SECHZEHNTES KAPITEL
Der vierte Tag der Gefangenschaft war angebrochen. Wer nicht im Speisewagen das karge Frühstück einnahm – es gab Tee in Hülle und Fülle, aber nur eine Tafel Schokolade für den ganzen Tag – ‚ dem wurde seine Ration im Wagen serviert. Die Beamten, die die Verteilung vornahmen, rieten jedem, die Schokolade sofort in drei Teile zu brechen und zu jeder Mahlzeit ein Stück zu verzehren. Viele folgten diesem Rat, andere verzehrten die gesamte Tagesration schon beim Frühstück. Manche dachten wohl im stillen, für Geld und gute Worte werde gewiss noch eine Tafel zu erhalten sein. Einzig die Kinder brauchten nicht zu hungern. Sie erhielten die Brotreste, die sie im Tee aufweichen konnten, dazu Schokolade und Bananen.
Rossi und der Lokomotivführer Merz waren mit der Beleuchtungsinspektion betraut worden. Diesmal bestand ihre Aufgabe darin, die ausgebrannten Öllampen aufzufüllen. Im letzten Wagen wurden die beiden Beamten von den Mitgliedern des Fussballklubs "Vittoria" mit misstrauischem Schweigen empfangen. Die jungen Leute verfolgten jede ihrer Bewegungen, und schliesslich konnte der Mann mit der Narbe es nicht unterlassen, einige abfällige Bemerkungen zu machen. Als Rossi ihn daraufhin scharf zurechtwies, wandte er sich an seine Kameraden und sagte laut: "Findet ihr es nicht auch merkwürdig, dass diese beiden Beamten noch im Vollbesitz ihrer körperlichen Kräfte sind? Seltsam, wenn man bedenkt, dass angeblich jeder Zugsinsasse nur eine Tafel Schokolade für den ganzen Tag erhält... " Merz fuhr herum: "Was wollen Sie damit sagen?!" Der andere machte ein unschuldig erstauntes Gesicht. "Ich? Oh, gar nichts. Ich persönlich wäre auf jeden Fall nicht imstande, irgendwelche Arbeiten auszuführen."
Rossi wusste, dass Merz sehr empfindlich war, und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter. "Komm, Merz. Es hat keinen Sinn, sich mit den Leuten auf einen Wortwechsel einzulassen. Unsere Arbeit ist getan, und wir haben nichts mehr zu suchen." Merz schien sich einen Augenblick zu besinnen; dann warf er dem jungen Manne mit der Narbe einen zornigen Blick zu, murmelte: "Hast recht, Rossi" und wandte sich zum Gehen. Da rief Bernardi, der Leiter des Klubs: "Was soll das heissen: ‚Unsere Arbeit ist getan?‘ Sollen wir uns etwa mit diesen paar traurigen Ölfunzeln begnügen?" "Allerdings", entgegnete Rossi frostig. "Ihr Wagen hat die gleiche Anzahl Lichter erhalten wie alle anderen auch." "Ebenso wie wir gleich viel Schokolade erhalten haben!" warf der Mann mit der Narbe vielsagend lächelnd ein.
Rossi befürchtete einen Zornausbruch von seiten seines Lokomotivführers, doch zu seiner Erleichterung blieb Merz völlig ruhig. Sehr betont sagte er nur: "Ich sehe, dass wir es Ihnen in keiner Weise recht machen können, und dass Sie uns unsere gewiss nicht dankbare Aufgabe noch erschweren. Um in Zukunft unliebsamen Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, werden wir Sie nicht mehr behelligen. Sobald das Öl in Ihren Lampen ausgebrannt ist, werden Sie sich selbst zu uns bemühen müssen." Dann ging er hinaus, und Rossi folgte ihm. "Schade", sagte Merz nachdenklich, als sie ausser Hörweite waren. "Solche Erfahrungen wären eigentlich ganz überflüssig. Ich gebe zu, dass an die Nerven der Menschen, die hier eingeschlossen sind und hungern müssen, einige Anforderungen gestellt werden – aber wozu diese Feindseligkeit?" "In solchen Lagen enthüllt sich der wahre Charakter", erwiderte Rossi und dachte dabei an Jeanne.
Bald darauf kam Peppino zu Rossi auf die Lokomotive und berichtete aufgeregt: "Capo, ich glaube, unsere Jeanne ist krank. Sie sitzt ganz traurig in ihrem Abteil und wollte nicht einmal mit mir singen." "Da müssen wir sofort nachschauen, Peppino", erwiderte Rossi besorgt. Er säuberte sich die Hände und legte die Überkleider weg. Dann nahm er den Kleinen an der Hand und ging mit ihm zur "Ile de France". Die Türe des Abteils war geschlossen. Rossi klopfte an. Eine leise Stimme rief: "Herein!" Im Abteil, wo es stark nach Kölnischwasser duftete, befanden sich Jeanne und ein älteres Ehepaar. Rossi gab Jeanne die Hand und erklärte: "Unser kleiner Freund ist sehr besorgt um Sie, Fräulein Jeanne. Ganz niedergeschlagen kam er zu mir, um mir zu melden, dass Sie krank seien. Was fehlt Ihnen? Sie sehen wirklich nicht gut aus."
"Oh, es ist nichts Ernsthaftes. Ich habe nur ein wenig Kopfweh... wahrscheinlich rührt das von der Leere im Magen her. Es wird schon wieder vergehen. Gestern nacht war es sogar noch schlimmer. Man gewöhnt sich aber mit der Zeit ans Hungern." "Wenn es nur das ist, so bin ich beruhigt. Ich befürchtete schon, dass Sie ernstlich krank wären. Soll ich den Arzt herschicken?" "Nein, das ist wirklich nicht nötig", lächelte Jeanne. "Wie Sie meinen." Besorgt betrachtete Rossi Jeannes blasses Gesicht. "Ich bringe Ihnen auf alle Fälle ein Stärkungsmittel. Einen Augenblick Geduld, bitte."
Er entfernte sich, um kurz darauf mit einem gefüllten Gläschen zurückzukehren. Er hatte das Stärkungsmittel, das für Notfälle diente, dem Verbandkasten im Gepäckwagen entnommen. In kleinen Schlucken nahm Jeanne die starke Medizin zu sich. Rossi beobachtete sie gespannt, fragte ab und zu, ob sie schon eine Erleichterung spüre, und als er bemerkte, dass Jeanne infolge des Getränks schläfrig wurde, bettete er sie auf ihre Bank. Fürsorglich breitete er die Reisedecke über sie und drückte ihr die Hand zum Abschied. Peppino gab seiner Freundin einen herzhaften Kuss. Sogleich suchte Rossi dann Dr. Schmid auf, um ihm von Jeannes Ergehen zu berichten. Der Arzt nickte: "Das ist nicht der einzige Fall; schon gestern setzten bei einzelnen Passagieren Kopfweh und Unwohlsein ein. Durchaus erklärlich bei dieser schmalen Kost. Beunruhigen Sie sich nicht, lieber Freund, diese Erscheinungen sind keineswegs besorgniserregend. Ich werde später nach Fräulein Vautier sehen." "Besten Dank, Herr Doktor."
Die beiden Kondukteure Kunz und Olgiati wanderten mit einer Kiste durch die Wagen und verteilten Zigaretten. Jeder Passagier durfte nehmen, soviel er nur wollte. An den ersten Tagen hatten die beiden nur einmal, am Vormittag, die Runde machen müssen, doch wurde jetzt so viel geraucht, dass sie schon gestern genötigt gewesen waren, auch am Nachmittag Rauchwaren zu verteilen. Sogar einzelne Nichtraucher unter den Passagieren versuchten jetzt durch Rauchen den nagenden Hunger zu vertreiben. Glücklicherweise war der Zigarettenvorrat ausserordentlich gross. Im Wagen des Fussballklubs wurden die beiden Kondukteure mit lautem Hallo empfangen. Bernardi bequemte sich sogar zu einem liebenswürdigen Lächeln – offenbar hatten die Worte des Lokomotivführers ihren Eindruck nicht verfehlt – , während er sagte: "Sie verteilen ja Ihre Zigaretten so grosszügig, dass man annehmen könnte, Sie hätten einen ganzen Laden voll."
"Oh, der Vorrat genügt für lange Zeit", erwiderte Olgiati. "Es wäre angenehm, wenn wir auch die Schokolade so reichlich verteilen könnten." "Und was halten Sie von der Rettungsaktion?" erkundigte sich Bernardi. "Der Gedanke, hier lebendig begraben zu sein, bereitet uns nicht gerade Vergnügen." Jetzt antwortete Kunz eifrig: "Wir sind überzeugt, dass wir bald gerettet werden. Draussen wird ununterbrochen gearbeitet, und der Lärm der Maschinen klingt schon bedeutend näher. Ein italienischer Passagier, der von Beruf Mineur ist, schliesst aus dem Geräusch, dass uns nur noch zwanzig Meter Felsen von der Freiheit trennen." "Das ist immer noch genug", brummte einer der Fussballer und zündete sich eine Zigarette an. "Alle diese Versicherungen vermögen jedenfalls nicht, den Hunger in meinen Eingeweiden zu betäuben."
Auf dem Rückweg hörten die beiden Kondukteure lautes Geschrei aus einem Wagen dringen. Beunruhigt eilten sie hinzu und fanden einen Mann, der einen Tobsuchtsanfall erlitten hatte. Einige Passagiere hielten ihn an Händen und Füssen fest. Der Körper des Tobsüchtigen wand sich in Zuckungen, aus dem verzerrten Munde floss Schaum. Olgiati eilte davon, um Dr. Schmid zu holen, während Kunz behilflich war, den Rasenden zu halten. Alles Zureden war vergeblich, der Tobsüchtige war besessen von der Vorstellung, dass man ihn absichtlich verhungern lassen wollte. Neugierige, die sich herandrängten, wurden weggeschickt, da sie nur die Aufregung des Kranken erhöhten. Der Arzt erschien nach wenigen Minuten. Er erfasste sofort die Lage, denn solche Fälle von Heisshunger hatte er früher schon in den Bergen und auf seinen Auslandreisen erlebt. Zum Glück hatte er auch auf Reisen stets seine Medikamententasche bei sich.
Er machte dem Patienten eine Einspritzung, um ihn zu beruhigen, und beobachtete scharf die Reaktion. Die hervorstehenden Augen des Tobsüchtigen traten in die Höhlen zurück, um sich dann ganz zu schliessen. Die heftigen Körperzuckungen liessen nach. Erschöpft sank der Mann auf die Bank. Die Helfer mussten ihn nicht mehr halten, er fiel in wohltuenden Schlaf. Dr. Schmid gab noch genaue Anweisungen, wie der Patient zu behandeln war, wenn er erwachte. Verlangte er nach Nahrung, so sollte ihm jede Viertelstunde ein kleines Stückchen Schokolade und ein Schluck Tee verabreicht werden. In der Folge sollten die Pausen zwischen den einzelnen Nahrungsaufnahmen langsam vergrössert werden – das einzige Mittel, das unter den gegebenen Umständen einem erneuten Tobsuchtsanfall vorbeugen konnte. Die Mitreisenden versprachen, die Anweisungen des Arztes genau zu befolgen.
Auf dem Rückweg schaute Dr. Schmid nach Jeanne Vautier. Sie war nach einigen Stunden gesunden Schlafes erwacht und spürte keine Beschwerden mehr; ihre Jugend hatte den Schwächeanfall rasch überwunden.
Nachdem der Arzt sich verabschiedet hatte, trat Jeanne in den Seitengang ihres Wagens. Als sie dabei unwillkürlich die Hände in die Taschen ihrer Jacke steckte, stiess sie auf einen harten Gegenstand. Sie zog ihn hervor und entdeckte zu ihrer Überraschung, dass es eine Tafel Schokolade war. Woher konnte die kommen? Sie dachte nach. Die Ration, die sie am Morgen erhalten hatte, war zur Hälfte gegessen, und die andere Hälfte hatte sie in ihre Handtasche gesteckt. Sie schaute nach. Die halbe Tafel war da. Die zweite Tafel musste ihr demnach jemand zugesteckt haben, vielleicht während sie schlief. Die Leute in ihrem Abteil? Nein. Sie selbst hatte gesehen, wie beide am Morgen ihre Tafel angebrochen hatten. Es blieb also nur Carlo Rossi. Das sah ihm ähnlich. Lieber hungerte er, als dass andere darbten...
In diesem Augenblick lief Peppino mit einigen Gespielen am Wagen vorbei. Sie rief ihm zu: Hallo, Peppino! Komm einmal zu mir!" Der Kleine strahlte über das ganze Gesicht, als er bemerkte, dass seine grosse Freundin wieder wohlauf war. Er kletterte zu ihr in den Wagen. "Sag mal, Peppino", begann Jeanne, "bist du heute morgen mit Carlo fortgegangen, als ich mich niedergelegt hatte?" Der Kleine schaute mit seinen grossen dunklen Augen auf und fragte: "Ja... warum? Hätten wir nicht fortgehen sollen? Carlo sagte, du müsstest Ruhe haben." "So, so, das hat er gesagt. Und warum habt ihr beide etwas aus meiner Tasche genommen?" "Aus deiner Tasche genommen? Nein, Carlo hat dir doch... " Peppino stockte plötzlich. "Aha! Jetzt habe ich dich erwischt, Peppino! Was hat Carlo?" "Nichts hat er. Er hat gesagt... " Ganz verzweifelt blickte der Kleine drein, aber Jeanne hatte kein Erbarmen mit ihm. "Gelt, Herr Rossi hat gesagt, du dürftest nichts verraten?" fuhr sie in ihrem Verhör fort.
"Ja... Nein... " stammelte Peppino und begann zu weinen. Jeanne nahm den kleinen Burschen auf den Arm und liebkoste ihn. "Ihr beide wolltet mir eine Freude bereiten, und das sollte geheim bleiben, nicht wahr? Deshalb musst du doch nicht weinen, Peppino", tröstete Jeanne lächelnd. "Ich danke euch vielmals für eure Liebe." "Ich wollte wirklich nichts sagen", versicherte Peppino treuherzig. "Ja, ja, du bist ein lieber kleiner Mann. Geh jetzt und sag Herrn Rossi, dass Jeanne wieder wohlauf ist und ihm danken lässt."
Jeanne betrat wieder ihr Abteil. Das Ehepaar – einfache ältere Leute aus Paris, die zum erstenmal ihre Heimat verlassen hatten – nahm lebhaften Anteil am Wohlergehen des jungen Mädchens. Als am ersten Tage des Eingeschlossenseins der allgemeine Umzug der Reiseiden erfolgte, waren die beiden aus dem hinteren Teile des Zuges ausgezogen. Jeanne hatte sie angesprochen, als sie im Seitengang standen und einen Platz in der "Ile de France" suchten, und sie aufgefordert, sich in ihrem Abteil niederzulassen. Jeanne war froh, nette Gesellschaft gefunden zu haben, und die ältere Frau bemutterte das junge Mädchen ein wenig. Jeanne hatte von ihrer Italienreise erzählt und berichtet, dass sie nun in den Schweizerbergen skifahren wolle. Ganz von selbst kam diesmal das Gespräch auf Rossi. "Da haben Sie einen netten, besorgten Freund, Fräulein Jeanne", sagte wohlwollend die Frau. Jeanne errötete leicht und erwiderte: "Ja, Herr Rossi ist ein guter Mensch. Er tut sein möglichstes, um allen zu helfen."
"Und Ihnen am meisten, liebes Kind", schmunzelte Herr Besson. "Das würde ich übrigens auch tun, wenn ich an seiner Stelle wäre." Lächelnd drohte seine Frau ihm mit dem Finger: "Warte nur, alter Schelm." In lebhaftem Gespräch verging der Vormittag. Hin und wieder kam Peppino gesprungen, um sich nach dem Ergehen seiner Freundin zu erkundigen. "Der Capo kommt nachher selbst vorbei", meldete er und blickte Jeanne erwartungsvoll an, fühlte er sich doch als wichtiges Glied in der Kette.
Bald darauf erschien Rossi. Er begrüsste das Ehepaar freundlich, bevor er zu Jeanne sagte: "Unser kleiner Kurier hat mir schon mitgeteilt, dass Sie sich wieder wohl fühlen. So ist‘s recht. Nur nicht unterkriegen lassen." Gutgelaunt liess er sich neben Jeanne nieder. "Sagen Sie, Herr Rossi, woher hatten Sie eigentlich die Schokolade, die Sie in meine Jackentasche geschmuggelt haben?"
Auf solch einen direkten Angriff war Rossi nicht gefasst; er murmelte verlegen etwas vor sich hin, das wie "nicht brauchen" klang. Er wollte und konnte Jeanne doch nicht erklären, dass er ihr seine Tagesration überlassen hatte. Doch Jeanne durchschaute ihn, obwohl seine Züge in dem im Abteil herrschenden Halbdunkel nicht klar zu erkennen waren, und sie beschloss, die Tafel Schokolade nicht anzubrechen, während sie Rossi mit einem leichten Druck ihrer Hand dankte.
Gemeinsam begaben sie sich dann mit Peppino in den Speisewagen. Trotzdem es keine Mahlzeiten mehr gab, wurden die Essenszeiten eingehalten. Man nahm nur Tee und kleine Stückchen Schokolade zu sich. Dr. Schmid hatte alle Zugsinsassen bitten lassen, die geringen Mengen Schokolade recht langsam zu essen, da auf diese Weise das nagende Hungergefühl eher besänftigt wurde. Viele Passagiere kamen indessen gar nicht mehr in den Speisewagen, sondern liessen sich den Tee in ihre Abteile bringen. Vor allem diejenigen, die ihre gesamte Tagesration schon am Morgen aufgegessen hatten, brachten es nicht über sich, mitanzusehen, wie die anderen geniesserisch langsam ihre winzigen Portionen zu sich nahmen.
Die Haltung der Passagiere war sehr unterschiedlich. Auffallend war, dass viele ein Trostwort für die Verzagten und Verzweifelten fanden. Ein Engländer hatte beide Tafeln Schokolade, die vom Vortag und die heutige, vor sich auf den Tisch gelegt und trank nur unglaubliche Mengen Tee. Mit stoischer Ruhe erklärte er, dass er die Schokolade nicht angreifen werde, bis der erste Lichtschimmer von aussen in ihre Unterwelt dringen und ihre Rettung gewiss sein würde.
Nach dem "Nachtessen" fand wiederum eine Besprechung im Gepäckwagen statt. Sämtliche Männer, die irgendein Amt zu verwalten hatten, waren anwesend. Der Küchenchef erstattete als erster Bericht. Am fünften und sechsten Tag würde nochmals je eine Tafel Schokolade an alle Erwachsenen verteilt werden können. Dann verblieben noch etwa fünfzig Tafeln für den siebenten Tag, falls bis dahin die Rettung noch nicht erfolgt war. Der Tee musste nicht rationiert werden.
Als nächster sprach Dr. Schmid. Er berichtete über den Gesundheitszustand der Zugsinsassen. Der Tobsüchtige wurde sorgsam betreut und bewacht. Die ständige Zuführung ganz kleiner Schokolademengen hatte einen Rückfall verhindert. Für die nächste Zeit waren nach Meinung des Arztes noch mehr solcher Fälle zu erwarten. Bei einigen Passagieren hatten sich leichtere Herzaffektionen und Unwohlsein gezeigt, doch hatten sich die Kranken rasch wieder erholt. Was den Arzt weit mehr beunruhigte, war die Möglichkeit, wenn nicht Wahrscheinlichkeit, dass der Hunger demoralisierend wirken könnte. Der Schokoladediebstahl war zweifellos ein erstes Anzeichen dieser Art gewesen.
Eifrig wurden dann die Rettungsaussichten besprochen. Oberleutnant Gallino erklärte: "Heute war ich lange Zeit bei der Wache oben im Tunnel. Der italienische Mineur befand sich ebenfalls dort; er ist auf Grund seiner Erfahrung der Ansicht, dass es keinesfalls länger als zwei Tage dauern wird, bis der Durchbruch erfolgt. Er meinte, dass man draussen mit äusserst leistungsfähigen Bohrmaschinen arbeite, denn aus dem steten Lauterwerden der Arbeitsgeräusche ergebe sich ein überaus schneller Arbeitsfortschritt. Voraussichtlich haben wir also noch mit zwei Tagen zu rechnen." "Das wäre immerhin auszuhalten", meinte Zugführer Weber.
Der Offizier fuhr fort: "Für uns ist die Hauptsache, dass auch während dieser letzten zwei Tage hier drinnen Ruhe und Ordnung herrschen. Herrn Dr. Schmids Befürchtungen über Demoralisierungserscheinungen teile ich nicht in vollem Masse; sollten sich solche Erscheinungen jedoch zeigen, so werden wir ihnen zu begegnen wissen. Auf jeden Fall soll von morgen ab eine weitere Wache im Tunnel patrouillieren." Nach Schluss der Sitzung ging der Offizier wie jeden Abend mit dem Zugführer noch einmal durch den ganzen Zug. In den meisten Wagen war es schon still, und die Lichter waren gelöscht. Beruhigt begaben sich die beiden Männer wieder in den Gepäckwagen und legten sich auf ihre improvisierten Lagerstätten.