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SIEBZEHNTES KAPITEL

Die Wache im Gepäckwagen schritt leise auf und ab. Der Raum, in dem die Esswaren und seit dem Schokoladediebstahl auch alle wertvollen Stückgüter aufbewahrt wurden, war nur schwach erhellt. Die Türe gegen den grossen Raum, wo die Kameraden und das Personal schliefen, war angelehnt. Dieser Türe gegenüber befand sich in der Stirnwand des Wagens eine zweite, durch deren Glasscheiben man die Rückwand der Lokomotive sah.
Langsam verstrich die Zeit. Der Soldat ging hin und her. Acht Schritte von einer Seitenwand zur andern, hart an den aufgestapelten Kisten vorbei. Schon oft hatte er im Scheine der Laterne die Absender und Adressen der verschiedenen Sendungen gelesen. Die meisten sagten ihm nichts, aber vor einer merkwürdig schmalen Kiste machte er immer wieder halt. Alle möglichen Aufschriften, dazu rote, blaue und grüne Zettel klebten auf dem Deckel, der durch starke Eisenbänder gesichert war. "Express" – "Nicht stürzen" – "Eingeschrieben" stand auf den Zetteln. Absender war das Mailänder Museum, Empfänger das Zürcher Kunsthaus, und die Wertangabe war unwahrscheinlich hoch. Der Soldat überlegte noch, was für ein wertvolles Gemälde hier wohl so gut verpackt vor ihm stehen mochte, als sein Kamerad Lässer die Verbindungstüre öffnete. Ablösung!
Die beiden Füsiliere wechselten einige leise Worte, dann verschwand der Abgelöste durch die innere Türe. Eine Zeitlang blieb Lässer auf einem Fleck stehen, doch schliesslich nahm auch er die Wanderung auf... acht Schritte vor, acht Schritte zurück. Die Zeit schien stillzustehen. Sinnend betrachtete Lässer die Kisten. Hin und wieder blieb er stehen und horchte. Im Nebenraum bewegten sich die schlafenden Männer auf ihrer harten Unterlage, und mitunter stöhnte einer von ihnen in schwerem Traum. Zwei Stunden dauerte die Wache. Dann konnte Füsilier Lässer sich für vier Stunden ausruhen; nachher hatte er oben beim Tunnelausgang zwei Stunden Wache zu stehen.
Da... was war das? War nicht ein leises Geräusch vor dem Wagen zu hören gewesen? Angespannt horchte Lässer. Alles war still. Offenbar hatte er sich getäuscht. Nach einer Weile nahm er seinen Gang wieder auf, acht Schritte hin, acht Schritte her. Wieder blieb er stehen... Ganz deutlich hatte er ein leichtes Zittern des gefederten Wagens gespürt! Einer der Schläfer mochte aufgestanden sein, oder kam vielleicht schon die Ablösung? Aber es war doch noch eine halbe Stunde bis zur festgesetzten Zeit... Mit einem Ruck wandte sich Lässer um. Ein leiser Lufthauch hatte ihn getroffen, von der Stirnwand des Wagens her. Er schaute zur Türe... Verdammt, die war doch geschlossen gewesen...! Jetzt stand ein schmaler Spalt offen. Im schwachen Laternenlicht sah er, wie sie sich langsam weiter öffnete. Auf einmal erblickte er einen Schatten... Im Nu war das Gewehr entsichert und im Anschlag. "Halt, wer da!" Peng... peng...
Ein Schlag traf sein Bein. Beim Aufblitzen der Schüsse sah Lässer den Angreifer und rief: "Halt, Hände hoch!" Der andere hob abermals seine Waffe... Peng... pang... Gleichzeitig hatten beide abgedrückt... ein Schrei... ein dumpfer Fall... Ein zweiter Schatten sprang auf Lässer zu. Wieder drückte der Soldat ab. Pang... der andere schrie auf... , fiel hin... Lässer wollte ihn packen, doch wie eine Schlange wand sich der Mann, erhob sich keuchend, rannte zur Türe und verschwand im Dunkel des Tunnels. Zu Lässers Füssen lag eine reglose Gestalt. Die Tür zum Nebenraum wurde aufgerissen, die Kameraden stürzten herein. Vor dem Wagen ertönte Lärm... ein Schrei... Keuchen... ein dumpfer Fall... "Ergib dich, Hund... verdammter!" Das war doch die Stimme des Oberleutnants. Ächzen und Röcheln wurden hörbar... die Soldaten stürmten hinaus. Draussen wurden unterdrückte Stimmen laut. Dann ein gellender Pfiff – der Schotter zwischen den Geleisen rollte – auf einmal war alles still.
Lässer stand vor seinem Opfer... langsam sickerte Blut aus der Brust des Angreifers, färbte seinen braunen Pullover mit dem grossen eingestickten "V". Der Zugführer, Merz, die Kondukteure waren herbeigeeilt. Niemand rührte sich. Der Kampf war vorbei, ein junger Mann, der eine Narbe über der rechten Augenbraue hatte, lag reglos am Boden. Erst als Dr. Schmid erschien, löste sich der Bann. Der Arzt kniete bei dem Toten nieder. Plötzlich sank Lässer ohnmächtig zu Boden. Der Arzt eilte gleich zu ihm und stellte fest, dass er einen Schuss in den rechten Oberschenkel erhalten hatte. "Den Verbandkasten, schnell!" rief Dr. Schmid. Der Kondukteur Olgiati, der Sanitäter war und Mitglied eines Rotkreuzvereins, reichte dem Arzt mit kundiger Hand die notwendigen Hilfsmittel. In diesem Augenblick betraten Oberleutnant Gallino und Rossi den Wagen. Dem Offizier lief Blut von der Stirne. Die Soldaten, die ihnen folgten, schleppten einen bewusstlosen Mann herein, ihren Gefangenen.
"Der hat genug, der Hund." Keuchend hatte es Rossi hervorgestossen. Reglos lag der Gefangene auf dem Boden. Es war ein junger Mann, auf dessen Brust gleichfalls das "V" des Fussballklubs "Vittoria" prangte.

Vor dem Wagen ertönten aufgeregte Rufe. Viele Passagiere waren durch die Schüsse aus dem Schlaf gerissen worden und eilten jetzt erschreckt herbei. Zugführer Weber trat vor den Wagen: "Ruhe, meine Herrschaften, bitte Ruhe." "Was ist vorgefallen? Was gibt‘s?" wurde in allen Sprachen gefragt. Erregte, verstörte Gesichter starrten den Zugführer an. "Es wurde ein Überfall auf die Nahrungsmittel verübt", erklärte Weber. "Die Wache hat den Angriff abgeschlagen, die Diebe sind verhaftet. Es besteht also kein Grund zur Unruhe." "Wer sind die Diebe?" fragte empört der Amerikaner Armstrong.
"Morgen werden Sie genauen Bericht erhalten", antwortete Weber ruhig. "Vorerst muss ich Sie bitten, wieder Ihre Wagen aufzusuchen. Wie gesagt, es besteht durchaus kein Grund zur Unruhe. Der Fall ist natürlich bedauerlich, doch die Diebe werden ihre Strafe erhalten." "Aber es ist ja geschossen worden!" rief eine Frau mit bebender Stimme. "Gewiss!" war Webers wahrheitsgemässe Antwort. "Der Wachtposten wurde angegriffen und schoss auf die Angreifer. Es gab Verwundete. Deshalb möchte ich Sie nochmals bitten, meine Herrschaften, sich wieder in Ihre Abteile zu begeben. Die Verwundeten brauchen Ruhe." Teils einsichtsvoll, teils widerwillig entfernten sich daraufhin die Leute langsam. Einige stiessen in ihrer Erbitterung Drohungen gegen die unbekannten Täter aus. Eine Frau schluchzte laut.
Im Gepäckwagen war unterdessen Lässer, der infolge starken Blutverlustes das Bewusstsein verloren hatte, behandelt worden. Man hatte ihm das Hosenbein aufgeschnitten. Am Oberschenkel war eine Schusswunde. Die Einschussöffnung war klein, doch hatte das Projektil wohl den Knochen gestreift, dann als Querschläger gewirkt und infolgedessen auf der andern Seite eine grosse, klaffende Wunde hinterlassen, die stark blutete. Leise stöhnte Lässer, als die Sonde in die Wunde fuhr, um einige Tuchfetzen zu entfernen. Gewissenhaft desinfizierte der Arzt und machte dem Patienten eine vorbeugende Einspritzung gegen Starrkrampf.
Die beiden andern Schüsse des Angreifers waren fehlgegangen. Der erste Schuss war auf Brusthöhe durch die Uniform gedrungen und hatte an der Seite die Haut gestreift, aber nur eine Schramme verursacht. Der dritte Schuss hatte den Soldaten überhaupt nicht getroffen. Als Lässer behandelt war, wurde er auf einige Decken und Mäntel gebettet; nach einiger Zeit kehrte das Bewusstsein zurück. Auch Oberleutnant Gailino wurde verbunden. Die Mütze verdeckte den Verband, der ihm um die Stirne gelegt werden musste. Der Gefangene lag immer noch in tiefer Ohnmacht. Dr. Schmid untersuchte ihn und stellte fest, dass er unverletzt war. "Das verstehe ich nicht", sagte Lässer mit schwacher Stimme. "Wenn der Gefangene keine Verletzung hat, müssen noch mehr Leute an dem Überfall teilgenommen haben. Der Tote war der erste Angreifer – das steht fest, und den zweiten habe ich sicher angeschossen, denn nach dem zweiten Schuss schrie er auf und fiel hin. Als ich ihn packen wollte, ist er mir entwischt."
Oberleutnant Gallino meldete sofort, dass fünf oder sechs Gestalten in der Nähe des Gepäckwagens zu sehen gewesen waren, als er und Rossi in den Tunnel sprangen. Der Gefangene hatte am nächsten gestanden. Die anderen waren auf den Pfiff hin, der beim Auftauchen der Soldaten erfolgte, verschwunden. "Wir wissen natürlich", fügte Gallino hinzu, "mit wem wir es aller Wahrscheinlichkeit nach zu tun haben. Diese beiden Burschen tragen den Pullover des Fussballklubs Vittoria. Zugführer Weber weiss, dass ich die Leute von Anfang an für verdächtig hielt. Jetzt bin ich meiner Sache sicher. Wer meldet sich freiwillig, um die Bande ausheben zu helfen?" Wie auf dem Exerzierplatz klappten die Absätze der Soldaten zusammen. Zugführer Weber und die beiden Kondukteure nahmen ebenfalls Stellung an. Zugführer Weber meldete kurz: "Herr Oberleutnant! Wachtmeister Weber, Korporal Olgiati, Gefreiter Kunz bitten, mitkommen zu dürfen."
Gallino war nicht sehr erstaunt, unter den Eisenbahnern frühere Soldaten zu finden. Er dankte und gab dann folgenden Befehl: Wachtmeister Weber sollte mit drei Mann die dem Zug näher gelegene Tunnelseite absuchen, während er selbst mit vier Mann das zweite Geleise und die Tunnelnischen auf der anderen Seite kontrollieren wollte. Rossi, der sich gleichfalls zu den Freiwilligen gesellt hatte, bekam den Auftrag, mit den beiden Kondukteuren möglichst unauffällig in den Wagen selbst Nachschau zu halten. Die drei Patrouillen sollten gemeinsam vorrücken und in steter Verbindung miteinander bleiben. Vor dem letzten Wagen sollten die drei Gruppen zusammentreffen; vorher war vermutlich kein Widerstand zu erwarten. Dann überreichte der Oberleutnant Rossi seine Dienstpistole, während er selbst den Karabiner Lässers ergriff. Weber erhielt die Pistole des Erschossenen. Hierauf wurden die Azetylenlaternen auf höchste Lichtstärke gebracht, so dass sie wie Scheinwerfer wirkten. Damit waren die drei Patrouillen bereit.
Bis zum letzten Wagen waren sie, wie vermutet, anstandslos durchgekommen. Rossi hatte mit seinen Leuten am längsten gebraucht, denn immer wieder war er mit Fragen bestürmt worden. In einem Abteil hatte sich ihm ein würdiger Herr als Oberrichter Agostinetti aus Bellinzona vorgestellt. Rossi hatte ihn um einen Ausweis gebeten und ihn dann aufgefordert, mitzukommen. Der Oberrichter hatte die weitere Arbeit sehr erleichtert, denn seiner Autorität gelang es stets rasch, die Gemüter der Aufgeregten zu beruhigen. Rossi gab dem Richter einen Überblick über die Lage, worauf dieser ihm empfahl, alle Wagen abzuschliessen. Dies wurde dann auch von den Kondukteuren besorgt.
Vor dem letzten Wagen trafen sich die drei Gruppen verabredungsgemäss. Im Gegensatz zu allen andern waren seine Fenster nicht erleuchtet. Als Oberleutnant Gallino die Wagentür öffnen wollte, fand er sie verschlossen. Darauf liess er seine Leute Deckung nehmen und die Laternen auf die Fenster richten. Mit dem Kolben seines Karabiners pochte er an die Türe. Oberrichter Agostinetti rief: "Öffnet, im Namen des Gesetzes!" Keine Antwort. Der Offizier zögerte daraufhin nicht lange. Das erste Fenster des Wagens, das auf das zweite Geleise hinausführte, wurde eingeschlagen. Noch immer regte sich nichts im Wageninnern. Mit schussbereiten Karabinern warteten die Soldaten. Zwei bildeten mit zusammengelegten Händen einen Tritt für den Oberleutnant, der sich in den Wagen schwingen wollte. Peng... eine Kugel sauste knapp am Kopfe Gallinos vorbei; blitzschnell ging er in Deckung; seine Leute hatten keine Möglichkeit zum Schiessen gehabt.
Der Richter, der Oberleutnant und Zugführer Weber besprachen sich rasch; sie fragten auch Rossi und die beiden Kondukteure um ihre Meinung. Alle hielten es für unnütz, durch einen direkten Angriff auf die Verbrecher weitere Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Rossi war es, der auf den ausgezeichneten Gedanken kam, den letzten Wagen einfach loszukuppeln, seine Bremse zu lösen, ihn gegen das untere Tunnelende rollen zu lassen, dort den Tunnel militärisch abzusperren und einfach zu warten, bis die Leute sich – vom Hunger bezwungen – ergeben mussten, wenn nicht vorher Hilfe von der Aussenwelt kam. Oberleutnant Gallino forderte die Eingeschlossenen nochmals zur sofortigen bedingungslosen Übergabe auf. Aber nur ein Hohngelächter antwortete ihm.
So postierte er denn seine Leute etwas weiter in den Tunnel hinein, damit sie eine eventuelle Flucht der Bande durch die Fenster verhindern konnten. Wenn der Wagen einmal genügend Fahrt hatte, dann würde wohl niemand mehr versuchen, abzuspringen. Sobald der Wagen im Rollen war, sollten alle so rasch als möglich zum Ende des Tunnels eilen, wohin jetzt schon vorsorglich drei Mann beordert wurden, um die beiden letzten Nischen zu besetzen. Von dort aus konnte, genügend Licht vorausgesetzt, der Tunnel mit zwei Karabinern mühelos beherrscht werden. Der letzte Wagen hatte weder an der Rück- noch an der Stirnwand Fenster, so dass Rossi die Handbremse gefahrlos bedienen konnte. Dennoch blieb der Oberleutnant bei ihm, und zur Vorsicht wurden auch noch Bretter aussen unter die Türfallen geklemmt, so dass die Türen von innen nicht mehr geöffnet werden konnten.
Dann wurde die Kupplung gelöst. Zugführer Weber und die Kondukteure brauchten nicht einmal kräftig zu stossen – schon rollte der abgehängte Wagen dem unteren Tunnelausgang zu. Kaum merkten die Insassen, dass der Wagen fuhr, da wurden auch schon Stimmen laut. Rossi vernahm deutlich den Ruf "Notbremse". Als der Oberleutnant ihn fragend ansah, schüttelte er nur den Kopf. Die Notbremse hatte keinen Einfluss mehr auf den aus der Zugskomposition losgekuppelten Wagen; durch das tagelange Stehen war sein Pressluftvorrat erschöpft. Dann versuchten die Insassen, die Türen aufzureissen, was dank den Brettern unter den Türfallen nicht gelang. In der Zwischenzeit hatte der Wagen an Fahrt gewonnen. Er rollte schon mit ziemlicher Geschwindigkeit dahin. Ein Abspringen durch die Fenster wäre jetzt beinahe einem Selbstmord gleichgekommen.
Im Wageninnern erhob sich jetzt ein grosser Lärm. Stimmen schrien durcheinander, dann ertönten Flüche – ein Schuss krachte. Plötzlich trat Stille ein – man vernahm das heisere Wimmern eines jammernden Menschen. Wieder gellten Schreie auf – dann herrschte neuerdings Stille, nur unterbrochen von einem leisen Jammern, das augenscheinlich der Verwundete ausstiess. Jetzt betätigte Rossi die Bremse. Der Wagen verlangsamte seine Fahrt und hielt schliesslich dicht vor der Einsturzstelle. Sofort sprangen Rossi und Gallino ab, stiessen an einer Tür das Brett weg und begaben sich zu ihren Leuten in die Nischen. Doch die Vorsicht wäre nicht notwendig gewesen. Keine Minute war vergangen, da öffnete sich die Türe und einer der Eingeschlossenen erschien mit hocherhobenen Händen. Oberleutnant Gallino forderte ihn auf, in die Nische zu treten. Erst jetzt sah man, dass der Mann am ganzen Leibe zitterte, dass er schreckensbleich war und kaum sprechen konnte.
"Wir wollen uns alle ergeben", war das einzige, was man aus ihm herausbrachte. Im Dunkel des Tunnelausgangs tauchte bereits ein zweiter Mann auf, ebenfalls die Hände hoch über den Kopf haltend. Gallino liess die beiden Ankömmlinge gleich nach Waffen durchsuchen; dann räumten die Soldaten die eine Nische und liessen die Gefangenen hineintreten. Nach und nach erschienen die anderen. Die letzten trugen Bernardi, den Anführer, der schwer verwundet schien, und den beim Überfall auf den Proviantwagen durch Lässer angeschossenen Mann. Oberleutnant Gallino nahm den ersten Ankömmling, der laut schluchzte, auf die Seite. "Warum habt ihr euren Widerstand so plötzlich aufgegeben?" fragte er.
"Wir glaubten alle, dem sicheren Tode entgegenzugehen", antwortete der junge Mann. "Wir dachten, dass der Wagen an der Einsturzstelle zerschellen würde. Das hat unseren Nerven, zusammen mit dem Vorhergegangenen, den Rest gegeben. Als dann noch einer Bernardi, unseren Anführer, anschoss, da war es vorbei. Ein Wunder... ", aufschluchzend barg der Mann sein Gesicht in den Händen. Die Gefangenen liessen sich widerstandslos abführen. Allen stand der erlittene Schreck deutlich im Gesicht geschrieben. Die Nichtverletzten wurden in das eine Abteil des Gepäckwagens eingeschlossen. Hier konnte man sie durch zwei Soldaten – jeder an einer Türe – ohne Mühe überwachen. Die Verwundeten wurden zuerst von Dr. Schmid untersucht und verbunden, worauf man sie zu den übrigen Gefangenen brachte.

Im grösseren Raum des Gepäckwagens, wo sich sonst die Beamten aufhielten, hatte Oberrichter Agostinetti alles für eine Verhandlung herrichten lassen. In der Mitte lagen auf einem grossen Schrankkoffer des Amerikaners Armstrong fünf Pistolen, zu denen Zugführer Weber soeben die sechste legte. Die Beamten sassen längs den Wänden auf Gepäckstücken. Die Laternen des Zugpersonals verbreiteten helles Licht. Dr. Schmid war gebeten worden, das Protokoll zu führen; er hatte daraufhin im Büro des Zugführers am Schreibtisch Platz genommen. Die Verbindungstür zwischen den beiden Abteilen stand offen, so dass er dem Lauf der Verhandlung gut folgen konnte.
In kleinen Gruppen flüsterten die Beamten miteinander, bis Agostinetti das Wort ergriff: "Meine Herren! Ich bin hergerufen worden, um den Tatbestand festzustellen. Wir alle sind Zeugen schwerer Verbrechen gewesen. Ich finde kein anderes Wort für das Geschehene, selbst wenn ich die besonderen Umstände berücksichtige. Eher möchte ich sagen, dass diese besonderen Umstände erschwerend ins Gewicht fallen; denn wir alle befinden uns in genau gleicher Lage, und unser aller Leben, das Leben von hundertsechsundachtzig Menschen, hängt gegenwärtig von den wenigen Nahrungsmitteln im Nebenraum ab. Diese Nahrungsmittel sollten geraubt werden, nötigenfalls mit Waffengewalt. Das Ergebnis dieses tiefbetrüblichen Raubzugs kennen wir alle: ein Toter liegt vor uns, vier Verwundete liegen nebenan. Es ist nicht unsere Sache, die Schuldigen zu verurteilen – das Gericht wird das seinerzeit besorgen. Wir haben lediglich den Tatbestand zu ermitteln und uns, so gut es geht, zu vergewissern, mit wem wir es zu tun haben. Indessen möchte ich Sie bitten, über das Geschehene den Passagieren gegenüber möglichst Stillschweigen zu bewahren, damit nicht unnötigerweise noch nachträglich Angst und Aufregung verursacht werden. – Das Ergebnis dieser Verhandlung soll in einem Protokoll niedergelegt werden. Vorerst möchte ich jeden der anwesenden Herren bitten, anzugeben, was er heute abend erlebt hat. Herr Zugführer Weber, Sie zuerst."
Weber gab zu Protokoll: "Ich schlief in diesem Raum und erwachte durch die Schüsse im Nebenraum. Den Anruf des Wachtpostens habe ich nicht gehört. Herr Oberleutnant Gallino, der im gleichen Raume mit mir schlief, riss die Türe zum Warenlager auf und rannte hinaus. Einige Sekunden später kam er zurück und sprang durch die Seitentür dieses Raumes auf die Schienen. Kollege Rossi folgte ihm sogleich auf demselben Wege. Ich eilte in den Nebenraum, wo ich den Wachtposten vor dem am Boden liegenden Manne fand. Ich hob die neben dem Toten liegende Waffe auf, warum, weiss ich nicht, vielleicht war es eine unbewusste Vorsichtsmassregel meinerseits. Inzwischen waren sämtliche Beamte herbeigeeilt. Wir halfen dann, den Gefangenen hereinschleppen, den Herr Oberleutnant Gallino und Rossi draussen niedergeschlagen hatten. Er war ohnmächtig. Später... " "Das genügt vorläufig, Herr Weber, besten Dank", sagte Agostinetti. "Und nun, Herr Lässer, wenn ich bitten darf. Oder strengt Sie das Sprechen zu sehr an?"
Füsilier Lässer verneinte eifrig und gab seine Erklärungen von dem Platze aus ab, auf den ihn seine Kameraden gebettet hatten. Langsam, aber sehr klar und sachlich berichtete er, was er erlebt hatte. Als er geendet hatte, nickte der Oberrichter. "Sie haben also in Notwehr und gemäss Ihrem Wachtbefehl Gebrauch von Ihrer Schusswaffe gemacht. – Nun möchte ich Herrn Oberleutnant Gallino um seinen Bericht bitten."
"Ich erwachte durch den Ruf ‚Halt! Wer da?‘ der im Nebenraum postierten Wache. Kaum war ich aufgesprungen, da krachten auch schon zwei Schüsse. Ich riss die Türe zum Warenlager auf... , sah neben dem Wachtposten einen Mann am Boden liegen und nahm undeutlich wahr, wie eine schattenhafte Gestalt zur Stirnwandtür hinausrannte. Diesem Manne wollte ich den Fluchtweg abschneiden. Ich wandte mich zur Seitentür und sah meinen Mann auch schon kommen. Ich sprang auf ihn hinunter – er musste mich jedoch bemerkt haben, denn er empfing mich mit einem Hieb seiner Pistole über den Kopf, so dass ich taumelte. Jetzt sprang aber Herr Rossi auf ihn zu, der mir gefolgt war. Der Flüchtling kehrte sich gegen ihn und hob die Pistole. In diesem Augenblick erhielt er von mir einen Kinnhaken, worauf er das Bewusstsein verlor und zu Boden stürzte. Zugleich ertönte ein gellender Pfiff, und ich sah einige Gestalten – es mögen vier oder fünf gewesen sein – längs der Wagenreihe dahinhuschen. Beim Speisewagen verschwanden sie. Rossi und ich packten den Bewusstlosen und schleppten ihn bis zur Seitentür des Gepäckwagens. Die andern Herren halfen uns dann ihn hineinheben."
"Hm...", der Oberrichter blickte nachdenklich vor sich hin. "Ich nehme an", sagte er nach einer Weile, "dass Sie die wenigen Nahrungsmittel durch einen Posten mit geladenem Gewehr bewachen liessen, weil schon einmal ein Diebstahl vorgekommen ist?" "Ganz recht, Herr Oberrichter", bestätigte der Offizier. "Unser aller Leben ist von dem bisschen Schokolade abhängig. Im Übrigen befinden sich hier im Wagen aber auch noch sehr wertvolle Sendungen. Sehen Sie sich zum Beispiel einmal den Koffer an, der vor Ihnen steht, Herr Oberrichter; er gehört dem Amerikaner Armstrong und ist mit zweihunderttausend Franken versichert. Und die schmale Kiste da drüben enthält ein Bild, das zur Murillo-Ausstellung nach Zürich reist; nach den Begleitpapieren repräsentiert es einen Wert von über einer Million!" "Ich verstehe", nickte Agostinetti. "Sie haben also aus Sicherheitsgründen vorgesorgt – und zwar mit Recht. – Nun bitte ich Herrn Rossi, seine Aussage zu machen."
"Ich habe nicht viel zu sagen", erklärte Rossi, und fast klang es, als bedauerte er diese Tatsache. "Ich erwachte durch die Schüsse, sah Herrn Oberleutnant Gallino aus dem Magazinraum kommen und durch die Seitentür hinaus in den Tunnel springen. Ich sprang ihm nach und sah einen Mann, der mit einem dunklen Gegenstand in der Faust auf Herrn Oberleutnant Gallino einschlug. Herr Oberleutnant Gallino taumelte. Ich eilte ihm zu Hilfe und suchte den Mann von hinten zu packen. Er drehte sich um und hob den Arm; ich sah, dass er seine Pistole in der Faust hielt. Ehe er schiessen konnte, erhielt er von Herrn Oberleutnant Gallino einen Kinnhaken. Er sackte zusammen. Dann ertönte ein scharfer Pfiff. Ich sah undeutlich einige Gestalten auftauchen und wegrennen. Am Boden lag die Pistole unseres Angreifers, die ich an mich nahm. Dann schleppten wir den Regungslosen gemeinsam in den Gepäckwagen." "Danke, Herr Rossi." Der Oberrichter blickte in die Runde. "Hat noch einer der Herren etwas auszusagen?"
"Ich, Herr Oberrichter. Sasselli – Küchenchef." "Bitte, Herr Sasselli." Der Küchenchef trat vor und sagte: "Ich erwachte durch den Lärm und wollte nachschauen, was los war. In diesem Augenblick bestiegen ein paar Leute den Speisewagen von rechts, um ihn sogleich auf der linken Seite wieder zu verlassen. Sehen konnte ich niemand, ich hörte nur die Tritte und das Schlagen der Türen. Dann lief ich hieher und hörte von dem Vorfall." "Aha!" rief Zugführer Weber. "Auf diese Weise sind also die Flüchtlinge auf der anderen Seite des Zuges entkommen! " "So wird es gewesen sein", stimmte Agostinetti zu. "Darf ich einen Vorschlag machen?" fragte Oberleutnant Gallino. Als der Oberrichter nickte, fuhr er fort: "Unter den Gefangenen befindet sich ein junger Bursche, der ziemlich verängstigt war, und der daher vielleicht veranlasst werden kann, über sich und seine Kumpane auszusagen. Es würde sich wahrscheinlich lohnen, ihn zu befragen."
Der junge Mann, der sich als erster gefangen gegeben hatte, wurde hereingeholt. Seine Miene hatte sich allerdings in der Zwischenzeit sehr verändert. Der verbissene Mund und der scheue Blick verrieten kaum noch etwas von Todesangst und überstandenem Schrecken. "Ihr Name, bitte?" fragte der Oberrichter. "Josef Carini." "Was sind das für Leute, mit denen Sie zusammenreisen?" "Wir sind Mitglieder des Fussballklubs ‚Vittoria‘ aus Brindisi, wir reisen zu einem Wettspiel nach Zürich", klang es trotzig zurück. "Was suchten Sie und Ihre Gefährten im Gepäckwagen?" "Wir waren hungrig! Wir glaubten, die Beamten hätten uns angelogen, und wir müssten noch tagelang Hunger leiden. Da wollten wir uns einen Vorrat sichern." "Und dazu nahmen Sie gleich Pistolen mit, schwere Selbstlader neuester amerikanischer Konstruktion?"
Bevor Carini antworten konnte, beugte sich Oberleutnant Gallino zu Agostinetti hinüber und flüsterte mit ihm. Der Oberrichter nickte einige Male, dann sagte er zu dem Gefangenen: "Herr Oberleutnant Gallino wird einige Fragen an Sie richten; ich mache Sie darauf aufmerksam, dass eine wahrheitsgetreue Aussage Ihre Lage vor dem Gericht, dem wir Sie übergeben werden, wesentlich erleichtern wird." Oberleutnant Gallino wandte sich an den jungen Burschen: "Sie gehören also dem Fussballkhub ‚Vittoria‘ an?" "Das habe ich bereits gesagt." "Der ersten oder der zweiten Mannschaft?" "Selbstverständlich der ersten." "Gegen wen soll das Wettspiel in Zürich ausgetragen werden?" "Gegen... gegen eine Stadtmannschaft." "Ich habe gehört, dass in Ihrer Mannschaft auch einige ehemalige Internationale spielen." "Ja... doch... doch diese machen die Reise nicht mit." "Aha, aber Sie kennen die Herren doch?" "Natürlich... , das heisst, ich bin noch nicht lange bei dieser Mannschaft."
"So, so! Aber von dem berühmten Orsi haben Sie sicher schon gehört?" "Ja, der spielt immer noch ausgezeichnet." "Und Ballabio, der linke Flügel? Ist er immer noch so schnell?" "Er hat sich am Fusse verletzt und konnte daher die Reise nicht mitmachen." "Und Meazza, der berühmte Verteidiger, haben Sie den ebenfalls zu Hause gelassen?" "Ja, er wurde beim letzten Spiel von einem gegnerischen Stürmer so angegangen, dass..."
"Jetzt habe ich genug von Ihren Lügen", donnerte Oberleutnant Gallino den verdutzten Carini an. "Glauben Sie, mit einem derartigen blöden Schwindel hier durchzukommen? Orsi hat nie mit ‚Vittoria‘ gespielt; er befindet sich seit über einem Jahr in Argentinien. Ballabio ist der Torhüter der schweizerischen Nationalmannschaft; er denkt nicht daran, am Flügel zu spielen, geschweige denn mit dem F. C. Vittoria. Und die Idee, Meazza, den berühmtesten Mittelstürmer Italiens, auf den Verteidigerposten zu stellen, würde allein genügen, zu zeigen, dass Sie vom Fussball nicht das geringste verstehen und daher auch niemals der ersten ‚Vittoria‘-Mannschaft angehören können. Im übrigen habe ich selbst vor kaum drei Wochen gegen die erste Mannschaft des F. C. Vittoria gespielt und kenne daher die ganze Mannschaft persönlich."
Verdutzt hatten alle Anwesenden den Worten Gallinos gelauscht. Zuerst war ihnen das Frage- und Antwortspiel sinnlos erschienen, jetzt erkannten sie die Falle, die Gallino dem Burschen gestellt hatte. Doch bevor der Oberrichter sein Verhör wieder aufnehmen konnte, erklangen im Nebenraum laute Rufe, die augenscheinlich sofort unterdrückt wurden, da sie plötzlich nur noch schwach, halb erstickt herübertönten. Die wachehaltenden Soldaten rissen die Türe auf, und man sah, dass mehrere Leute bemüht waren, den tobenden Bernardi auf seiner Bahre festzuhalten. Man hatte ihm Decken über den Kopf geworfen, um seine Schreie zu ersticken. Gallino fuhr mit seinen Leuten dazwischen, und die Soldaten brachten die sich Wehrenden mit einigen Kolbenstössen rasch zur Vernunft. Der Oberleutnant beugte sich über den Verwundeten, der fiebernd, vom Blutverlust erschöpft, unter den Decken lag. "Ich möchte aussagen, mit mir geht‘s zu Ende", vermochte der Oberleutnant gerade noch zu vernehmen.
Auf seinen Wink wurde die Bahre aufgehoben, und Bernardi in den Verhörraum getragen.
Stockend und kaum vernehmbar erleichterte Bernardi hier sein Gewissen. Aus seinen Worten ergab sich, dass er und seine Kumpane sich zusammengetan hatten, um möglichst rasch zu Geld zu kommen, hauptsächlich durch Schmuggel, Diebstähle und Einbrüche. Zuletzt hatte die Bande in Aegypten gearbeitet und dort mit einer Antiquitätenschiebung viel Geld verdient. Damals war sie für den Mittelsmann eines reichen Kunstfreundes tätig gewesen. Dieser Mittelsmann hatte erfahren, dass Murillos berühmtes Gemälde "Gassenjungen" von Valenzia zu einer Ausstellung nach Mailand gebracht werden sollte. Von dort sollte es dann später zu einer andern Ausstellung in die Schweiz transportiert werden. Bernardi hatte den Auftrag bekommen, das Bild unterwegs zu stehlen. Dafür war ihm eine grosse Summe in Aussicht gestellt worden. Die Bande hatte das Bild zunächst von Valenzia nach Mailand verfolgt; sie war dabei unter dem Decknamen eines spanischen Fussballklubs gereist, weil sie wusste, dass die Zollbeamten die Sportmannschaften immer bevorzugt behandeln. Auf der Reise von Valenzia nach Mailand konnte man des Bildes nicht habhaft werden. Also blieb die Bande in Mailand, bis die dortige Ausstellung beendet war, und reiste dann als italienischer Fussballklub im gleichen Zuge mit dem Bilde in die Schweiz. Der Raub war für die Fahrt durch den Gotthardtunnel geplant, und zwar wollte man das Bild aus dem Rahmen schneiden und es in Erstfeld dem Anstifter des ganzen Planes übergeben. Von dort sollten dann die Mitglieder der Bande in kleineren Gruppen den zwei Minuten später eintreffenden Zug nach dem Süden nehmen. Die Tat wäre wahrscheinlich erst in Arth-Goldau, vielleicht aber auch erst in Zürich entdeckt worden.
"Auf die Nahrungsmittel war es also nicht abgesehen", schloss Bernardi seine Beichte. "Von dem Schokoladendiebstahl habe ich nichts gewusst. Den haben zwei meiner Leute auf eigene Faust unternommen. Ich habe erst nachher davon gehört, ohne Einzelheiten zu erfahren. Deshalb auch unsere Überraschung, als wir den Wachtposten sahen. Leider verlor einer der Unseren den Kopf und schoss... Was weiter geschah, das wissen Sie." Mit Mühe hatte Bernardi seinen Bericht beendet; jetzt brach er vollends zusammen. Ein Blutstrom, der ihm aus dem Munde schoss, schien ihm nochmals Erleichterung zu bringen, doch ging sein Atem nur noch röchelnd. Dr. Schmid trat an die Bahre, fühlte den Puls und schüttelte den Kopf. Dann wandte er sich um. "Der Schuss hat die Lunge getroffen. Er wird kaum davonkommen", sagte er leise.

Oberrichter Agostinetti schritt mit Oberleutnant Gallino den Zug entlang. Sie hatten es übernommen, die ziemlich aufgeregten Passagiere von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen. Die Kondukteure öffneten einen Wagen nach dem andern, und die beiden machten ihre Mitteilungen, die grosses Erstaunen und lebhafte Diskussionen auslösten. Noch eine Zeitlang herrschte Unruhe im Tunnel, Schritte widerhallten an den Wänden, gedämpfte Rufe ertönten. Doch als die Reisenden sich überzeugt hatten, dass die Verbrecher sicher verwahrt waren, und dass die Wachen beim Gepäckwagen keine Fragen beantworteten, beruhigten sich allmählich auch die Aufgeregtesten. Allenthalben kehrten die Leute in ihre Abteile zurück – wie sie hofften für die letzte Nacht. Nur der Schritt der Doppelwachen vor dem Gepäckwagen erklang gedämpft durch die Stille... , acht Schritte vor... , acht Schritte zurück.
Noch lange wälzte Rossi sich auf seinem Lager hin und her. Seine Gedanken liessen ihn nicht schlafen. Die Geschehnisse des heutigen Tages lebten auf, und in seinem überreizten Gehirn entstanden immer wieder Bilder von dem Kampf im Gepäckwagen und den Ereignissen im Tunnel. Zwischendurch schweiften seine Gedanken zu Jeanne. Was mochte sie gedacht haben, als sie den Lärm gehört hatte? Die "Ile de France" war doch der erste Wagen nach dem Speisewagen. Rossi hatte unter den Passagieren, die noch lange vor dem Gepäckwagen standen, Herrn Besson erkannt und ihm versichert, dass nichts Ernstliches geschehen sei. Ob Jeanne wohl jetzt, nach den Erklärungen Gallinos, wieder ruhig war? Oder hätte er vielleicht selber... ?
Noch weiter schweiften Rossis Gedanken zurück, bis zu dem Augenblick, wo der Zug im K. T. 1 steckengeblieben war. Wie Bilder reihten sich die Ereignisse aneinander und zogen an ihm vorbei. Und immer wieder erschien nebelhaft verschleiert das Bild Jeannes. Er sah sie, wie er sie zum ersten Male erblickt hatte, als sie Peppino davon abhielt, die Glühbirnen gegen die Tunnelwand zu schleudern. Streng verwies sie dem Kleinen das mutwillige Zerstörungswerk, und doch zuckte es dabei um ihre Lippen, da sie mit dem Lachen zu kämpfen hatte. Dieses Verständnis für den Tatendrang des frischen Burschen hatte Rossi sogleich gefallen.
Er liebte Jeanne über alles, und er war fest überzeugt, dass seine Liebe erwidert wurde... doch was hatte das alles für einen Sinn, wenn sie nicht mehr lebendig aus dem Tunnel herauskamen... ? Lange beschäftigten sich seine Gedanken mit ihrer verzweifelten Lage. Jetzt, da es nicht nötig war, den Passagieren gegenüber Zuversicht zu zeigen, gab er sich Rechenschaft darüber, wie sehr er selbst an der Möglichkeit einer Rettung zweifelte. Wenn man nur mit der Aussenwelt in Verbindung treten könnte, um wenigstens in Erfahrung zu bringen, ob und wann Aussicht auf Rettung bestand... Das Telephon? Ach, den Telephonapparat hatte er doch schon wiederholt untersucht – immer vergeblich. Auch das vieladrige Kabel. Jede einzelne Ader hatte er im Kabelverbindungskasten, der sich in der Telephonnische befand, geprüft. Dazu hatte er das Gleichstromvoltmeter aus seiner Lokomotive ausgebaut und Draht um Draht abgetastet, ob einer vielleicht Strom führte. Alles war erfolglos gewesen – die Stromzufuhr war und blieb unterbrochen.
Aber... , mit einem Ruck setzte er sich auf... da war doch noch das dünnere Kabel unter dem dicken! Das hatte er noch nicht untersucht, er wusste nicht einmal, wozu es diente. Das musste er nachholen... Wie war es möglich, dass er daran bis jetzt nicht gedacht hatte! Diese Untersuchung musste er sofort vornehmen. Es sollte seine erste Arbeit am Morgen sein. Vielleicht war das dünne Kabel durch das darüberliegende dicke geschützt worden, so dass es keinen Schaden erlitten hatte. Irgendwoher kam es schliesslich, und irgendwohin führte es auch. Vielleicht... , ein Gedanke, der so überwältigend war, dass Rossi kaum wagte, ihn zu Ende zu denken, funkte wie ein zündender Blitz durch sein Hirn.