Lokomotivführer Lombardi
SIEBTES KAPITEL

Das laute Rasseln des Weckers riss Battistino Lombardi aus seinem gesunden Schlaf. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und stellte den Wecker ab. Die Uhr stand auf dem Kaminsims an der gegenüberliegenden Wand; so musste der junge Mann das Bett verlassen, wenn er den Störenfried zum Schweigen bringen wollte, und wurde dadurch ganz wach. Die Gefahr, sich zu verschlafen, wäre ohne diese Anordnung zu gross gewesen; wie leicht konnte man im Halbschlaf den Arm ausstrecken und den Wecker abstellen, um dann gemütlich weiterzuschlummern... Der Wecker zeigte auf drei Uhr dreissig nachts, als Battistino seine Toilette beendet hatte und leise das Haus verliess. Das Zimmer, das er in Bellinzona gemietet hatte, lag abgesondert von der Wohnung, so dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen und gehen konnte, ohne zu stören. Bevor er hierher übergesiedelt war, hatte er schon gewusst, dass der Dienst bei der Bahn unregelmässig war. Oft musste man am hellen Tage schlafen und ganze Nächte durcharbeiten. Zuerst war es ihm schwergefallen, sich der aussergewöhnlichen Zeiteinteilung anzupassen abends frühstücken oder um zwei Uhr nachts das Mittagessen einnehmen aber jetzt hatte er sich eingelebt, wie viele andere auch. Während Battistino durch die nächtlichen Strassen der Drei-Burgen-Stadt zum Bahnhof eilte, dachte er an seinen Vater, mit dem er so oft mit Ross und Wagen in stockdunkler Nacht vom Gotthardhospiz fortgefahren war, um weit entfernte Märkte zu besuchen. Jene Fahrten waren trotz dem damit verbundenen Frühaufstehen für den Jungen ein Vergnügen gewesen, weil sie in das Dasein Abwechslung gebracht hatten; jetzt aber rief ihn die harte Pflicht hinaus, während ringsum die Leute noch im tiefen Schlafe lagen. Im Bahnhof nahm Battistino in der Milchküche, die die ganze Nacht geöffnet war, sein Frühstück ein. Dann begab er sich ins Lokomotivdepot. Als er den hellerleuchteten Befehlsraum betrat, wurde er von einigen Kollegen mit lautem Hallo empfangen. "Da kommt wieder so ein Fremdenlegionär! Ich bin auch dabei!" rief ihm der Führergehilfe Agostinetti zu. Verwundert erwiderte Battistino: "Was ist denn los bei euch, was soll der Lärm bedeuten?" "Es gilt Abschied zu nehmen, Battistino. Schau dir einmal den Dienstbefehl an!" Battistino tat, wie ihm geheissen, und da gewahrte er auf dem grossen Blatt neben seinem Namen eine unscheinbare Bemerkung: "Servizio a Biasca". Das sagte ihm genug. Ausser ihm wurden noch drei Kollegen nach Biasca versetzt, alles junge ledige Leute. Nun, ihm war es recht. Nicht zum ersten mal musste er in den vier Dienstjahren, die er jetzt hinter sich hatte, von einem Tag auf den anderen seine Sachen packen. Mit den Ledigen machte die Verwaltung keine grossen Umstände; eine kleine Bemerkung auf dem Dienstbefehl, und schon war man in ein anderes Erdreich verpflanzt. Im Personalzimmer kleidete Battistino sich um und begab sich dann in die Remise der Dampflokomotiven. Seine Maschine Nr. 2963 (1), eine der riesigen Gotthardlokomotiven, stand auf dem Kanal im Geleise III. Wie ein vorsintflutliches Ungeheuer wirkte sie im Halbdunkel der grossen Halle. Battistino bestieg den Führerstand eine Viertelstunde vor der vorgeschriebenen Zeit, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Es war immer gut, frühzeitig auf dem Platze zu sein. So konnten die notwendigen Verrichtungen in Ruhe und ordentlich vorgenommen werden. Mit dem offenen Licht stieg Battistino zuerst in den Kanal unter der Maschine und schmierte die Achslager sowie das Getriebe. Unterdessen war auch Lokomotivführer Bernasconi erschienen und begrüsste seinen Gehilfen. "Buon di, capo", erwiderte Battistino, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Der Führer kontrollierte jede Schraube, jeden Bolzen an dem komplizierten Triebwerk der Lokomotive. Führer und Heizer waren sich ihrer Pflicht bewusst, hing doch von ihnen der gute Zustand der Lokomotive und die Sicherheit der Fahrt ab. Nachdem Battistino seine Arbeit unter und an der Lokomotive beendet hatte, kletterte er wieder auf den Führerstand, versorgte die verschiedenen Ölkannen und öffnete die Klapptür zur Feuerbüchse. Auf der grossen freigelegten Rostfläche brannte ganz vorn ein unscheinbares Reservefeuer. Mit einem schweren eisernen Spiess riss der Heizer die durchgebrannten Kohlestücke auseinander und verteilte sie über den ganzen Rost. Dann schaufelte er frische Kohlen darauf und meldete dem Lokomotivführer, dass er fertig sei. Mit dem Ärmel seines Überkleides wischte er sich dabei den rinnenden Schweiss vom Gesicht. Langsam fuhr die mächtige Maschine aus der Remise in den Güterbahnhof, wo sie an den Zug gekuppelt wurde. Da auf der Endstation der Fahrt in Luino keine grosse Drehscheibe vorhanden war, wurde die Maschine mit dem Kohletender voraus an den Zug gestellt. Es war natürlich kein Vergnügen, die ganze vierzig Kilometer lange Strecke verkehrtherum zu fahren. Zudem war es auch gefährlich, denn der grosse Kohlenberg auf dem Tender nahm einen guten Teil der freien Sicht auf die Strecke weg. So hiess es doppelt so gut aufpassen... Battistino war nur noch im Dienst. Die Gedanken, die ihn bedrückt hatten, als er durch die stillen Strassen zum Bahnhof eilte, waren ausgeschaltet. Es war heute der zehnte September, der Tag an dem ihn vor vielen Jahren der Vater von daheim fortgejagt hatte. Aber jetzt war die Vergangenheit für ihn abgetan; der Dienst allein regierte die Stunde. Der Zugführer kam zur Lokomotive, meldete das Gewicht des Zuges und wechselte einige freundliche Worte mit seinen Kollegen auf der Maschine. "Hoffentlich kann etwas eingeholt werden, wir sind zehn Minuten zu spät", sagte er, worauf Bernasconi erwiderte, an ihm und seinem Gehilfen solle es nicht fehlen.

Der Zug wurde abgefertigt und rollte gleichmässig nach Süden, vorerst auf ebener Strecke. Dabei hatte der Heizer Gelegenheit, einen "gehörigen Brand" aufzubauen. Wenn Battistino einen Haufen Kohlen in den gefrässigen Schlund der Feuerbüchse geschaufelt hatte, liess er die Kohlen gut durchbrennen und bereitete unterdessen im Tender einen neuen Kohlenberg vor. Der junge Mann arbeitete ununterbrochen und fand kaum Zeit, sich den beissenden Schweiss vom Gesicht zu wischen. Dieser "Krampf" gefiel ihm; hier konnte man zeigen, dass einem keine Arbeit zuviel oder zu schwer war. Ab und zu warf er einen Blick auf die Strecke und meldete seinem Capo mit lauter Stimme die Stellung der Signale. Nach halbstündiger Fahrt hatte der junge Heizer etwa zehn Zentner Kohlen und zerschlagene Briketts in die Feuerbüchse geschaufelt. Dabei beobachtete er fortwährend aufmerksam die Manometer und Wasserstandsanzeiger. Er glich jetzt einem Kaminfeger. Seine kräftigen weissen Zähne glänzten in dem schwarzen Gesicht. Aber auch der Führer sah nicht viel anders aus. Vom vorausfahrenden Tender flog der feine, schwarze Staub den beiden Männern ins Gesicht, als würde er magnetisch angezogen. Durch "spitzes Fahren" gelang es Bernasconi, bis zur ersten Steigung einige Minuten einzuholen. Doch auf der Steilrampe verlor er wieder kostbare Zeit, weil die Maschine beständig schleuderte. Es war ein feuchter, nebliger Morgen, und bei der verkehrten Fahrt konnte nicht gesandet werden. Als die Steigung überwunden war, ging es dem See entlang auf ebener Strecke dahin. Bei der ersten italienischen Station war die Einfahrt geschlossen, das Signal zeigte Halt. Zwischen dem Vorsignal und der Station war noch ein kleiner Tunnel zu durchfahren. Bernasconi fluchte leise vor sich hin und "hängte sich an die Pfeife". Gellend widerhallte der durchdringende Pfiff von den Berghängen. Doch das Pfeifen nützte nichts, das Signal blieb geschlossen. "In der Station wird man doch sicher das Signal hören", dachte Battistino. Der Führer betätigte die Bremsen; der Zug fuhr langsam in den Tunnel ein und kam vor dem immer noch geschlossenen Hauptsignal zum Stehen. Die beiden Männer auf der Lokomotive hatten damit gerechnet, dass man während der langsamen Fahrt durch den Tunnel das Signal öffnen werde doch nein. "Es zeigt noch rot", meldete Battistino seinem Capo. Sie warteten eine Minute, zwei Minuten, fünf Minuten. Battistino hörte, wie sein Führer vor sich hin brummte: "Verdammte Schlamperei! Es ist doch keine Kreuzung, kein Zug in Sicht." Da wurde das Signal geöffnet... grün. Vorsichtig zog Bernasconi an... rrrummmm... zisch! Teufel nochmal... die ganze Maschine war ein Feuer... Feuer oben... Feuer unten... der Kamin sprühte wie ein Vulkan. Der Führer stellte den Dampf ab und versuchte dann nochmals, den Zug in Gang zu bringen. Dasselbe Gedröhn... derselbe Krach... die Räder der Lokomotive "schleuderten" auf dem gleichen Fleck. Die Schienen waren feucht, der Tunnel beschrieb eine leichte Kurve. Sanden nützte nichts, weil die Maschine verkehrt lief. Langsam senkten sich Rauch und giftige Gase auf die beiden Männer nieder. Battistino hustete, presste sein Taschentuch vor Mund und Nase und hielt sich krampfhaft an einer Eisenstange fest. Er kniete im Führerstand nieder, um etwas bessere Luft in seine Lungen zu pumpen. Zischend entwich der überschüssige Dampf aus den Ventilen. Der Führer versuchte zum dritten Male, anzufahren. Battistino hörte ihn leise fluchen: "Verdammt nochmal... tausend Tonnen... und verkehrtherum in dieser Hölle..." Aber es half nichts, die Maschine brachte den schweren Zug nicht vom Fleck. Die schwachen Lichter der Lokomotive drangen nicht mehr durch den Rauch und den Dampf. Battistino fühlte eine eisige Kälte in seinen Beinen hochklettern, kalter Schweiss rann ihm in die entzündeten Augen. "Bernasconi!" rief er und sank auf den Boden des Führerstandes. "Kein Sand", fluchte der Führer. "Verdammt, es muss gehen!" Er hörte den Hilferuf seines Heizers und spürte selber einen qualvollen Druck auf der Brust. Wie mit Eisenklammern schnürten auch ihm die Kohlengase die Kehle zu. Er sah Battistino am Boden liegen, wollte zu ihm und den Bewusstlosen vom hochgelegenen Führerstand hinunterschleppen. Aber seine Beine versagten ihm den Dienst. Später wusste Bernasconi nicht mehr zu sagen, ob es sein eigener Wille gewesen war, der ihn handeln liess, oder eine höhere Macht, denn seine Erinnerungen an die nächsten Sekunden waren getrübt. Nur unklar entsann er sich später, dass er die Steuerung herumgeworfen, Hand- und Luftsander geöffnet und den Regulator aufgerissen hatte. Dann sank auch er an seinem Platz zusammen. Er hatte seine Pflicht erfüllt bis zuletzt... riesige Feuerräder tanzten vor seinen Augen... er flog himmelwärts. Doch die Vorsehung meinte es gut mit den beiden Männern auf der Lokomotive. Langsam, aber stetig stiess der stählerne Koloss diesmal in Vorwärtsfahrt den Tausend-Tonnen-Zug aus dem mit todbringenden Gasen gefüllten Tunnel den vor wenigen Minuten durchfahrenen Weg zurück. In dieser Fahrtrichtung wirkte der auf die feuchten Schienen gestreute Sand, so dass das Gleiten der Räder verhindert wurde. Einige hundert Meter ausserhalb des Tunnels kamen Führer und Heizer in der frischen Luft wieder zu sich. Sie starrten einander aus entzündeten, tränenden Augen verständnislos an. Mühsam erhob sich Bernasconi und hielt den sich langsam zurückbewegenden Zug an. Dann richtete er seinen Gehilfen auf und rüttelte ihn wach: "Eh, Battistino, wir sind gerettet!" Spuckend und hustend lehnte der junge Heizer sich seitlich aus dem Führerstand und pumpte köstliche frische Seeluft in seine Lungen. "Ja, ja", erwiderte er, ohne zu wissen, wie sie aus dem Tunnel gekommen waren. Wortlos drückten Führer und Heizer sich die Hand. Nur wenige Minuten hatte das Ganze gedauert, aber diese kurze Zeitspanne würden sie nie vergessen. Es war noch gut abgegangen... da brauchte man kein Aufhebens von der Sache zu machen. Mit einem tüchtigen Anlauf durchfuhr der Zug dann den rauchgefüllten Tunnel und gelangte nach einer halben Stunde glücklich in die Endstation. Dort wurde Wasser gefasst, und eine Stunde später kehrten die beiden Männer mit einem Leerzug nach Bellinzona zurück. Sie sprachen nicht viel auf dieser Fahrt, und während der kurzen Pause im Heimatdepot konnten sie nur mit Mühe etwas Essen hinunterwürgen. Die Kehle war ihnen wie zugeschnürt, sie spürten noch immer den würgenden Griff der Gase im Hals. Nachdem die Maschine mit Wasser und Kohlen neu ausgerüstet worden war, musste dieselbe Fahrt noch einmal ausgeführt werden.

Erst am frühen Nachmittag beendeten die beiden Männer ihren schweren Dienst. Battistino gab seinem Führer die Hand zum Abschied: "Das war meine letzte Fahrt in Bellinzona. Auf Wiedersehen!" Erstaunt erwiderte Bernasconi: "Deine letzte Fahrt? Mach keine Dummheiten, Junge!" Battistino musste lächeln, als ihm aufging, wie Bernasconi seine Worte ausgelegt hatte. Natürlich wusste der Lokomotivführer noch nichts von seiner Versetzung, und so glaubte er, der junge Heizer wolle wegen des Zwischenfalls den Dienst verlassen. Battistino beeilte sich, seinen Führer über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Lachend erwiderte Bernasconi: "So, so, das ist etwas anderes. Ich dachte schon... Aber wegen solch einer Kleinigkeit verliert doch ein Mann wie du den Mut nicht, was? Jedenfalls ist das für dich eine lehrreiche Erinnerung an den Dampfdienst. Auf Wiedersehen, Battistino." Nachdem Battistino sich gewaschen hatte, meldete er sich beim Depotchef ab. "Sie wissen doch, warum sie in das Nebendepot versetzt werden, nicht wahr?" fragte der Chef. Verwundert schaute Battistino auf, dachte nach und schüttelte den Kopf. Die Frage kam ihm ganz unerwartet. Er hatte gedacht, dass einzig der Personalbedarf im Nebendepot die Ursache der drei Versetzungen sei. "In Biasca haben sie regelmässigen Dienst und demnach mehr freie Zeit, als hier in Bellinzona. Nützen sie diese Zeit gut aus; sie werden bald für die erste Führerprüfung aufgeboten. Das ist alles. Viel Glück." Also das war es... daran hatte er überhaupt nicht gedacht. Das war eine gute Nachricht, sie liess ihn die Leiden des Morgens vergessen. Die Schmerzen in den Gliedern, der dumpfe Druck im Kopf waren verflogen... wie doch Freude alles gutmachen konnte! Battistino eilte heim und begann sofort mit den Vorbereitungen für die Abreise am folgenden Tage. Die Neuigkeit musste er noch heute seiner Mutter mitteilen und ihr auch berichten, was er am Jahrestag seiner Flucht von zu Hause erlebt hatte. Er wollte ihr schreiben, dass er schon am frühen Morgen in Gedanken bei den Eltern gewesen war, denn sein Gefühl sagte ihm, dass man auch daheim diesen trüben Tag nie vergass, selbst der Vater nicht.