Lokomotivführer Lombardi
DREIZEHNTES KAPITEL

Kohlen, Kohlen... endlos lange Züge fuhren durch den Gotthard nach Süden... ein Zug nach dem anderen bei Tag und Nacht. In Bellinzona wurden die Züge zerlegt und über Chiasso elektrisch oder über Luino mit Dampf weitergeführt. So nahm der Dampfbetrieb wieder einen neuen Aufschwung; es herrschte Hochbetrieb. Die Männer, die an dieser Front ihren Dienst verrichteten, bei Tag und Nacht, bei jedem Hundewetter, hatten es ebenso streng wie die Soldaten an der Grenze. Und ihre Arbeit war ebenso wertvoll für das Vaterland, denn vom Süden her brachten die Züge auf der einzigen noch offenen Bahnverbindung zum Meere Lebensmittel und Rohstoffe herein. Neben den mächtigen Gotthard-Dampflokomotiven erschienen Führer und Heizer wie Zwerge. Auch Battistino Lombardi führte an diesem Tag einen dieser Kolosse, die auf einer Fahrt etwa sechzig Tonnen Kohle fressen, eine Menge, die genügen würde, um ein kleines Haus zwei Winter hindurch zu heizen. Auf der Fahrt nach Luino zerschlug der Heizer einen Haufen Briketts nach dem anderen, und schaufelte die zerkleinerten Stücke in den gefrässigen Schlund der Maschine. In Luino wurde der Wasservorrat im Tender ergänzt; sechs Kubikmeter waren auf der Fahrt von Bellinzona bis hierher verdampft. Battistino kontrollierte seine Maschine, und der Heizer schmierte die beweglichen Teile. Dann warteten sie vor der Remise, um den Zug zu übernehmen, den sie nach Hause führen sollten. Battistino trat zum Fahrdienstleiter, der das Zusammenstellen des Zuges überwachte. "Wie schwer wird der Zug?" fragte er. Der Beamte blätterte in seinen Schriften und antwortete: "Das Höchstgewicht, Capo, ungefähr tausend Tonnen." Battistino kletterte wieder auf die Lokomotive, um seinem Heizer bei der Arbeit zu helfen. Er stieg auf den Tender und warf die schweren Briketts in den Führerstand hinunter, im gleichen Takt, wie der Heizer sie mit dem Hammer zerschlug. Dazu bedarf es der Übung, man muss gut zielen und mit einem kräftigen Schlage die richtige Stelle treffen... dann zerfallen die zehn Kilo schweren Briketts in vier gleichgrosse Stücke. Als sich im Führerstand ein Berg dieser Brocken angehäuft hatte, rief Battistino von seiner Höhe hinunter: "So, hinein damit, Fritz. Der Zug wird schwer, wir müssen einen tüchtigen Brand vorbereiten." Der Heizer schaufelte den Haufen in die Feuerbüchse, immer darauf bedacht, das Grundfeuer gleichmässig zu bedecken. Dann flogen erneut die grossen Briketts in den Führerstand hinunter, wo Fritz sie Schlag um Schlag zerkleinerte, bis der Haufen wieder so gross war, wie vorher. Fritz öffnete die Feuertür, hielt die Kohlenschaufel vors Gesicht und starrte in die Glut. Mit geübten Augen erkannte er, wo sich in der glühenden Schicht eine leere Stelle befand, und schaufelte weit ausholend frische Brikettstücke auf die durchgebrannte Lage. Noch einmal wiederholte sich dieser Vorgang; dann war die gefrässige Maschine bereit, den schweren Zug an seinen Bestimmungsort zu schleppen. Mit einem solchen Feuer hatte es der Heizer auf der Fahrt leichter; er brauchte dann nur so viele Kohlen nachzuschaufeln, als der Dampfverbrauch erforderte. Fand er keine Zeit, ein gutes Grundfeuer vorzubereiten, so durfte der Heizer die Kohlenschaufel auf der ganzen Fahrt nicht weglegen, denn dann verbrannte das leichte Material wie Stroh. Über diese Arbeit war es Nacht geworden; die spärliche Beleuchtung auf der Maschine liess die zahlreichen Instrumente und Apparate nur schwach hervortreten, doch Führer und Heizer "hatten es im Griff". Schliesslich fuhr Battistino an den Zug, eine lange Reihe leerer und beladener Wagen. Dann musste neuerdings gewartet werden. Die Abfahrtszeit war längst vorbei, als der Zugführer endlich meldete, dass nur ein kleiner Teil des Zuges abgeführt werden könne, weil die Zollkontrolle noch nicht beendet sei. "Die Verspätung würde viel zu gross, wenn wir darauf warten wollten", sagte er. "Auch gut", erwiderte Battistino. Dann wandte er sich an seinen Heizer: "So hast Du es auf der Fahrt etwas leichter, Fritz. Was drin ist, ist drin." "Das meine ich auch", versetzte lachend der Heizer, der froh war, dass er sich ausruhen konnte. Nur zweihundert Tonnen... die reinste Spazierfahrt... da musste er nur hin und wieder ein paar Schaufeln Kohlen nachlegen, um den Rost schön gleichmässig bedeckt zu halten. Als der Zug gerade abfahren wollte, kletterten zwei italienische Grenzwächter auf die Maschine, um mitzufahren. Sie hatten auf dem kurzen Zuge keine unbesetzte Bremshütte gefunden und deshalb auf der Lokomotive Zuflucht gesucht. Mit zwanzig Minuten Verspätung wurde der Zug endlich abgefertigt; er erreichte bei der geringen Belastung bald eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern. Die Fahrt ging den See entlang durch viele Tunnels. Aber es "dampfte" nicht gut, denn in der Feuerbüchse waren zu viele und zu wenig durchgebrannte Briketts, weil Führer und Heizer mit einem schweren Zug gerechnet hatten. Tausend Tonnen hätten es sein sollen dann hätte ein gewaltiger Luftzug das Feuer angefacht, aber so flackerte es nur, und in der schwelenden Glut bildeten sich Luftlöcher, während giftiggelber Rauch und Kohlengase einen Ausweg suchten. Auf dem Heimweg geschah das Unglück. Der Zug fuhr durch die Nacht die erste Station war soeben passiert, und man näherte sich einem Tunnel -, als der Heizer die Feuertür öffnete, um den Brand zu kontrollieren. Eine Welle glühendheisser Gase entströmte dem offenen Schlunde und warf Fritz zur Seite. Battistino hatte im Dunkeln nicht bemerkt, dass der Heizer die Feuertür öffnen wollte. Auf einmal sprang ihm glühende Hitze ins Gesicht, und schon war er auf der ganzen linken Seite in Flammen gehüllt, denn seine Kleider hatten sich entzündet. Zugleich schoss eine gut zwei Meter lange, gelbgrüne Stichflamme in den Führerstand. In der Ecke bei der Steuerung konnte Battistino seine Kleider nicht löschen... Rasender Schmerz im Gesicht drohte in zu betäuben... Er riss den Regulator auf, um dem Feuer mehr Zug durch den Kamin zu geben, aber das niedrige Tunnelgebäude presste Rauch und Gase zurück. Ein Gedanke blitzte durch sein Hirn der Tender, wenn er sich dort auf den Kohlen wälzen konnte, liessen sich die Flammen vielleicht ersticken. Doch die Stichflamme versperrte den Weg zum Tender. Sie wurde immer grösser und strömte eine unerträgliche Hitze aus. Die beiden Soldaten und der Heizer hatten sich auf den Boden des Führerhauses geworfen, aber jetzt leckte die Stichflamme auch nach ihnen. Die Männer begannen verzweifelt zu brüllen. "Hilfe... zu Hilfe!" hörte Battistino, dem die Sinne zu schwinden drohten. Er schaute aus schmerzenden Augen zur Seite... sah Gestalten am Boden... in den Ecken kauernd... seine Gedanken rasten. Es gab kein anderes Mittel... niemand konnte helfen, ohne sich selbst zu gefährden. Er musste helfen... er war verantwortlich für das Leben dieser Männer, für die Sicherheit des Zuges... er war der Lokomotivführer ! Battistino stürzte aus seiner Ecke bei der Steuerung hervor, griff mit beiden Händen mitten in die grüne Stichflamme hinein, packte die Hebel der Feuertür und warf sie zu. Das alles dauerte kaum eine Sekunde, dann war die Stichflamme verschwunden. Battistino aber hatte während dieser Sekunde die Hölle erlebt. Als er seine Ecke verliess, beschleunigte der Luftzug den Brand seiner Kleider. Halb ohnmächtig schwankte er zurück und warf sich instinktiv auf die Kohlen, auf denen er sich wälzte. Erst jetzt fanden die anderen die Besinnung wieder. Sie erhoben sich vom Boden, wo sie vor der mörderischen Flamme Schutz gesucht hatten, warfen sich über Battistino und halfen ihm, seine Kleider zu löschen. Der ganze Vorfall hatte nur wenige Minuten beansprucht; die Fahrt war weitergegangen. Jetzt hingen Battistino die Kleider in Fetzen vom Leibe, und in Fetzen hing ihm die Haut von den Händen und vom Gesicht. Trotz der wahnsinnigen Schmerzen versuchte er die Lokomotive weiterzuführen. Es ging nicht... er konnte keinen Hebel anfassen. Mit matter Stimme rief er seinem Heizer zu: "Komm Fritz, fahr Du !" Der Heizer, der nicht verwundet war, sprang an den Platz des Führers. Auf der offenen Strecke anzuhalten hatte keinen Sinn, es galt, so rasch wie möglich eine Station zu erreichen. Battistino biss die Zähne zusammen und stellte sich hinter den Heizer... er musste trotz allem die Strecke kontrollieren. Irgendwo klammerte er sich mit seinen schmerzenden Händen fest, um nicht umzufallen; die Qualen drohten ihm das Bewusstsein zu rauben... Bald war die nächste Haltstation erreicht die Endstation auf italienischem Gebiet. Die Männer halfen Battistino von der Maschine hinunter; im Büro des Stationsvorstandes wurde ihm reines Öl auf die verstümmelten Hände und auf das Gesicht geträufelt. In dem kleinen Ort gab es keinen Arzt, keine Apotheke... also weiter bis zur nächsten Station. Die Italiener protestierten... der Zug solle auf der Station stehenbleiben, und man wollte Battistino mit der Lokomotive allein nach Luino ins Spital überführen. Battistino lehnte das gutgemeinte Angebot ab. "Nein, nein, ich will lieber heim, wenn die Fahrt auch doppelt so lang ist", sagte er mühsam, da er vor Schmerzen kaum sprechen konnte. Hilfsbereite Hände hoben ihn wieder auf die Lokomotive. So raste der Zug vom Heizer geführt weiter in die Nacht hinein, um auf der ersten Schweizer Station wieder anzuhalten. Zollkontrolle! Hier wurde abermals reines Öl auf die Wunden gegossen, das den furchtbaren Schmerz etwas linderte. Obwohl Battistino einer Ohnmacht nahe war, gab er genaue Anordnungen für die Weiterfahrt. Er bat den Vorstand, alle Stationen bis Bellinzona telegraphisch anzuweisen, dass der Zug durchfahren konnte. Im Heimatdepot sollte ein Auto am Bahnhof warten, um ihn unverzüglich ins Spital zu bringen. Die beiden Italiener verliessen die Lokomotive; der Zugführer trat an ihre Stelle, um Battistino nach Möglichkeit beizustehen. Während der Fahrt, die noch eine Stunde dauerte, erlebte Battistino alle Qualen der Hölle. Mit den Armen hielt er sich an der Eisenstange hinter dem Heizer fest und kühlte die Hände im frischen Luftzug. Das milderte den Schmerz und hielt seine Sinne wach; er war ja immer noch für den Zug verantwortlich und musste die Handgriffe seines Gehilfen, der seinen Dienst verrichtete, genau kontrollieren. Bellinzona... der Zug hielt an... der Nachtreserveführer und seine Leute halfen Battistino beim Hinunterklettern von der Maschine, und führten ihn zu dem wartenden Auto, das wenige Minuten später beim Spital anlangte.

Gegen elf Uhr abends betrat Battistinos Frau das Krankenzimmer. Vorsichtig hatte man sie vom Unfall ihres Mannes unterrichtet, doch erschrak sie trotzdem sehr, als sie ihn im Bette liegen sah. Der ganze Kopf war bandagiert, nur eine kleine Öffnung zeigte an, wo sich der Mund des Verletzten befand; die dick verbundenen Hände lagen auf hohen Kissen, unförmigen Kugeln gleichend. "Armer Battistino", rief Anna erschüttert. "Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht", versuchte Battistino sie zu trösten. Doch der Verband machte die Worte beinahe unverständlich. Anna durfte nur wenige Minuten bleiben; dann erklärte die Krankenschwester, dass der Patient jetzt Ruhe brauche, und verliess mit der jungen Frau das verdunkelte Zimmer. Vor der Türe wartete der Heizer Fritz, der nach seinem Capo sehen wollte. Aber die Schwester blieb dabei, dass Battistino schlafen müsse und keinen Besuch mehr haben dürfe. Auf dem Heimweg erzählte Fritz Anna den Hergang des Unfalls und schloss mit den Worten: "Ich weiss nicht, was aus uns geworden wäre, Frau Lombardi, wenn ihr Mann nicht den Mut gehabt hätte, die Feuertür zu schliessen. Wir wären wahrscheinlich alle miteinander erstickt und verbrannt."

Als Cesare Lombardi zwei Wochen später seinen Neffen besuchte, durfte Battistino schon aufstehen. Der alte Herr war mit einer besonderen Absicht nach Bellinzona gekommen und ging geradeswegs auf sein Ziel los. Er liess sich von Battistino den Hergang des Unfalls schildern, wobei er wiederholt den Kopf schüttelte. Er merkte deutlich, dass Battistino ihm nicht alles erzählte und die Sache harmloser hinstellte, als sie in Wirklichkeit gewesen war. Vorsichtig begann der alte Mann: "Ja, Battistino, diesmal hat es das Schicksal noch gut mit dir gemeint. Aber es hätte auch anders kommen können. Bei deinem Vater wärest du dein eigener Herr und Meister... und nicht solchen Gefahren ausgesetzt. Du könntest dir die Arbeit einteilen, wie du willst. Wenn man dagegen an den Nachtdienst denkt, an die unregelmässigen Essenszeiten..." Cesare Lombardi schwieg und sah seinen Neffen forschend an. Battistino hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und ab, die dick verbundenen Hände in Brusthöhe vor sich haltend. Was sollte er dem Onkel erwidern... dem Onkel, dem er es zu verdanken hatte, dass er sein Lebensziel erreichen konnte ? Und nun versuchte der gute Mann, ihn anderen Sinnes zu machen. Doch bevor er antworten konnte, fuhr der Onkel fort: "Battistino, ich wollte dich schon längst fragen... könntest du nicht umsatteln ? Bei der Bahn bist du doch nur ein bezahlter Arbeiter, und dein Vater wird alt. Was hält dich so sehr ?" Battistino stellte sich ans Fenster und schaute sinnend hinaus. Seine Augen folgten dem leichtgeneigten Hang nach Süden. Dort unten fuhr, halb verborgen zwischen Reben und Bäumen, ein Zug vorbei, der sich in dunstiger Ferne verlor. Eine Weile war alles still, dann begann Battistino zu sprechen. "Du hat es immer gut mit mir gemeint, Onkel", sagte er. "Früher habe ich mich selber manchmal gefragt, ob ich nicht wieder nach Hause gehen sollte. Ich gebe es zu, das Leben im Hospiz ist schön... das Gefühl, am Eigenen zu schaffen, ist viel wert. Aber eben... wie soll ich es dir erklären ?" Battistino suchte nach Worten, um auszudrücken, was er empfand, was ihn bewegte. Im Geiste erblickte er das Gotthardhospiz, das Heim seiner Väter, wie es sich im stillen Bergsee spiegelte. Warum hatte ihm sein Vater in all den Jahren kein Zeichen gegeben ? Nicht einmal zur Hochzeit war ein Glückwunsch von ihm gekommen. Battistino wusste recht gut, dass dem Vater alle wichtigen Ereignisse mitgeteilt worden waren... die Geburt des ersten Kindes, der kleinen Giovanna, die nach der Mutter hiess, vor vier Jahren... dann vor mehr als zwei Jahren die Geburt des Buben, der den Namen Lombardi weitertragen würde durch die Zeiten... auch da kein Zeichen... nichts. Im Krankenhaus hatte Battistino in den langen Nächten, wenn er vor Schmerzen nicht schlafen konnte, viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Oft hatte er an seinen Vater gedacht und an sein Verhältnis zu ihm. Das alles drängte sich ihm jetzt auf die Lippen. Aber er wollte den Onkel nicht verletzen und sagte deshalb ruhig, als spräche er mit sich selber: "Dass ich damals von daheim fortlief, war eigentlich ein unüberlegter Jungenstreich... Du musst das verstehen... Gewiss, im Hospiz hatte ich alles. Als jedoch die Autos aufkamen, interessierte ich mich dafür... wie so viele Buben hatte ich Freude an der Mechanik. Wenn wir selbst ein Auto oder einen Camion gehabt hätten, wäre alles anders geworden. Der Gedanke, dass die Kraftwagen uns überflügeln würden, liess mir keine Ruhe. Dadurch wurde mein Interesse am Autobetrieb immer grösser, schliesslich beschäftigten mich die Autos Tag und Nacht." Battistino schwieg eine Weile, und auch der Onkel unterbrach die Stille nicht. Der alte Mann dachte an jenen Nachmittag, wo der Junge mitten in einem furchtbaren Sturm von zuhause fortgelaufen war, vor fast fünfzehn Jahren. Battistino räusperte sich und fuhr fort: "Als einmal der schwere Schritt getan war, musste ich zuerst viel lernen in der Welt... und du, Onkel, hast mir dabei redlich geholfen; dafür werde ich dir immer dankbar sein. Dann aber erkannte ich, dass das Auto einen noch mächtigeren Rivalen hat die Eisenbahn. So fasste ich den Entschluss, Lokomotivführer zu werden. Nun bin ich es, Onkel, aber bis es soweit war, musste ich einen langen Weg zurücklegen, musste jahrelang eifrig schaffen und studieren, denn die Bahn siebt ihre Leute tüchtig, bevor sie ihnen verantwortungsvolle Posten anvertraut. Und diese Verantwortung ist es eben, die uns an unseren Beruf bindet. Stell dir einmal vor, Onkel: ein Lokomotivführer meistens allein auf seiner Maschine führt einen Zug. Wenn es ein Güterzug ist, sind ihm Millionenwerte anvertraut. Von ihm, von seinen Kenntnissen und seiner Aufmerksamkeit hängt es ab, ob der Zug heil an seinem Ziele ankommt. Führe ich einen Personenzug, so hafte ich mit meinem Leben für die Passagiere. Sie kommen von irgendwoher und wollen irgendwohin; sie kennen mich nicht; sie fragen auch nicht, wer vorn auf der Lokomotive steht. Sie wollen nur dorthin, wohin ihr Willen und ihr Herz sie treibt, und sie vertrauen darauf, dass ich der Unbekannte sie sicher dorthin bringe. Gewiss sind wir Lokomotivführer bloss bezahlte Arbeiter, wie du gesagt hat, Onkel, denn wir arbeiten nicht auf Eigenem. Aber du kannst es mir glauben, wir sind mit der Bahn und unserem Beruf so stark verwachsen, als ob es unser eigenes Geschäft wäre. Und die Bahn gehört ja uns allen, denn sie gehört dem Schweizervolk. Wir tun unser Bestes, damit der Betrieb reibungslos abläuft jeder von uns als kleines Rädchen in einem ungeheuer grossen Uhrwerk." Battistino schwieg und blickte mit einem stillen Lächeln vor sich hin. Immer erstaunter hatte Cesare Lombardi den Worten seines Neffen gelauscht und die ehrliche Begeisterung erkannt, die daraus sprach. Im Grunde seines Herzens freute sich der alte Mann, dass Battistino mit solcher Liebe an seinem Beruf hing er war eben ein Lombardi und stellte seinen Mann. Cesare Lombardi erhob sich und trat zu seinem Neffen, legte ihm die Hände auf die Schultern und sagte mit bewegter Stimme: "Da ist nichts zu machen, Battistino. Eine höhere Macht hat es offenbar gewollt, dass du und dein Vater auseinandergehen mussten. Sie wird euch auch wieder zusammenführen. Mich freut es, dass du trotzdem etwas Rechtes geworden bist, und dass du mit deinem selbstgewählten Beruf so zufrieden bist."