VIERZEHNTES KAPITEL
Am Vormittag des zweiten Tages begann Rossi mit dem Abbrechen eines Güterwagens. Der Brennstoff im Speisewagen ging zur Neige, und es musste schleunigst neuer Vorrat beschafft werden. Den ganzen Tag brannte das Feuer im Herd. Das Essen konnte nur jeweils für eine bestimmte Personenzahl zubereitet werden; unglaubliche Mengen des sehr guten Tees wurden verlangt, fast ununterbrochen kamen Reisende und baten um heisses Wasser zum Waschen und Rasieren. Diejenigen Herren, die Rasierzeug mit auf die Reise genommen hatten, liehen es bereitwillig aus, so dass es auch den andern möglich war, ohne Stoppelbärte auf den Geleisen und in den Wagengängen zu promenieren.
Rossi schraubte die dicken Bretter des Güterwagens los. Zuletzt stand nur noch das Eisengerippe auf den Rädern, und neben dem Geleise lagen hoch aufgeschichtet die Bretter. In den Notwerkzeugkästen der Wagen befanden sich Sägen und Beile, so dass es leicht war, das Holz zu zerkleinern. Die Kondukteure und Soldaten besorgten das Sägen und Spalten. Als willige Helfer trugen einige Kinder das Holz zum Speisewagen. Natürlich war auch Peppino dabei, und jedesmal, wenn er am Wagen seiner grossen Freundin vorbeikam, rief er etwas hinauf. Jeanne hatte ihre Freude an dem aufgeweckten Bürschchen und plauderte gerne mit ihm, obwohl die Verständigung einige Schwierigkeiten bot.
Als alles Holz feuerbereit beim Speisewagen lag, packte Rossi sein Werkzeug zusammen und begab sich auf die Lokomotive, um die Sachen wieder zu verstauen. Dabei warf er zufällig einen Blick in das Fach, wo Sicherungen und Glühbirnen als Reserve aufbewahrt wurden. Zu seiner Verwunderung entdeckte er unter den anderen eine normale Glühbirne, die weder auf der Lokomotive noch in den Wagen gebraucht werden konnte, weil für die Zugbeleuchtung überall Gleichstrom verwendet wird, dessen Spannung weit unter den in unsern Lichtnetzen gebräuchlichen Spannungen liegt. Er nahm die Birne in die Hand, um sie wegzuwerfen, bedachte sich dann aber und legte sie schliesslich wieder zu den anderen. Er nahm sich vor, sie später im Depot Bellinzona abzugeben, wo sie wohl irrtümlicherweise auf die Lokomotive gebracht worden war.
Nach dem Mittagessen wurden die deutsch sprechenden Passagiere aufgefordert, im Speisewagen zu bleiben. Lokomotivführer Merz hielt einen Vortrag über das Wesen der Elektrizität, den Wasserreichtum der Schweiz und die Nutzbarmachung der weissen Kohle, sowie über den Bau und den Betrieb der Gotthardbahn. Zugführer Weber übersetzte den Vortrag, nachdem die Zuhörerschaft gewechselt hatte, in die englische Sprache. Dann kam Rossi an die Reihe, der in italienischer Sprache vortrug. Er sprach frei, und es war zu erkennen, dass er aus eigenem Wissen schöpfte. Mit energischen, lebhaften Gebärden unterstrich er besonders wichtige Stellen. Vor den Augen der aufmerksam lauschenden Zuhörer liess er ein farbenreiches Bild der Elektrizitätswirtschaft seines Heimatlandes erstehen, wobei er geographische Erklärungen einflocht, die seine Ausführungen wirkungsvoll ergänzten.
In einer der hinteren Reihen hatte auch Jeanne Platz genommen. Peppino hatte sie aufgesucht und ihr sehr aufgeregt mitgeteilt, dass sein Capo eine "conferenza" halten werde. Dabei dürfe sie keinesfalls fehlen. Sie hatte über den Eifer ihres kleinen Freundes lachen müssen und war ihm und seinen Eltern in den Speisewagen gefolgt. Jetzt sass sie da und lauschte gespannt der wirkungsvollen Sprechweise Rossis. So viel verstand sie von der italienischen Sprache, um feststellen zu können, dass der Vortragende seine Sache wirklich gut machte. Als er geendet hatte, sagte er noch, dass der Vortrag jetzt in französischer Sprache wiederholt werden würde. Daraufhin verliessen die Italiener und die Tessiner den Speisewagen, um den französischen Passagieren Platz zu machen. Rossi war zu Jeanne getreten und begrüsste sie. Interessiert fragte sie ihn: "Wer wird den französischen Vortrag halten?"
Rossi lächelte verschmitzt. Dann erwiderte er ausweichend: "Das werden Sie gleich erfahren. Gedulden Sie sich nur noch einige Minuten." Als alle Plätze besetzt waren, entschuldigte er sich bei Jeanne und nahm wieder den Platz des Redners ein. Dann begann er den Vortrag in französischer Sprache. Bei den ersten Worten schaute er zu Jeanne hinüber, die ein sehr erstauntes Gesicht machte. Rossis Worte erklangen nicht in der leicht singenden Aussprache des französischen Südens, sondern in der harten, klaren Tonart, wie man sie im Norden ihrer Heimat zu hören bekam. Aber er sprach mühelos und flüssig Nur ganz selten hatte ein Wort eine etwas fremdartige Betonung dadurch erhielt seine Aussprache einen besonderen Reiz. Nach dem Vortrag trat Jeanne lachelnd zu Rossi und sagte: "Sie sind wirklich ein schlimmer Quälgeist."
"Wieso?" fragte Rossi mit unschuldiger Miene.
"Wieso? Weil ich mir immerzu die grösste Mühe gegeben habe mit Ihnen Italienisch zu sprechen, und jetzt sehe ich, dass Sie die französische Sprache vollkommen beherrschen." "Ist das ein so grosses Verbrechen?" entgegnete Rossi belustigt. "Jeder andere an meiner Stelle hätte auch so gehandelt; denn das Italienische klingt in Ihrem Munde so reizend, dass ich gar nicht genug davon hören kann. Übrigens haben Sie mich nicht nach meinen französischen Sprachkenntnissen gefragt", fügte er mit spitzbübischem Lächeln hinzu. "Aber jetzt werden Sie zur Strafe mit mir Französisch sprechen", entgegnete Jeanne streng. "Dann habe ich auch weniger Heimweh." Rossi hätte sie gerne ein wenig getröstet, denn dieses Bekenntnis rührte ihn, aber er wagte es nicht. So sagte er nur ein wenig verlegen: "Darf ich Sie zu einer Tasse Tee einladen?" "Gerne", antwortete Jeanne ungezwungen. "Dabei können wir noch etwas plaudern. Ich möchte nämlich ein paar Fragen stellen."
"Einen Augenblick!" rief Rossi, dem soeben ein Einfall gekommen war. "Warten Sie hier! Ich bin gleich zurück." Nach wenigen Minuten erschien er wieder mit einem kleinen Päckchen in der Hand. Unterdessen war der Tee serviert worden. Rossi entnahm dem Päckchen ein Stück Kuchen, das Merz ihm gegeben hatte, und das er nun mit seiner neuen Freundin teilte. Sie fragte nicht, woher der Kuchen kam, sondern ass mit Behagen den ihr überreichten Teil. Dann betrachtete sie eine Weile ihr Gegenüber und sagte: "Eigentlich müssen Sie in Ihrem Beruf über sehr grosse Kenntnisse verfügen. Wir haben ja in der Schule auch einiges von dem, was Sie vorhin ausführten, gelernt. Aber von all den Einzelheiten über Turbinen, Dynamos und Motoren hatte ich keine Ahnung. Das ist ein sehr interessantes Gebiet."
Nachdenklich erwiderte Rossi: "Die meisten, die meinen Beruf ausüben, tun es nicht nur um des Broterwerbs willen, sondern vor allem, weil sie eine Leidenschaft, eine Liebe zur Maschine haben. Darum lernen wir auch vieles, das mit dem Fahrdienst nicht unbedingt zusammenhängt. Darüber und über vieles andere werden wir auch geprüft." Verwundert fragte Jeanne: "Geprüft? Wie Schuljungen, denen der Lehrer die Aufgaben abhört?"
"Gerade so wie in der Schule geht es bei uns zu", bestätigte Rossi lächelnd. "Bevor man überhaupt zum Bahndienst zugelassen wird, muss man eine schriftliche und eine mündliche Eignungsprüfung ablegen. Hat man diese bestanden, so folgen für den, der Lokomotivführer werden will, einige Jahre Arbeit in einer Werkstätte. Bevor man aber Führergehilfe oder Heizer wird, muss man wieder eine Prüfung ablegen. Nach einigen weiteren Dienstjahren kann man dann provisorischer Lokomotivführer werden. Doch vorher muss man eine zweitägige schriftliche und mündliche Prüfung bestehen sowie ein mehrtägiges strenges Examen im praktischen Dienst." Lachend fiel Jeanne ihm ins Wort: "Jetzt hören Sie aber auf; da müssen Sie ja ihr ganzes Leben lang die Schulbank drücken! "
Doch Rossi fuhr eifrig fort: "Gewiss, aber man lernt auch nie aus. Ich habe bereits die erste Führerprüfung bestanden und bereite mich jetzt auf die zweite vor, die noch strenger ist. Als Lokomotivführer werde ich automatisch alle fünf Jahre geprüft. Ausserdem werden Seh- und Hörvermögen immer wieder kontrolliert." "Auf diese Art und Weise müssen die Schweizer Eisenbahnen ja ein ganz auserlesenes Personal haben", sagte Jeanne bewundernd. "Ich weiss wirklich nicht, ob es in Frankreich auch so zugeht." "Das können Sie ohne weiteres annehmen, denn jede Bahnverwaltung sorgt in gleicher Weise dafür, dass sie in ihrem eigenen Interesse tüchtiges und zuverlässiges Personal bekommt. Den Vorteil ersieht man ohne weiteres aus den Statistiken der Bahnunfälle. Die Schweiz steht da mit an erster Stelle – das heisst, als eines der Länder mit den wenigsten Unfällen; wir bedauern es deshalb nicht, wenn die Auslese so streng gehandhabt wird."
Rossi hatte sich in Eifer geredet, und Jeanne erkannte, dass er seinem Beruf mit Leib und Seele verfallen war. Diese Welt war ihr so völlig neu, dass ihre Verwunderung immer mehr wuchs. "Wäre es Ihnen in einem anderen Beruf nicht genau so wohl?" forschte sie. "Nein, niemals!" antwortete Rossi rasch und mit Überzeugung. "So sehr lieben Sie Ihren Beruf?" "Ja, ich liebe ihn. Sehen Sie, Jeanne, in dieser Arbeit kann man restlos aufgehen. Wenn man so auf der Maschine steht und einen Güterzug führt... , tausend oder tausendfünfhundert Tonnen... anderthalb Millionen Kilo wertvollster Güter... ich weiss nicht, wie ich es sagen soll... man führt den Zug, hinauf... , hinunter... eine kleine Bewegung mit dem Bremsventil... und die gewaltige Masse steht still, sobald ich es will... sie gehorcht mir... , mir allein. .
Seine Augen ruhten auf Jeannes Gesicht, aber er sah sie nicht. Weit fort war er in Gedanken, während er erzählte. Gefesselt, ja hingerissen hörte sie zu. Noch nie hatte sie Anlass gehabt, sich hineinzufühlen in das Denken der Männer auf der Lokomotive. Doch jetzt war das anders, und sie verstand die Empfindungen ihres Gegenübers. Ähnliches empfand sie, wenn sie am Lenkrad eines Autos sass. Wieviel stärker aber musste dieses Gefühl bei einem Lokomotivführer sein! Rossis gesammelter Gesichtsausdruck, die Leidenschaft, die aus seinen Worten klang, verfehlten ihren Eindruck auf sie nicht, und sie betrachtete ihn mit einem Male mit neuen Blicken, in denen scheue Bewunderung lag. Jeanne hatte er gesagt, ohne es zu merken... Hatte sie sich nicht auch schon dabei ertappt, dass sie in Gedanken Carlo sagt; wenn sie sich mit Rossi beschäftigte?
Nach einer kurzen Pause fuhr Rossi fort: "Oder wenn ich einen Schnellzug führe... oft ganz allein... Hunderte von Menschen sind mir dann anvertraut... und ich hafte für ihre Sicherheit... mit meinem Leben. Welcher frohe oder traurige Anlass mag diese Menschen bewegen, den Zug zu benutzen? Sie alle haben ein Fahrziel, und an diesem Ziele erwartet sie Freud oder Leid. Und der Zug, den ich führe, ist der Träger, der Erfüller ihrer Erwartungen. Sie vertrauen mir, obwohl sie mich nicht kennen. Man kann fahren und führen. Man kann es tun, weil man dadurch seinen Lebensunterhalt verdient, aber ich glaube, viele von uns würden es tun... müssten fahren und führen... auch wenn sie nicht auf den Lohn angewiesen wären. Wir können eben nicht ohne unsere Aufgabe sein. Die Maschine, die Weite, die Geschwindigkeit halten uns gefangen." Rossi hatte wie zu sich selbst gesprochen; er schien Zeit und Ort vergessen zu haben.
Jeanne war sehr nachdenklich geworden. Beamte wie Rossi mussten für die Bahn von grossem Werte sein, und wertvoll waren sie auch als Menschen; denn ihre Zuverlässigkeit, ihr Verantwortungsgefühl unterstanden keinem Zweifel. Sie unterschieden sich in jeder Weise vorteilhaft von jenen jungen Leuten, die ihre Arbeit verabscheuten und nur widerwillig taten. Wie wenig wusste man doch von der Welt... Man fuhr mit der Eisenbahn, ohne zu ahnen, dass diese harten Männer der Schiene ihren Beruf mit heiligem Ernst ausübten...
Jeanne hatte geglaubt, einen einfachen Arbeiter vor sich zu haben, als sie Rossi in seinem schmutzigen Überkleid kennengelernt hatte. Nun sass ihr auf einmal ein zielbewusster Mann gegenüber, der über Kenntnisse verfügte, von denen sie keine Ahnung hatte. Schon oft hatte sie einen Zug benutzt, ohne daran zu denken, dass sie damit ihre Gesundheit, ihr Leben dem Manne auf der Lokomotive anvertraute. Man nimmt den Zug – und mit ihm den Lokomotivführer – als etwas Selbstverständliches hin und erwartet, dass er einen sicher ans Ziel führen wird, wie man es als selbstverständlich ansieht, dass jeden Morgen die Sonne aufgeht, dass das eigene Herz ruhig im Takte weiterschlägt. Wie oft hatte sie nach beendeter Fahrt die Männer auf der Lokomotive in ihren ölgetränkten Überkleidern gesehen, ohne ihnen einen Gedanken zu schenken. Nun erkannte sie auf einmal, dass diese Männer durch die sie ständig bedrohenden Gefahren zu starken, vornehmen Charakteren geformt wurden. Die ruhige Überlegenheit war es auch gewesen, die ihr sogleich an Rossi gefallen hatte, als sie ihn zum erstenmal gesehen, als er jenem Egoisten entgegengetreten war, der sein Abteil nicht mit Kindern teilen wollte. Jeanne erkannte, dass es sinnlos wäre, wenn sie sich innerlich gegen ihr Empfinden zur Wehr setzte. Sie hatte eine grosse Freude empfunden, als sie bemerkte, dass Rossi ihr Verehrung entgegenbrachte. Jetzt wusste sie, dass diese Freude nicht auf Eitelkeit beruhte, sondern durch eine Bindung verursacht war, die mehr war als freundschaftliche Zuneigung. Mochten die Umstände, unter denen sie Carlo begegnet war, infolge ihrer "Romantik" auch das ihrige dazu beitragen, dass ihr empfängliches Gemüt so tief beeindruckt wurde – für sie stand es fest, dass diese Begegnung schicksalsbedingt war. Was daraus werden würde, wusste sie nicht, aber sie wollte auch gar nicht darüber nachdenken, sondern nur das beglückende Gefühl seiner Nähe geniessen. Sie wusste ja nicht einmal, ob sie den Tunnel lebend verlassen, ob sie jemals wieder heimgelangen würde. Daheim war sie als einziges Kind eines Kaufmanns, der in der Provinzhauptstadt zu den angesehensten Leuten gehörte, verwöhnt worden – als Jeanne daran dachte, gab es ihr einen Stich. Was würden sie daheim sagen, wenn sie keine Nachricht von ihr erhielten und gleichzeitig von dem Unglück hörten...
"Jetzt haben Sie an zu Hause gedacht, Fräulein Vautier", sagte unvermittelt Rossi mit leiser Stimme und legte seine Hand auf ihre Rechte, die auf dem Tische ruhte. "Ja", erwiderte Jeanne, "ich habe mit offenen Augen geträumt. Sie werden über mich lachen." "Nicht im geringsten", beteuerte Rossi. "Habe ich Sie mit meinen Betrachtungen gelangweilt? Sehen Sie, es hat mich so gefreut, Ihnen sagen zu dürfen, dass wir keine Automaten, sondern empfindende Menschen sind. Unsere Lokomotiven sind übrigens auch nicht gefühllos, sind nicht nur totes Metall. Jede Maschine hat ihre Eigenheiten, hat besondere Merkmale. Die eine ist träge, die andere lebhaft und eine dritte vielleicht starrköpfig. Seltsam, nicht wahr? Aber es ist wirklich so. Sie müssten nur einmal die Eingeweide, das Gehirn und die Nerven einer Lokomotive sehen, dann würden Sie das verstehen." "Zeigen Sie mir doch das alles", bat Jeanne, und bereitwillig erwiderte er: "Nichts lieber als das! Kommen Sie, wir gehen gleich hin!"
Die beiden verliessen den Speisewagen und begaben sich zur Lokomotive. Als sie im Dämmerlicht des Tunnels nebeneinander dahinschritten, nahm Rossi Jeanne leicht an der Hand. Wie zwei Kinder gingen sie die kurze Strecke. Sie sagten kein Wort. Rossi war glücklich, dass sie ihm ihre Hand nicht entzog. Wie ein feiner Strom drang die leise Berührung durch seinen Körper. Jeanne schaute etwas krampfhaft geradeaus; sie war rot geworden. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten, ob sie ihm wirklich ihre Hand lassen sollte. Aber irgend etwas zwang sie, ganz still neben ihm herzugehen und sich dem beglückenden Bewusstsein zu überlassen, dass seine Hand sie sicher führen würde, dass sie ihr vertrauen durfte. Auf dem Führerstand der Lokomotive gab ihr Rossi das blaue Überkleid des Lokomotivführers. "Das müssen Sie schon anziehen, sonst werden Sie schmutzig."
Jeanne trug heute nicht die Trainingshosen, sondern ein elegantes Kleid. Etwas verlegen sagte sie zu Rossi: "Schön, dann müssen Sie aber einen Augenblick verschwinden." Als Rossi nach einer Weile wieder erschien, fand er einen netten Mechaniker vor. Allerdings war Jeanne das Überkleid zu weit, doch das tat der Wirkung keinen Abbruch. "Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche", rief sie fröhlich und drehte sich im Kreise, so dass die weiten Hosen flatterten. Sie begaben sich in den Innenraum der Lokomotive, wo Rossi Deckel abhob und Verschalungen entfernte, um das Innere der Motoren und Apparate freizulegen. Mit einfachen Worten erläuterte er alles. Er zeigte ihr die Nervenstränge der Lokomotive, die vielen Leitungen, die mehrere Kilometer bedecken würden, wenn man sie aneinanderreihen könnte. Er liess sie die verschiedenen Apparate betätigen und zeigte nach jeder Bewegung, welche Folgen die kleinste Verschiebung gegenüber dem vorherigen Zustand hatte.
Aufmerksam verfolgte sie alles. Am Tage vorher hatten Merz und Rossi ihr nur einen allgemeinen Überblick gegeben, aber jetzt bekam sie sämtliche Einzelheiten zu sehen. Derartig kompliziert und vielseitig hatte sie sich die Einrichtungen der Maschine denn doch nicht vorgestellt. Rossi wusste schlechthin alles; er vermochte genau anzugeben, woher das Material stammte, welche Arbeitsprozesse es durchgemacht hatte und wie der Zusammenbau erfolgt war. Mit glänzenden Augen lauschte sie seinen Erklärungen.
Absichtlich brachte er seine Erläuterungen sehr weitläufig vor. Sie knieten Schulter an Schulter in dem langen Raume zwischen zwei grossen Motoren und schauten durch den geöffneten Deckel ins Innere eines Motors, wo es von glänzendem Kupfer und hellem Eisen nur so blinkte. Dazwischen leuchteten weisse Isolatoren. Wie ein elektrischer Strom rann es durch Rossis Körper, als er die Schulter des Mädchens spürte. Jeanne fühlte, dass der Mann neben ihr zitterte; sie wollte sich erheben, doch sie war wie gebannt; etwas zwang sie, reglos in ihrer Stellung zu bleiben. Verstohlen betrachtete sie Rossi von der Seite. Eine Locke seiner dichten, schwarzen Haare war ihm in die Stirne gefallen, und beim Reden glänzten seine starken, weissen Zähne.
Schliesslich schwieg Rossi. Beide starrten in den Motor, denn sie wagten nicht sich anzuschauen. Rossi wollte weitersprechen, doch er unterliess es. Worte hätten den Zauber, den er spürte, nur zerstört. Auch Jeanne sagte nichts. Ihre Augen sahen gleissendes Metall, aber ihr Gehirn nahm diese Tatsache nicht auf. Übermächtiges, noch nie Empfundenes hielt sie gefangen. Das war die Liebe! Es gab keinen Zweifel mehr. Sie wusste, dass dieses unerhört beglückende Empfinden durch den Mann an ihrer Seite verursacht war, einen Mann, den sie vor zwei Tagen überhaupt noch nicht gekannt hatte. Nach einer Weile brach Rossi den Bann, indem er aufstand; mit halb schuldbewusstem, halb glücklichem Lächeln sagte er: "Da lasse ich Sie die ganze Zeit knien, ohne daran zu denken, wie unbequem diese Stellung für Sie ist."
Verwirrt schaute Jeanne zu ihm empor; aber sie fasste sich rasch, sprang gleichfalls auf und reichte ihm die Hand. "Ich danke Ihnen vielmals für die Belehrung. Ich werde das niemals vergessen." Eilig, wie auf der Flucht, verliess sie den Maschinenraum und wechselte rasch die Kleider.
Einen Augenblick später sah Rossi Jeanne draussen vorbeihuschen. Sie war geflohen vor sich selbst, vor ihren Empfindungen, die sie überwältigt hatten. Sie musste gefühlt haben, dass er sie liebte. Noch nie hatte ein Mädchen einen solchen Eindruck auf ihn gemacht. Schon oft hatte seine Mutter die Rede darauf gebracht, wie sehr sie sich freuen würde, wenn er ihr eine Tochter ins Haus brächte. Auch hatte sie verdächtig oft Besuch erhalten von jungen Mädchen, die kamen, um sich ein Kochrezept oder Anweisungen für eine Strickarbeit zu holen. Er hatte über die unschuldigen Bemühungen seiner guten Mutter immer gelächelt. Was würde sie wohl zu seiner Jeanne sagen? Bestimmt würde sie sie ins Herz schliessen. Das Schicksal hatte ihn mit Jeanne zusammengeführt, und er war entschlossen, das Glück festzuhalten. Er stellte sich vor, wie es wohl wäre, wenn er Jeanne seiner Mutter brächte. Hand in Hand würde er mit Jeanne den Weg durch die Reben hinaufgehen – und oben stand die Mutter. "O mamma mia, das ist Jeanne, deine Tochter", würde er sagen. Am Abend würden sie noch lange vor dem Hause in der Pergola sitzen und auf die Stadt mit ihren flimmernden Lichtern schauen. Aus den nahen Gärten und Weinbergen klangen dann schwermütige und frohe Lieder herüber, und unten am Hügel rasten die Züge wie glühende Schlangen vorbei, gen Süden und gen Norden.
Wieder sassen die leitenden Männer nach dem Nachtessen im Gepäckwagen zusammen. Der zweite Tag war bedeutend ruhiger verlaufen. Dr. Schmid, der die Passagiere aufmerksam beobachtet hatte, erklärte, der Mangel an Lebensmitteln beginne sich bereits bemerkbar zu machen. Vorerst könne man über die Stimmung der Leute noch nicht klagen, aber für die nächsten beiden Tage sei sicher mit steigender Reizbarkeit zu rechnen. Da gelte es dann zu trösten und aufzurichten; denn gegen die Hoffnungslosigkeit müsse mit allen Mitteln angekämpft werden, da sie leicht unbedachte Taten nach sich ziehen könne.
Der Rapport des Küchenchefs klang auch nicht sehr optimistisch. Die kleinen Rationen konnten auch am folgenden Tage verteilt werden – aber dann würde das Hungern beginnen. Dann gab es für die Erwachsenen nur noch Tee und eine Tafel Schokolade täglich. Noch wurde in den Wagen gelacht und gesungen, aber der Galgenhumor, der am Abend vorher fast zu Ausgelassenheit geführt hatte, war wie weggeblasen. Aller hatte sich offenbar das Bewusstsein bemächtigt, dass die Lage ernst war, und selbst die Vorstellung, in ein interessantes, einzigartiges Erlebnis verwickelt zu sein, übte keinen Reiz mehr aus. Sogar der Amerikaner Armstrong machte einen etwas niedergedrückten Eindruck.