Lokomotivführer Lombardi
NEUNTES KAPITEL

Ein Jahr später bestand Battistino die Lokomotivführerprüfung. Bald darauf wurde er wieder nach Bellinzona versetzt. Er war jetzt provisorischer Lokomotivführer, in jedem Dienst verwendbar. Sein Ziel war nun sehr nahe gerückt. Er leistete zwar Dienst als Führer, doch bevor er als solcher fest angestellt wurde, musste er erst einige Jahre als "Lückenbüsser" kranke und beurlaubte Kollegen ersetzen. "Wenn ich nur mit dem Vater Frieden schliessen könnte", dachte er oft, und auch die Mutter versuchte mitunter, ihn zu einem versöhnlichen Schritt zu bewegen. Aber er brachte es einfach nicht über sich, zu dem alten Manne zu gehen und als erster die Hand auszustrecken... nein, die Wunde brannte noch immer in ihm. So blieben die Verhältnisse, wie sie waren unerfreulich und unbefriedigend.

Battistino Lombardi schreckte aus seinen Träumereien auf; er erhob sich und verliess die Speiseanstalt im Bahnhof von Bellinzona, wo er im grauenden Morgen sein Frühstück eingenommen hatte. "Eigentümlich, dass ich heute immer an den Vater denken muss", ging es ihm durch den Sinn, während er sich ins Depot begab. Er musste heute mit einem Militärzug nach Norden. Als er auf der Maschine stand, hatte er die trüben Gedanken von vorhin vergessen. Seine Sinne sammelten sich auf die Zugführung; aufmerksam blickte er auf die Strecke vor sich. Stationen flogen vorbei... einige Lichter... und der Spuk war im Halbdunkel der Dämmerung verschwunden. Militär überall... die Soldaten bewachten die Stationen und die Strecke, jede Brücke, jeden Tunnel. Ein kurzer Halt in Airolo. Battistino kontrollierte seine Maschine und kletterte wieder auf den Führerstand. Ein heller Schein lag über den Bergen im Bedrettotal der nahende Tag. Der Lokomotivführer schaute hinauf zu den schwarzen Bergen in der Richtung des Gotthardhospizes. Bald würden dort die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne blinkende Lichter in die Scheiben zaubern. Der Vater, der am Morgen immer der erste war, trat vielleicht gerade jetzt vor das Haus, das er -der Sohn- seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wann war es das letzte mal gewesen? Richtig, ja, als er vor Jahren den letzten Wiederholungskurs absolviert hatte. Damals hatte er sich ganz in der Nähe des Elternhauses aufgehalten, das er nicht betreten durfte. Vielleicht würde er jetzt wieder dort oben stehen, wenn ihn nicht seine Pflicht an einer anderen Front festgehalten hätte. In diesen Gedanken wurde er dadurch unterbrochen, dass der Stationsbeamte den Abfahrtsbefehl gab. Der Zug setzte sich in Bewegung, und eine Viertelstunde später lag der Tunnel hinter ihm. In Göschenen wurde der Zug weggestellt und die Lokomotive in einem Nebengeleise remisiert. Ein Beamter brachte dem Lokomotivführer den Befehl, einen nach Schwyz bestimmten Zug in den Gleisen jenseits der Reuss zu übernehmen. "Die Maschine steht schon dort", rief er dem davoneilenden Battistino nach. Im leichten Dunst der Morgendämmerung ging der Lokomotivführer am Geleise entlang zurück gegen den Tunnel, um dort auf der Reussbrücke die Schienen zu überqueren. "Halt!" Ohne den Anruf auf sich zu beziehen, schritt Battistino gewohnheitsmässig weiter. Er sah nichts in dem leichten Nebel; erst ein scharfes Knacken und ein zweites "Halt!" schreckten ihn auf. Mit einem Ruck blieb Battistino stehen. Jetzt erblickte er, zehn Meter entfernt, die Wache mit entsichertem Gewehr. "Lokomotivpersonal", rief er. "Ausweis zeigen!" tönte es zurück. Battistino zog die Karte mit der Photographie hervor. "Langsam herkommen!" forderte ihn die Wache auf. Mit erhobener Karte, Schritt für Schritt, näherte er sich dem Posten. Erst als Battistino gerade vor dem Gewehrlauf stand, so der der Posten die Photographie mit dem Original vergleichen konnte, sicherte der Mann sein Gewehr. "Diesmal hat verdammt wenig gefehlt", brummte der Soldat. Battistino horchte auf und betrachtete den Soldaten forschend. Diese Stimme... der Mann kam ihm bekannt vor... das war sicher... richtig, es war der Madraner Christen, sein ehemaliger Rekrut und Kamerad. Ruhig erwiderte Battistino: "Stimmt Christen, fast hättest du deinen ehemaligen Korporal in die ewigen Jagdgründe befördert. ich war so in Gedanken versunken, dass ich deinen ersten Anruf nicht hörte." Nun war es der Soldat, der sein Gegenüber aufmerksam musterte. "Ja... ja er ist es... der Lombardi! Herrgott, das freut mich... dass es so gut abgelaufen ist. Und gerade du... Herrgott, die Freude! Wie geht es? Was machst du?" Bevor Battistino Antwort geben konnte, fuhr der Soldat fort: "Verdammt, ich bin ja auch Wache." "Es kommt mir fast so vor", lachte Battistino. "Kannst du nicht heute Nachmittag eine halbe Stunde frei bekommen? dann bin ich zurück... wir könnten uns nach vierzehn Uhr im Buffet treffen!" "Wird gemacht", stimmte der Soldat zu. "Der Walker Ambros und der Huber Toni von unserer alten Garde sind auch hier." "Fein, bring sie mit. Also, auf Wiedersehen!" "Wird gemacht, Korporal, auf Wiedersehen... und nimm mir's nicht übel." "Im Gegenteil Christen, es freut mich, dass Du nicht auf den Kopf gefallen bist." Der Zug, den Battistino übernehmen musste, stand am äussersten Ende der Geleise-Anlagen. Er führte ihn mit verschiedenen Aufenthalten unterwegs wurde Material ein- und ausgeladen an seinen Bestimmungsort. Mit dem leeren Zug dauerte die Rückfahrt nach Göschenen nur zwei Stunden. Dort übernahm ein Kollege die Maschine für den Rangierdienst. Battistino begab sich ins Bahnhofbüffet, wo er mit lautem Hallo empfangen wurde. Nicht nur Christen, Ambros und Toni waren gekommen, sondern ein ganzes Dutzend Kameraden, die Battistino herzlich begrüssten. Der Madraner Christen führte das grosse Wort und erzählte, wie er beinahe seinen Korporal erschossen hätte. Dabei trank er mehrmals auf das Wohl des noch Lebenden und ermunterte die Kameraden, es ihm gleichzutun. Dann wurden Geschichten aus dem letzten Wiederholungskurs aufgetischt. Christen berichtete gerührt, wie ihn einmal sein Korporal auf dem Griessgletscher aus einer Spalte geborgen hatte, als sie eine Patrouille zum Blindenhorn machten, und schloss: "Nun wollte ich ihn zum Dank erschiessen..." Battistino war fröhlich bei seinen Kameraden und beglich beim Wirt die Rechnung, als die kurze Pause beendet war. Die Soldaten traten wieder zu ihrem Wachtdienst an, und auch der Lokomotivführer begab sich an seine Front: auf den Führerstand seiner Lokomotive.

Nachdem Battistino an diesem Abend in Bellinzona das Depot verlassen hatte, überquerte er leise pfeifend die Strasse, um auf dem Gehsteig seinen Weg fortzusetzen. Da traf ihn unvermutet ein kräftiger Strahl kalten Wassers mitten ins Gesicht. "Das hat mir gerade noch gefehlt", brummte er leise vor sich hin und blieb stehen, um sich abzutrocknen. Dabei hörte er hinter einer Hecke den erschrockenen Ausruf einer Frau: "Scusi, signore!" "So ernst ist's ihr gar nicht mit der Entschuldigung", dachte Battistino. "Man merkt es ja ihrer Stimme an, dass sie sich das Lachen verbeissen muss." Er ging einige Schritte weiter bis zum offenen Gartentor; wenigstens wollte er sich die Sünderin ansehen. Er spähte in den Garten und gewahrte ein junges Mädchen, das sich bemühte, den sich wie eine Schlange windenden Gartenschlauch einzufangen, der ihr augenscheinlich entglitten war. Dabei wurde sie über und über nass; das dünne Kleid klebte ihr am Körper. Mit einigen raschen Sprüngen war Battistino bei der Hausmauer und drehte den Wasserhahn zu. Der pralle, zappelnde Schlauch beruhigte sich sofort und blieb reglos liegen, gerade in dem Augenblick, als es dem Mädchen gelang, den einen Fuss auf das Mundstück zu stellen. Nun wandte es sich um, und da sah sich Battistino Anna Beffa gegenüber, der Tochter seiner ehemaligen Wirtsleute in Faido. Anna wurde rot, als auch sie den jungen Mann erkannte. Battistino ergriff ihre beiden Hände: "Anna, du? Welche Freude!" "Grüss Gott, Battistino", sagte Anna einfach und erwiderte Battistinos Händedruck. Betreten blieben sie eine Weile so stehen, Hand in Hand; keines wusste etwas zu sagen, bis auf einmal beide zu lachen begannen. Battistino lief das Wasser aus den Haaren, Anna klebte das nasse Kleid am Leibe wahrhaftig, ihr Zustand gab genügend Anlass zum Lachen. Aber während des Lachens wurde sich Battistino bewusst, dass durch seine Schuld alle Verbindungen mit der Familie Beffa abgebrochen waren. Seit neun Jahren hatte er Anna nicht mehr gesehen. Den letzten Brief, den er damals nicht einmal beantwortet, hatte er vor mehr als sechs Jahren erhalten. Anna hatte ihm im Auftrag ihrer Eltern geschrieben, dessen erinnerte er sich ganz genau... und seither war aus dem kleinen Mädchen ein Jungfrau geworden. Verlegen und schuldbewusst fragte er: "Was machst du denn hier, Anna? Dein Vater ist doch jetzt in Luzern bei der Bahnverwaltung, soviel ich weiss." "Ja, das stimmt. Ich wohne hier bei Verwandten; ich bin Arbeitslehrerin in Locarno und fahre jeden Abend her. Wir haben schon lange nichts mehr von dir gehört, Battistino." Sie sagte "wir", aber Battistino hörte aus ihrem vorwurfsvollen Tone, dass sie sich selber meinte, und deshalb war er sicher, dass sie ihm verzeihen würde, wenn er ihr erklärte, warum er so lange nicht mehr geschrieben hatte. Er betrachtete Annas Hände und stellte fest, dass sie keinen Ring trug sie war also nicht gebunden. "Ja, Anna, es sind viele Jahre her. Ich will dir gerne erzählen, wo ich war und was ich alles erlebt habe. Wollen wir heute Abend zusammen ausgehen?" Gespannt wartete Battistino auf die Antwort. Was würde sie sagen... ihn abweisen? Aber sie erwiderte einfach, geradeheraus, wie er es von ihr gewohnt war: "Ja, gerne, Battistino." Er schüttelte ihr dankbar die Hand, verabredete einen Treffpunkt mit ihr, und eilte frohgestimmt heim. Das war immer noch dieselbe Anna, die sich ganz natürlich gab. Ein anderes Mädchen hätte wahrscheinlich geschmollt, um ihn für seine jahrelange Gleichgültigkeit zu bestrafen.- Nach dem Nachtessen traf Battistino Anna am Bahnhof und bummelte dann mit ihr durch die hellerleuchteten Strassen der Stadt. Hin und wieder blieben sie vor einem Schaufenster stehen, und Battistino schilderte seiner Begleiterin, wie er vor mehreren Jahren in Zürich die Bahnhofstrasse hinuntergegangen war und die Auslagen der vielen Geschäfte bestaunt hatte. Ohne es selber zu merken, kam er ins Erzählen und beschrieb dem Mädchen die in Baden verbrachten Jahre. Anna hörte aufmerksam zu und warf nur hin und wieder eine Frage ein. Sie begriff nun, wieso Battistino die Verbindung mit ihrer Familie hatte einschlafen lassen; immerfort hatte er Neues gesehen und darüber alles andere vergessen. Sie hatte all die Jahre immer wieder an ihn gedacht, an den grossen Bruder und Freund, zu dem sie schon als Schulkind bewundernd aufgeschaut hatte. Immer war sie überzeugt gewesen, dass sie ihn wiedertreffen würde, und nun ging sie neben ihm, und seine Stimme klang genau wie früher. Ob er sich wohl inzwischen mit seinem Vater ausgesöhnt hatte? Leise fragte sie ihn: "Und mit deinem Vater stehst du nun gut, Battistino?" Der junge Mann schüttelte den Kopf: "Er hat mich aus dem Hause gejagt, das weisst du ja, Anna, und bevor er nicht sagt, dass ich wieder heimkommen soll, gibt es keinen Frieden." "Du hast immer noch den selben harten Kopf, Battistino. Auf Neujahr kommt mein Vater als Stationsvorstand nach Airolo. Wenn ich dort einmal den Battista Lombardi treffe, werde ich mit ihm reden!" "Nein, das wirst du nicht tun, Anna! Und du wirst auch keine Gelegenheit dazu haben, denn mein Vater lässt sich nicht auf dem Bahnhof sehen." "Ich täte es ja nur dir zuliebe, Battistino."

Die beiden jungen Leute waren weit aus der Stadt hinausgewandert und kehrten jetzt langsam zurück, jeder in seine Gedanken versunken. Mitten im Schweigen sagte Battistino: "Anna, es freut mich so, dass wir uns getroffen haben. Wir wollen wieder gute Freunde sein, nicht wahr?" Er hielt dem jungen Mädchen die Hand hin, und Anna schlug kräftig ein.