ELFTES KAPITEL
Battistino Lombardi warf verärgert seinen Zigarettenstummel fort und murmelte halblaut: "Verdammter Aff!" Er stand auf dem Bahnsteig in Bellinzona und musterte einen flotten jungen Mann, der gerade mit einer eleganten Handbewegung auf die Uhr schaute. "Aff!" murmelte Battistino noch einmal und blickte auf die Uhr unter dem Perrondach. Er ärgerte sich, wenn er den anderen nur sah; und gerade seinetwegen wartete er auf seine Freundin Anna, die mit dem nächsten Zug aus Locarno heimkehren würde. Er wusste, dass auch der junge Lehrer, der "Professore", wie er sich nannte, Anna abholen wollte. Erst vor einigen Tagen war es Battistino klar geworden, dass dort, wo Anna sich zeigte, meist auch der Lehrer auftauchte. Schon einige male hatte er ihn auf dem Bahnhof herumlungern gesehen, wenn Anna mit dem Zug von Locarno eintraf. Auch in der Stadt hatte Battistino ihn schon in Annas Begleitung angetroffen. Immerhin hatte Battistino mit Befriedigung festgestellt, dass Anna sich nichts aus dem Gecken machte. "Aff", knurrte Battistino nochmals, als der Professore an ihm vorbeitänzelte. Wie immer trug er eine Blume im Knopfloch, deren Farbe zu der grellfarbigen Krawatte passte. "Eine richtige Schaufensterfigur, aber verdammt zähe", dachte Battistino, als er sich erinnerte, dass Anna die Abendunterhaltung der Eisenbahner wegen der Aufdringlichkeit dieses Menschen vorzeitig verlassen hatte. Ein Kollege hatte ihm das erzählt, denn er selbst war an jenem Abend durch den Dienst verhindert gewesen. Daraufhin waren ihm die Augen aufgegangen, und darum stand er jetzt hier und wartete auf Anna. Bis jetzt hatte er in ihr nur seine Jugendfreundin gesehen, mit der er wie ein Bruder verkehrte. Erst die Bemühungen des anderen hatten ihm gezeigt, wieviel mehr Anna ihm bedeutete. Anna verlieren... nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Seit er sie vor einem halben Jahr wiedergefunden hatte, galten seine Gedanken nur ihr. Battistino hatte nicht bemerkt, dass der Zug von Locarno eingefahren war. Erst die Unruhe rings um ihn rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Er sah die Erwartete Arm in Arm mit einer Freundin daherkommen. Langsam näherten sich die beiden jungen Mädchen. Der junge Lehrer trat auf sie zu, lüftete graziös den Hut und sprach sie an: "Ah, guten Abend, Fräulein Beffa." Die Mädchen blieben stehen. Anna erwiderte den Gruss, doch da erblickte sie Battistino, der etwas abseits stand, und ihre Augen strahlten auf. Sie liess den Arm ihrer Freundin los und trat rasch auf Battistino zu. "Ciao, amico", rief sie und gab Battistino die Hand... während zwei Schritte hinter ihr der Professore, den Hut noch immer in der erhobenen Hand, zu einer Salzsäule erstarrte. Die Freundin, der Anna rasch einige Abschiedsworte zugerufen hatte, stand dem Professore gegenüber, der dem davoneilenden Paar mit einem törichten Lächeln nachsah. Als Anna Beffa sich dann bei Battistino einhängte, schaute der abgeblitzte Liebhaber, um seinen Ärger zu verbergen, mit der vor dem Spiegel eingeübten, weit ausholenden Armbewegung wieder auf seine Armbanduhr, liess Annas Freundin stehen und tänzelte davon.
Battistino spürte Annas Hand leicht auf seinem Arm liegen; es war das erste mal, dass sie sich diese Vertraulichkeit erlaubte. Glaubte sie etwa, dass zwischen ihm und dem jungen Lehrer etwas vorgefallen sei? Er wollte ihr alles erklären, ihr sagen, wie er erkannt hatte, dass er sie brauchte fürs Leben, als Kamerad, als Frau. "Wenn es dir recht ist, machen wir noch einen kleinen Spaziergang, Anna", bemerkte er nach einer Weile. Anna war mit dem Vorschlag einverstanden. Sie nahm an, dass Battistino ihr mitteilen wollte, warum er sie so unerwartet abgeholt hatte. Die beiden jungen Leute folgten der Strasse, die gegenüber dem Bahnhof aus der Stadt hinausführte. Inzwischen war es dunkel geworden, und als sie die letzten Häuser hinter sich hatten, erblickten sie tief unten das glänzende Lichtermeer der Stadt. Battistino ergriff Annas Hand, und so wanderten sie aufwärts bis zu der alten Burg, die auf einem Hügel hoch über der Stadt thront. Vor der Burg setzten sie sich auf eine Mauer, Battistino legte Anna den Arm um die Schulter. "Warum tut er das?" dachte sie, uns sie erinnerte sich, wie er sie einmal vor vielen Jahren nach dem Eisenbahnunglück von Faido so umfasst hatte, als sie fror. Sanft lehnte sie den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. Battistino zog sie fester an sich. Ein tiefes Glück erfüllte ihn. Er wollte Anna sagen, was er fühlte, wie es ihn beseligte, in ihr seinen Lebenskameraden gefunden zu haben, aber er hatte keine Worte. Statt dessen nahm er sie sachte in die Arme und küsste sie. Ohne Widerstreben und ebenso innig erwiderte Anna seine Zärtlichkeit. Sie wusste, was der Kuss ihr sagen sollte, und Battistino verstand ihre wortlose Erwiderung ebenfalls.
Anna und Battistino waren schon seit einigen Monaten verlobt, als sie eines Abends von einer kleinen Festlichkeit heimkehrten. Unweit vom Bahnhof trafen sie eine Gruppe junger Leute, in deren Mitte ein Mann eine feurige Ansprache hielt. "Das ist Fritz, mein Heizer", sagte Battistino zu Anna und fügte lachend hinzu: "Er wird wohl wieder einmal die Welt aufteilen, so wie er es im Sinne hat." Auch der Redner hatte die Näherkommenden erkannt und rief begeistert: "Da kommt ja mein Capo! Buona notte... oder viel mehr buon giorno." Er sah auf seine Uhr und fuhr fort: "Zum Teufel, es ist ja schon drei! In einer guten Stunde müssen wir beide zum Dienst antreten. Also Kameraden, ihr wisst nun, was ihr zu tun habt in der Weltgeschichte." Fritz verabschiedete sich von Battistino und dessen Braut und trottete leise singend davon. Er wohnte weit draussen vor der Stadt bei seinen Eltern. Die Zeit bis zum Dienstantritt genügte für ihn gerade, um sich umzuziehen und etwas zu essen. Battistino begleitete Anna heim und eilte darauf in sein Zimmer, wo er sich zur Arbeit zurechtmachte. Die heutige Diensttour war nicht sehr anstrengend, weil sie aus zwei Teilen bestand. Zunächst hatte er den ersten Frühzug zu führen; damit war er um acht Uhr fertig, und dann konnte er bis zum Abend ausruhen. Battistino trat seinen Dienst zur festgesetzten Zeit an, aber seinen Heizer Fritz gewahrte er nirgends. "Er wird sich verspätet haben", dachte er, und begann die Dampflokomotive vorzubereiten. Er riss das Reservefeuer auseinander, schmierte das Getriebe und fuhr pünktlich auf die Minute aus der Remise an den Zug. Beim Vorbeifahren schaute er schnell zu dem Hause hinüber, wo Anna wohnte; in ihrem Zimmer war noch Licht. Battistino machte sich keine Sorgen, dass Fritz noch nicht erschienen war, denn es fehlten noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt des Zuges, aber er wollte wegen dieser Nachlässigkeit doch ein ernstes Wort mit seinem Heizer reden. "Er wird im letzten Augenblick angesaust kommen", dachte Battistino und unterliess es deshalb, bei der Nachtreserve einen anderen Heizer zu verlangen. Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges... verdammt, wo steckte der Kerl? Nun wurde es Battistino doch etwas ungemütlich; bis zur Wohnung des Heizers war es zu weit...also konnte er ihn nicht rufen lassen. Dabei hatte Fritz, der im allgemeinen ein fröhlicher Kamerad war, schon einiges auf dem Kerbholz. Unter diesen Umständen würde der verspätete Dienstantritt ihn teuer zu stehen kommen, ihn vielleicht sogar vom Fahrdienst ausschliessen. "Das muss ich verhüten", dachte Battistino und schaute wieder auf die Uhr. Noch acht Minuten, stellte er fest; dabei blickte er unwillkürlich zum Fenster seiner Braut hinüber. Blitzartig durchfuhr ihn ein Gedanke... gewiss, so musste es gehen... es war ja stockdunkle Nacht. Battistino rannte über die Gleise bis dicht vor das Haus, in dem Anna wohnte, und rief zum erleuchteten Fenster hinauf: "Anna, Anna, komm schnell herunter!" Ein Schatten erschien am Fenster, das geöffnet wurde, und Battistino wiederholte seine Bitte. Eine Minute später war Anna unten, stieg über den niederen Zaun und trat zu Battistino, der ihre Hand ergriff und mit ihr zur Lokomotive rannte. "Du musst mitfahren", flüsterte er ihr im Laufen zu. "Der Fritz ist noch nicht da." "Aber Battistino..." Battistino liess sie nicht einmal fertig sprechen. Er nahm aus dem Kleiderkasten des Heizers Überkleider und gab sie ihr. "Der Fritz ist in einer dummen Lage... hilf ihm bitte... zieh rasch seine Sachen an." "Aber Battistino, das geht doch nicht", wandte Anna ein. "Doch, doch, es muss gehen!" Anna war im Pyjama und hatte nur ihren Mantel übergeworfen. Sie fand schliesslich Gefallen an dem Abenteuer und schlüpfte in die Überkleider. Battistino fuhr ihr mit seinen schmutzigen Händen über das Gesicht, um sie unkenntlich zu machen, und zog ihr die Schirmmütze tief in die Stirne. Gesehen durfte dieser "zweite Mann" nicht werden; der verdunkelte Führerstand begünstigte seine Absicht. Noch eine Minute bis zur Abfahrt... Battistino meldete dem Zugführer, dass der Heizer da sei. Dann wandte er sich an einen Manöveristen, der in der Nähe war: "Nimm ein Velo und hol Fritz, meinen Heizer. Er soll sich bei der Rückkehr des Zuges unauffällig auf die Lokomotive schleichen. Für diese Fahrt habe ich einen Aushilfsheizer, ohne Wissen des Depots. Fritz soll sich dort nicht blicken lassen." Er drückte dem Mann ein Zweifrankenstück in die Hand und kletterte wieder auf den Führerstand. "Die Sache ist verdammt gewagt. Hoffentlich läuft sie gut ab", dachte er, als der Stationsbeamte den Befehlsstab hob und er den Zug in Bewegung setzte. Doch die Sache klappte: das Brautpaar Lombardi-Beffa führte den Zug an seinen Bestimmungsort und den Gegenzug wieder nach Hause. Kaum hielt der Zug in Bellinzona an es begann gerade zu tagen -, so tauchte Fritz aus dem Halbdunkel auf. Er hatte irgendwo zwischen den Geleisen gewartet und kletterte so schnell wie möglich auf die Lokomotive. Als er seinen Stellvertreter erkannte, war sein Erstaunen gross; er wollte sich entschuldigen, musste aber krampfhaft schlucken, um das Lachen zu verbeissen. Dabei sah er in seiner Verlegenheit so komisch aus, dass schliesslich alle drei lachten, bis ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Anna verschwand in einem geeigneten Augenblick, und nun bekam Fritz von seinem Meister die vorgesehene Standpauke zu hören.
Erst viel später nach ihrer Verheiratung erzählte Anna ihrem Vater, dem Stationsvorstand von Airolo, das Abenteuer auf der Lokomotive: "Du kannst dir vorstellen, wie sehr ich erschrak, als ich Battistino plötzlich vor meinem Fenster rufen hörte. Ich dachte, es sei irgend etwas passiert. Eilig schlüpfte ich in den Mantel, rannte hinunter und kletterte über den Zaun. Zum Nachdenken blieb mir überhaupt keine Zeit. Battistino nahm mich bei der Hand, und im Galopp ging es auf die Lokomotive. Ich musste die Überkleider des Heizers anziehen, meine Haare verschwanden unter der Schirmmütze Nr. 59, und zu allem verschmierte mir der Herr Lokomotivführer das Gesicht so, dass ich wie ein Kaminfeger aussah. Bevor ich recht wusste, was eigentlich vorging, waren wir auf der Fahrt. Battistino zeigte mir, wo ich mich festhalten konnte, und ich klammerte mich mit beiden Händen an die Eisenstangen, um nicht umgeworfen zu werden. Das Fahren im Eisenbahnwagen ist denn doch gemütlicher. Auf der Lokomotive war es wie in einem Irrenhaus und zugleich wie in der Hölle. Vorn strömte der Kessel eine unerträgliche Hitze aus, und von hinten fegte ein eisiger Wind über meinen Rücken. Battistino arbeitete wie ein Teufel. Beissender Rauch reizte mich zum Husten; zuerst sah ich überhaupt nichts, und das furchtbare Getöse um mich herum machte mich taub. Weit vorn tauchten Lichter auf, sie wurden grösser und schossen auf mich zu; im Vorbeifahren erkannte ich verschwommen, dass es Häuser waren. "Halt dich gut fest!" brüllte mir Battistino in die Ohren; seine Stimme übertönte den höllischen Lärm. Die Warnung war nicht nötig, denn die Eisenstange und ich waren eins. Doch bald verlangsamte sich die Fahrt, eine Station kam in Sicht. Wir hielten an. Die hellerleuchteten Gebäude waren zum Glück auf der anderen Seite. Battistino riss die Feuertür auf und schaufelte wie ein Wilder Kohlen in den glühenden Schlund. Unterdessen beobachtete ich das rote Signal zur Ausfahrt; als es grün wurde, musste ich es Battistino melden. Aus der offenen Feuertür strömte eine solche Hitze und Helle, dass sich meine Augen lange nicht an das Dunkel der Strecke gewöhnen konnten... doch die Hetzjagd ging weiter. Wieder rasten wir im Fünfundsiebzig-Kilometertempo über die Schienen, wieder hüpfte und rüttelte die Lokomotive auf dem Geleise, dass ich glaubte, sie müsse aus den Schienen springen. Aus allen Ecken zischte Dampf... Ventile pfiffen und sangen... so ähnlich mag es in der Hölle zugehen. Beim nächsten Halt war die Station auf meiner Seite; ich musste mich möglichst im Dunkeln halten. Schwieriger wurde das Problem auf der Endstation, die wir nach einer halben Stunde erreichten. Wir mussten in das Depot fahren, Wasser fassen und die Lokomotive drehen. Vorsichtshalber blieb ich auf dem Führerstand; Battistino arbeitete für zwei. Dem Fahrdienstarbeiter gab er ein Päckli Stumpen und sagte zu ihm, der Heizer habe etwas zu stark gefestet. Bald fuhren wir wieder an den Zug und in gleicher Weise nach Hause. Nun hatte ich mich schon an die Lage auf der fahrenden Lokomotive gewöhnt und konnte die grossen Briketts zerschlagen. Dabei hielt ich mich aber immer mit einer Hand irgendwo fest. Fritz hat später bewiesen, das er den frommen Betrug wert war; er wurde ein pflichteifriger und gewissenhafter Heizer. Jetzt weisst du auch, Vater, warum er uns zur Hochzeit so ein üppiges Geschenk gemacht hat", schloss sie mit einem verschmitzten Lächeln. "So, so. Das ist also die Geschichte von dem verlorenen Heizer", sagte ihr Vater. "Ich hörte damals etwas munkeln, wusste aber nicht, um was es sich handelte. Ihr könnt alle drei froh sein, dass die Sache so glimpflich abgelaufen ist."