ZWÖLFTES KAPITEL
Im Lokomotivdepot Bellinzona herrschte Hochbetrieb. Es war beinahe Mitternacht, und die Maschinen der ankommenden Züge fuhren eine nach der anderen in die Remise. Die braunen und grünen Riesen wurden nach einem genauen Plan in den Geleisen aufgestellt. Einige der Maschinen blieben dort bis zum Morgen, während andere nach kurzer Pause für die Nachtzüge wieder ausfahren mussten. Während des Aufenthalts in der Remise wurden die Lokomotiven vom Reservepersonal kontrolliert und geschmiert, auch mussten an ihnen oft kleinere Reparaturen vorgenommen werden. Die Verdunkelung in den mächtigen Hallen und auf den Geleiseanlagen erschwerte den verantwortungsvollen Dienst des Personals sehr. Neben den Remisen führt ein Geleise zu den Anlagen hinter dem Gebäude. Hier befindet sich die Drehscheibe und der Abstellplatz für die Dampflokomotiven. Dort fuhren zahlreiche Rangiermaschinen aus und ein; es wurden Kohlen gefasst und der Wasservorrat ergänzt. Über einer der Gruben zwischen den Geleisen dem Kanal stand die Lokomotive 6353, deren Kohle- und Wasservorräte ebenfalls ergänzt wurden. Führer und Heizer hatten die Maschine kontrolliert, geschmiert und dann hier abgestellt. Ihr Dienst war beendet; in einer Stunde sollte ein anderes Personal die Maschine übernehmen, um mit ihr in den weiten Anlagen des Güterbahnhofs den Rangierdienst zu besorgen. Dieser Dienst wurde im Laufe von vierundzwanzig Stunden nur einmal unterbrochen, und zwar während der Zeit, wo das Personal im Depot abgelöst und das Material ergänzt wurde. Sonst lösten sich Führer und Heizer mitten in den Geleise-Anlagen ab, an der Stelle, wo die Maschine gerade arbeitete. Sie fuhr dauernd hin und her, zerlegte ankommende Züge, verschob Wagengruppen und stiess lange Wagenreihen über einen künstlichen Berg, von wo sie dann in Gruppen oder einzeln in die verschiedenen Geleisebezirke abliefen. So hatte die kleine Maschine den ganzen Tag und auch während der Nacht keine Ruhe; willig folgte sie immerzu den Befehlen des Führers. Jetzt aber stand sie still auf einem Nebengeleise, und nur eine feine Rauchsäule, die aus dem Kamin stieg, zeigte an, dass sie "unter Dampf" war, bereit, jeden Augenblick ihren Dienst wiederaufzunehmen. Auf einmal tauchte aus dem Schatten der Remise ein Mann auf, der sich der Lokomotive näherte. Leise und vorsichtig wie ein Gespenst schlich er um die Maschine herum. Niemand hatte den Mann bemerkt, als er kurz vorher das verdunkelte Depot betreten hatte. Er bewegte sich hier wie einer, der sich auskennt, überquerte zahlreiche Geleise und schlich an vielen stationierten Lokomotiven vorbei, bis er die kleine Maschine 6353 erreichte. Die grossen Streckenmaschinen, die in Reih und Glied standen, würdigte der Mann keines Blickes; nur die kleine 6353 suchte er. Ja, er wusste genau, dass sie um diese Zeit hier stehen musste. Deswegen war er erschienen, und er benützte die Gelegenheit, während der Verdunkelung kommen und gehen zu können, ohne erkannt zu werden. Jetzt ging der Mann um die Lokomotive 6353 herum; ab und zu liess er ganz kurz eine Taschenlampe aufleuchten. Er stieg in den Kanal unter der Maschine und untersuchte sie eingehend. Mit zitternden Fingern berührte er Achsen und Lager. Er öffnete die Deckel der Schmiereinrichtungen. Alles war in Ordnung und nach seinem Wunsche kein Teil war warmgelaufen. Dann kontrollierte der Mann das Getriebe, öffnete auch hier wieder die Schmierapparate und sah den Ölstand nach. Schliesslich bestieg er den Führerstand, wobei er leise vor sich hin murmelte. Wie liebkosend strich seine Hand über den Regulator und den Steuerungshebel. Als dann eilige Schritte hörbar wurden und ein Heizer vorüberging, der auf einer anderen Maschine etwas zu verrichten hatte, kauerte der Mann sich in eine dunkle Ecke und blieb dort so lange, bis der andere sich wieder entfernt hatte. Hernach setzte er seine Untersuchung fort. Im Scheine der Taschenlampe blitzen glänzende Instrumente, und auch die Augen des Mannes glänzten, während er leise mit sich und der Lokomotive sprach. Er öffnete die Feuertür, kniete davor nieder und blickte aufmerksam in die Feuerbüchse, wo nur ein schwaches Reservefeuer glühte. Auch hier war alles in Ordnung kein schwaches Zischen zeigte an, dass irgendwo eine defekte Stelle wäre. Befriedigt schloss der Mann die Feuertür und kletterte aus dem Führerstand. Vor der Lokomotive blieb er stehen und murmelte leise vor sich hin: "So ist's recht... alles in Ordnung." Da schien es ihm, als hörte er wieder Schritte in der Nähe. Rasch trat er zurück, um mit einem grossen Schritt wie er es schon oft getan hatte den Kanal hinter der Lokomotive zu überqueren. Doch sein vorgestrecktes Bein erreichte die gegenüberliegende Schiene nicht. Er glitt aus... ein dumpfer Fall... hart schlug der Kopf auf die scharfe Kante der Grube... reglos blieb der Mann liegen...
"Hallo Fritz!" rief Lokomotivführer Lombardi in das Dunkel zwischen den aufgestellten Lokomotiven, doch er erhielt keine Antwort. Battistino Lombardi war in dieser Nacht Reserveführer; er befand sich soeben auf einem Kontrollgang durch die Depotanlagen. Es schien ihm, als hätte er ein Geräusch gehört. "Es wird mein Heizer gewesen sein", dachte er, aber es war doch eigentümlich, dass Fritz nicht antwortete. Battistino wiederholte den Ruf und liess seine starke Handlampe aufblitzen, als er vor der kleinen Rangiermaschine stand, die in einer halben Stunde wieder ausfahren musste. Als sein Ruf abermals unbeantwortet blieb, ging er weiter. Plötzlich stutzte er. Da lag ja ein Hut auf dem Boden. Battistino lenkte den Strahl der Lampe auf die Maschine. Offenbar war alles in Ordnung; leise zischte der Dampf. Gleichwohl kletterte Battistino auf den Führerstand und kontrollierte das Reservefeuer. Als er wieder drunten war, wollte er über den Kanal springen. Da sah er eine dunkle Gestalt in der Grube liegen. Mit einem Satz sprang er hinunter, kniete neben der reglosen Gestalt nieder und versuchte sie aufzurichten. Warmes, klebriges Blut rann ihm über die Hand, als er den Arm unter den Kopf des Mannes schob. Er schaute ihm ins Gesicht; grosse starre Augen begegneten seinem Blick der alte Schmied. Battistino riss sein Halstuch ab und band es dem Verletzten um den Kopf. Im Halbdunkel sah er die klaffende Wunde am Hinterhaupt. Er bettete den Kopf des alten Mannes auf den gefundenen Hut und flüsterte: "Ich komme sofort wieder, Schmied", ohne zu wissen, ob der Mann seine Worte verstand. Dann kletterte er aus dem Kanal, eilte so rasch er konnte zum nächsten Telefonapparat, stellte eine Nummer ein und sprach aufgeregt in die Muschel: "Lombardi, Nachtreserve. Hier ist ein Unfall geschehen. Rufen sie schnell den nächsten Arzt. Danke." Dann rief er sein eigenes Büro im Depotgebäude an. Er erhielt sofort Antwort. Fritz, der Heizer, den er vorhin gesucht hatte, meldete sich. "Bring sofort die Bahre, Fritz", befahl Battistino. "Der alte Schmied ist bei den Dampflokomotiven verunglückt. Nimm auch Reservepersonal mit, aber rasch!" Battistino eilte zur Unfallstelle zurück und sprang in den Kanal. Vorsichtig hob er den Kopf des alten Mannes; das Blut hatte aufgehört zu fliessen und klebte am Hals und an den Kleidern. Da hörte er Stimmen, eilige Schritte... "Hierher Fritz, hier ist er." Mit aller Sorgfalt legten die Männer den Verunfallten auf die Bahre und trugen ihn in das Depotgebäude. Als sie ihn im Ruhelokal auf eine Pritsche betteten, erschien der Arzt. Betretenes Schweigen herrschte in dem Raum; die Männer hielten den Atem an, während der Arzt den alten Mann untersuchte. Langsam richtete er sich auf, sah die Männer an und sagte leise: "Tot. Schädelbruch. Der Tod ist augenblicklich eingetreten. Wie ist denn das geschehen? Wieso leistet ein so alter Mann noch Dienst ?" Battistino schilderte, wie er den Alten aufgefunden hatte, und fügte hinzu: "Der alte Schmied war unser Kollege. Hier im Depot kennen ihn wohl alle. Vor einem Jahr ist er pensioniert worden. Ich kenne ihn besonders gut, denn ich war lange Zeit sein Heizer. Neunundvierzig Dienstjahre hatte er hinter sich, als er in den Ruhestand trat. Er war etwa siebzig Jahre alt." Der Arzt hatte inzwischen dem Toten das Blut abgewaschen. Nun richtete er sich wieder auf und wandte sich an Battistino: "Dann verstehe ich nicht, wieso Schmied im Depot verunglückt ist... wenn er pensioniert war, hatte er doch nichts mehr im Depot zu tun ?" Battistino drehte verlegen seine Mütze in den Händen und schaute auf seine Kollegen, die neben der Pritsche standen. "Unser Kollege Schmied war ein besonderer Fall..." begann er zögernd. "Jawohl, der Schmied war ein Fall für sich", bestätigte ein junger Lokomotivführer, als er den fragenden Blick des Arztes bemerkte. "Wir nannten Schmied zuletzt nur noch den ,Stösseler'," fuhr Battistino fort, "und das hatte folgende Bewandtnis: beim Manöverieren gibt die Lokomotive mit voller Kraft einigen Wagen einen Stoss. Die Wagen sind nicht angehängt, und wenn auf ein Zeichen hin der Lokomotivführer den Dampf abstellt und zugleich bremst, so laufen die Wagen mit eigener Kraft an ihren Bestimmungsort. Wenn die Wagen weit rollen sollen, müssen diese Stösse oft sehr kräftig sein. Der alte Schmied aber war in den letzten Jahren seiner Tätigkeit etwas ängstlich geworden, und häufig erreichten seine Wagen ihr Ziel nicht, so dass das Manöver wiederholt werden musste. Dadurch gab es Scherereien und Zugsverspätungen. So tauchte der Spitzname ,Stösseler' auf und blieb an Schmied haften. Er wusste das, und sicher hat es ihn geärgert. Auch die Verwaltung erkannte, dass es mit Schmied nicht mehr klappte, denn bei dem heutigen Verkehr muss sich der Rangierdienst flüssig abwickeln. So wurde er pensioniert." Der Arzt, der aufmerksam zugehört hatte, unterbrach Battistino: "Ich habe den Eisenbahnern schon oft bei der Arbeit zugeschaut, und auch meine Praxis gewährt mir manchen Einblick in den Eisenbahnbetrieb. Ich muss wirklich sagen, dass es tüchtige und gesunde Männer braucht, damit alles richtig funktioniert. Doch bitte, erzählen sie weiter, Herr Lombardi. Was sie da sagen, interessiert mich sehr." Mit gedämpfter Stimme setzte Battistino seinen Bericht fort: "Bevor Schmied zum Rangierdienst kam, war er ganz anders. Als ich bei ihm eingeteilt war, fuhr er in der Schnellzugsgruppe, und da ging er ganz in seinem Dienst auf. Wie kein anderer hatte er sich in die Geheimnisse des elektrischen Betriebes eingearbeitet; seine ganze freie Zeit benützte er dazu, immer noch mehr zu lernen. Auch die zahlreichen Vorschriften und Reglemente kannte Führer Schmied wie kein zweiter; er hatte sie so sorgfältig katalogisiert, dass sogar Vorgesetzte oft bei ihm Auskunft holten. Uns Jüngeren war er ein freundlicher und unermüdlicher Lehrmeister. Wenn wir uns auf die Prüfungen vorbereiten mussten, stand er uns mit Rat und Tat zur Seite. Später entwickelte sich bei ihm ein Herzleiden, und schliesslich wurde er deswegen zum Rangierdienst versetzt, wo die Arbeit immer zweimännig ausgeführt wird, während im Schnellzugsdienst sehr viel einmännig gefahren wird. Die Verantwortung, ihn in einem solchen Dienst zu lassen, konnte die Verwaltung bei seinem Gesundheitszustand nicht tragen. Die Versetzung zum Rangierdienst traf Schmied schwer, denn er fasste die aus Sicherheitsgründen erfolgte Massnahme als Kränkung und Herabwürdigung auf, weil der Rangierdienst, was Gehalt und Rang anbetrifft, unter dem Streckendienst steht. So wurde er ein Eigenbrötler, der nur noch für seinen bescheidenen Dienst und seine geliebte 6353 lebte. Von den Kollegen zog er sich ganz zurück. Doch jede Minute des Stillstands beim Rangierdienst benützte er, um seine Maschine zu schmieren und zu polieren. Sogar an seinen freien Tagen und während der Ferien kam er regelmässig ins Depot, um nachzuschauen, was sein kleiner ,Choli' machte. Jedesmal mahnte er seine Kollegen, die die Maschine während seiner Abwesenheit fuhren, ja recht vorsichtig mit ihr umzugehen. Das war eigentlich überflüssig, denn jeder Lokomotivführer hat ein Interesse daran, eine gut unterhaltene Maschine zu fahren. Wir kannten aber unseren Schmied und wussten, wie er es meinte. Die 6353, auf der er zehn Jahre lang fuhr, war für Schmied kein gefühlloses Gebilde aus Eisen und Stahl, sie war seine Freundin, mit der er sprach, an die er seine ganze Liebe verschwendete. Und sie vergalt seine Pflege und seine ruhige, sichere Führung mit unermüdlicher, williger Dienstleistung.... Als Lokomotivführer Schmied dann schliesslich pensioniert wurde, weil er nach neunundvierzig Dienstjahren die Altersgrenze längst erreicht hatte, brach er fast zusammen. Nach seiner letzten Tour verliess er weinend die Lokomotive. Kollegen mussten ihn nach Hause führen. Einige Tage später aber erschien er wieder im Depot, um nachzusehen, was seine 6353 machte. Von da ab kam er das ganze Jahr über einige Male in der Woche hierher zu seiner Maschine. So wird es wohl auch heute Abend gewesen sein, denn seit die Depotanlagen bewacht werden, schlich er sich oft während der Stunde des Personalwechsels ein, wo man nicht auf ihn achtete. Wahrscheinlich wurde ihm die Verdunklung zum Verhängnis... So hat er neben seiner geliebten 6353 die Ruhe gefunden, die er im Ruhestand nicht finden konnte." Ergriffen hatten die Kollegen und der Arzt in dem stillen Raume der Erzählung gelauscht. Jetzt trat Battistino an die Pritsche des toten Kameraden und drückte seinem ehemaligen Meister sanft die Augen zu. Der Arzt gab dem jungen Lokomotivführer die Hand, dankte ihm mit bewegten Worten und verabschiedete sich herzlich. Dann verliessen auch die anderen still den Raum. Battistino hörte noch, wie ein Führer einem Kollegen zuflüsterte: "Mir hat der Schmied oft gesagt, dass er am liebsten auf seiner Lokomotive sterben würde. Es sollte nicht sein... er musste sie lebend verlassen. Aber er blieb ihr treu... neben ihr fand er den Tod. Für ihn das schönste Ende..."