ACHTZEHNTES KAPITEL
In aller Frühe begann Rossi mit seiner Arbeit. Vom Tunnelausgang an ging er den Kabeln nach. Eine Laterne, die er sich von den Kondukteuren ausgeliehen hatte, leuchtete ihm. Schliesslich kam er zu der Nische, in der das Telephon untergebracht war. Hier befand sich auch der Anschlusskasten des dicken Kabels, das er schon untersucht hatte. Unter dem grossen Anschlusskasten war aber noch ein kleinerer befestigt, den er bis jetzt nicht beachtet hatte. Er öffnete ihn. Was er sah, war nichts Aussergewöhnliches: zwei durch eine Kupferlasche miteinander verbundene Anschlussklemmen. Sinnend betrachtete er die Einrichtung. Halt – das war doch eine typische Reihenschaltung! Wahrscheinlich diente sie dazu, irgendeinen Apparat oder einen Beleuchtungskörper anzuschliessen, der gelegentlich im Tunnel benötigt wurde. Bei Nichtgebrauch schloss die Kupferlasche den Stromkreis; also stand das Kabel normalerweise unter Spannung. Hoffentlich war es nicht auch zerrissen.
Das wollte er sogleich untersuchen. Mit dem Schraubenzieher berührte er eine der Klemmen und näherte ihn dann der Einfassung des Kastens... Ein heller Lichtbogen blendete ihn einen Augenblick: "Strom!" Laut hatte er es gerufen. Hier floss Strom – das heisst, er war geflossen; denn er selbst hatte den Stromfluss durch den von ihm verursachten Erdschluss unterbrochen. Angestrengt dachte er nach. Irgendwo war infolge des Erdschlusses eine Sicherung durchgebrannt. Aber wo? Und wurde die Unterbrechung überhaupt bemerkt? Handelte es sich vielleicht nur um eine unbedeutende Nebenleitung, die irgendwo an einer unbeachteten Stelle endete? Aber die Leitung kam von oben her, von Pianotondo. Also war anzunehmen, dass irgendwelche Stromverbraucher daran angeschlossen waren, vielleicht Lampen... Lampen?
Wenn diese Vermutung zutraf, so mussten sie soeben verlöscht sein; war aber irgendein Apparat angeschlossen, so funktionierte er jetzt nicht mehr. Lampen... ? Ein Gedanke durchzuckte ihn – die Glühbirne auf dem Führerstand. Ja, jene Glühbirne, die er fast gegen die Tunnelwand geschmettert hätte wie der kleine Peppino, weil sie nicht auf die Lokomotive gehörte und scheinbar nicht gebraucht werden konnte. Und Jeanne. Sie kannte das Morsealphabet... Rossi war über alle Massen erregt. Fieberhaft arbeiteten seine Gedanken. Wenn die draussen den Erdschluss bemerkt hatten... und wenn man hier vom Tunnel aus Zeichen gab... dann war das ja ein richtiger Telegraph! Welche Möglichkeiten... Die unnötige Glühlampe wurde plötzlich ein kostbarer Schatz. Sie sollte als Empfangsgerät dienen. Er warf noch einen Blick auf den Anschlusskasten. Nein, einen zweiten Erdschluss wollte er nicht wagen. Was er für seinen Plan brauchte, wusste er – er stürzte zurück zur Lokomotive.
Dort legte er die einst missachtete Glühbirne vorsichtig in seine Mütze. Von ihr hing jetzt alles ab. Sie trug den Vermerk "220 V" – die normale Beleuchtungsspannung. Hoffentlich traf das für das Kabel zu... doch liess der Lichtbogen beim Erdschluss auf eine ähnliche Spannung schliessen. Was er sonst noch brauchte, war nicht viel. Er demontierte im Maschinenraum einen einpoligen Messerschalter mit einem Isoliergriff. Das würde einen brauchbaren Morsetaster geben, etwas schwerfällig zwar, aber es würde gehen. Dann schraubte er einige Leitungsdrähte los, die er braucht; um die Anschlüsse herzustellen. Aus Kisten im Gepäckwagen zog er einige Nägel. Das ganze Material legte er in ein Kistchen. Er wollte gerade die Lokomotive verlassen, als Merz herbeikam und verwundert fragte: "Hallo, Carlo, was hast du im Sinne? Was willst du mit dem Zeug?" "Ach, nur ein Versuch, Merz. Ich bin da auf einen Gedanken gekommen. Wenn alles klappt, können wir in einigen Stunden mit denen draussen sprechen."
Übermütig setzte er noch hinzu: "Vielleicht sogar mit New York!" Merz lachte. "Keine schlechte Aussicht! Alles Gute! Wenn du Hilfe brauchst, kannst du mich rufen!" "Danke. Aber vorerst... " Rossi legte den Zeigefinger auf die Lippen, "... zu keinem Menschen ein Wort. Erst wenn der Versuch wirklich geglückt ist, sollen die Leute etwas erfahren." "Einverstanden", nickte Merz.
Rossi nahm sein Kistchen unter den Arm und begab sich wieder zur Telephonnische. An jeder Klemme des Anschlusskastens befestigte er ein Stück Draht. Das freie Ende des einen Drahtes schloss er an die eine Klemme des Messerschalters, das andere, von dem er die Isolation ein ganzes Stück weit entfernt hatte, wickelte er um die Windungen der Glühlampe, deren zweiten Pol er durch einen dritten Draht mit der anderen Klemme des Schalters verband. Nun war der Stromkreis hergestellt. Er prüfte sein Werk, bevor er weiter arbeitete. Dann befestigte er die ganze Einrichtung mit Nägeln auf dem Kistchen, damit sich die Drähte nicht lösen und der Schalter sich beim Öffnen und Schliessen nicht bewegen konnte. Vorerst liess er den Schalter offen. Aber als er die Kupferlasche zwischen den beiden Klemmen des Anschlusskastens entfernte, gab es einen kleinen Funken – also war draussen der Erdschluss bemerkt und die durchgebrannte Sicherung ersetzt worden.
Behutsam nahm Rossi den Schaltergriff in die Hand. Die nächste Bewegung – das Einschalten – würde zeigen, ob seine Überlegungen richtig gewesen waren, und ob die Glühlampe die Spannung aushielt. Er zögerte, die entscheidende Bewegung auszuführen. Vorsichtig senkte er den Griff... , jetzt berührte der Schalter die Kontakte... ein kleiner Funke sprang über... , die Nische erstrahlte in hellem Licht... die Lampe brannte. Rossi öffnete den Schalter wieder... Dunkel... doppelt undurchsichtig, nachdem das helle Licht die Augen geblendet hatte.
Strom war also vorhanden – die Hauptsache war nun, dass draussen die Unterbrechung der Leitung bemerkt würde. Wohin führte die Leitung wohl? Wahrscheinlich zur Blockstation Pianotondo, denn das war das nächstgelegene Dienstgebäude. Wenn diese Vermutung zutraf, dann war die Möglichkeit gegeben, eine Verbindung mit der Aussenwelt herzustellen. Und nun zu Jeanne, der Telegraphistin, der Unterweltstelegraphistin, wie er sie scherzhalber genannt hatte, ohne zu ahnen, dass sie es in Wirklichkeit werden sollte. Rasch befestigte er wieder die Kupferlasche zwischen den beiden Anschlussklemmen und eilte zur "Ile de France".
"Jeanne, Jeanne!" rief Rossi laut. Das Fenster des Abteils wurde geöffnet, und Frau Besson schaute heraus. "Ah, Herr Rossi", sagte sie freundlich. "Jeanne zieht sich gerade an. Einen Augenblick, bitte."
Jeanne beeilte sich mit dem Ankleiden. Was mochte wohl der Grund sein, dass Carlo so dringend nach ihr verlangte? Aus seinen Rufen hatte deutlich Aufregung geklungen. Als sie neugierig an das Fenster trat, erschrak sie über den Anblick, den Rossi bot. Wirr hing ihm das Haar in die Stirne, Gesicht und Hände waren über und über beschmutzt. Doch er liess ihr keine Zeit, sich über sein Aussehen Gedanken zu machen. "Komm rasch, Jeanne. Wir wollen telegraphieren!" rief er ihr zu. "Telegraphieren?" wiederholte sie verwundert. "Ja! Komm rasch und bring Papier und Bleistift mit! Alles andere erkläre ich dir nachher. Ich habe Verbindung mit draussen!" "Wirklich? Ich komme sofort!" Sie wurde von solcher Aufregung und Erwartung ergriffen, dass es ihr nicht einmal auffiel, dass Rossi sie in seinem Eifer geduzt hatte.
Erst viel später kam ihr diese Tatsache zum Bewusstsein, nachdem auch sie, ohne es zu merken, Rossi gegenüber die förmliche Anrede aufgegeben hatte. Rasch kramte sie aus einem Koffer Schreibblock und Bleistift hervor und teilte dem Ehepaar Besson in überstürzten Worten mit, dass Rossi sie gebeten habe, mit ihm zu kommen, da er sie bei einer wichtigen Arbeit brauche. Lächelnd empfahl ihr daraufhin Herr Besson, sich dabei ja nicht zu überanstrengen. Vor dem Wagen ergriff Rossi ohne alle Umstände Jeannes Hand und zog sie mit sich fort zur Telephonnische. Er nahm sich nicht einmal Zeit, ihr irgendwelche Erklärungen zu geben. Jeanne erblickte in der Nische die einfache Apparatur. Eine grössere Kiste, die als Sitzgelegenheit dienen sollte, stand davor.
Jeanne setzte sich und betrachtete staunend Rossis Werk. Er löste die Lasche zwischen den beiden Klemmen und schaltete ein. Hell flammte die Glühbirne auf. Verwundert rief Jeanne: "Oh wie hell! Das blendet ja geradezu!" Nun erst erklärte ihr Rossi, auf Grund welcher Überlegungen er die Einrichtung hergestellt hatte und was er davon erhoffte. Seine Augen glänzten. Aufmerksam hörte Jeanne ihm zu. Sie begriff sogleich, wie wichtig dieser Versuch für alle im Tunnel Eingeschlossenen war. "Jetzt senden wir SOS, Jeanne", sagte Rossi abschliessend. "Die draussen werden das Zeichen verstehen und daraufhin zum mindesten aufmerksam werden, denn es besagt ja schliesslich, dass jemand dringender Hilfe bedarf. Sie werden dann warten, was weiter geschieht, und schliesslich antworten. Daraus ergibt sich dann, was wir tun müssen." "Dann müssen wir aber lange Zeit nichts anderes als SOS senden, immer und immer wieder. Wer weiss, wo und unter welchen Umständen die Zeichen beachtet werden."
"Natürlich! Vielleicht werden sie überhaupt erst bei Nacht wahrgenommen, wenn ein Beleuchtungskörper in den Stromkreis eingeschaltet ist. Aber nein..." Rossi schlug sich an die Stirne. "... Die Sicherung ist ja sofort ersetzt worden, nachdem ich Erdschluss verursacht hatte." "Also los!" drängte Jeanne. Sie ergriff den Hebel des Schalters, öffnete ihn und schloss ihn in einem bestimmten Rhythmus. SOS Dann wartete sie einen Augenblick. Nichts... das Licht brannte weiter. Wieder betätigte Jeanne den Schalter. SOS Erneut machte sie eine kleine Pause, dann wieder SOS ... in kurzen Zwischenräumen immer dasselbe... dringend... , abgehackt. Schweigend verharrten die beiden jungen Menschen. Rossi hatte ein Stück Karton um die helle Glühlampe gelegt, so dass sie ihren Schein nur noch warf. Auf diese Weise wurden die Augen nicht mehr geblendet, während das Licht zur Beobachtung der gegebenen Zeichen durchaus genügte.
Nach einer Viertelstunde, während der Jeanne immer wieder SOS gesendet hatte, sagte Rossi: "So, nun haben sie die Signale draussen vielleicht bemerkt. Jetzt fügen wir KT1 bei. Dann weiss man, falls jemand die Zeichen beobachtet hat, woher der Ruf kommt. Vielleicht erhalten wir daraufhin Antwort." Jeanne ergriff von neuem den Schalter. Das Licht flammte wieder in unregelmässigen Abständen auf und erlosch in kurzen Zwischenpausen. SOS KT1 Plötzlich erlosch die Lampe. Gespannt warteten die beiden. Was war geschehen? War die Leitung unterbrochen worden? Oder war etwa die Glühbirne ausgebrannt? Dieser Gedanke war niederschmetternd – dann waren alle ihre Bemühungen erfolglos. Schweigend sassen sie nebeneinander auf der Kiste. Sie waren von ihrer Tätigkeit so gefangen, dass sie nicht einmal bemerkten, wie eng der schmale Platz ihre Körper aneinander drängte. Sie warteten... der Schalter blieb geschlossen... , alles war dunkel.
Plötzlich zuckte das Licht auf... , erlosch... , kam von neuem... einmal... , zweimal... , in regelmässigen Abständen... zehnmal hintereinander. Jeanne erklärte, dieses Zeichen nicht zu kennen. "Also senden wir von neuem unseren Hilferuf", meinte Rossi. Wieder flammte das Licht in ungleichmässigen Abständen auf: "SOS KT1". Mit kurzen Zwischenräumen sandte Jeanne ihre Notzeichen hinaus, irgendwohin. Wurde es beachtet? Sie hörte auf. Einige Minuten vergingen – dann flammte das Licht unregelmässig auf, erlosch, flammte auf. Morsezeichen. Jeanne ergriff den Bleistift und wollte notieren. Aber sie konnte nicht folgen; die Zeichen kamen zu rasch. Auf der anderen Seite musste ein geübter Telegraphist tasten. Schnell ergriff Jeanne den Schalter und meldete zurück: "Langsam". Da kamen die Zeichen wieder, langsam und deutlich: "Verstanden. Hier Pianotondo."
Jeanne hatte mitgeschrieben; dann liess sie den Bleistift sinken und blickte ihren Kameraden an. Tränen liefen über ihre Wangen. Sie hatten Verbindung mit der Aussenwelt... nach fünf langen Tagen. Welch ein Erlebnis! Rossi legte schweigend seinen Arm um die schlanke Gestalt an seiner Seite. Sie neigte den Kopf und lehnte die Stirne an seine Schulter, ebenso wortlos wie er. Mit geschlossenen Augen sass sie da. Sie vermochte keinen Gedanken zu fassen. Langsam, vorsichtig richtete Rossi sich auf und zog Jeanne in die Höhe. Behutsam hob er ihren Kopf. Dann presste er seine Lippen auf die ihren. Wieder und wieder küsste er sie. Er hielt sie fest umschlungen. Das Schicksal hatte entschieden und ihm das grösste Glück zugeführt. Er wollte es halten und beschützen. Leise strich er mit der Hand über ihr Haar. Nichts weiter als "Jeanne" vermochte er zu flüstern.
Die Glühbirne blitzte auf. Die draussen warteten natürlich ungeduldig auf weitere Meldungen, sie wunderten sich wohl über die Pause. Die beiden jungen Menschen blickten einander verwirrt an. Noch ein Kuss... dann setzten sie sich rasch wieder auf die Kiste. Jeanne sandte die erste Meldung nach aussen: "Hier KT1 stop Eingeschlossene befinden sich wohl stop Wann kommt Rettung?" Die Antwort kam sofort, langsam, deutlich: "Hier Pianotondo stop Durchbruch erfolgt morgen nachmittag stop habt ihr noch zu essen?" Rossi schrieb sogleich die Antwort auf ein Blatt Papier. Jeanne las ab und morste weiter: "Pro Person eine Tafel Schokolade stop Tee reichlich desgleichen Zigaretten stop für Kinder genügend Nahrung." Die Antwort lautete: "Nahrungslieferung heute nacht möglich." Da unterbrach Rossi ihre eifrige Arbeit, indem er sagte: "Jetzt muss ich aber den andern Bescheid sagen!" "Ja, Carlo. Doch dann werden alle kommen. Dann sind wir nicht mehr allein." Sie erhob sich, und noch einmal küssten sie sich.
Während Rossi zum Gepäckwagen eilte, morste Jeanne das Wort "Pause" nach Pianotondo und überliess sich dann ihren Gedanken. Beim Gepäckwagen angekommen, stürzte Rossi in den Raum, in dem sich seine Kollegen aufhielten. Er atmete keuchend; in abgerissenen Worten stiess er hervor: "Wir haben telegraphiert... Pianotondo hat geantwortet... Morgen nachmittag werden wir befreit!" Er lehnte sich an die Wand und atmete heftig. Die Männer fuhren auf: "Was sagst du da? Mach keine Witze!" Misstrauisch musterte der Zugführer Rossi von oben bis unten. Seine Miene verriet deutlich, dass er den erregten jungen Mann für krank hielt. Doch da sagte Merz: "Es wird schon stimmen. Rossi ist ein Teufelskerl. Vor ein paar Stunden sagte er mir, dass er einen Versuch machen wolle. Augenscheinlich ist der Versuch gelungen. Was ist los, Carlo?"
Rossi sprudelte hervor: "Das zweite Kabel... das dünne... führt Strom! Wir haben Verbindung mit Pianotondo! Von dort ist Antwort gekommen! Morgen werden wir gerettet, und heute nacht gibt es zu essen! Kommt mit und schaut!" "Also los! Bravo, Carlo, das hast du fein gemacht!" rief Merz aus. "Aber du sagtest: wir haben Verbindung. Wer ist wir?" "Jeanne und ich! Sie kann doch morsen!" Von allen Seiten wurde gerufen, gelärmt. Die Freude über die gute Nachricht war allgemein. Alle scharten sich um Rossi, um ihm die Hand zu schütteln. Rossi aber drängte zum Aufbruch; er fieberte zu Jeanne zurückzukehren. Rasch begaben sich alle zur Telephonnische. Jeanne nahm gerade eine Meldung ab. Rossi deutete auf sie und sagte: "Das ist unsere Telegraphistin, Jeanne Vautier." Und leise fügte er, zu Merz gewandt, hinzu: "Meine Braut." Ebenso leise erwiderte Merz: "Du bist ein Teufelskerl, Carlo. Ich gratuliere dir von Herzen. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre... " Er lachte. "Also alles Gute."
Rasch wurde die wichtige Neuigkeit, dass die Verbindung mit der Aussenwelt hergestellt worden war, auch im Zuge bekannt. Die Passagiere strömten herbei. Dicht standen die Leute vor der Nische, um einen Blick auf die Einrichtungen zu werfen. Die meisten verstanden zwar nicht viel vom Telegraphieren, aber das Aufleuchten und Verlöschen des Lichtes in unregelmässigen Abständen besagte immerhin, auf welche Weise die Nachrichten in ihrer geheimnisvollen Zeichensprache gegeben und empfangen wurden.
Der Zugführer teilte die bisher erhaltenen Meldungen den Passagieren mit. Mit freudigen Rufen wurden die guten Nachrichten beantwortet. Die Rettung nahte – nun hatte man Gewissheit. Mit einem Schlage war alle Mutlosigkeit verschwunden, und überall wurde lebhaft geplaudert. Da sagte der Zugführer mit erhobener Stimme: "Meine Herrschaften, vorerst müssen wir den dienstlichen Verkehr mit den Bahnbehörden draussen erledigen. Hernach kann jeder Zugsinsasse seinen Angehörigen Nachricht zukommen lassen. Fräulein Vautier hat sich bereit erklärt, alle Meldungen zu übermitteln. Ich bitte, den Text in möglichst knapper Form zu Papier zu bringen. Wir werden die Telegramme in einer Stunde im Zuge einsammeln!"
Die Begeisterung über diese Aussicht war grenzenlos. Jeanne wurde umdrängt und mit Dankesworten überschüttet. Lachend wehrte sie ab, und es kostete Rossi einige Mühe, sie von ihren wohlmeinenden Peinigern zu befreien. Doch endlich waren Jeanne und Rossi wieder allein. Von Zeit zu Zeit kam ein Beamter, der vom Büro im Gepäckwagen Meldungen brachte und die erhaltenen Weisungen mitnahm. Rasch verging die Zeit. Im Zuge hörte man wieder frohes Lachen und Plaudern. Erst jetzt wurde allen so recht bewusst, wie drückend die Stille der beiden letzten Tage gewirkt hatte.
Jeanne war eifrig bei der Arbeit. Eine Meldung nach der anderen gab sie durch, und mit Entsetzen erfuhr sie die Einzelheiten über die Vorkommnisse der vergangenen Nacht, während sie die Verwaltung von dem Überfall in Kenntnis setzte. Von den Passagieren erkundigte sich kaum einer nach diesen Vorgängen, die anfänglich grosse Aufregung verursacht hatten, obwohl sie nur teilweise bekannt geworden waren. Jetzt dachten selbst die Neugierigsten nicht mehr daran – der Telegraph stand im Mittelpunkt des Interesses. Die Beamten waren froh, dass sie nicht mehr mit Fragen behelligt wurden. Später würden die Zeitungen ohnedies über alle Einzelheiten berichten.