DREIZEHNTES KAPITEL
Das kleine Bergdorf Lavorgo hatte plötzlich Weltruf erhalten. Wer hatte bis jetzt den Namen dieses Nestes gekannt? Nur ein Bruchteil der Schweizer. Die Meldungen, die heute aus Lavorgo kamen, interessierten die ganze Welt. Die Radiosender aller Länder sprachen von dem Tessiner Dörfchen.
In Lavorgo gibt es drei Wirtschaften, die über einige Gastzimmer verfügen. Sie waren natürlich sofort belegt. Dann wurden die Privathäuser gestürmt. Wo nur ein Zimmer freigemacht werden konnte, wurde es getan. Die Familien rückten zusammen, so sehr es nur ging, denn für ein Zimmer wurden Phantasiepreise bezahlt, und für ein Bett in einem Korridor erlegten die Presseleute bereitwillig den Betrag, den sonst ein Appartement in einem Grossstadthotel kostete. Alle wollten am Orte des Geschehens sein; Berichterstatter und Filmschaffende, Techniker und Militär bevölkerten das stille Dorf. Auch waren viele Leute gekommen, die auf ihre im Berge eingeschlossenen Angehörigen warteten. Sie unterschieden sich deutlich von der lärmenden, quecksilbrigen Schar der Journalisten und Bildreporter, die durch ihren Beruf in das abgelegene Bergdorf geführt worden waren.
Die Verwaltung hatte für die zugereisten Verwandten der Eingeschlossenen eine Auskunftsstelle eingerichtet. Bereitwillig gab der Beamte immer wieder dieselbe Antwort, tröstete Verzweifelnde und erklärte die Rettungsmassnahmen. Gegen Abend des ersten Tages wurde im Dorfe bekannt, dass die erste Autokolonne von Giornico durchgelassen würde. Die Notbrücke war fertig, und sie hatte die Belastungsprobe bestanden; auch das Strassenstück war wieder instand gestellt. Auf der Station Lavorgo hatte man einen Schnellzug bereit gemacht, um die Passagiere von der Gegenseite, die in Autobussen herübergefahren werden sollten, aufzunehmen. Dann kamen die Autos, eine lange Reihe von grossen, bequemen Wagen der Postverwaltung. Einige Lastwagen brachten Gepäck und Post mit. Rasch gingen das Aussteigen und die Umladung vonstatten. Wohlgeborgen im neuen Zuge, reisten die Passagiere weiter.
Noch lange besprachen die Reisenden während der Weiterfahrt das Gesehene. In Giornico hatten sie den Schnellzug, der aus dem Süden kam, verlassen müssen, um die Autobusse zu besteigen. Bahnbeamte und eifrige Buben schafften ihr Gepäck in die Wagen, und eine Viertelstunde später war alles zur Abfahrt bereit. Dann ging es bergwärts. Gegenüber der Grandiosa wurde die lange Wagenkolonne gefilmt. Interessiert beobachteten die Reisenden die auf so tragische Weise berühmt gewordene Felswand. Dort drinnen im Berge waren also Hunderte von Menschen eingeschlossen. Ob sie wohl alle heil geblieben waren, wie es die Zeitungen berichteten? Mancher machte sich Gedanken und pries sich glücklich, nicht den Unglückszug benutzt zu haben. Langsam arbeiteten sich die Wagen aufwärts; die Unglücksstelle entschwand den Blicken. Vorsichtig ging die Fahrt über die Notbrücke, vorbei an der Blockstation Pianotondo; dann wurde in raschem Tempo Lavorgo erreicht.
Der Verkehr auf der Strassenverbindung wurde durch das Militär geregelt. Jede Viertelstunde wurden Autos und Fussgänger in einer Richtung durchgelassen. Die Strecke musste ohne Aufenthalt zurückgelegt werden, um Stauungen zu vermeiden. Die Soldaten hatten auch darüber zu wachen, dass nicht etwa ein Nachzügler zurückblieb, wenn die Strasse der Sprengungen wegen wieder gesperrt werden musste.
Nach Anbruch der Dunkelheit bot die Grandiosa einen gespenstischen Anblick. Hell stachen die Scheinwerferkegel in das Dunkel. Wie silberne Bänder lagen die Strahlen über dem Tale; an der jenseitigen Bergwand erschienen die Arbeitsstellen im hellsten Licht. Ununterbrochen dauerte die Arbeit an. Ablösung folgte auf Ablösung. Die Techniker rechneten und gaben Anweisungen. Der Lärm der Motoren und Kompressoren widerhallte im engen Bergtal. Von Zeit zu Zeit wurde einer der beiden Scheinwerfer gerichtet, dorthin, wo der Bergsturz losgebrochen war. Deutlich erkannte man dann die klaffende Wunde im Berge. Seit dem Beginn der Rettungsarbeiten waren schon wiederholt kleine und grössere Felsbrocken abgestürzt und hatten die Arbeiter gefährdet. Daraufhin war bei den Scheinwerfern eine Wache aufgestellt worden, die – mit einem starken Feldstecher bewaffnet – unablässig die Abbruchstelle beobachtete, um auch die kleinsten Bewegungen im Gestein festzustellen. Dieser Vorsichtsmassnahme war es zu danken, dass sich die Arbeiter stets rechtzeitig in Deckung bringen konnten, wenn wiederum Steine in die Tiefe sausten.
Das "Ristorante della Staziona" in Lavorgo war zum Treffpunkt der Fremden geworden. Die einfachen Wirtsleute hatten die Lage schnell erfasst und sich den neuen Umständen angepasst. Ein Nebenraum des Wirtschaftslokals, der sonst nicht benutzt wurde, war rasch eingerichtet worden. Einige Aushilfen aus dem Dorfe bedienten die Gäste. Es gab in der Osteria einfache aber kräftige Mahlzeiten. Zwar ging nicht immer alles am Schnürchen, aber die Gäste befanden sich bei der freundlichen Bedienung trotzdem wohl.
An diesem Abend waren alle Tische mit Journalisten, Filmleuten und Gästen aus dem Dorfe besetzt. In allen Sprachen wurde verhandelt, erzählt und diskutiert. Ingold hatte sich etwas abseits niedergelassen; die Schreibmaschine auf den Knien, beendete er, ungeachtet des Lärms rings um ihn, den Bericht für seine Zeitung. Ab und zu vernahm er Teile einer Unterhaltung, die am Nebentisch geführt wurde. Ein junger Pressemann, dessen allzu rasche Zunge er kannte, führte das grosse Wort. Ingold beobachtete, dass es ihm nicht an willigen und gläubigen Zuhörern fehlte. "Die Sache sollte ganz anders angegriffen werden", führte der junge Mann mit grossen Gebärden aus. "Diese guten Leute kratzen ein einziges Loch in den Berg, statt an zehn, zwanzig Stellen zu gleicher Zeit mit dem Angriff einzusetzen. Taktik, meine Herren, Taktik, das ist die erste Forderung."
Einer an der Tafelrunde machte geltend, dass die Bauleitung doch auf Grund ihrer Erfahrungen schon wissen werde, was zu tun sei. "Vielleicht, vielleicht auch nicht", entgegnete darauf der junge Mann, bedenklich den Kopf wiegend. "Auf jeden Fall gehört mehr Schneid dazu. Tausende von Arbeitern sollten zugezogen werden! Und dann: eins, zwei... , eins, zwei... und drauf! Bei diesem Schneckentempo hier werden die Leute drinnen im Berg verhungern. Glauben Sie den Vers der Bauleitung? Dass die Eingeschlossenen in vier bis sechs Tagen befreit sein werden? Ich nicht! An einem Tage haben sie glücklich fünf Meter bezwungen! Folglich wird es, bis die fünfzig Meter geräumt sind, zehn Tage dauern!" Herausfordernd blickte er in die Runde, und mit Genugtuung nahm er zustimmende Gesichter wahr.
Da rief ein Herr von einem Nebentisch herüber: "Ich möchte Sie beruhigen! Ich versichere Ihnen, dass unsere Verwaltung ihr möglichstes getan hat und tun wird, um die Eingeschlossenen bald zu retten. Es wird nur an einer Stelle gearbeitet, weil dort nur lose Felsen wegzuräumen sind. Es würde viermal soviel Zeit und Aufwand erfordern, wenn man Querstollen durch den massiven Fels treiben würde." "Das mag stimmen. Aber man sollte eben grosszügiger vorgehen", erwiderte der eifrige Besserwisser. Doch der andere fiel ihm frostig ins Wort: "Ich denke, diese Dinge sollten Sie als Laie den Fachleuten überlassen. Wenn Ihnen unsere Arbeitsweise nicht passt, so können Sie ja eins, zwei... , eins, zwei... wieder verschwinden, um sich nicht über uns ärgern zu müssen." Lautes Gelächter folgte diesen Worten. Der vorlaute Berichterstatter schwieg und ging bald darauf. Als er sich später bei Kollegen erkundigte, wer eigentlich der schlagfertige Herr gewesen sei, erfuhr er, dass es der Techniker Riva von der Bauleitung war.
Nach dem kleinen Zwischenfall setzte die allgemeine Unterhaltung wieder ein. Plötzlich rief die Wirtin in den Lärm: "Die Herren Journalisten werden in den Bahnhof gebeten, die Bauleitung hat eine Mitteilung zu machen." In kleinen Gruppen schlenderten die Herren über den Platz zum Bahnhof, wo sie im Wartesaal einen Beamten fanden, der das Abendbulletin der Bauleitung verlas: "Stand um zweiundzwanzig Uhr. Nach sechzehnstündiger Arbeit beträgt der Stollenvortrieb sechs und einen halben Meter. Bisher konnte leichteres Gestein weggeräumt werden. Nun sind wir auf den Hauptblock gestossen, der aus massivem Granit besteht. Seine Ausmasse in der Tiefe konnten noch nicht festgestellt werden. Die Bauleitung glaubt zuversichtlich, innerhalb der bereits angegebenen Zeit, das heisst in vier bis sechs Tagen, die Eingeschlossenen befreien zu können. Ein Arbeiter wurde durch herabstürzendes Gestein schwer verletzt. Ein weiterer Arbeiter erhielt leichte Verletzungen, ebenfalls durch Steinschlag."
Eifrig stenographierten die Journalisten das Bulletin. Der Beamte wartete geduldig, bis alle fertig waren, und fuhr dann fort: "Meine Herren! Die Verwaltung hat zu ihrer Verwunderung feststellen müssen, dass einige Zeitungen ungerechtfertigte und unfachmännische Kritik an den getroffenen Massnahmen üben. Es steht denjenigen Herren, die sich auf unsere Arbeit besser zu verstehen glauben als wir, jederzeit frei, uns Vorschläge zu unterbreiten, die schneller zum Ziele führen könnten. Damit wird der Sache unseres Erachtens besser gedient als mit negativer Kritik. Ich habe geendet. Danke." Beifälliges Gemurmel beantwortete seine Worte. Dann stürzten alle hinaus, um die beiden Telephonzellen, die im Postgebäude zur Verfügung standen, zu belagern.
Ingold hatte den Text des Bulletins schon vorher von Riva erhalten und heim gemeldet. Gemeinsam wanderten die beiden Freunde zu einem alleinstehenden Hause oberhalb des Dorfes, wo sie bei einfachen Leuten ein Zimmer gemietet hatten. Ursprünglich war es wohl das Schlafzimmer des Ehepaares gewesen, das sich für diese Zeit in einem anderen Raume eingerichtet hatte. Auch für die beiden Männer war der aufregende und arbeitsreiche Tag zu Ende.