Lokomotivführer Lombardi
SECHSTES KAPITEL

An einem nebligen Tage kam Battistino in Baden an. Die Reise von Airolo nach der alten Bäderstadt war für ihn ein Erlebnis gewesen, denn er war vorher noch nie weiter gekommen, als bis nach Altdorf; dorthin hatte er seinen Vater vor vielen Jahren zu den grossen Viehmärkten begleitet. Als Battistino durch den Gotthardtunnel fuhr zum ersten mal in seinem Leben -, wurde er sich bewusst, dass damit für ihn ein neuer Lebensabschnitt begonnen hatte. Er dachte daran, was alles hinter ihm lag wie sein bisheriges Leben verlaufen war. Was würde nun kommen? Erwartungsvoll blickte er in die Zukunft. Vor einer Woche hatte er seine Lehre beendet und war nun Maschinenschlosser. Als er sein Lehrzeugnis in Empfang nahm, sagte Herr Ferrari in väterlichem Tone zu ihm: "So, nun bist du ein ganzer Arbeiter, Battistino, aber zu lernen gibt es immer noch viel für dich. Geh in die Welt hinaus und schau sie dir an. Kommst du zurück, kannst du später immer wieder bei uns Arbeit bekommen; wir waren zufrieden mit dir." Diese Worte freuten Battistino mehr als die fünfhundert Franken Lohnrücklage, die ihm bei seinem Austritt von der Firma ausbezahlt wurden. Dann kam der Abschied von der Familie Beffa, vor allem von seiner kleinen Freundin Anna, den er bis zuletzt hinausgezögert hatte. Am Abend vor seiner Abreise waren sie noch einmal zum Kirchlein hinaufgewandert, das hoch über dem Dorfe auf einem Felsvorsprung steht. Von dort aus schweifte der Blick weit durch das Tessintal; sie schauten in den sinkenden Abend, der die Landschaft in ein geheimnisvolles, weiches Halbdunkel tauchte. Eng aneinandergeschmiegt sassen sie auf der niederen Mauer, die die Kirche umgibt und den kleinen Vorplatz gegen die jäh abfallende Bergflanke abschliesst. Sie sahen hinaus ins Tal und sprachen nicht viel. Dann gingen sie wieder heim, beide mit einem leisen Weh im Herzen. Nach Abschluss der Lehre hatte Battistino noch eine Woche süssen Nichtstuns bei seinem Onkel in Airolo verlebt. Dann reiste er ab, an einem Herbstmorgen, wohlversehen mit den guten Ratschlägen seiner besorgten Mutter und den besten Wünschen von Onkel und Tante. Den Vater hatte er während dieser Woche in Airolo nicht zu Gesicht bekommen. Hätte er zu ihm gehen sollen, jetzt, nachdem er die erste Stufe der Leiter zu seinem Ziel erklommen hatte? Dieser Gedanke beschäftigte den Jüngling oft, aber immer wieder musste er sich sagen, dass der Vater ihn doch nicht angehört hätte, denn der Vater war hart und unerbittlich. Battistino genoss die Reise nach dem Norden wie einer, der auf Entdeckungen auszieht. Alles war neu für ihn. Er bewunderte die grossen Fabrikanlagen, an denen er vorbeifuhr, und als der Zug an den vielen Dörfern am Zürichsee vorüberrollte, kam er aus dem Staunen überhaupt nicht mehr heraus. Diese Dörfer, eins an das andere gereiht, erschienen ihm wie eine unendlich grosse Stadt. Auch auf dem gegenüberliegenden Ufer konnte er keine Grenzen zwischen den einzelnen Ortschaften unterscheiden. "Dio mio, ist die Schweiz schön", dachte er, und er dankte seinen Mitreisenden herzlich, wenn sie ihm etwas erklärten. In Zürich blickten viele Leute belustigt auf den stämmigen Burschen, der seinen schweren Koffer auf den Schultern über den Bahnsteig schleppte. In den Bergen trug man schwere Lasten eben auf den Schultern; warum sollte man es nicht auch auf der Reise tun, wenn es so besser ging? Bis zur Abfahrt seines Zuges hatte nach Baden hatte Battistino zwei Stunden Zeit. Staunend schritt er durch die gewaltige Bahnhofhalle und blieb auf der breiten Treppe stehen, die auf den freien Platz führte. Er beobachtete, wie die Leute den Platz überquerten. "Pass in Zürich nur ja auf die Autos und Strassenbahnen auf", hatte sein Onkel beim Abschied in Airolo gemahnt, und Battistino erkannte, dass diese Warnung keineswegs überflüssig war. Er war gewiss ein sicherer Autofahrer, aber hier rasten die Autos ja wie besessen durch das dichteste Gewühl. Sich sorgsam auf dem Gehsteig haltend, wanderte der junge Tessiner die Bahnhofstrasse hinunter. Staunend blieb er vor den vielen glänzenden Schaufenstern stehen. Oft hielt er erschrocken im Gehen inne und murmelte eine Entschuldigung, wenn er ungewollt einen der dahineilenden Menschen anstiess. Verwundert fragte er sich, warum diese Leute wohl alle so grosse Eile hätten. Schliesslich war ja Sonntag und da arbeitete doch niemand. Erst viel später, als auch er von der Rastlosigkeit der Städter angesteckt war, fand er daran nichts Besonderes. Von Zeit zu Zeit blickte Battistino auf die Uhr. Nach einer Stunde wollte er umdrehen, um sicher zu sein, dass er seinen Zug erreichte. Er kam bis zum See. Von dort ging er auf der entgegengesetzten Seite der Strasse zum Bahnhof zurück.

Das Leben in Baden, der alten Bade- und Industriestadt, lehrte den jungen Tessiner viel und änderte sein Wesen, ohne dass er es selber merkte. Die schweren genagelten Schuhe, die er bis dahin immer getragen hatte, stellte er bald beiseite; er trug sie nur noch auf kleinen Ausflügen in die Umgebung. Langsam, unmerklich wurde er in Kleidung und Benehmen ein Städter. Den scharfen Blicken der Mutter entging die Wandlung des Sohnes nicht, wenn sie ihn an Weihnachten oder Ostern bei seinem Onkel in Airolo sah. Erzählte Battistino dann aber begeistert von der Stadt, von der Fabrik und von allem, was er gesehen hatte, so erkannte Giovanna Lombardi, dass ihr Junge innerlich allem Neuen zum Trotz der gleiche geblieben war. Sein Lerneifer und die neue Umgebung brachten es mit sich, dass er langsam die Verbindung mit seinen früheren Kameraden verlor. Allmählich lockerten sich auch die Fäden, die ihn mit der Familie Beffa verbanden, und zuletzt vergass er sogar, die übliche Neujahrskarte zu senden. Wohl dachte er mitunter an seine kleine Freundin Anna und die schönen, gemeinsam verlebten Stunden, doch immer verdrängten neue Erlebnisse die freundlichen Bilder.

Battistino hatte knapp zwei Jahre in Baden gearbeitet, als er eines Tages auf seine Bewerbung hin das entscheidende Schreiben der Bundesbahnverwaltung erhielt. Er sollte sich in einigen Tagen bei einer Dienststelle in Zürich melden, um die Aufnahmeprüfung für den Fahrdienst zu machen. Mit einer Anzahl anderer Kandidaten fand er sich zum festgesetzten Datum in Zürich ein. Die Prüfung dauerte den ganzen Tag. Nach einigen Tagen spannenden Wartens erhielt Battistino den Bericht, dass er bestanden hätte und in die Eisenbahnwerkstätte Bellinzona eintreten könne. Er kündigte bei seiner Firma, packte seine Sachen und zog wieder gen Süden. Nach dreimonatiger Arbeit in Bellinzona kam Battistino zum Fahrdienst. Als er zum ersten mal auf eine elektrische Lokomotive kletterte, war er restlos glücklich ein weiterer Schritt auf sein Ziel zu war getan. Zuerst waren ihm die riesigen Maschinen aus Stahl und Kupfer fremd. Sie riefen die Erinnerung an das ihn bedrohende Ungeheuer wach, an jene Maschine auf der Eisenbahnbrücke bei Faido, die ihn fast zermalmt hätte. Er fühlte sich beengt in dem schmalen Führerstand und staunte über die Sicherheit, mit der sich seine neuen Kollegen in den engen Durchgängen bewegten, wenn sie die vielen komplizierten Apparate betätigten. Während einiger Wochen fuhr er auf den Lokomotiven nur als Lehrling mit und wurde von älteren Führergehilfen in seine Aufgabe eingeweiht. Nach dem Dienst brummte ihm der Kopf; der wahnsinnige Lärm der Motoren, die vielen neuen Eindrücke, die fortwährende höchste Anspannung aller Sinne, das unablässige Beachten der zahlreichen Vorschriften machten ihn mürbe. Oft konnte er vor Müdigkeit fast nicht mehr stehen. So schwierig hatte er sich den Lokomotivdienst doch nicht vorgestellt. Er erkannte, dass der Beruf, den er erwählt hatte, schwer und verantwortungsvoll war. Aber er dachte keineswegs daran, sich durch die Schwierigkeiten entmutigen zu lassen. Nach einigen Monaten hatte sich der junge Führergehilfe eingearbeitet. Er verrichtete jetzt seinen Dienst allein und wurde nur noch gelegentlich von Lokomotivführern angeleitet. Die Diensteinteilung brachte es mit sich, dass er immer wieder mit anderen Lokomotivführern fahren musste. Manchmal traf er auf einen Führer, der sich ihm gegenüber besonders freundlich zeigte; dann bedauerte er den Wechsel. Während der Wintermonate war Battistino jedoch längere Zeit beim gleichen Lokomotivführer eingeteilt. Er hatte es gut bei ihm, denn wenn sich Pianca darauf verlassen konnte, dass die Arbeit richtig gemacht wurde, so liess er seinen Gehilfen "leben". Langsam bildete sich eine Art Kameradschaft zwischen den beiden. Aber die alten "Gotthärdler", zu denen Pianca gehörte, sind ein eigener Menschenschlag. Das sollte der junge Führergehilfe eines Tages erfahren.

Lokomotivführer Pianca und sein Gehilfe führten einen Güterzug und machten vor der Heimfahrt im Depot eine Pause. Die Lokomotive wurde vor der Remise in einem dazu bestimmten Geleise aufgestellt. Während der Mittagspause schneite es stark. Als Battistino seinen Dienst wieder aufnahm, erledigte er die notwendigen Arbeiten an der Lokomotive. Er reinigte die Ölkannen und versorgte sie auf dem hinteren Führerstand. Die beiden Stände der hintere und der vordere sind durch einen offenen Seitengang miteinander verbunden. So vernahm Battistino, wie Pianca auf dem vorderen Stand leise über irgend etwas fluchte. Er hörte, wie die Seitentür geöffnet wurde und Pianca draussen auf dem eisernen Trottoir mit dem Besen den Schnee wegwischte. "Das wäre eigentlich meine Arbeit", dachte Battistino und schaute um die Ecke, um zu sehen, was da eigentlich vor sich ging. Was der junge Führergehilfe sah, liess ihn eine Sekunde lang erstarren. Pianca hatte die Stromabnehmer gehoben und die Lokomotive eingeschaltet. Da aber nasser Schnee auf den Stromabnehmern lag, war nur der hintere Bügel hochgegangen; er berührte den Fahrdraht, während der vordere in halber Höhe stecken geblieben war. Trotz seiner Tieflage führte auch der vordere Stromabnehmer Hochspannung, aber Pianca, der daran offenbar nicht dachte, wollte mit dem Besen den Schnee vom Bügel wischen, um auch ihn "hochgehen" zu lassen. Rasch lief Battistino durch den Seitengang nach vorne. Rufen? Damit hätte er Pianca nur erschreckt und dessen Vorhaben beschleunigt. Zu weiterem Überlegen war keine Zeit mehr. Battistino handelte instinktiv. Er schlug dem Führer den schneenassen Besen, den Pianca schon in die Höhe gehoben hatte, aus der Hand. Mit dem Besen wäre beinahe auch der Führer vom eisernen Trottoir gefallen. Nun aber ging der Teufel los. "Unverschämter Kerl, Lausbub", das waren noch die schwächsten Titel, mit denen Battistino bedacht wurde. Für die Erklärungen seines Gehilfen hatte der aufgeregte alte Mann kein Gehör. Für ihn war nur massgebend, dass sich sein Gehilfe erlaubt hatte, nach ihm zu schlagen. Bei der Fahrt in den Güterbahnhof hob sich der gesenkte Stromabnehmer durch das Rütteln von selbst in die Fahrstellung. Der Dienst auf der Lokomotive war für Battistino an diesem Tage kein Vergnügen. Er konnte dem erbosten "Gotthärdler" nichts recht machen, und am Abend hielt ihm Pianca nochmals eine Standpauke. "Du kannst dich dann beim Depotchef für dein unverschämtes Benehmen verantworten", sagte er. "Das hätte ich nicht von dir gedacht. So etwas lasse ich mir nicht bieten!" Einige Tage später teilte ein Kollege Battistino mit, dass Pianca mit einem langen Rapport zum Depotchef gegangen und über eine halbe Stunde im Büro geblieben war. Im Dienst sagte Pianca kein Wort mehr über die Angelegenheit, und Battistino wunderte sich, dass er nicht zum Chef gerufen wurde. Am Sonntag waren Pianca und sein Gehilfe frei, und vom folgenden Tage an war Battistino turnusgemäss bei einem anderen Lokomotivführer eingeteilt. Am Samstagabend taute Pianca wieder auf und sprach seit Tagen die ersten ausserdienstlichen Worte mit seinem Gehilfen. "Morgen kommst du zu mir zum Mittagessen, und Schwamm darüber, verstanden!" schnaubte er. Battistino traute seinen Ohren nicht; aber er begriff, dass Pianca seine Absicht, sich zu bedanken und auch seine Verlegenheit hinter dem rauhen Tone zu verbergen versuchte. Der Depotchef hatte ihn wohl über die Gefahr aufgeklärt, in der er geschwebt hatte. Das Mittagessen an jenem Sonntag dehnte sich ziemlich lange aus, und der junge Führergehilfe war danach um eine Erfahrung reicher. Er erkannte, dass nicht nur Pianca, sondern mit ihm noch viele andere Lokomotivführer zwar ein rauhes Wesen zur Schau trugen, im Grunde aber sehr umgängliche und gutartige Menschen waren.