FÜNFTES KAPITEL
Als Battistino Lombardi sein zweites Lehrjahr beinahe beendet hatte, erfüllte sich sein glühendster Wunsch: er wurde in die Abteilung für Autoreparaturen versetzt. Der Vorarbeiter in dieser Werkstatt, der kleine unbeliebte Bernasconi, empfing den Jungen mit den Worten: "So, so, da haben wir ihn ja, den kleinen Durchbrenner, den zukünftigen Chauffeur. Merk es dir Bürschchen, hier befiehlt der Bernasconi!" Diese Begrüssungsrede begleitete Bernasconi mit aufgeregten Gebärden. Dann winkte er Battistino mit der Hand und tänzelte mit kleinen Schritten durch die Werkstatt. Vor einer Putzgrube, über der ein Lastwagen aufgebockt war, blieb er stehen und deutete hinunter: "Dort unten fängt der Chauffeurberuf an. Los, Junge!" Battistino, der von älteren Lehrlingen über seinen neuen Meister aufgeklärt worden war, sprang hinunter und wurde in der Grube von einem Arbeiter lachend empfangen. Eine starke elektrische Lampe erhellte den unterirdischen Arbeitsplatz. Ich halbgebückter Stellung demontierten die beiden den Getriebekasten und die Kardanwelle. Schwarzes, klebriges Öl, Fett und Schmutz verwandelten den angehenden Chauffeur bald in eine unbeschreiblich schmutzige Gestalt. Dann wurde der Motorblock demontiert, und Battistino musste das ganze Chassis mit Petroleum gründlich reinigen. Während der folgenden Tage und Wochen wurden Battistino lauter solche Arbeiten zugewiesen, wie um ihm den heiss ersehnten Beruf zu verleiden. Zwischendurch machte Bernasconi bissige Bemerkungen, die aber aufhörten, als er merkte, dass Battistinos Eifer keineswegs nachliess. Wenn nicht gerade eine Putz- oder Schmutzarbeit zu verrichten war, durfte Battistino beim Auseinandernehmen der Motoren helfen, und so lernte er den Bau von Explosionsmotoren von Grund auf kennen. Einmal pröbelten die Monteure stundenlang an der Zündung eines Sechszylinders herum, ohne die richtige Einstellung herauszufinden. Als alle Versuche nicht zum Ziele führten, holte man den Meister. Bernasconi war dafür bekannt, jedes noch so schwierige Problem auf seinem Arbeitsgebiet lösen zu können, und wenn niemand mehr einen Ausweg wusste, wurde er zu Hilfe gerufen. Mit Staunen verfolgte Battistino die planmässige Arbeit des kleinen Mannes. Jetzt hatte er alle Nervosität abgestreift; die Befehle, die er den anderen erteilte, klangen ruhig und bestimmt. Während Battistino den Motor langsam mit der Kurbel drehte, stellte Bernasconi die Zündung aller sechs Zylinder der Reihe nach ein. Er schnupperte an den Zylinderköpfen, als könnte er auf diese Weise die Stellung der verborgenen Kolben spüren. Seine beinahe fleischlosen Finger glitten wie liebkosend über das Metall; um Zehntelsmillimeter verschob er Schrauben und Kontakte. "So, jetzt klappt die Geschichte", sagte Bernasconi und erhob sich aus seiner kauernden Stellung. Er setzte sich auf den Führersitz des hinten aufgebockten Wagens und liess den Anlasser anspringen. Sofort folgte der Motor; alle sechs Zylinder arbeiteten in regelmässigem Takt. Ohne ein Wort zu sprechen, schaute Bernasconi seine Monteure an. Dann sagte er zu Battistino: "Du kannst mitfahren", und beauftragte einen der Monteure, mit dem revidierten Wagen eine Probefahrt zu machen. Battistino nahm freudig neben dem Fahrer Platz. Langsam rollte der Wagen aus der Werkstatt. Es war das erste mal, dass Battistino in einem modernen Lastwagen sass. Bis jetzt hatte man ihn nur auf alten Fords oder klappernden Traktoren mitfahren lassen und ihm zugleich die Anfänge der Fahrtechnik beigebracht. Ausserhalb des Dorfes hielt der Fahrer an und tauschte mit Battistino, den er gut leiden mochte, den Platz. Der Junge schaltete den ersten Gang ein, betätigte die Kupplung und gab Gas. Mit einem Ruck schoss der Wagen vorwärts. "Piano, piano", sagte der Monteur, und auch Battistino merkte sofort, dass das Anfahren mit dem starken Motor vorsichtiger geschehen musste als bei einem alten, asthmatischen Ford. Vorsichtig schaltete er die anderen Gänge ein, beschleunigte die Geschwindigkeit auf der freien Strecke und regelte die Fahrt im Gefälle und auf Steigungen. Der Monteur liess ihn anhalten und wieder anfahren, bis Battistino den schweren Wagen vollständig beherrschte. Der alte Praktiker der Tausende von Wagen eingefahren hatte gab dem Jungen die nötigen Winke und Belehrungen mit ruhiger Stimme, um ihn nicht zu verwirren. In Biasca hielten die beiden Fahrer an und kontrollierten den Wagen genau. "Ich wusste, dass alles in Ordnung ist", sagte der Monteur nach der Untersuchung zu Battistino. "Der Motor singt ja, dass es eine Freude ist. Jetzt fahren wir heim, Battistino." Die beiden stiegen wieder ein. Stolz lenkte Battistino den starken Wagen durch die Haarnadelkurven der Biaschina. In den engen Gassen von Faido überholte er Anna Beffa. Der Junge liess übermütig die Sirene aufheulen, so dass das Mädchen erschrocken zur Seite sprang. Im Vorbeifahren winkte ihr Battistino lachend mit der Hand zu. Am Abend musste er zur Strafe an Annas Stelle das Geschirr abwaschen. "Der Schreck sitzt mir immer noch so in den Gliedern, dass ich sicher einige Teller zerschlagen würde", erklärte Anna mit schelmischem Lächeln. Eines Tages arbeitete Battistino wieder einmal bei der Eisenbahn. Etwas oberhalb von Faido sollten einige Träger einer eisernen Brücke verstärkt werden. Die Firma Ferrari war mit dieser Reparatur betraut worden, und bei der Gruppe, die an der Brücke arbeitete, befand sich auch Battistino. Auf der Brücke überquerte die Bahn das schmale Tessintal und die Kantonsstrasse, die sich dreissig Meter unter der Brücke neben dem Flusse zwischen den hohen Pfeilern durchzwängte. Dreihundert Meter vor der Brücke trat die Bahn aus einem Kehrtunnel, um einige hundert Meter weiter wieder im Innern des Berges zu verschwinden. Man sah die Züge nicht kommen, und wenn man sie heulend und donnernd daherjagen hörte, waren sie Sekunden später schon über der Arbeitsstelle. Die Männer, die unter den Schienen und Schwellen auf schmalen, in der Luft hängenden Brettern arbeiteten, spürten deutlich den Ruck der sich in ihren Widerlagern bewegenden Brücke, wenn das gewaltige Gewicht des Zuges die stählernen Massen erzittern und ächzen liess. Auf schmalen, frei hängenden Laufstegen verrichteten die Männer ihre gefährliche Arbeit. Behende kletterten sie zwischen den Trägern und Verstrebungen der Brücke umher, die von der Strasse aus einem feinen Gitterwerk glichen. Die Leute auf der Strasse blieben oftmals stehen und blickten zu den Arbeitern hinauf, die hoch oben ihr gefährliches Handwerk ausübten. Auf einigen Brettern war eine Esse aufgestellt, in der die Nieten erhitzt wurden. Wenn sie glühend waren, holte sie ein Arbeiter mit der langen Zange aus dem Feuer und steckte sie in das vorbereitete Loch in den Eisenplatten. Mit ohrenbetäubendem Lärm formten dann die Presslufthämmer aus dem funkensprühenden Stahl den Doppelkopf, der die verstärkten Teile zusammenhielt. In den ersten Tagen, nachdem die Laufstege befestigt, die Werkzeuge und Maschinen auf ihren Platz gebracht worden waren, bewegten sich die Arbeiter und Monteure langsam und vorsichtig; doch bald gewöhnten sie sich an ihre luftige Arbeitsstelle und bemerkten oft nicht einmal, wenn ein Zug donnernd über die Brücke dahinraste. Auch Battistino bewegte sich bald auf den schwankenden Brettern wie auf der festen Erde und kletterte behende wie eine Katze zwischen den Brückenträgern hinauf und hinunter. Diese Arbeit gefiel ihm. Er "röstete" die Nieten im Feuer oder rannte damit über die schmalen Bretter zu der Stelle, wo die anderen beim vorgebohrten Loch auf das glühende Stahlstück warteten, um es durch Hämmern zur Niete zu formen. Oft führte Battistino selbst einen Presslufthammer und stemmte ihn mit aller Kraft auf die glühende Niete, bis sich unter den wuchtigen Schlägen ein glänzender Kopf bildete. Hier wurde kein Unterschied gemacht zwischen Arbeiter und Lehrling; überall und bei jeder Arbeit musste Battistino zugreifen; dafür genoss er die fröhliche Kameradschaft seiner Kollegen. Bald war ja seine Lehrzeit zu Ende; noch ein halbes Jahr, dann hatte er sein erstes Ziel erreicht, dann war er ein fertiger Mechaniker. In der Mitte der Brücke waren einige Schwellen entfernt worden. Durch die so entstandene Öffnung kletterten die Arbeiter auf einer Leiter zu ihrem Arbeitsplatz hinunter, und durch dieses Loch liess man auch, wenn gerade kein Zug fällig war, an Seilen das für die Arbeit nötige Material hinab. Eines Tages hatte Battistino den Auftrag erhalten, eine schwere Kiste vom Ende der Brücke her zum Loch in der Mitte zu bringen. Mit der Kiste auf dem Rücken zog er seines Weges. Auf dem Geleise neben ihm fuhr ein Güterzug langsam bergwärts. Der Junge spürte das starke Zittern der mächtigen Stahlkonstruktion, während er sich mit seiner Last langsam weiterbewegte. Plötzlich fiel sein Blick auf die Strasse in die Tiefe... er gewahrte ein Pferdefuhrwerk... zwei flinke Pferde... den Wagen. Der Fuhrmann war sein Vater Battista Lombardi -, den er seit über drei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Deutlich erkannte der Junge die scharfen Gesichtszüge des Vaters... er sass aufrecht auf dem Bock des Wagens und hielt die Zügel straff angezogen. Battistino fühlte, wie ihm eine heisse Blutwelle in den Kopf stieg... er blieb stehen. Sollte er rufen, sich dem Vater bemerkbar machen? Battista Lombardi schaute geradeaus vor sich hin. Sicher dachte er über etwas nach. Plötzlich hörte Battistino einen gellenden Schrei im Lärm des neben ihm fahrenden Zuges. Erschreckt wandte er den Kopf und sah auf einem Wagen einen Bremser, der ihm etwas zurief und nach vorn deutete. Blitzschnell erkannte Battistino die Gefahr.. ein Zug schoss aus dem Tunnel auf die Brücke zu. Ein schriller Pfiff der Lokomotive... Battistino warf die Kiste beiseite und raste zur Leiter, die nur wenig zwischen den Schwellen hervorragte. Noch vier Schritte hatte er zu machen, aber es war zu spät... die Lokomotive war schneller. Wie ein Ungeheuer erschien Battistino der auf ihn zurasende Koloss, ein vorsintflutliches Tier, das ihn zermalmen wollte... Mit einer letzten Kraftanstrengung warf sich der Junge zwischen die Schienen und hielt schützend die Arme über den Kopf zwei Meter vor dem rettenden Loch. Er schmiegte sich eng an die hölzernen Schwellen, während die Lokomotive über ihn hinwegraste. Funken sprühten rings um ihn, versengten sein Überkleid und frassen sich schmerzhaft ins Fleisch. Battistino konnte nicht mehr denken; bewegungslos lag er da, als der Zug zum Stehen kam. Die Arbeiter unter der Brücke hatten den unheimlich gellenden Warnungspfiff gehört, als sich die beiden Züge auf der Brücke begegneten; sie spürten in der stählernen Masse der Brücke die Notbremse des talwärts rasenden Schnellzuges. Voll banger Ahnungen kletterte der Vorarbeiter die Leiter hinauf und sah den leblosen Körper zwischen den Schienen. Er kroch aus der Öffnung und unter dem Wagen, der über dieser Stelle zum Stehen gekommen war, zu dem Jungen hin. "Battistino, Battistino!", rief er mit zitternder Stimme. Aussen am Zug entlang erklangen eilende Schritte. Der Zugführer, vom Lokomotivführer verständigt, suchte unter den Wagen nach dem Verunglückten. Da hob Battistino matt den Kopf und schaute seinem Vorarbeiter in das matte Gesicht. "Mir ist nichts geschehen, Capo", sagte er leise. "Gott sei Dank Junge, diesmal hat wenig gefehlt", erwiderte erleichtert der besorgte Mann. Sie krochen gemeinsam unter dem Wagen hervor, und Battistino berichtete stockend, dass der warnende Zuruf eines Bremsers auf dem Güterzug und der Pfiff des Lokomotivführers ihn gerettet hatten. Tief bewegt, mit stummem Händedruck dankte er dem Zugführer und sprach im stillen ein Dankgebet für seine wunderbare Rettung. Weit unten im Tale sah er auf der Landstrasse einen dunklen Punkt sein Vater, der nichtsahnend südwärts fuhr. Der Zugführer eilte zur Lokomotive und meldete, dass der Unfall gut abgelaufen war. Ein kurzer Pfiff widerhallte zwischen den Felswänden; dann fuhr der Zug weiter.
An diesem Abend konnte Battistino lange nicht einschlafen. Immer wieder sah er sich zwischen den Schienen liegen und hörte das Donnern der riesigen Lokomotive. Hätte an ihr oder an einem der folgenden Wagen eine Kupplung hinuntergehangen, wäre ein Bremsgestänge zu tief eingestellt gewesen, so lebte er jetzt nicht mehr. Die grauenhaften Sekunden, die er unter dem Zug verbracht hatte während unten auf der Strasse sein Vater ahnungslos dahinfuhr -, durchlebte er immer wieder. Sie raubten ihm den Schlaf. Dann kehrte die Vergangenheit zurück; wie auf einem Filmstreifen sah er seine Erlebnisse seit der Flucht aus dem Elternhaus. Er erlebte noch einmal die glücklichen Stunden der letzten Jahre die Tage, an denen seine Mutter nach Faido gekommen war, oder wenn er sie in Airolo im Hause seines Onkels getroffen hatte. Und heute hatte er zum ersten mal seit Jahren seinen Vater wiedergesehen... wie ernst er dreingeschaut hatte... und dann die ungeheure Lokomotive, die auf ihn zuschoss... Stöhnend wälzte sich Battistino im Bett hin und her, doch die aufgewühlten Gedanken liessen ihm keine Ruhe. Schliesslich lag er ruhig da und blickte durch das offene Fenster auf die durch das Mondlicht versilberten Berge. Er dachte an die Jahre, die er nun in Faido verlebt, an die freundliche Aufnahme, die er bei der Familie Beffa gefunden hatte. Wie der eigene Sohn wurde er gehalten, und die beiden Mädchen liebte er wie Schwestern. Wenn sie Hilfe brauchten, wandten sie sich stets an ihn, selbst mit den Schulaufgaben; im Winter war er ihr Skilehrer, und im Sommer begleitete er sie oft auf die umliegenden Berge. Die Augen des Jungen weiteten sich voll Schrecken, als sich unversehens eine dunkle Wolke vor die hellen Bergspitzen schob... so, genauso war die Lokomotive auf ihn zugerast, hatte ihn begraben in ihrem Schatten. Da kam ihm ein Gedanke, den er vielleicht schon jahrelang unbewusst in sich trug. Vor langer Zeit hatte sein Freund Pep einmal zu ihm gesagt: "Lokomotivführer, das wäre ein Beruf für uns, Battistino!" Damals waren sie noch Kinder gewesen... Mit Pep verbanden ihn nicht mehr die gleichen Interessen wie während der Schulzeit oder am Anfang der Lehre. Sie sahen einander täglich, aber die Freundschaft war stark abgekühlt. Pep war jetzt das Haupt der jungen Leute im Dorfe und machte überall mit, vor allem bei jedem Fest. Dem ernsten Battistino, der immer noch schwer an seinem Kummer trug, sagte das laute, lustige Treiben nicht zu, und so waren die beiden Freunde langsam auseinandergekommen. Nach der Lehre wollte Pep in die Maschinenfabrik Örlikon eintreten. Als Battistino daran dachte, sah er auf einmal seinen Weg vorgezeichnet; er wollte nach Baden zu Brown-Boveri und dann zu den Bundesbahnen. Die gewaltige Lokomotive, die ihn heute um ein Haar zermalmt hätte, musste er beherrschen lernen... er wollte sie zwingen, seiner Hand zu folgen, seine Befehle auszuführen. Unversehens fielen Battistino die müden Augen zu; es war, als ob höhere Kräfte ihm nun Ruhe gönnten, nachdem er eine Frage gelöst, die schon lange in seinem Unterbewusstsein auf Antwort gewartet hatte.