NEUNZEHNTES KAPITEL
Noch immer brachten die Zeitungen der ganzen Welt täglich Nachrichten aus dem Bergsturzgebiet und vom Fortschreiten der Rettungsaktion. Bei der Verwaltung waren zahlreiche Anfragen nach dem Verbleib von Personen eingelaufen, die vermutlich den verunglückten Zug benutzt hatten. Die Verwaltung trachtete danach, festzustellen, wer sich vermutlich im Zuge befunden hatte, und unterrichtete die Fragesteller, soweit es möglich war.
Auch Herr Vautier war in Besorgnis um seine Tochter. In ihrem letzten Brief hatte Jeanne mitgeteilt, dass sie in den nächsten Tagen Italien verlassen und in die Schweiz reisen werde; sie freue sich schon auf die Fahrt über die berühmte Gotthardstrecke. Dann war keinerlei Nachricht mehr gekommen. Auch die Postkarte, mit der Jeanne ihre Ankunft an einem Orte stets zu melden pflegte, war ausgeblieben. Als dann das Unglück auf der Gotthardstrecke bekannt wurde, stieg die Besorgnis der Eltern ins Grenzenlose, zumal die Nachfragen in Italien ergaben, dass Jeanne am festgesetzten Tage abgereist war und aller Wahrscheinlichkeit nach den Unglückszug benutzt hatte. Angsterfüllt wandte sich Herr Vautier an die Bahnverwaltung, die ihm sogleich den Bescheid zukommen liess, dass leider nicht festgestellt werden könne, ob sich seine Tochter im verunglückten Zuge befunden habe; sobald jedoch Bestimmtes ermittelt sei, werde er Bericht erhalten.
Zahlreiche andere Leute, die wussten, dass sich ihre Angehörigen in dem verschütteten Zuge befanden, und die sich auf Grund der ersten Meldungen sofort nach Lavorgo begeben hatten, waren wieder heimgereist; sie hatten eingesehen, dass sie selbst doch nicht helfen konnten, und sich überzeugt, dass von den Bahnbehörden das Menschenmögliche zur Rettung der Eingeschlossenen getan wurde. Die Verwaltung sah es nicht ungern, dass die verstörten Menschen den Ort des Unglücks verliessen, da sie nur Unruhe in den ganzen Betrieb brachten und vielfach im Wege waren. Die Fahrkarten für die Heimreise wurden ihnen von der Bahnverwaltung kostenlos zur Verfügung gestellt. Sobald der Zeitpunkt der Befreiung ihrer Angehörigen feststehen würde, konnten sie, ebenfalls mit Freifahrkarten, wieder nach Lavorgo reisen. Nur die Presse- und Filmleute waren geblieben. Sie füllten noch immer die wenigen Gasthäuser des Dorfes, das infolgedessen sein internationales Gepräge beibehalten hatte.
Am Morgen des fünften Tages befand sich der neugebackene Redaktor Ingold bei seinem Freunde Riva im Dienstraum der Blockstation Pianotondo. Hauptmann Ostini, der die hier arbeitenden Truppen befehligte, leistete ihnen Gesellschaft. Riva konnte von seinem Sessel am Südfenster aus den ganzen Arbeitsplatz überblicken. Eifrig wurde dort gewerkt. Gruppen von Mineuren kamen und gingen, Material wurde herbeigeschleppt, wohin man blickte, herrschte fieberhafte, aber wohlorganisierte Tätigkeit. Das Gespräch der drei Herren drehte sich um die Rettungsaussichten. Man rechnete damit, dass am Nachmittag des nächsten Tages die Befreiung der Eingeschlossenen erfolgen könnte. Für diesen grossen Augenblick waren noch viele Vorbereitungen zu treffen. Riva setzte seinen beiden Zuhörern auseinander, woran hauptsächlich gedacht werden musste.
"Heute abend werden wir der Öffentlichkeit bekanntgeben, dass der Zeitpunkt der Rettung naht und bald auf die Minute berechnet werden kann", schloss er. "Gebe Gott, dass wir nicht zu spät kommen." Hauptmann Ostini verabschiedete sich von den beiden Freunden und begab sich in sein Büro an der Nordseite der Blockstation, das ihm gleichzeitig als Wohn- und Schlafraum diente. Das kleine Zimmer hatte nur ein einziges Fenster, durch das spärliche Helligkeit hereindrang, so dass Ostini dauernd das elektrische Licht brennen lassen musste, wenn er sich hier aufhielt. Er setzte sich an den Tisch, um noch einige schriftliche Arbeiten zu erledigen. Die Diensteinteilung für den folgenden Tag musste erstellt, der Wachtdienst verschärft und erweitert werden, denn es war anzunehmen, dass eine grosse Anzahl Neugieriger herbeieilen würde, sobald der Zeitpunkt der Befreiung bekanntgegeben war. Da musste für Ordnung gesorgt werden. Rasch füllten sich die Seiten seines Meldeblocks – da ging mit einem Male das Licht aus.
Ärgerlich blickte Hauptmann Ostini auf. Er wollte zuerst im Dämmerlicht weiterarbeiten, doch seine Augen streikten. Deshalb erhob er sich schliesslich und untersuchte den Anschlussstecker, der aber, soweit er es beurteilen konnte, in Ordnung war. Auch die Glühbirne wies keine Beschädigung auf. Also war wohl die Sicherung durchgebrannt. Da die Arbeit nicht warten konnte, ging der Offizier gleich wieder zu Riva hinüber und meldete ihm die Störung. Auch Riva war der Meinung, dass eine Sicherung durchgebrannt sei. Frau Croce, die Blockwärterin, werde wohl Bescheid wissen und sie auswechseln können. Die Frau wurde gerufen. Das Schaltbrett befand sich im Apparateraum der Blockstation. Tatsächlich war die Sicherung defekt. Während Frau Croce die neue Sicherung einschraubte, erklärte sie: "Das ist jetzt seit vielen Jahren das erstemal, dass eine Sicherung durchbrennt. Wir haben aber immer einige Reservesicherungen im Haus."
Der Offizier nahm seine Arbeit wieder auf. Es dauerte aber nicht lange, so erlosch das Licht abermals. Kurz darauf flammte es wieder auf... erlosch... flammte nochmals auf... Dann brannte es ruhig. Doch bevor der Hauptmann seine Arbeit beendet hatte, traten die Störungen in ziemlich regelmässigen Abständen neuerdings auf. Aufmerksam beobachtete Ostini eine Zeitlang das abgehackte Verlöschen und Aufflammen des Lichtes. Das war doch eigentümlich... Schliesslich ging er erneut zu Riva hinüber. "Kommen Sie doch einmal mit und schauen Sie sich meine Lampe an", sagte er. "Sie erlischt immer wieder und dazwischen brennt sie hell. Ich werde den Gedanken nicht los, dass irgendeine gewollte Störung dahintersteckt. Es sieht aus, als ob jemand auf diese Weise Zeichen geben wolle."
Natürlich schloss sich auch Ingold den beiden Herren an. Als sie das Zimmer des Offiziers betraten, bemerkten sie sogleich das Spiel des Lichtes.
Die Lampe auf dem Tisch erlosch... , brannte... , erlosch... brannte... erlosch. Einmal brannte sie länger, dann flammte sie nur kurz auf. Wie gebannt blickten alle auf die Lampe. Plötzlich schlug Riva sich an die Stirne. Das war doch... kurz-kurz-kurz-lang-lang-lang-kurz-kurz-kurz... "Das sind bestimmt Morsezeichen!" rief er. Hauptmann Ostini blickte ihn überrascht an. "Morsezeichen? Seltsam... , woher mögen die kommen?" Doch Riva antwortete nicht; er rannte zur Türe und rief, so laut er konnte: "Frau Croce! Frau Croce! Kommen Sie schnell herunter!" Ganz erschrocken eilte die Frau herbei. "Wo brennt‘s, Herr Riva?" "Sagen Sie, Frau Croce, woher kommt diese Lichtleitung?" "Vom kleinen Kraftwerk oberhalb Lavorgo", antwortete sie. "Eigentümlich! Wissen Sie, ob sie von hier weiterführt?"
"Warten Sie einen Augenblick." Frau Croce verliess das Zimmer, um gleich darauf mit dem Schaltplan der Blockstation zurückzukehren. In kräftigen Strichen waren die Zu- und Ableitungen eingezeichnet. Sie breiteten den Plan auf dem Tische aus. Riva orientierte sich einen Augenblick; dann begann er zu erklären: "Das hier ist das Zimmer, in dem wir uns befinden... Leitung 63... vom Schaltbrett... Sicherung 61 ... Zuleitung von Lavorgo 60. Aber hier! Von der Sicherung 61 führt noch eine Zweigleitung weiter. Leitung 70... ohne Ende. Da haben wir‘s! Auf dieser Leitung werden offenbar die Zeichen gegeben." "Das ist das Kabel zum K. T. 1, Herr Riva", sagte Frau Croce gelassen.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zog Riva rasch den Stecker der Tischlampe aus der Dose und schob ihn dann wieder hinein, zehnmal hintereinander. Zehnmal erlosch das Licht und flammte wieder auf. Diejenigen, welche die Lichtstörung verursacht hatten, mochten auf diese Weise erkennen, dass ihre Zeichen beachtet worden waren. Vorläufig hatte er kein anderes Mittel, um sie von dieser Tatsache in Kenntnis zu setzen. Dann rannte er in sein Büro und telephonierte nach Lavorgo: "Hier Riva. Dringend! Senden Sie sofort einen Beamten herunter, der telegraphieren kann." "Aber Sie haben ja schon zwei Telegraphisten dort", lautete die erstaunte Antwort. Ungeduldig entgegnete Riva: "Das weiss ich selber, aber die beiden sind fort, um dringende Reparaturen zu erledigen, und ich brauche sofort jemand, sofort!" "Wird gemacht", antwortete darauf der Vorstand von Lavorgo.
Es vergingen nur wenige Minuten, bis ein junger Stationsbeamter erschien. Er hatte das erste beste Velo genommen und war heruntergerast. Riva brachte ihn gleich in das Büro des Hauptmanns und deutete auf die Lampe, die wechselweise auffiammte und erlosch. "Zweifellos Morsezeichen", erklärte er kurz. Der Beamte beobachtete aufmerksam das Licht. Seine Lippen murmelten: "SOS... SOS... KT1 . . Aufgeregt rief Riva: "Hab‘ ich‘s doch gedacht! Bitte, geben Sie gleich Antwort! Mit dem Stecker dort." Der Beamte zog den Stecker heraus... und schob ihn wieder in die Dose... rasch, in taktmässiger Folge. Die Lampe erlosch und leuchtete auf... Gespannt verfolgten die Anwesenden das Schauspiel. "Verstanden. Hier Pianotondo", sendete der Telegraphist. Er wartete. Dann kamen wieder Zeichen aus dem Tunnel: "Langsam", las er.
Offenbar war im Tunnel jemand am Werk, der die Morsezeichen kannte, aber im Morsen ungeübt war. Der Stationsbeamte beeilte sich, der Bitte nachzukommen; er wiederholte seine Meldung langsam, deutlich Punkte und Striche unterscheidend. Aber aus dem Tunnel kam keine Antwort. Anscheinend machte man dort eine Pause. Riva rannte in sein Büro und verlangte dringende Telephonverbindung mit der Direktion in Luzern. Nach einigen Minuten war der Anschluss hergestellt. Er meldete sich. "Hier Riva." "Luini", war die Antwort. Mit leichtem Zittern in der Stimme berichtete der Techniker: "Herr Direktor, soeben haben wir Morsezeichen aus dem K. T. 1 über eine Lichtleitung aufgefangen. Es wurde SOS gegeben. Wir haben uns gemeldet. Antwort ist noch nicht gekommen. Augenscheinlich machen sie eine Pause." "Ausgezeichnet! Geben Sie mir sofort Nachricht, wenn Positives vorliegt. Halt, noch etwas. Vorerst zu niemand ein Wort."
Doch dieser Befehl kam zu spät. Ingold hatte die neue Chance rasch erfasst. Als die erste Pause eintrat, sprang er davon und telephonierte von Lavorgo aus seiner Redaktion: "Hier Ingold. Soeben hat man über eine Lichtleitung Morsezeichen – Lichtsignale – aus dem Tunnel aufgefangen. Bis jetzt liegen noch keine genauen Meldungen vor. Ich würde raten, ein Extrablatt für heute abend vorzubereiten. Vorläufig bin ich der einzige, der von dieser Neuigkeit Kenntnis hat; ich war zufällig anwesend, als die ersten Zeichen mit den Eingeschlossenen ausgetauscht wurden. Genauen Bericht über die näheren Umstände und die weiteren Nachrichten baldmöglichst." "Gut, Ingold, sehr gut", erwiderte der Chefredaktor. "Bringen Sie bald Neues. Für die Aufmachung sorgen wir."
Im Laufschritt begab sich Ingold wieder zur Blockstation Pianotondo. Seine Freundschaft mit Riva ermöglichte ihm den Zutritt, der anderen Zivilpersonen untersagt war. Hier war inzwischen die Verständigung mit dem Tunnelsender wieder aufgenommen worden. Man hatte die Leitungen verlängert, so dass die ganze Einrichtung von Rivas Büro aus bedient werden konnte, und hatte hier ausser einer Tischlampe, die abgeblendet worden war, einen Morsetaster angeschlossen. Vor dieser einfachen Apparatur sass jetzt der Stationsbeamte. Die Lampe diente als Empfänger der ankommenden und zur Kontrolle der abgehenden Meldungen, ähnlich wie in der Nische im K. T. 1. "Eingeschlossene befinden sich wohl", hatte der erste Bericht aus dem Tunnel gelautet.
Das war eine gute Nachricht für die vielen Verzagten und Verzweifelten. Die Berechnungen des Zugförderungsdienstes stimmten also – dem Zuge und seinen Insasscn war nichts geschehen. Sofort gab Riva diese Meldung an die Direktion in Luzern weiter. Mit hörbarer Erleichterung wurde sie von Direktor Luini aufgenommen. Das war verständlich, gründeten sich doch die bis dahin aufgestellten Berechnungen nur auf Vermutungen. Doch jetzt hatte man die Gewissheit, dass der Bergsturz den vielen Menschen im Zuge nicht verhängnisvoll geworden war. Ob es Materialschaden gegeben hatte, war demgegenüber nicht wichtig... der konnte ersetzt werden. Dann folgten die dienstlichen Meldungen aus dem Tunnel, auch die über den Kampf mit den Verbrechern, die sogleich an die Kriminalpolizei weitergegeben wurde. Schliesslich wurden den Beamten im Tunnel alle notwendigen Weisungen erteilt.
Die Direktion in Luzern entschied, dass erst am Abend ein Bulletin mit der Neuigkeit herausgegeben werden sollte, zugleich mit der Ankündigung, dass am Nachmittag des folgenden Tages mit der Befreiung der Eingeschlossenen gerechnet werden konnte.
Ingold berichtete alles Gehörte und Gesehene sofort seiner Redaktion. Er hatte es fertiggebracht, mit dem Zugführer Weber in Verbindung zu treten, der aus Luzern stammte. Allerdings waren die Nachrichten, die er auf diese Weise aus dem Tunnel erhielt, nur kurz, aber seine rege Phantasie schmückte sie aus. Riva stand ihm bei, wenn seine technischen Kenntnisse ihn im Stiche liessen. Im Laufe des Nachmittags sickerte die Nachricht, dass die Verbindung mit den Eingeschlossenen hergestellt worden sei, doch durch. Irgend jemand hatte ein paar Worte aufgeschnappt, rasch war dann kombiniert worden, und bald wussten es alle in Lavorgo: man hatte Nachricht von den Verschütteten. Sogar Namen von Eingeschlossenen wurden schon genannt. Auch die Tatsache, dass ein junges Mädchen die Morsezeichen aus dem Tunnel gab, wurde bekannt.
Doch Ingold wusste viel mehr. Das Extrablatt der "Neuen Schweizer Zeitung" sollte wieder eine Überraschung für das auf Sensation wartende Publikum werden. Als die Zeitspanne verstrichen war, die notwendig gewesen war, um die Extraausgabe zu sichern, hielt Ingold mit seinem Wissen nicht mehr zurück: er unterrichtete auch seine Kollegen. Nur sagte er nicht, dass ihm diese Neuigkeiten schon seit einigen Stunden bekannt waren, und dass sie binnen kurzem schwarz auf weiss im Extrablatt seiner Zeitung zu lesen sein würden.
Am späten Nachmittag trafen die Telegramme der im Tunnel eingeschlossenen Menschen bei ihren Angehörigen ein. Herr Vautier erhielt das sehnsüchtig erwartete Lebenszeichen von seiner Tochter durch die Bahnverwaltung. Gleichzeitig berichtete die Verwaltung, dass ihr Jeanne Vautier bei dem Unglücksfall einen ausserordentlichen Dienst erwiesen habe. Herr und Frau Vautier wurden eingeladen, ihre Tochter abzuholen. Hin- und Rückreise wurden bezahlt, und sie wurden gebeten, sich während ihres Aufenthaltes in der Schweiz als Gäste der Bahnverwaltung zu betrachten. So machten sich denn die überglücklichen Eltern auf, ihr Kind abzuholen. Ihre Freude über das bevorstehende Wiedersehen kannte keine Grenzen, doch überlegten sie während der Reise immer wieder, was für einen Dienst Jeanne wohl der Bahnverwaltung des fremden Landes erwiesen haben mochte.
Im Tunnel war bekanntgegeben worden, dass die dienstlichen Meldungen erledigt waren, und dass die Nachrichten an die Angehörigen draussen befördert werden konnten. Alle Passagiere hatten ihre Telegramme vorbereitet, doch wollten die meisten unbedingt dabei sein, wenn ihre Nachricht weitergegeben wurde. Nicht nur war es ein fesselndes Schauspiel, zuzusehen, wie das Licht des improvisierten Telegraphen in unregelmässigen Abständen aufleuchtete und erlosch, es beruhigte die Leute auch, zu wissen, dass eben diese Zeichen ihren Lieben draussen kundtaten, dass sie noch lebten und wohlauf waren. In dichten Gruppen umstanden die Passagiere die Telephonnische. Eifrig wurde geplaudert; die flinke Französin, die den Apparat bediente, wurde in allen Sprachen gepriesen, und als plötzlich das Gerücht aufkam, die freundliche Telegraphistin habe sich mit dem Beimann der Lokomotive, der neben ihr sass und ihr die Texte Wort für Wort vorlas, verlobt, erhöhte sich das Interesse an ihrer Persönlichkeit noch.
Die beiden jungen Leute aber, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, taten ihre Arbeit in völliger Unbefangenheit. Nur ab und zu blickten sie einander an, und das Aufleuchten ihrer Augen sprach dann von ihrem Glück. Jetzt kam der Amerikaner Armstrong an die Reihe. Mit strahlendem Lächeln reichte er Rossi seinen Zettel, und als Rossi den Text etwas verdutzt betrachtete, erklärte Armstrong mit erhobener Stimme: "Familienangehörige habe ich nicht; meine Familie ist gewissermassen der ‚Globetrotter-Club‘ in New York." "Globetrotters New York – bin beteiligt am Bahnunglück in der Grandiosa Schweiz stop Bericht und Beleg folgen stop erhebe Anspruch auf Goldenen Globus stop Armstrong." So lautete das Telegramm, das der Amerikaner aufgab.
Jeanne musste wider Willen lachen, während sie mechanisch, jetzt schon mit grosser Geläuflgkeit, Buchstabe um Buchstabe der Meldung tastete. Als sie damit fertig war, sagte sie: "Das ist entschieden das originellste Telegramm, das ich bis jetzt durchgeben musste. Was steckt denn da für ein Geheimnis dahinter, Herr Armstrong?" "Oh, jetzt ist es kein Geheimnis mehr", erwiderte der Amerikaner fröhlich. Auch die andern wollten nun den Inhalt der Meldung wissen, und bereitwillig reichte Armstrong den Zettel herum. "Ich verstehe kein Wort", bekannte ein junger Mann. "Erklären Sie uns das Geheimnis!" drängte man von allen Seiten. "Aber ich halte Sie auf... " meinte Armstrong und blickte etwas schuldbewusst auf Jeanne. "Nein, nein", wehrte Rossi ab. "Es tut Fräulein Vautier ganz gut, wenn sie einmal eine kurze Pause macht."
"Nun, ich will mich kurz fassen", sagte Armstrong gutmütig, doch mit sichtlichem Stolz. "Die Satzungen des New Yorker Globetrotterklubs schreiben vor, dass nur derjenige Mitglied werden kann, der mindestens einmal um die ganze Welt gereist ist, und zwar auf einer Route, die vierzigtausend Kilometer betragen muss." "Ist das denn nicht sehr schwer zu kontrollieren?" warf ein Zweifler ein. "Ganz und gar nicht", widersprach Armstrong lebhaft. "Der Reiseweg muss der Klubleitung vorher angegeben werden; dann wird die Reise genau verfolgt. Der Weltenbummler muss täglich telegraphisch Bericht erstatten. Ausserdem ist er verpflichtet, sämtliche Mitglieder des Klubs, die in auf seiner Route liegenden Orten wohnen, aufzusuchen. Und Mitglieder des Globetrotter-Klubs gibt es in allen Ländern der Erde." "Und was hat der Goldene Globus damit zu tun?" fragte Jeanne.
"Das ist das beste an der Sache!" erwiderte Armstrong und strahlte über das ganze Gesicht. "Jedes Jahr erhält derjenige Weltreisende einen Preis – eben den Goldenen Globus – ‚ der auf einer Reise das interessanteste und eigenartigste Abenteuer erlebt hat. Im vorigen Jahr wurde der Goldene Globus einem Mitglied zuerkannt, das mit Schiffbrüchigen drei Wochen auf offenem Meere verbracht hatte. Sie können sich daher vorstellen, was dieser Bergsturz für mich bedeutet. Als unsere Lage fast hoffnungslos schien, war ich allerdings sehr niedergeschlagen, denn was nützt mir der Goldene Globus, wenn ich bei dem Reiseabenteuer, mit dem ich ihn erringen kann, mein Leben einbüsse? Aber jetzt ist alles in Ordnung. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass mein Anspruch auf den Preis durchaus berechtigt ist?"
Erwartungsvoll blickte der begeisterte Weltreisende in die Runde. Allgemein wurde ihm zugestimmt, und er fuhr fort: "Ich werde drüben über mein Erlebnis einen Vortrag halten und dazu meine Bilder vorführen. Das Dumme ist nur, dass mir die Filme ausgegangen sind. Diese Telegraphenstation hätte ich noch gerne photographiert." "Kann geschehen, wird sogleich gemacht!" Ein Holländer, der völliges Verständnis für Armstrongs Nöte hatte holte seinen Photoapparat. Dann flammte ein Blitzlicht auf, das Jeanne und Carlo in der niederen Nische auf ihrer Kiste grell beleuchtete. Später war dieses Bild, das die eigenartigste Telegraphenstation der ganzen Welt zeigte, in allen Blättern zu sehen.
Das Extrabbatt der "Neuen Schweizer Zeitung" war erschienen und brachte in grosser Aufmachung die Mitteilung von der Aufnahme der Verbindung mit dem im K. T. 1 eingeschlossenen Gotthardexpress. Nachdem man fünf Tage lang im Ungewissen über das Schicksal des Zuges gewesen war, löste die gute Botschaft überall grosse Erleichterung aus. Die "Neue Schweizer Zeitung" konnte wieder einmal zufrieden sein. Sie hatte auch diesmal den Rahm abgeschöpft und gleichzeitig im Dienste einer guten Sache gewirkt. Im Bulletin der Bahnverwaltung wurde mitgeteilt, dass am Nachmittag des folgenden Tages der Durchbruch in den Tunnel erfolgen würde. Da anzunehmen war, dass sehr viele Neugierige herbeiströmen würden, wurde gleichzeitig bekanntgegeben, dass während dieser Zeit nur den Angehörigen der Eingeschlossenen der Zutritt zum Bergsturzgebiet gestattet sei.
Ingold hatte eine sehr lebhafte Schilderung der Nahrungsmittelsorgen im Tunnel gegeben, die Lebensweise der eingeschlossenen Menschen packend dargestellt und auch viele Einzelheiten über die Personen gebracht, die in besonderem Masse zum Wohlergehen der Verunglückten beigetragen hatten. Eingehend befasste das Extrablatt der "Neuen Schweizer Zeitung" sich mit dem jungen Tessiner, dem es gelungen war, die Verbindung mit der Aussenwelt herzustellen, da Ingold genau wusste, wie sehr das Publikum derartige Einzelheiten schätzt. Er hatte die Mühe nicht gescheut, Rossis Mutter aufzusuchen, um sich von ihr das Leben des jungen Bahnbeamten erzählen zu lassen. Auch über Lokomotivführer Merz, Zugführer Weber, die beiden Kondukteure und das Speisewagenpersonal wurde lebendig berichtet. Ausführlich schilderte Ingold den unterirdischen Telegraphenbetrieb und das junge Mädchen, das dort den Dienst besorgte. Die Tatsache, dass man damit rechnete, im Laufe der Nacht oder in den Morgenstunden den Eingeschlossenen Nahrungsmittel zuführen zu können, war ebenfalls erwähnt. Zu diesem Zweck waren umfangreiche Vorbereitungen getroffen worden, da der Umstände halber die Speisen in besonderer Form hergestellt werden mussten.
Der Abendrapport im Gepäckwagen des eingeschlossenen Zuges dauerte an diesem Tage etwas länger als sonst. Dr. Schmid berichtete, dass sich von den Gefangenen Bernardi im Sterben befand, während sein angeschossener Gefährte ausser Gefahr war. Der Gesundheitszustand mehrerer Zugsinsassen liess zu wünschen übrig. Das Hungern wurde teilweise sehr schlecht vertragen, und die Erregung, die der heutige Tag gebracht hatte, trug dazu bei, dass der Arzt alle Hände voll zu tun hatte. Es gab sogar Verletzte, da einige Passagiere bei Ohnmachtsanfällen unglücklich gefallen waren. Lokomotivführer Merz, der als letzter die Telegraphenstation verlassen hatte, ergriff nach dem Arzt das Wort: "Ich glaube, dass ich Sie beruhigen kann, Herr Doktor. Soeben ist noch eine Meldung gekommen, die besagt, dass man draussen damit beschäftigt ist, ein Bohrloch vorzutreiben, durch das uns Nahrung zugeführt werden soll. Allerdings muss die Bohrung sehr vorsichtig erfolgen, damit sie gelingt."
"Das wäre ein Segen!" rief Dr. Schmid. "Mit jeder Stunde wird sonst die Lage kritischer." Hierauf berichtete Zugführer Weber von einer Vereinbarung, die er mit Fräulein Vautier und Rossi getroffen hatte. Er selbst und Merz würden nachher die beiden ablösen. Jeanne hatte das Morsealphabet aufgezeichnet, so dass er sich im Notfall – allerdings langsam und unbeholfen – mit der Station Pianotondo zu verständigen vermochte. Der Telegraphenapparat sollte keine Minute ohne Aufsicht sein, damit allfällige Meldungen von draussen gleich in Empfang genommen werden konnten. Nach Mitternacht würde der Oberleutnant mit einem Soldaten die Telegraphenwache übernehmen. Da kam plötzlich Rossi hereingestürmt. Er schwang ein Blatt Papier in der Hand und rief strahlend: "Eine gute Nachricht! Soeben ist telegraphiert worden, dass wir in einigen Stunden ein richtiges, vollständiges Frühstück erhalten werden! Brot und Butter in genügender Menge! Und als Getränk Ovomaltine bis zum Überfluss! Wir sollen alles vorbereiten."
Sasselli, der Küchenchef, war wie elektrisiert. Nun endlich gab es für ihn zu tun! Eifrig sagte er: "Ich bitte, als erstes das Speisewagenpersonal zu alarmieren, wenn es so weit ist. Es nimmt mich nur wunder, wie man diese Fütterung von aussen bewerkstelligen will. Nun, das ist nicht meine Sorge. Die Hauptsache ist, dass ich endlich wieder etwas Vernünftiges im Speisewagen servieren kann." Dr. Schmid unterbrach den Begeisterungsausbruch des Küchenchefs lächelnd: "Wir müssen jedoch mit diesem richtigen, vollständigen Frühstück vorsichtig sein. Die allzu geschwächten und empfindlichen Passagiere dürfen anfangs nur ganz geringe Portionen erhalten, bis ihr Magen sich wieder ans Essen gewöhnt hat." Während der Zugführer mit dem Oberleutnant den üblichen letzten Gang durch den Zug machte, teilte er den Passagieren mit, dass im Laufe der Nacht von draussen Nahrung hereinkommen werde. Diese Nachricht löste unbeschreiblichen Jubel aus, und es währte diesmal lange, bis sämtliche Zugsinsassen sich zur Ruhe legten.