ZWANZIGSTES KAPITEL
Weber und Merz hatten ihren Posten in der Telephonnische eingenommen. Als letzte Meldung hatte Jeanne die Nachricht entgegengenommen, dass vor der Nahrungslieferung nochmals telegraphiert werden würde.
Als die beiden Männer allein waren, erledigte Merz zuerst einen Auftrag seiner Kollegen, dessen Ausführung auch ihm sehr am Herzen lag, handelte es sich doch um seinen Kameraden Carlo. Mit ungeübter Hand, bedächtig und gewissermassen von Lampenfieber erfüllt, telegraphierte Merz seine Mitteilung nach Pianotondo. Vorher hatte er sie Wort für Wort aufgeschrieben und unter jeden Buchstaben die Zeichen gesetzt, die er senden musste. Der Empfänger draussen schrieb die erhaltene Meldung nieder: "Hier Personal im KT 1 stop unser Kollege Rossi hat sich mit Fräulein Vautier verlobt stop sorgt für Blumen stop danke." Dann antwortete die Blockstation, ebenso langsam und bedächtig. "Verstanden", buchstabierte Merz. "Wird besorgt stop tipptopp."
"Die haben Verständnis und Humor", sagte der Lokomotivführer lächelnd zu seinem Kollegen. Dann sassen die beiden Männer untätig auf der Kiste, hin und wieder einige Worte wechselnd. Sie rauchten und dachten an den kommenden Tag, der die Befreiung bringen sollte. Merz hatte die Mitteilung erhalten, dass seine Angehörigen ihn abholen würden. Er malte sich die Aufregung der Kinder aus, die vielleicht jetzt noch keinen Schlaf gefunden hatten; wahrscheinlich sass die Mutter an ihren Betten und trachtete sie zu beruhigen, während sie selbst... ach, Merz wusste genau, wie freudig erregt das Herz seiner Frau nun klopfte... Die Stunden schlichen dahin. Der Zugführer hatte seine Karbidlaterne gegen die Felswand gestellt, damit ihr heller Schein nicht blendete. Im Dunkel des Tunnels leuchtete nur die Glühlampe des Telegraphenapparats, deren Fund sich als so segensreich erwiesen hatte.
Einige Minuten vor Mitternacht erschien Oberleutnant Gallino mit einem Soldaten, um die Wache zu übernehmen.
"Nichts zu melden?" fragte er gespannt. "Nichts." "Haben Sie die Bestellung für das ‚Blumengeschäft‘ aufgegeben? " "Jawohl, Herr Oberleutnant. Die werden gelacht haben!" erwiderte Merz. Auch der neuen Wache vergingen die Stunden nur langsam. Immer wieder schaute der Offizier auf seine Uhr, um dann seufzend dem Soldaten an seiner Seite mitzuteilen, dass es noch lange nicht Morgen sei. Gegen vier Uhr kam endlich die erste Meldung von draussen, langsam, deutlich – denn man wusste in Pianotondo, dass Ungeübte die Zeichen entziffern mussten: "Achtung. In einer Viertelstunde sind wir wahrscheinlich mit dem Bohrloch durch stop vorbereitet Körbe und Kessel zum Empfang der Nahrungsmittel. Schluss." Der Soldat rannte zum Gepäckwagen und weckte die Leute: "Auf, Kameraden! Essen fassen! Fassmannschaft antreten!" rief er freudig bewegt in den dunklen Raum.
Alle fuhren auf; sie waren sofort hellwach, denn der Schlaf der Ausgehungerten war nur leicht gewesen. Rossi rannte zum Speisewagen und trommelte dort das Personal heraus. Der Küchenchef Sasselli war nahe daran, einen Freudentanz aufzuführen, als er die Botschaft vernahm. "Endlich!" rief er aus. "Das gibt ein Fest!" Der Küchengehilfe entfachte sogleich ein mächtiges Feuer im Herd, während die übrigen Angestellten sich mit Rossi zum oberen Tunnelausgang begaben. Dort stand die Wache, das Ohr an den Felsen gepresst. "Jede Minute können sie durch sein", erklärte der Soldat, heiser vor Aufregung. "Hier, rechts an der Wand wird der Durchstoss erfolgen."
Alle Anwesenden starrten auf die Stelle, die der Soldat bezeichnete. Deutlich war das Arbeiten des Bohrers zu hören. Plötzlich zeigten sich kleine Risse im Felsen... Gleich darauf drang der Stahl durch die trennende Wand. Die Wartenden brachen unwillkürlich in laute Jubelschreie aus. Der Bohrer wurde zurückgezogen. Dann erschien er abermals, heftige Drehungen vollführend. Jetzt hatte das Loch den vorbestimmten Durchmesser von drei Zentimetern. Der Bohrer verschwand wieder. Die Männer hielten den Atem an und warteten. Eine weisse Staubwolke fegte aus dem Loch... Zischen Sausen... dann Ruhe. Man hatte das Bohrloch mit Pressluft ausgeblasen, um es zu säubern. Gespannt, von fieberhafter Ungeduld erfüllt, blickten alle auf das Loch. Plötzlich erschien eine dünnwandige, vernickelte Röhre. Vorn war sie mit einem Zapfen geschlossen, den Weber behutsam entfernte.
Da kamen aus der Röhre in Staniol gehüllte Rollen, die sich als eisgekühlte Butterrollen entpuppten. Mit fliegenden Händen wurde die kostbare Sendung in Empfang genommen und in Körbe gelegt. Zwei Mann brachten die Butter – zweihundert Portionen, jede zu fünfzig Gramm – zum Speisewagen. Dann kam das Brot. Feinstes Weissbrot, eigens für diesen Zweck gebacken, in meterlangen Stangen von zweieinhalb Zentimeter Durchmesser. Die Herstellung dieser genau abgemessenen Brotstangen war sicherlich ein Kunststück gewesen. Zweihundert Stangen Brot wurden auf diese Weise in Empfang genommen. Einer der Männer nahm Brotstange um Brotstange ab und legte sie einem anderen, der neben dem Rohr stand, auf die ausgestreckten Arme, bis die Last gross genug war. Ein Ersatzmann trat neben das Rohr, während der erste zum Speisewagen trabte und dort das Brot versorgte. Frohe Reden und Zurufe begleiteten die Tätigkeit. Dann gab es eine kleine Unterbrechung.
Von der Telegraphenstation brachte ein Soldat die Meldung, dass nun das Getränk folgen würde. Der Küchenchef Sasselli rasselte ungeduldig mit den Kesseln. "Evviva!" rief er begeistert, als aus dem Rohr ein köstlich duftender Strahl Ovomaltine floss. Der erste Kessel war bald zum Rande voll, ein zweiter folgte. Noch ein dritter Kessel konnte gefüllt werden, dann versiegte der Strom. Ober hundert Liter Ovomaltine waren in den Tunnel geflossen. Das Rohr verschwand, einige Sekunden später wurde draussen die Arbeit mit den Maschinen wieder aufgenommen. Im Tunnel blieb nur die Wache an der Arbeitsstelle zurück, mit einer Stange Brot, einer Rolle Butter und einer grossen Tasse Ovomaltine wohl versorgt, während das Speisewagenpersonal, die Bahnbeamten und die Soldaten sich zum Zuge begaben.
Durch die Seitengänge der Wagen eilte der Speisewagenkellner, seine silberne Glocke schwingend. Die Passagiere erwachten. Laut rief der Kellner in jedes einzelne Abteil hinein: "Petit dejeuner, premier service!"
"Was ist los? Was gibt‘s?" wurde von allen Seiten gefragt. Der Kellner hatte seine Freude an den überraschten Mienen. Vergnügt gab er Antwort: "Meine Herrschaften, bitte bemühen Sie sich in den Speisewagen. Ein vollständiges Frühstück wird serviert. Wir sind von draussen mit Nahrungsmitteln versehen worden." Gruppenweise eilten die Zugsinsassen zum Speisewagen. Sie riefen einander Scherzworte zu; frohe Stimmung, die eine Art Verbrüderung hervorrief, herrschte. Angestellte brachten den Leuten, die infolge ihrer Schwäche nicht imstande waren, den Weg zum Speisewagen zu machen, das Frühstück ins Abteil. Im Speisewagen war alles vergnügt. Aller Augen glänzten, Lachen und Plaudern setzten keine Sekunde aus. Allgemein wurde die Art und Weise, wie die Speisen hereingebracht worden waren, bestaunt und gelobt. Und es gab niemand, der sich den Anordnungen des Arztes widersetzte, obwohl Dr. Schmid die ersten Portionen aus Gesundheitsrücksichten noch knapp bemessen hatte.
Die Gruppen der Speisenden wechselten rasch. Das Personal tat sein möglichstes, damit keiner der Zugsinsassen allzu lange warten musste. Jeanne und Rossi nahmen das Frühstück gemeinsam an einem Tischchen ein. "Nachher geht es wieder an die Arbeit, Jeanne!" sagte Rossi, als er den ärgsten Hunger gestillt hatte. "Ja, ich freue mich darauf", erwiderte sie munter. Auf Oberleutnant Gailino deutend, sagte Zugführer Weber vom Nebentisch aus: "Der Herr Oberleutnant wird Ihnen bald Konkurrenz machen, Fräulein Vautier. Heute nacht hat er den Auftrag zum Essenfassen entgegengenommen." Der Offizier lachte. "Es dauerte aber ziemlich lange, bis ich die Zeichen entziffert hatte. Ich sollte zu Ihnen in die Schule gehen, Fräulein Vautier." Auch Jeanne lachte fröhlich: "Hoffentlich passen Sie dann besser auf als mein Schüler hier, der leider nicht immer ganz bei der Sache ist." Dabei klopfte sie ihrem Gegenüber leicht auf die Finger, da Rossi versucht hatte, ihre freie Hand an sich zu ziehen.
"Wir Menschen sind eigentlich seltsame Geschöpfe", sagte sie dann nachdenklich zu Rossi: "Schau dir die Gesichter ringsum an. Anscheinend ist alle Angst der vergangenen Tage schon vergessen." "Das sieht nur so aus", entgegnete er. "Im Grunde lässt solch ein Erlebnis sich nicht vergessen. Und dass wir die Ängste in ihrem ganzen Ausmass nicht mehr nachzuerleben vermögen, ist nur gut. Sie waren schlimm genug." Kurz darauf nahmen sie ihre Tätigkeit in der Telephonnische wieder auf. Jeanne entzifferte die ankommenden Zeichen und diktierte die Buchstaben, die Rossi auf einen Block niederschrieb. Die erste Meldung, die Jeanne abnahm, war an sie persönlich gerichtet. Man teilte ihr mit, dass ihre Eltern unterwegs seien, um sie abzuholen. Jeannes Freude war grenzenlos. Sie dankte dem Posten in Pianotondo für die besondere Aufmerksamkeit, dass man diese Mitteilung als erste durchgegeben hatte.
"Vielleicht sind sie jetzt schon in Lavorgo!" sagte Jeanne und blickte Rossi mit feuchten Augen an. "Zu denken, dass mich nur wenige Meter Felsen von Vater und Mutter trennen... " Rossi begriff ihre Bewegung und streichelte ganz leise ihre Hand, die auf dem Schalter ruhte. Fast ununterbrochen liefen dann Nachrichten für die Zugsinsassen ein. Die beiden Kondukteure mussten fortwährend hin und her springen, um die "Telegramme" zu übermitteln, aber sie taten es mit Vergnügen. Die Passagiere nahmen die Nachrichten, die sie von ihren Angehörigen erhielten, mit überschwenglicher Begeisterung entgegen. Der grösste Teil der Eingeschlossenen wurde draussen erwartet, und die Vorfreude auf das Wiedersehen liess die Gesichter leuchten. Lachen, Singen, frohe Rufe erschallten in allen Abteilen.
Herr Armstrong hatte das längste Telegramm erhalten. Der Globetrotterklub in New York bestätigte den Empfang seiner Meldung und teilte ihm mit, dass sein "Abenteuer" als einzigartig betrachtet werde; aller Wahrscheinlichkeit nach werde ihm der Goldene Globus dieses Jahres zuerkannt werden. Sein Telegramm schwingend, eilte er durch den Zug und berichtete jedem seiner Schicksalsgenossen von seinem Glück. Mit gutmütigem Lachen wurde die Nachricht quittiert, und mit ebenso gutmütigem Lachen liess Armstrong die mitunter etwas spöttischen Bemerkungen über sich ergehen, die der eine oder andere Witzbold nicht unterdrücken konnte. Im Laufe des Vormittags kam von draussen die Nachricht, dass um elf Uhr dreissig das Mittagessen hereingegeben werde, eine Meldung, die wiederum mit lautem Jubel aufgenommen wurde.
Abermals begab sich das Speisewagenpersonal mit freiwilligen Helfern zur Arbeitsstelle am oberen Tunnelausgang. Zuerst wurden wieder, wie am Morgen, zweihundert Portionen Brot in Stangen hereingeschoben. Dann erschien ein Draht in der Offnung der Nickelröhre. Als einer der Männer daran zog, kamen nach und nach zweihundert Portionen kaltes Geflügel zum Vorschein, fein in passende Stücke geschnitten und in Cellophan verpackt. Danach floss aus dem Rohr warme Fleischbrühe in die bereitgestellten Kessel. Wieder durcheilte der Speisewagenkellner den Zug und rief mit der silbernen Glocke die Passagiere zum Mittagessen: "Dejeuner! Premier service!" Plaudernd und lachend ging man zum Speisewagen, und gross war dann das Erstaunen über das üppige Mittagsmahl.
Nach dem Essen erhielt Jeanne wieder eine Nachricht; ihre Eltern waren in Lavorgo eingetroffen und warteten mit Sehnsucht auf die Befreiung ihrer Tochter.
Allmählich bereiteten sich die Zugsinsassen darauf vor, ihr Gefängnis zu verlassen. Das Gepäck wurde zum Abtransport bereitgestellt, da die Betriebsleitung mitgeteilt hatte, dass sich niemand mit dem Gepäck abzugeben brauche; sobald der Tunnel offen sei, würden Träger von draussen hereinkommen und die Sachen abholen. Er waren genaue Verhaltungsmassregeln erteilt worden, damit kein Gedränge entstünde. Die Kranken sollten zuerst hinausgetragen werden. Einige Patienten hatten sich zwar inzwischen einigermassen erholt, aber es gab noch etliche Passagiere, die so geschwächt waren, dass sie nicht gehen konnten.
Peppino hielt sich die ganzen letzten Stunden über ständig bei Jeanne und Carlo auf. Der kleine Bursche hatte sich so sehr an die beiden jungen Leute angeschlossen, dass er immer wieder fragte, ob sie ihn auch bestimmt nicht vergessen würden. Jeanne versicherte ihm dann geduldig, dass das keineswegs der Fall sein werde. "Im Sommer kommst du zu mir in die Ferien, Peppino", tröstete sie ihn.
"Oh, das ist fein!" jubelte Peppino. "Es wäre aber noch schöner, wenn Carlo dann auch bei dir wäre", fügte er rasch hinzu. "Sicher kommt auch Carlo zu mir", erwiderte Jeanne lächelnd. Rossi lachte übermütig. "Ich fürchte, daraus wird nichts werden. Du wirst wohl zu mir kommen müssen, Peppino, wenn du deine Freundin Jeanne wiedersehen willst!" Da meldete der Telegraph sich wieder: "In fünfzehn Minuten erfolgt die letzte Sprengung stop alle Personen im Tunnel haben sich mindestens zweihundert Meter zurüchzuziehen stop erst nach Bekanntgabe darf der Arbeitsstelle wieder nähergetreten werden stop auf Wiedersehen Schluss."
Rossi stürzte zum Gepäckwagen und gab dem Personal Bericht. Daraufhin wurde die Wache am Tunnelausgang zurückverlegt und verdoppelt; sie erhielt die Weisung, niemand mehr nach vorne zu lassen. Zugleich wurde die Meldung vor den Wagen ausgerufen. Alle verstummten. Niemand wagte zu sprechen oder gar zu lachen... Spannung und Erwartung malten sich in den Mienen... jeder harrte der Sprengschüsse, die ihm die Freiheit bringen sollten. Dicht zusammengedrängt standen die Eingeschlossenen hinter der Sicherheitszone... Da ertönten die ersten Detonationen... ein starker Luftstoss warf die Leute beinahe um. Eine ganze Reihe Schläge folgte... vier... , fünf... zehn hintereinander. Dann war Ruhe... Grabesstille... doppelt unheimlich nach dem Höllenlärm kurz vorher. Nach einigen Minuten kam Rossi gerannt und meldete: "Die Sprengung ist beendet, wir dürfen wieder nach vorne!"
Sogleich setzte beinahe ein Wettrennen nach dem Tunnelausgang ein. Jeder wollte als erster das Licht der Aussenwelt erblicken. Doch als die Hastenden bei der Arbeitsstelle ankamen, waren sie enttäuscht. Statt der ersehnten Tageshelle flackerten nur einige kümmerliche Lichter in der Öffung, die die Sprengung in den Fels gerissen hatte.
Da erklangen Stimmen von draussen, und als die Eingeschlossenen näher traten, erkannten sie auch, warum sie das Tageslicht nicht erblicken konnten. Sie hatten nicht daran gedacht, dass ihre Retter einen gut fünfzig Meter langen Stollen hatten ausbrechen müssen, um zu ihnen zu gelangen. In diesen Stollen sah man jetzt hinein. An hölzernen Stützbalken waren in kurzen Abständen Laternen aufgehängt, die die Umgebung auf einige Meter erhellten. Man sah die Mineure mit nackten Oberkörpern arbeiten, um die Öffnung zu erweitern und das abgesprengte Material zu beseitigen. Überall lagen noch Felstrümmer umher, die den Weg in die Freiheit versperrten. Auf kleinen Rollwagen wurde das Material weggeführt. Fieberhaft waren die Männer tätig, und ohne lange zu überlegen, beteiligten sich die Menschen, die ans Tageslicht strebten, an der Arbeit, indem sie Steine zur Seite wälzten.
So war die Öffnung bald gross genug, um den ersten Mann von draussen hereinzulassen. Nun folgten andere, welche die letzten Felsstücke mit Brechstange und Hammer zertrümmerten und wegschleppten. Endlich war die Befreiung Wirklichkeit geworden.