VIERTES KAPITEL
Als die beiden Neuen am Abend des folgenden Tages die Werkstatt verliessen, schaute ihnen der Vorarbeiter nach. "Sie halten sich gut, die beiden Jungen", dachte Bruni. In den vielen Jahren seiner Tätigkeit bei der Firma Ferrari hatte er schon zahlreiche Neue angelernt, und er kannte sich in der Behandlung der jungen Leute aus. Viele waren schon in den ersten Tagen zusammengeklappt und hatten das Rennen aufgegeben. Aber diese beiden da waren zäh - das hatte er sofort gemerkt -, richtige Gebirgler, die wenig Worte machten, auf die man sich verlassen konnte. Der junge Lombardi hatte sich mit dem Vater überworfen. Bruni kannte den Grund nicht; er dachte nur an den lakonischen Befehl des Meisters: Gerecht behandeln, aber nicht mit Handschuhen anfassen! Das war ganz nach seinem Sinne. Er liebte es nicht, lange Reden zu führen oder die jungen Leute wie Säuglinge zu behandeln. Das Handwerk brauchte Männer, und er war dazu da, aus den Jungen gute Arbeiter zu machen. Bruni trat noch einmal an die Werkbank der Neuen und betrachtete ihre Arbeit. "Die werden sicher in der üblichen Frist fertig", dachte er, während er die stählernen Würfel genau untersuchte. Battistino eilte unterdessen auf dem kürzesten Weg nach Hause. Heute wollte er die Karte an die Mutter noch vor dem Nachtessen fertigschreiben, um nicht wieder wie am vorhergehenden Abend darüber einzuschlafen. Er konnte die wenigen Zeilen nur mit grosser Mühe hinkritzeln. "Cara mia mamma, alles geht gut, und ich grüsse Dich herzlich. Dein Battistino". Wie gerne hätte er einige Worte für den Vater beigefügt... Tränen liefen ihm über die Wangen, als er daran dachte, wie gestern Herr Dotta seinen Freund Pep nach Faido begleitet hatte. "Mach's gut, Pep", waren seine Abschiedsworte an den Sohn, als er ihn umarmte. Ihm selbst hatte die Mutter beim Scheiden gesagt, er müsse dem Vater zeigen, dass doch etwas Richtiges aus ihm werde. Aber dass es so schwer sein würde, das hatte er nicht gedacht. Der Junge schrak zusammen, als leise an die Tür geklopft wurde. Er fuhr sich rasch mit dem Ärmel über die feuchten Augen und folgte Anna, die ihn zum Nachtessen rief. Nach dem Essen begab sich Battistino bald zur Ruhe und schlief traumlos die ganze Nacht, um am nächsten Morgen neugestärkt wieder zu erwachen. Der stechende Schmerz im Rücken hatte nachgelassen, und auch die Glieder waren ihm nicht mehr ganz so schwer. Die mit Blasen bedeckten Hände hatte Frau Beffa mit Salbe behandelt und sorgsam verbunden. In der Werkstatt strengte sich Battistino genauso an, wie an den beiden vorhergehenden Tagen, doch fühlte er sich am Abend weit weniger müde und zerschlagen. Sein junger kräftiger Körper zeigte sich den Anstrengungen gewachsen, und die kleinen Kniffe bei der Handhabung der Werkzeuge, die er rasch erfasste, halfen ihm viel. An diesem Abend lernten die beiden Töchter des Ehepaars Beffa ihren neuen Hausgenossen endlich etwas näher kennen. Battistino blieb nach dem Essen noch eine gute Stunde im Kreise der Familie; er gab Auskunft auf die vielen Fragen, die Anna und Berta an ihn richteten, und erzählte vom Leben im Hospiz. Doch verschwieg er, dass er gegen den Willen des Vaters in der Lehre war.
Samstagnachmittag wurde bei Ferrari nicht gearbeitet. Kurz vor der Pause am Vormittag nahm der Vorarbeiter den beiden Neuen Ihre Arbeit ab. Die stählernen Würfel glänzten wieder wie vor ihrer Verunstaltung durch die Hammerschläge. Sie wurden erst leicht eingeölt und dann weggelegt, um kommenden Neuen als erstes und härtestes Versuchsstück zu dienen. "Ihr habt die Probe bestanden", sagte Bruni zu den beiden Jungen, nachdem er ihre Arbeit zum letztenmal untersucht hatte. Eine Stunde vor Mittag hörte die Arbeit auf. Die Maschinen wurden abgestellt. Die Arbeiter reinigten ihr Werkzeug, nahmen kleinere Reparaturen daran vor und versorgten alles in den Kästen. Auch die Maschinen wurden gereinigt, abgestaubt und mit öligen Putzfäden blankgerieben. Die jüngsten Lehrlinge reinigten die Werkstatt, sortierten die herumliegenden Eisen- und Buntmetallabfälle, und bald sah es in dem grossen Raume aus wie in einer guten Stube. Die Arbeiter standen lebhaft plaudernd und lachend in Gruppen herum, als die Sekretärin mit einem kleinen Blechkasten erschien. Einige freudige "Ah" und "Oh" ertönten. Battistino schaute neugierig zu, wie Fräulein Alfa den Kasten auf eine Werkbank stellte und den Deckel öffnete. Freundlich lächelnd verteilte sie die kleinen, gelben Zahltagstäschchen, während die Empfänger ihre mehr oder weniger spassigen Bemerkungen machten. "Damit können wir zusammen über Sonntag nach Lugano an die Messe", sagte ein junger Mechaniker zu Fräulein Alfa, worauf er prompt die Antwort erhielt: "Wenn sie ihre Schulden bezahlt haben, langt es, glaube ich, nicht mehr für zwei, mein Lieber." Lautes Gelächter der Kollegen begleitete die Abfuhr des Schwerenöters. Da hörte Battistino seinen Namen aufrufen, aber er musste erst durch einen sanften Rippenstoss eines Lehrlings ermuntert werden, näher zu treten. "Ich habe doch nichts zugut", dachte er. Zu seiner Verwunderung erhielt auch er ein kleines gelbes Zahltagstäschchen. Dankend nahm er es in Empfang und spürte mit zitternden Fingern hartes rundes Geld in dem Papier. Er bekam also Lohn für seine Prüfungsarbeit. Das hätte er nicht gedacht. Aufmerksam betrachtete er das Täschchen: Battistino Lombardi, Lehrling stand drauf. Es wurden ihm achtundvierzig Stunden zu zwanzig Rappen vergütet, und von der Summe wurden zehn Prozent als Rücklage sowie siebzig Rappen für die Krankenkasse abgezogen. So blieben ihm noch sieben Franken und fünfundneunzig Rappen - der Lohn der ersten Woche, verdient mit Schweiss und schmerzenden Gliedern. Aber er war stolz darauf und beschloss, von diesem Geld seiner Mutter etwas zu kaufen. In den folgenden Wochen und Monaten lernte Battistino viel. Zuerst wurden ihm nur kleinere, leichte Arbeiten übergeben, aber dann unterwies man ihn in der Handhabung der Maschinen. Er arbeitete an der Bohrmaschine und an der Drehbank, lernte kleine und grosse Stücke an der Maschine schleifen und pressen. Der Vorarbeiter Bruni führte die Lehrlinge schrittweise in alle Geheimnisse des Berufs ein. Er zeigte ihnen die Handgriffe und erklärte ihnen die verschiedenen Kniffe. Sie lernten die kleinsten Unterschiede im Gefüge scheinbar gleicher Werkstoffe kennen und begriffen, warum eine Eisensorte kalt gebogen werden konnte, während eine andere mehr oder weniger stark erhitzt werden musste. Und immer wieder wies Bruni auf den Grundsatz hin: Nachdenken, Kräfte sparen, keine Bewegung zweimal und unnütz machen. So gewöhnten sich die Jungen an ein wirtschaftliches, leichtes, aber gleichwohl peinlich genaues Arbeiten. In dieser Beziehung liessen Bruni und die anderen Arbeiter, denen die Lehrjungen zu verschiedenen Handreichungen zugeteilt wurden, nichts durch. Battistino und Pep waren längst nicht mehr die Neuen. Nach der Probezeit hatten sie stolz und freudig die Lehrverträge unterschrieben und waren "getauft" worden. Battistino gaben die Arbeiter den Namen des Berges, von dem er kam: Gottardo; Giuseppe Dotta aber wurde auch von ihnen einfach Pep gerufen. Eines Nachmittags stürzte Bruni in die Werkstatt und rief einige Arbeiter zu sich. Acht Arbeiter und drei Lehrlinge wurden ausgelesen, darunter Battistino und sein Freund Pep. "Oberhalb der Station Faido hat sich ein Eisenbahnunglück ereignet", sagte Bruni und wies die Arbeiter an, die nötigen Werkzeuge mitzunehmen. Erklärend fuhr er fort: "Der Bahnmeister hat zwanzig Mann von uns erbeten. Von hier gehen elf Mann mit, die anderen kommen aus den anderen Abteilungen. Wie es scheint, sind keine Personen zu Schaden gekommen, doch sind beide Geleise gesperrt." Das Material wurde auf Karren geladen, und im Eilschritt marschierten die Arbeiter gruppenweise durch das Dorf. Die Unfallstelle lag bei der grossen Kurve oberhalb der Station. In einem Güterzug war an einem ausländischen Wagen eine Achse gebrochen; der Wagen war entgleist und umgestürzt. Die drei folgenden Wagen hatten sich in den ersten hineingeschoben, und weitere fünf lagen links und rechts auf dem Nebengeleise. Ein mit Eisenstangen beladener Wagen war die zehn Meter hohe Böschung hinabgestürzt und hatte die Masten der Fahrleitung mitgerissen. Das Ganze bot ein Bild grausiger Verwüstung; wie durch ein Wunder war niemand vom Bahnpersonal verletzt worden. Bruni meldete seine Leute dem Bahnmeister. In diesem Augenblick ertönte ein lauter Pfiff vom nahen Bahnhof. Dort war soeben der Hilfszug der Bahn mit einer Dampflokomotive eingetroffen. Die Lokomotive stiess die Hilfswagen so nahe wie möglich an die Unfallstelle heran. Männer sprangen hinunter, die sich zuerst einmal die Unfallstelle genau ansahen. Es waren die Spezialisten der Bahn, denen die Arbeiter aus Faido zugeteilt wurden. Dann erteilte der Depotchef aus Bellinzona die nötigen Weisungen, und sofort wurde mit der Ausführung begonnen. Es galt, so bald wie möglich eine Geleise freizulegen, damit der Verkehr wieder aufgenommen werden konnte. Von einer nahen Telefonzelle aus erstellten Monteure eine Fernsprechleitung zur Unfallstelle, so dass die Verbindung zur Station geschaffen war. Die Dampflokomotive, welche die Hilfswagen herangeführt hatte, brachte nun auf dem anderen Geleise die elektrische Lokomotive des Unglückszugs mit den ersten unversehrten Wagen in die Station. Da ertönte oberhalb der Unfallstelle ein lauter Pfiff: von Norden kam eine zweite Dampflokomotive, die die stehengebliebenen Wagen abschleppte, um vor dem Trümmerhaufen Platz zu schaffen. So wurde das Geleise ober- und unterhalb der Unfallstelle bis auf die ineinandergeschachtelten und umgeworfenen Güterwagen geleert. Der erste dieser Wagen, der durch den Achsenbruch das ganze Unglück verursacht hatte, lag quer zum Geleise auf der Seite. Er war mit Kohlen beladen gewesen; einige Männer waren jetzt dabei, den Rest der Ladung aus dem Wagen zu schaufeln. Dieser Gruppe wurde Battistino zugeteilt. Aus dem Werkzeugwagen holte man starke Winden und eiserne Platten als Unterlagen. Die Winden wurden angesetzt, um den Wagen Zentimeter um Zentimeter parallel zum Geleise zu bringen. Dann schob man die Winden unter das Wagengestell, hob es um zwanzig Zentimeter und stützte es in dieser Stellung. Darauf wurden die Unterlagen der Winden erhöht, und der Wagen konnte wiederum etwas gehoben werden. Schon nach einer halben Stunde hielt der Wagen das Gleichgewicht, und beim nächsten Heben fielen die beiden noch vorhandenen Räder auf die Schienen. Die Räder wurden unterklotzt, und unter den vorderen Wagenteil wurde ein Rollschemel als Stütze geschoben, so dass der Wagen wieder auf dem Geleise bewegt werden konnte. Der Gruppenleiter befahl Battistino, neben dem Wagen herzugehen, als der Wagen von der Dampflokomotive im Schritt in die Station zurückgeführt wurde. Der Junge musste auf der einen Seite die Bewegungen des Wagens beobachten und dem Lokomotivpersonal Zeichen geben, falls sich der Rollschemel oder der lose darauf abgestützte Wagen verschob. Auf der anderen Seite des Wagens schritt ein Bahnarbeiter, der die gleiche Aufgabe hatte. Die Fahrt ging glatt vonstatten. In der Station wurde der Wagen auf ein Nebengeleise gestellt. "Hallo Battistino, bist du auch da", rief Beffa, als er den Jungen erblickte. Er war ebenfalls unversehens in den Dienst gerufen worden und half die grosse Mehrarbeit bewältigen. "Wir sind unser zwanzig hier", erwiderte Battistino stolz. Als er sich wieder dem Arbeitsplatz zuwandte, rief ihm Beffa nach, dass Anna später das Abendessen bringen werde. Daran hatte Battistino gar nicht gedacht, und er spürte erst jetzt den Hunger. Vor Eifer und Aufregung hatte er nicht einmal gemerkt, dass die Essenszeit längst vorüber war. Wo der weggeschaffte Wagen gelegen hatte, arbeitete man nun am Geleise. Die schweren Stahlschienen hatten sich wie dünne Drähte gekrümmt und von den Schwellen losgerissen. Das Reservematerial war schon auf dem Platz. Alles klappte genau, und als es allmählich dunkel wurde, warfen starke Scheinwerfer ihr helles Licht auf die Arbeitsstelle. Gespenstisch hoben sich die arbeitenden Gestalten vom dunklen Hintergrund ab. Das geschäftige Treiben, die lauten Rufe und Befehle wirkten phantastisch und beeindruckten Battistino stark. Die Wagentrümmer, Kohlen- und Eisenhaufen auf dem einen Geleise waren nach vier Stunden angestrengter Arbeit weggeräumt. Die Bahnarbeiter füllten die Löcher mit frischem Schotter aus und legten neue Schwellen. Auf niedrigen Rollwagen brachte man neue Schienen herbei, und bald ertönte der Takt der Pickel, mit denen die Schwellen im Schotter festgestampft wurden. Bruni rief seine Leute zusammen und erklärte, dass nun eine Essenspause eingeschaltet werde: "Das Ärgste ist jetzt vollbracht, bald kann der Betrieb auf einem Geleise wieder aufgenommen werden." Er kletterte mit seinen Arbeitern den Bahndamm hinunter zur Strasse, wo zahlreiche Zuschauer aus dem Dorfe das Fortschreiten der Arbeit beobachteten. Unter ihnen befand sich auch Anna mit dem Essen für Battistino. Das Mädchen nahm den Deckel vom Kesselchen mit der würzig riechenden Minestra, packte Brot und Käse aus und setzte sich neben Battistino. Schweigend verzehrte der Junge sein Essen. Dann kam der Vorarbeiter Bruni vorbei und bemerkte den Lehrling. "Du kannst nachher heimgehen, Battistino", sagte er. "Für heute hast du genug geschafft. Ciao." Battistino wollte erwidern, dass er gerne noch weiter mitarbeiten möchte, liess es aber bleiben, da er aus Erfahrung wusste, dass Bruni keinen Widerspruch duldete. Er spürte auch die Müdigkeit, denn er war ja seit sechs Uhr früh auf den Beinen. "Wir bleiben noch etwas hier und schauen zu", bemerkte er zu dem Mädchen an seiner Seite. "Ich möchte gerne sehen, wie der erste Zug durchfährt. In einer Stunde ist es so weit, hat der Bahnmeister gesagt." Anna stimmte eifrig zu; sie war froh, bei Battistino, den sie wie einen Bruder liebte, bleiben zu können. Der Junge nahm sie bei der Hand und kletterte mit ihr über den Bahndamm auf die andere, überhöhte Seite. Von hier aus überblickte man die ganze Arbeitsstelle. Soeben schritt der Bahnmeister das neugelegte Geleise ab und gab da und dort Anweisungen zum Richten der Schienen. Battistino setzte sich auf den Boden und Anna lehnte sich fröstelnd an ihn. Vom Berg her wehte ein kühler Wind. Der Junge spürte das Mädchen neben sich und legte ihr schützend den Arm um die Schultern. So sassen die beiden Kinder, eng aneinander geschmiegt, und schauten auf das rege Treiben. Battistino, der zuhause immer von den älteren Schwestern bemuttert worden war, fühlte sich stolz, von den Beffakindern als Beschützer und älterer Bruder betrachtet zu werden. "Jetzt ist das Geleise frei", rief er, als er den Befehlen vom Arbeitsplatz entnahm, dass die Hilfswagen in die Station zurückgezogen und auf das andere Geleise geschoben werden sollten. Dann fuhr die Dampflokomotive langsam über die reparierte Gleisestelle, um sie zu prüfen. Die Schienen krachten und quietschten bei der ersten Belastung, hielten aber stand. Die Fahrleitungsmonteure stiegen von den Masten und Leitern und erteilten den Befehl, die provisorische Fahrleitung einzuschalten. Seit einer Stunde spielte der Telegraph nach allen Richtungen. Nördlich und südlich von Faido hatten sich die Züge gestaut und warteten auf den Befehl zum Vorrücken. Sechs Stunden hatte die Unterbrechung gedauert, als die Meldung eintraf, dass die Unfallstelle auf einem Geleise befahren werden konnte. Müde, überarbeitete Beamte, die seit Stunden an den Apparaten sassen, Meldungen übermittelten, Befehle erteilten und Auskünfte gaben, atmeten erleichtert auf. Zuerst wurde ein Güterzug mit leeren Wagen über die Unfallstelle geleitet. Die hellen Scheinwerfer beleuchteten die Räder der Wagen und das Geleise, als der Zug langsam darüberfuhr. "Gut", rief der Bahnmeister, als der Zug vorbei war. "Jetzt können Personenzüge durch", ordnete der Betriebsinspektor an. Battistinos Neugier war befriedigt. Er erhob sich und eilte mit Anna nach Hause, ohne zu ahnen, dass dieses erste Erlebnis mit der Eisenbahn seinen weiteren Lebenslauf bestimmen sollte.