, das vorne auf dem Querbahnsteig stand. Maria Lombardi schritt mit Doktor Ramelli nebenher. Als sie an der Lokomotive vorüberkamen, die den Zug geführt hatte, hörte sie einen unterdrückten Ausruf: "Maria, du ?" Maria blickte auf. Sie sah den Lokomotivführer im Führerstand und erkannte ihren Bruder. Mit erstickter Stimme sagte sie: "Oh Battistino, der Vater..." Erst jetzt schaute Battistino auf den reglosen Körper, der an ihm vorbeigetragen wurde. "Oh, Dio mio, il bappo...!" Der Kranke musste etwas gehört haben. Er öffnete die Augen, und voll traf sein Blick den Sohn. Die blassen Lippen bewegten sich. "Battist..." Hatte der Vater seinen Namen gesagt ? Verwirrt, zutiefst aufgerührt sah Battistino den Trägern nach. Doktor Ramelli trat zu ihm: "Battistino, dein Vater ist schwer verletzt; er muss operiert werden, aber wir haben Hoffnung, ihn durchzubringen... Mut." Die Träger hatten Battista Lombardi in das wartende Krankenauto gehoben. Battistino drückte Marias Hand: "Telegraphiere mir sofort, wie die Operation verlaufen ist, Maria ! Mein Gott, ich ahnte ja nicht..." "Ja, Battistino, ich gebe dir sofort Nachricht. Leb wohl." Maria schluchzte. Doktor Ramelli führte sie rasch davon. Noch einen Blick warf Battistino auf das Krankenauto, das langsam anfuhr... Dann rief der Dienst ihn wieder. Die beiden Wagen wurden weggestellt. Er musste mit seiner Lokomotive als Verstärkung an einen bereitstehenden Gotthardschnellzug fahren und ohne Aufenthalt nach Bellinzona zurück. Der Kunst Professor Raimonds war es gelungen, Batista Lombardi zu retten. In einem Gipsverband lag er nach der Operation sechs Wochen lang unbeweglich im Bett. Sein Erwachen vollzog sich langsam. Erst nach Tagen wusste er, wo er sich befand: in einem Krankenhaus in Zürich. Wie war er hierher gekommen ? Wohl erinnerte er sich an seinen Sturz vom Wagen, doch von dem, was weiterhin geschehen war, hatte er nur unklare Vorstellungen. Ein Bild tauchte auf... sein Sohn Battistino aber wo hatte er ihn gesehen ? Stundenlang grübelte der alte Mann. Er, der nie zuvor müssig gewesen war, hatte nun auf einmal Zeit... viel Zeit... zum Nachdenken. Und er dachte über vieles nach. Giovanna Lombardi besuchte ihren Mann und blieb einige Tage in Zürich. Doch der alte Mann scheute sich zu fragen, wie er hierher gekommen war. Er fürchtete sich, zu vernehmen, was er nicht hören wollte: dass Auto und Eisenbahn ihn gerettet hatten, die beiden Verkehrsmittel, die er von jeher gehasst und bekämpft hatte. Schliesslich machte Doktor Ramelli, der den alten Freund ab und zu besuchte, seinem Grübeln ein Ende. "Siehst du, Battista", erklärte er ihm auf seine resolute Art, "es gab nur einen Weg zu diener Rettung: raschester Transport mit Auto und Eisenbahn nach Zürich in Professor Raimonds Klinik und sofortige Operation. Hätten wir dich zuhause behalten, so wäre dir der Tod unter grauenhaften Schmerzen gewiss gewesen." Kleinlaut erwiderte Battista Lombardi: "Ja, das hat mir Professor Raimond auch gesagt. Doch dass es gerade Auto und Eisenbahn sein mussten... meine ärgsten Feinde.. das ist ein Schlag für mich." Aber der Arzt ging auf diese Bemerkung gar nicht ein. Er gedachte die günstige Gelegenheit auszunützen und fuhr fort: "Noch etwas muss ich dir sagen, Battista. Wir haben dich in Rekordzeit nach Zürich gebracht. Alle früheren Fahrzeiten haben wir unterboten. Das hat mir der Stationsvorstand in Airolo erzählt. Und das war deine Rettung, Battista." Er machte eine Pause und sah dem Kranken fest in die Augen. "Weisst du, wer den Zug geführt hat ? He ? Gib Antwort, alter Brummbär." Man sah es in dem alten Manne arbeiten. Seine Augen hielten die des Arztes fest. Fieberhaft dachte er nach. Da war doch eine Erinnerung, fern, nebelhaft... Battistino... daneben ein dunkler Koloss... Ja, er hatte Battistino gesehen, daran gab es keinen Zweifel. Abgebrochen, leise fragte der alte Mann: "Sag Ramelli... war es mein Sohn... war es der Battistino ?" "Jawohl, Battista. Dein Sohn hat den Zug geführt, der dich hierher gebracht hat. Deinem Battistino hast du es zu verdanken, dass Professor Raimond noch rechtzeitig eingreifen konnte." Der alte Mann sprach nichts mehr. Er hielt die Augen geschlossen und sann nach. Sein Sohn hatte ihn geführt, auf seiner ersten Eisenbahnfahrt, ihn, den stärksten Gegner der Bahn, der geschworen hatte, nie dieses verfluchte Verkehrsmittel zu benützen. Und die Eisenbahn hatte geholfen, ihn zu retten, vor dem Tode, der ihm sonst sicher gewesen wäre. Das war eine höhere Fügung gewesen, vor der sein Trotz sich beugen musste, ein Wink des Allmächtigen, dem er nicht widerstreben durfte. Doktor Ramelli nickte vor sich hin und verliess leise das Zimmer. Diesen letzten Kampf musste der harte Mann allein auskämpfen. Im Garten der chirurgischen Klinik wanderte Battista Lombardi langsam auf und ab. Die hohe Gestalt war etwas gebückt, doch sonst hatte der alte Mann den schweren Unfall gut überstanden. Allerdings waren die ersten Gehversuche schmerzhaft gewesen, und nur langsam hatte er den Gebrauch seiner Glieder wiedererlernt. Und langsam, unendlich langsam war die Zeit vergangen für den Mann, dessen Leben stets Bewegung und Arbeit gewesen war. Aber diese Zeit hatte ihn weich gemacht, und mit dem Gipspanzer war auch der Panzer, der sein Herz umschnürt hatte, gewichen. Das Schicksal hatte es gewollt, dass er im Kampfe gegen Bahn und Auto unterlegen war. Vereint hatten ihm beide das schwerbedrohte Leben erhalten. Vielleicht hatte das Schicksal es auch gewollt, dass der Battistino, der Teufelskerl, seinen harten Lombardikopf durchsetzte... um einmal seinen Vater im Wettlauf mit dem Tode durch den Berg nach Zürich zu führen. Jedenfalls musste er Battistino die Hand zur Versöhnung reichen, und das sollte geschehen, sobald er nach Hause zurückgekehrt war. Lange würde das nicht mehr währen. Er sehnte sich nach seinen wilden Bergen, nach ihrer majestätischen Ruhe. Schon hatte er nach Ross und Wagen verlangt denn ganz war sein Trotz noch nicht überwunden. Er und seine Braunen würden den Weg nach dem Süden schon finden. Professor Raimond hatte, als er ihm von dieser Absicht erzählte, nur leise gelächelt und geschwiegen. Battista Lombardi setzte sich in einen der bequemen Stühle. Da hörte er Schritte auf dem Kies, trippelnde Kinderschritte. Ein kleines Mädchen führte vorsichtig einen noch kleineren Buben an der Hand. Langsam näherten sich die Kinder. Das Mädchen trug einen Strauss rote Rosen im Arm, und das Bübchen hielt in seiner freien Hand Alpenrosen und Enzianen. Etwas befangen blieben die Kinder einige Schritte vor Battista Lombardi stehen. "Nonno, caro nonno", sagte das kleine Mädchen. Und der Kleine plapperte nach: "Nonno, nonno, Grossvater, Grossvater!" Der alte Mann schaute die beiden an. Waren das die Kinder seines Battistino, seine Enkelkinder, die er nie gesehen hatte ? Die Kleinen kamen näher. Das Mädchen legte den Rosenstrauss in den Schoss des alten Mannes, schlang seine Ärmchen um seinen Hals und streichelte seine hinabhängende Hand. Der Bub blickte erwartungsvoll zu ihm auf. In dem alten Manne arbeitete es gewaltig. Ja, das waren seine Enkelkinder... echte Lombardis. Langsam, unbewusst, hob er die Hand, umfasste das kleine Mädchen und zog es an sich. Welch ein Glück, welche Seligkeit... seine Enkelkinder, nach denen er sich so oft gesehnt hatte... Er nahm das Büblein auf seine Knie und betrachtete es lange. "Nonno, nonno", wiederholte der Kleine. Wie oft schon mochten die Kinder nach ihrem Grossvater gefragt haben ? "Kommst du jetzt zu uns, Grossvater ?" fragte das kleine Mädchen zutraulich. "Ja, komm zu uns, Vater", erklang hinter Battista Lombardi eine feste Stimme. Der alte Mann sah auf. Da stand Battistino, der seinen Vater bittend anschaute. Was sollte Battista Lombardi tun, was sollte er sagen ? Als ob etwas geschmolzen wäre in ihm, durchfuhr ihn eine unbekannte Wärme. Freude, die er sich lange vergebens gewünscht, durchglühte ihn. Langsam erwiderte der alte Mann: "Nein, Battistino, ich komme noch nicht zu euch. Zuerst kommt ihr zu mir... zu uns ins Hospiz... auf den Gotthard... wo die Lombardis zuhause sind. Dort wollen wir uns alle zusammenfinden, nach langen Jahren wieder vereint."