FÜNFZEHNTES KAPITEL
Die Wache am oberen Tunnelausgang stand unbeweglich, an die dunkle Tunnelwand gelehnt, und starrte in das flackernde Licht. Horch! War das nicht ein leichtes Kratzen im Fels? Der Soldat presste sein Ohr an den Felsen. Ja... es stimmte. Er hörte deutlich das Arbeiten der Bohrmaschinen... fern... , unendlich fern noch... immerhin waren es Zeichen von draussen! Der Soldat stiess ein Seufzer der Erleichterung aus. Er entnahm dem Magazin seines Gewehrs die scharfen Patronen und lud statt dessen blinde Munition. Wie Donnerrollen dröhnte der Schuss im Gewölbe. Im Zuge horchten die Passagiere auf. Oberleutnant Gallino, der sich gerade im Gepäckwagen aufhielt, sprang empor. "Kommen Sie", sagte er zum Zugführer Weber, der sich auch dort befand, "rasch, eine Meldung der Wache."
Eilig gingen die Männer dem Tunnelausgang zu. Die Wache nahm Stellung an und meldete: "Herr Oberleutnant! Man hört die Leute draussen arbeiten." "Danke." Der Offizier und der Zugführer pressten die Köpfe an den Felsen. Deutlich vernahmen sie ein leichtes Kratzen im Gestein. "Hören Sie, Herr Weber? Es geht also vorwärts. Nun wird es hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis wir hinauskommen." Passagiere kamen herbei und vernahmen die Neuigkeit. Alle horchten an der Wand. Auch Rossi war erschienen. Mit einem Gefühl der Rührung betrachtete er die Leute. So grotesk der Anblick auch war, so deutlich sprach er. Die angespannte Haltung, das krampfhafte Horchen drückten die ganze Hoffnung dieser eingeschlossenen Menschen aus, die so sehnlich auf Hilfe von aussen warteten. Und es war deutlich zu sehen, dass die schwachen Zeichen, die an ihre Ohren drangen, schon genügten, um ihre Widerstandskraft zu festigen und ihnen neuen Mut zu verleihen.
Mit einem Male sah Rossi, dass Jeanne zwischen einer Dame und einem Herrn stand und ebenfalls angespannt horchte. Im fahlen Licht der Öllampen erblickte er ihr Gesicht im Profil. Mit einer Hand stützte sie sich an der Tunnelwand, die andere hing herab. Rossi schob sich behutsam in den schmalen Zwischenraum zwischen Jeanne und ihrer Nachbarin. Jeanne hielt die Augen geschlossen, aber sie spürte sogleich seine Nähe. Ihre freie Hand wurde erfasst und leicht gedrückt. Ein ganz leiser Gegendruck sagte Rossi, dass er erkannt worden war. So horchten sie, nebeneinanderstehend, auf die Zeichen von draussen. Gruppenweise wanderten die Reisenden wieder zurück zum Zuge. Lebhaft wurde die Neuigkeit besprochen, und alle Gesichter spiegelten Hoffnung und Vertrauen wieder. Hand in Hand folgten Jeanne und Rossi.
Später wurde das Mittagessen im Speisewagen serviert. Der Küchenchef setzte die Passagiere davon in Kenntnis, dass die Nahrungsmittelvorräte nun bald erschöpft waren. Die Ankündigung wurde verhältnismässig gelassen aufgenommen, wusste man doch, dass die Rettung nahte. Nur einige Mitglieder des Fussballklubs aus dem letzten Wagen murrten vernehmlich und machten abfällige Bemerkungen über die Langsamkeit der Rettungsaktion. Doch niemand hörte auf sie.
Am Nachmittag wanderten immer wieder einzelne Passagiere und Gruppen zum Nordausgang des Tunnels. Es beruhigte sie, zu hören, wie an ihrer Rettung gearbeitet wurde. Gegenseitig machten sie sich auf die an- und abschwellende Stärke der Geräusche aufmerksam. Hörten die scharrenden und kratzenden Geräusche auf, so wussten sie, dass die Sprenglöcher geladen wurden. Ein Italiener, der schon als Hilfsmineur gearbeitet hatte, erklärte seinen Schicksalsgenossen, in welcher Weise die Arbeiten draussen vorgenommen wurden.
Nach einigen Minuten lautloser Stille hörte man dann die Detonationen der Sprengung. Bald darauf setzte die Bohrarbeit von neuem ein. Das Geräusch war schon bedeutend besser zu vernehmen als am Vormittag. Wie lange würde es wohl noch dauern, bis man das Tageslicht wieder erblickte?
Soeben hatte wieder eine Sprengung stattgefunden. Gespannt hatten die Eingeschlossenen gehorcht, die Schläge gezählt. Einige hatten zwölf, andere nur zehn Detonationen festgestellt. Etliche Minuten vergingen. Da wurde die Arbeit draussen wieder aufgenommen. Leichtes Kratzen, das Geräusch der rotierenden Bohrer, feines Klopfen verrieten die eifrige Tätigkeit. Eine Stunde lang, bis zur nächsten Sprengung, würde diese Arbeit fortdauern.
Plötzlich hörten die Geräusche auf. Gespannt horchten alle. Sekunden vergingen, eine halbe Minute verstrich. Leicht erzitterten die Wände, ein fernes Rollen wurde hörbar... , wie Donner... dann war alles still... kein Kratzen, kein Pochen mehr... , die Arbeit hatte ausgesetzt... und wurde nicht wieder aufgenommen. Was hatte das zu bedeuten? Was war geschehen? Verstört blickten die Reisenden einander an. Da sagte der italienische Mineur: "Ein neuer Bergsturz ist erfolgt. Wahrscheinlich hat es ein Unglück gegeben... die Arbeiter da draussen waren ihm ausgeliefert! Ich habe deutlich gespürt, dass das Rollen und Donnern anschwellend von oben kam und sich nach unten verlief." "Diese Empfindung hatte ich auch", sagte ein Engländer, der seit Stunden dagestanden und ständig auf die Zeichen von aussen gehorcht hatte. "Was wird Ihrer Meinung nach nun geschehen?"
"Das hängt davon ab, ob die Arbeit am gleichen Ort wieder aufgenommen werden kann", erklärte der Mineur. "Ich nehme an, dass schon ein gutes Stück des eingestürzten Tunnels ausgeräumt worden war. Der neue Bergsturz hat nun vielleicht die ganze Arbeit zunichte gemacht." "Das würde für uns bedeuten, dass beinahe drei Tage verloren sind", stellte der Engländer gelassen fest. "Nicht unbedingt", entgegnete der Mineur. "Wir müssen abwarten, ob hier oder an einem andern Ort weitergearbeitet wird." "Und wie wollen Sie das feststellen?" fragte der Engländer ein wenig spöttisch. "Wir haben nichts weiter zu tun, als ständig auf die Geräusche von draussen zu achten", war die Antwort des Mineurs. "Ich bleibe vorläufig hier."
"Dann leiste ich Ihnen Gesellschaft", sagte der Engländer ruhig. Nebeneinander liessen sich die beiden Männer an der Tunnelwand nieder. Sie schwiegen, und nur die Tatsache, dass sie eine Zigarette nach der andern rauchten, verriet, dass es um ihre innere Ruhe nicht ganz so bestellt war, wie sie sich den Anschein gaben. Die Wache liess sofort Oberleutnant Gallino Meldung erstatten. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Zug und führte allenthalben zu lebhaften Erörterungen. Aber Verzweiflungsszenen, die der Zugführer befürchtet hatte, kamen nicht vor.
Draussen in der Grandiosa war an diesem Nachmittag ebenso eifrig gearbeitet worden wie an den beiden vorhergehenden Tagen und nachtsüber. Ununterbrochen lösten sich die Schichten ab. Für die Arbeiter war ein Autobusbetrieb eingerichtet worden, der sie rasch von der Arbeitsstelle wegführte, zu den schnell errichteten Wohnbaracken, die man fern vom Lärm und Betrieb aufgestellt hatte. Beklommen schauten die Zugspassagiere auf die Grandiosa, wenn sie in langen Autokolonnen zu den Umsteigestationen geführt wurden. Der Anblick war allen längst bekannt. In der ganzen Welt gab es kaum mehr eine Zeitung, die ihren Lesern nicht das Bild des Ortes gezeigt hätte, wo Hunderte von Menschen in der Tiefe eines Berges eingeschlossen auf Rettung warteten.
Jetzt wurde der Verkehr auf der Strasse gesperrt. Als letzter kontrollierte ein Unteroffizier auf einem Motorrad die Strecke. Nachdem er ein Zeichen gegeben hatte, um kundzutun, dass die Strasse frei war, heulte die Sirene auf. Dämonisch hallte das Echo von den Felswänden. Die Arbeiter gingen in Deckung. Alles war still. Kaum eine Minute später erfolgten die Explosionen. Haushoch erhob sich eine milchige Staubwolke. Süsslicher Geruch von Dynamit und Granitstaub verbreitete sich. Der Feuerwerker gab das Zeichen, und die Sirene meldete die Wiederaufnahme der Arbeit. Die Arbeiter verliessen ihre Verstecke. Das Laden der Sprenglöcher und die Sprengung hatten drei Minuten gedauert. Mit neuem Eifer machten sich die Mineure an die Arbeit.
Auf der gegenüberliegenden Seite hatten die Filmleute eifrig gekurbelt. Aufmerksam beobachtete der Wächter durch den Feldstecher die Abbruchstelle des Bergsturzes. Während der Sprengung war es ihm vorgekommen, als hätte sich dort oben eine leichte Bewegung gezeigt... da... wieder eine Bewegung... Sofort gab der Wächter das Alarmzeichen, um dann wieder angespannt durch das Glas zu schauen. Ein Felsblock – hausgross – hatte sich gelöst. Die Sirene heulte auf, laut, zwingend! Gefahr – Gefahr! Die Arbeiter hörten das Signal und rannten fort. Einen Augenblick balancierte der Felsblock auf seiner Unterlage, dann neigte er sich vornüber, kam ins Rollen, überschlug sich... Immer noch gellte die Sirene, ihr warnender Schrei übertönte das Krachen des stürzenden Blockes. Hinter Felsen und im ausgebrochenen Stollen suchten die Arbeiter Schutz. Wie ein Meteor schoss der Block in die Tiefe, er schlug mitten in die Kompressorengruppe hinein und verschwand dann zischend im Stausee zu Füssen der Grandiosa.
Die Sirene verstummte. Von allen Seiten eilten Helfer herbei. Sanitäter brachten Tragbahren. Ein Toter und drei Verwundete wurden vom Platz getragen... die Bedienungsmannschaft der Kompressoren. Von den Arbeitern, die in den Stollen geflüchtet waren, hatten nur wenige durch das dem Block folgende Geröll leichte Verletzungen erlitten. Aber die Kompressoren waren zerschlagen, die Strom- und Luftleitungen weggerissen. Sofort setzte der Hilfsdienst ein. Der Bauleiter war aus Lavorgo herbeigerufen worden. Nachdem er den Schaden besichtigt hatte, gab er Anweisungen zur Instandstellung der Einrichtungen.
Die Verwundeten waren unterdessen durch die Ambulanz fortgetragen worden. Der Bauleiter begab sich zu den Scheinwerfern, um dem Posten für sein promptes Eingreifen und die rasche Warnung zu danken, die zahlreiche Menschenleben vor dem Untergang bewahrt hatte. Darauf berichtete die Wache, wie sich der Block nach der Sprengung gelöst hatte. "Es war, als ob er sich zuerst besonnen hätte, ob er seinen Platz verlassen sollte oder nicht. Mehr als zehn Sekunden schwankte er auf seiner Unterlage hin und her."
Der Bauleiter setzte sich hinter das Fernrohr, das seit gestern zwischen den Scheinwerfern stand, und schaute hinüber. Früher hatte ihm die Abbruchstelle nicht recht gefallen. Aber jetzt war sie tatsächlich vollständig glatt. Weiss leuchtete der nackte Granit; nur am oberen Rande der Abbruchstelle sah man einen schwarzen Fleck, der sich einige Meter weit nach unten hinzog. Darin verriet sich die Ursache des ganzen Bergsturzes. Auch der soeben abgestürzte Felsblock war wohl schon vor einigen Tagen vom Berge losgebrochen, aber er hatte sich auf seiner Unterlage erhalten, weil er nach hinten am Berge anlehnte. Diese Tatsache hatte man nicht feststellen können, obwohl die Bruchstelle unter Lebensgefahr von einem Bahnmeister, einem Fachmann auf diesem Gebiet, genau untersucht worden war. Aufmerksam prüfte der Bauführer mit dem scharfen Glase jeden Quadratmeter der gegenüberliegenden Felswand. Aber es war nichts mehr zu erkennen, was die weiteren Arbeiten hätte gefährden können.
An der Baustelle waren die zerschlagenen Maschinen weggeräumt worden, Monteure und Installateure waren damit beschäftigt, neue Kompressoren aufzustellen. Fieberhaft arbeiteten die Leute. Ein Beamter der Verwaltung hatte alle Mineure und Arbeiter, die an exponierter Stelle tätig waren, zusammengerufen und die nötige Aufklärung erteilt. Die Mineure, als Spezialisten, erkannten sofort die Stichhaltigkeit der vorgebrachten Gründe. Sie wussten jetzt, dass sie fortan bei ihrer Arbeit nicht mehr gefährdet waren. Es dunkelte schon, als der Betrieb wieder in vollem Umfang aufgenommen werden konnte. Mit doppeltem Eifer erfüllten alle ihre harte Pflicht. Die einzelnen Gruppen wetteiferten miteinander im Vollbringen von Höchstleistungen. Der verlorene halbe Tag musste wieder eingeholt werden. Jeder empfand den harten Fels als persönlichen Feind.
Beim Nachtessen im Speisewagen herrschte eine gedrückte Stimmung unter den Passagieren. Dr. Schmid beobachtete die Leute aufmerksam. Er sass am gleichen Tisch mit Oberleutnant Gallino und sagte leise: "Da können Sie sehen, wie das unvorhergesehene Ereignis die Stimmung beeinflusst hat. Heute mittag waren noch alle voll froher Hoffnung. Die Mitteilung, dass die Nahrungsmittel bald zu Ende sein würden, machte keinen grossen Eindruck auf die Leute, hatten sie doch kurz vorher vernommen, dass Aussicht auf baldige Rettung bestand. Die Tatsache aber, dass draussen etwas vorgefallen sein muss, wirkt so niederschmetternd, dass mehrere Passagiere nicht einmal zum Essen erscheinen wollen. Sie ziehen es vor, in ihren Abteilen Trübsal zu blasen." "Herr Oberleutnant!" rief jemand im Tunnel vor dem Speisewagen. Es war ein Soldat. Der Offizier eilte zum offenen Fenster und fragte: "Was gibt‘s?"
Laut meldete der Mann: "Herr Oberleutnant! Ich wurde soeben abgelöst und blieb noch einige Minuten bei der neuen Wache. Draussen wird wieder gearbeitet!" "Gott sei Dank", erwiderte der Offizier und verdankte die Meldung. "Bravo! Bravo!" erschallte es im Speisewagen. Sogleich war die gedrückte Stimmung wie weggeblasen. Mit Windeseile machte die gute Nachricht die Runde im Zuge. Viele Leute eilten noch selbst zum Nordausgang des Tunnels, um sich von der Richtigkeit der Meldung zu überzeugen. Deutlich waren klopfende und schlagende Geräusche zu vernehmen. Etwas später sassen die verantwortlichen Beamten abermals im Gepäckwagen beisammen. Die Ereignisse des Tages wurden lebhaft besprochen. Da unterbrach der Küchenchef das Geplauder. Er hielt die Liste, auf der die Vorräte verzeichnet waren, in der Hand, und es war ihm anzusehen, dass er Wichtiges zu melden hatte. "Liebe Kollegen", sagte er ernst, "ich muss es geradeheraus sagen: es ist gestohlen worden."
"Gestohlen?" fragte man von allen Seiten, und aller Mienen spiegelten unverholene Überraschung. "Was ist gestohlen worden?" fragte Oberleutnant Gallino. "Soeben habe ich beim Nachzählen festgestellt", erklärte der Küchenchef, "dass ein Paket Schokolade, im ganzen fünfzig Tafeln, fehlt. Meine Kontrolle stimmt. Gestern abend waren noch genau so viele Pakete vorhanden, wie auf meiner Liste verzeichnet sind; also muss das fehlende Paket heute im Laufe des Tages gestohlen worden sein." Der Offizier schaute seine Soldaten fragend an: "Hat von euch einer etwas zu melden?" Ein Soldat erhob sich: "Als am Vormittag alle Passagiere zum Tunnelausgang wanderten, hatte ich Wache. Der Befehl lautet, von Zeit zu Zeit im Magazin nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist. Das ist regelmässig geschehen. Als aber alle Leute gingen, habe ich etwa zehn Minuten lang zur Seitentür des Gepäckwagens hinausgeschaut. Während dieser Zeit könnte der Diebstahl geschehen sein."
Nachdenklich erwiderte Oberleutnant Gallino: "Wahrscheinlich verhält es sich so. Ich werde den Wachbefehl abändern. In Zukunft ist die Wache kriegsmässig zu stellen, der Wachhabende hat sich im Magazin aufzuhalten." "Zu Befehl, Herr Oberleutnant." "Hat jemand einen Verdacht?" erkundigte sich Oberleutnant Gallino. Der Zugführer erklärte, dass er sich für das gesamte Personal verbürgen könne. Keiner der Leute sei fähig, solch eine Tat zu begehen. Wie es mit den Passagieren stehe, könne er natürlich nicht sagen. Vielleicht sei der eine oder andere moralisch nicht ganz einwandfrei. Auf jeden Fall lasse die Tat auf einen recht minderwertigen Charakter schliessen. Er schlug vor, keine Untersuchung in den Wagen vorzunehmen, um eine Beunruhigung der Passagiere zu vermeiden. Die erhöhte Wachsamkeit werde ohnedies eine Wiederholung des Diebstahls verhindern.
"Die schöne Schokolade! Ersticken sollte der elende Dieb daran!" rief der Küchenchef ergrimmt. "Nach meiner Ansicht sollte nichts unversucht bleiben, um die Ware wiederzufinden. Es sind immerhin zehn Pfund! Es ist ein Fehler, wenn nicht sämtliche Abteile durchsucht werden." "Wir wollen über die Frage der Wagendurchsuchung abstimmen", begütigte der Zugführer. "Wer ist für die Durchsuchung? " Nur drei der Anwesenden erhoben die Hand. Die Mehrheit war also dagegen. Nachdem diese Streitfrage geklärt war und die Erregung über das Vorkommnis sich gelegt hatte, erstattete Dr. Schmid seinen Bericht. Er teilte mit, dass er einigen Damen hatte beistehen müssen, bei denen Gemütsbewegung und Hunger Herzaffektionen hervorgerufen hatten. Von den übrigen Passagieren war nichts Besonderes zu melden.
Sofort nachdem die Ursache des zweiten Bergsturzes sowie der Umfang des angerichteten Schadens festgestellt worden waren, hatte die Verwaltung ein Bulletin herausgegeben, um allen Gerüchten und Übertreibungen vorzubeugen.
Der Verlust an Menschenleben wurde darin keineswegs verschwiegen. Auch die Ursache des Unglücks wurde auseinandergesetzt und im Hinblick auf den jetzigen Zustand der Felswand betont, dass in Zukunft keine Abbrüche mehr vorkommen würden. Wahrscheinlich hatten sich vor vielen, vielen Jahren an der Absturzstelle im harten Gestein einige feine Risse gebildet, die für das menschliche Auge unsichtbar waren. In diese feinen Risse sickerte im Sommer das Regenwasser, das dann im Winter gefror. Da gefrierendes Wasser sich stark ausdehnt, wurde auf diese Weise ein gewaltiger Druck auf die Felsen ausgeübt, der die Risse von Jahr zu Jahr erweiterte und vertiefte. Im Frühjahr, beim Eintreten der warmen Jahreszeit, liess die Spannung im Felsen jeweils wieder nach. Dieses Spiel hatte sich vielleicht seit Jahrhunderten jahraus, jahrein wiederholt, bis schliesslich die sich stetig verstärkende Eispressung den ganzen Felskopf abgerissen und damit absturzreif gemacht hatte.
Der Mensch erfährt von diesem stillen Wirken der Natur erst, wenn das Gestein abstürzt und die dunklere Färbung der Rissnarben zutage tritt. Dann ist die Gefahr jedoch schon behoben. All diese Dinge erläuterte das Bulletin, um dann zu betonen, dass zwar durch den neuen Bergsturz ein halber Tag für die Rettungsaktion verloren gegangen sei, dass man aber den Zeitverlust durch Steigerung der Arbeitsleistung wieder wettmachen werde. Abermals war der Name "Grandiosa" in aller Mund. Wieder strömten viele Neugierige herbei, um die Absturzstelle zu besichtigen. Auch Direktor Luini war nochmals nach Lavorgo geeilt, um sich mit der Bauleitung zu besprechen. Es gab jedoch keine neuen Massnahmen zu treffen. Mit den neuen Kompressoren konnte die Rettungsaktion unverzüglich weitergehen.