Gotthardexpress 41 verschüttet
ZWÖLFTES KAPITEL

Der Gepäckwagen, der aus drei Abteilungen bestand, stellte das Hauptquartier des Personals dar. Der kleinste Raum hatte seine Bestimmung als Büro des Zugführers beibehalten. Daran schlossen sich zwei grössere Räume und eine kleinere Zelle an, die durch Türen miteinander verbunden waren, auf jeder Seite des Wagens führte eine Rolltüre nach aussen. In dem ersten der beiden grösseren Räume waren die Gepäckstücke an den Wänden entlang aufgeschichtet worden. Darauf hatten sich das Personal und die Soldaten, so gut es ging, Liegeplätze hergerichtet. Der zweite Raum diente jetzt als Vorratskammer, die unter der Aufsicht der Speisewagenangestellten stand. Von Zeit zu Zeit schaute einer der Soldaten nach, ob dort alles in Ordnung war. Merz und Rossi hielten sich meistens auf der Lokomotive auf.
Soeben waren die beiden dabei, Vorbereitungen für die Notbeleuchtung zu treffen. Rossi hatte alle entbehrlichen Flaschen hierher geschafft und sie nach seinem bewährten System geköpft. Aus Holzstücken und zerschnittenen Flaschenkorken verfertigte er Schwimmer, die er in der Mitte durchbohrte. Durch dieses Loch wurden die Dochte gezogen, die aus Schnüren und Stoffstreifen hergestellt worden waren. Merz liess aus dem Transformatorengehäuse Öl ab und füllte die Flaschen damit.
Als eine Anzahl Lampen fertig war, holte Rossi wieder seinen kleinen Helfer Peppino und eine ganze Schar Kinder, die die Notlampen auf den Schwellen längs der Tunnelwand anbringen sollten. Auf jede fünfte Schwelle wurde ein Licht gestellt und angezündet. Die Kinder hatten ihre helle Freude an dieser Tätigkeit, und sie jubelten laut, als die ganze lange Lichterreihe aufleuchtete. Die Dochte schwelten zwar schwach, doch verbreiteten die Lampen immerhin ein so helles Licht, dass sie die Umgebung auf einige Meter erhellten. So war man nicht mehr unvorbereitet, wenn das elektrische Licht der Wagen ausgehen würde. Inzwischen wurden die Notlampen für die Wagenabteile hergestellt. Dazu wurden hauptsächlich leere Konservenbüchsen benutzt. Als die beiden Männer nach getaner Arbeit den Gepäckwagen betraten, wurden sie mit lautem Hallo begrüsst. "Da kommen unsere Erfinder!" rief Zugführer Weber.
"Macht euch nicht lustig über uns", erwiderte lachend Merz, "sonst rächen wir uns und richten ein Elektrizitätswerk ein. Dann müsst ihr abwechselnd die Dynamo auf unserer Lokomotive von Hand antreiben!" Unter fröhlichem Gelächter wurde diese Zumutung abgewiesen, und Merz erklärte: "Rossi und ich haben tatsächlich daran herumstudiert, aber es fehlt doch einiges, um das Projekt zu verwirklichen. Ihr könnt also beruhigt sein, es wird keinen Frondienst geben." Damit setzte er sich zu den anderen an die Kiste, die als Tisch diente, und schaute beim Kartenspiel zu. Doch Rossi verliess den Gepäckwagen wieder, mit der Erklärung, dass er einen Inspektionsgang durch den Tunnel unternehmen wolle. Kopfschüttelnd schaute Merz ihm nach und sagte zu den Kollegen: "Ich glaube, Rossi nimmt sich die Sache arg zu Herzen. Er hat mir erzählt, wie sehr sich seine alte Mutter um ihn sorgen wird."
"Es geht uns gleich", erwiderte Weber, "wir alle haben schliesslich Angehörige. Aber sie werden wohl von der Verwaltung unterrichtet worden sein. Ich bin auch überzeugt, dass die Unsrigen den Kopf nicht sinken lassen, denn sie sind ja schliesslich an Unregelmässigkeiten in unserem Dienst gewöhnt. Als das grosse Zugunglück bei Bellinzona passierte, bin ich auch zwei Tage lang nicht heimgekommen. Die Angst, die meine Frau damals ausgestanden hat, war gross. Wir waren noch jung verheiratet, und sie erhielt erst am zweiten Tage Bericht, dass mir nichts zugestossen war. Trotzdem hat sie die Hoffnung nicht einen Augenblick verloren."

Rossi war unterdessen die Geleise entlang bis zum oberen Tunnelausgang gewandert. Mit seiner hellen Laterne leuchtete er in die zahlreichen Nischen. In einigen hatten Tunnelarbeiter Werkzeug, Spitzhacken und Schaufeln untergebracht. Mit der Wache am Tunnelausgang wechselte er einige Worte. "Nun, was geht da draussen vor? Hast du etwas gehört?"
"Nur die stündlichen Sprengungen. Aber der Posten, den ich abgelöst habe, meldete, dass sie einmal ausgeblieben sind. Was meinst du dazu?" "Ich bin zwar nicht Mineur, aber ich denke, dass irgendwelche Hindernisse die Vorbereitungen für die Sprengung hinausgezögert haben." Gedankenvoll entfernte sich Rossi wieder. Ihre Lage war doch wohl ernster, als im allgemeinen angenommen wurde. Die Wand zwischen ihnen und der Aussenwelt musste sehr dick sein; es gab immerhin zu denken, dass man überhaupt nichts von der Arbeit der Pressluftbohrer hörte.
Auf dem Rückweg inspizierte Rossi die Nischen auf der andern Tunnelseite. Bald erreichte er den stehenden Zug und schritt zwischen den Wagen und der Tunnelwand weiter. Als er den Strahl seiner Laterne wieder einmal in eine der Nischen richtete, ertönte ein erstickter Aufschrei, und zwei entsetzte Augenpaare blinzelten in das Licht. Rasch lenkte Rossi den Schein in eine andere Richtung. "Oh, Verzeihung", sagte er und beeilte sich, von der Nische fortzukommen, in der zwei junge Leute eng umschlungen auf einer Kiste sassen. Rossi schmunzelte vor sich hin, während er weiterging. Nicht übel, dieser Zufluchtsort! Auf dieser Seite des Zuges war der Durchgang so eng, dass es niemand in den Sinn kam, hier zu gehen.
Bei der nächsten Nische räusperte er sich vorsichtshalber, bevor er hinein leuchtete, aber kein menschliches Wesen war darin zu sehen. Dafür stand hinten in der Ecke ein grosser Behälter. Aha, Kalziumkarbid. Rossi hob den Deckel und stellte fest, dass der Kessel beinahe voll war. Das war ein guter Fund! Die Acetylenlaternen des Zugpersonals wurden mit Kalziumkarbid gespeist und waren schon lange ausgebrannt. Dieser Vorrat aber würde für lange Zeit genügen. Rossi lud sich den schweren Behälter auf die Schultern und ging auf der andern Seite des Zuges zur Lokomotive. Da wurde er aus einem Wagen angerufen: "Hallo, Herr Rossi! Was schleppen Sie da? Dynamit?" Rossi erkannte die Stimme. Aufatmend stellte er den schweren Kessel ab. Er stand vor der "Ile de France", und aus einem Wagenfenster schaute Jeanne. Lachend antwortete er: "Nein, es ist kein Dynamit; Gott sei dank kann das Zeug nicht explodieren. Es ist Kalziumkarbid." "Wozu brauchen Sie das?" erkundigte sie sich eifrig.
"Wir haben einige Laternen, die mit Acetylengas brennen. Haben Sie sie nicht gesehen, beim Zugführer und bei den Kondukteuren? Acetylen entsteht, wenn man Kalziumkarbid mit Wasser übergiesst." "Richtig, ja. Und wo haben Sie nun mit einem Male das Kalziumkarbid her? Hier gibt‘s doch keinen Laden!" "Das ist mein Geheimnis, aber wenn Sie mitkommen wollen, werde ich es Ihnen verraten." "Ja, gerne!" erwiderte sie munter. Nach kurzem Nachdenken sagte Rossi: "Es wird am besten sein, wenn ich den Kessel zuerst zum Gepäckwagen bringe; in ein paar Minuten hole ich Sie ab." "Gut, ich warte", nickte Jeanne. Rossi nahm seine Last wieder auf und verschwand im Halbdunkel. Er stellte den Behälter unter den Gepäckwagen und eilte auf die Maschine. Rasch reinigte er seine Hände und entledigte sich seiner Oberkleider. An Stelle des roten Halstuches traten Kragen und Kravatte. Aus dem Kleiderkasten auf der Lokomotive nahm er seine Jacke und eilte dann zurück zur "Ile de France", wo Jeanne schon auf ihn wartete.
"Oh, Sie haben sich sogar umgezogen", lobte sie. "Ja, jetzt habe ich frei", erklärte Rossi fröhlich. "Da ziehe ich immer meine Arbeitskleider aus. Viele Leute kennen uns wahrscheinlich überhaupt nicht wieder, wenn wir in Zivil daherkommen, nachdem sie uns vorher nur im Oberkleid gesehen haben." "Es ist allerdings ein Unterschied", bestätigte Jeanne. Sie ging neben ihrem Begleiter und betrachtete ihn verstohlen. Das Sprichwort "Kleider machen Leute" bewahrheitete sich wieder einmal. Dieser gut angezogene junge Mann sah auf einmal ganz anders aus als vorher in dem schmutzigen, blauen Überkleid. Plaudernd gingen sie weiter. Rossi erzählte, wie sich das Personal im Gepäckwagen häuslich niedergelassen hatte. Absichtlich brachte er die Rede auf angenehme Dinge, denn es war ihm daran gelegen, diese Feierstunde nicht mit trüben und sorgenvollen Gedanken zu belasten. Sie kamen zu einer Nische; Rossi hüstelte leise, bevor er Jeanne hinein geleitete. Die Nische war leer.
"Sehen Sie, Fräulein Vautier, in diesen Nischen versorgen die Arbeiter im Tunnel ihr Werkzeug, und hier habe ich auch den Kessel mit Kalziumkarbid entdeckt." "Warum haben Sie denn so eigentümlich gehüstelt, als wir an die Nische kamen?" Rossi wusste nicht recht, was er antworten sollte, und sagte verlegen: "Habe ich das?" "Ja." "Dann habe ich es unbewusst getan. Die Luft im Tunnel ist doch weniger gut, als es scheint." Jeanne hatte seine Verlegenheit wohl bemerkt, und sie freute sich an seiner Unfähigkeit, sich zu verstellen. Doch sie wollte der Sache auf den Grund kommen und liess sich nicht so einfach abspeisen. Rossi sah schliesslich ein, dass es keinen Wert hatte, ihr etwas vorzumachen, und erzählte ihr, wie er die Nischen kontrolliert und dabei das Liebespärchen gefunden hatte. Jeanne musste lachen und sagte: "Sie sind wirklich das Muster eines rücksichtsvollen Menschen!"
Langsam schlenderten die beiden jungen Leute weiter. Von Zeit zu Zeit leuchtete Rossi in eine Nische, nicht ohne vorher recht kräftig zu husten, woran sich seine Begleiterin nun lachend beteiligte. Am unteren Tunnelausgang befand sich keine Wache mehr. Oberleutnant Gallino hatte sie nach einer Besprechung mit dem Personal eingezogen. Hier musste so viel Schutt und Geröll liegen, dass eine Befreiung von dieser Seite her kaum zu erwarten war. Tatsächlich waren auch die ganze Zeit über, während die Wachen aufmerksam gehorcht hatten, keinerlei Anzeichen zu vernehmen gewesen, die auf irgendwelche Tätigkeit ausserhalb des Tunnels hätten schliessen lassen. Auf dem Rückweg kamen Jeanne und Rossi an der Telephonnische vorbei. Gewohnheitsmässig probierte Rossi den Apparat, doch auch diesmal wieder ohne Erfolg. Stirnrunzelnd sagte er: "Wenn nur Strom in der Leitung wäre! Dann könnte man vielleicht auf irgendeine Art Zeichen nach aussen geben. Dem Apparat fehlt nichts – nur der Strom."
"Ja, das wäre fein", stimmte Jeanne eifrig zu. "Man könnte zum Beispiel telegraphieren." "Telegraphieren? Können Sie das denn, Fräulein Vautier?" fragte Rossi. "Ja, das habe ich bei den Pfadfinderinnen gelernt. Es hat mir so viel Spass gemacht, dass ich das Morsealphabet sogar auswendig gelernt habe." "Schade, wirklich schade, dass Sie sich nicht hier als Telegraphistin betätigen können. Stellen Sie sich das einmal vor – Unterweltstelegraphistin! Eine Stellung, die es in der ganzen Welt nicht noch einmal gibt!" Rossi lachte; dann betrachtete er nochmals überlegend das dicke Kabel, das an der Tunnelwand auf Stützen entlangführte. Ein dünneres Kabel war in gleicher Weise unterhalb des dicken gelagert. Wahrscheinlich waren sie beide ausserhalb des Tunnels von den Felsblöcken zermalmt worden. Gleich darauf kamen einige Passagiere vorüber, die im Speisewagen zu Nacht gegessen hatten und angeregt plauderten. Einer der Herren erkannte Rossi und begrüsste ihn freundlich: "Sieh da, unser Beleuchtungstechniker! "
Mit der Hand deutete er auf die lange Reihe der Öllichter, die dem Geleise entlang aufgestellt waren, und fuhr fort: "Das sieht beinahe aus wie die Bahnhofstrasse in Zürich. Hoffentlich langt der Ölvorrat, solange wir hier venezianische Nacht haben." "Venezianische Nacht ist gut!" rief jemand aus der Gruppe. "Um das Bild zu vervollständigen, promeniert Herr Rossi wohl mit einer Dame!" Lachend ging Rossi mit Jeanne weiter. Vor ihrem Wagen gab Jeanne dem jungen Manne die Hand zum Abschied. Rossi schaute der schlanken Gestalt nach, wie sie behende in den Wagen stieg.

Der Zugführer hatte in allen Wagen bekanntgemacht, dass um zehn Uhr die Lichter gelöscht werden sollten. Man musste sich doch an einen Plan halten, auch wenn man in ständiger Dunkelheit lebte und nicht zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden vermochte. Aus einigen Wagen ertönte noch lange Geplauder und Gesang. Besonders im letzten Wagen, wo die Mitglieder des Fussballklubs "Vittoria" hausten, ging es recht laut zu. Die Herren hatten sich einige Flaschen Bier aus dem Speisewagen geholt. Gläserklirren und Gelächter waren zu hören. Lustige Weisen erklangen aus der "Villa Zuidersee". Auch hier wurde gelacht, wenn jemand einen guten Witz machte. Im "Schwyzerhüsli" wurde in jedem Abteil gejasst. Bei den Engländern aber war alles still. Die Briten hatten alles Sehenswerte interessiert betrachtet, den ganzen Zug beaugenscheinigt und festgestellt, dass man vorläufig dableiben würde. Damit war für sie der Fall erledigt. Die Rettung würde schon kommen. Schlimmstenfalls galt es länger zu warten, als man angenommen hatte. Also war es am besten, zu schlafen. Auch die Amerikaner schienen sich hingelegt zu haben. Nur Armstrong war noch munter; er gab als echter Globetrotter hin und wieder ein kurzes Gastspiel in einem anderen Abteil.
Im Speisewagen hatten sich die verschiedenen Leiter zusammengefunden. Zugführer Weber verlas den Tagesrapport und gab den Arbeitsplan für den nächsten Tag bekannt. Der Küchenchef teilte mit, welche Mahlzeiten für den zweiten Tag zur Verfügung standen. Ausserdem erstattete er einen genauen Bericht über die noch vorhandenen Lebensmittel. Einige Reisende hatten schon die Verteilung von Schokolade gefordert. Damit sollte am folgenden Tage begonnen werden, und zwar wollte man vorerst eine Tafel je Person abgeben. Nach Abschluss dieser Besprechung begaben sich alle zur Ruhe, nur Oberleutnant Gallino und Zugführer Weber schritten noch einmal den ganzen Zug ab. Alles war in Ordnung! Die tief im Berge eingeschlossenen Menschen hatten den ersten Tag gut überstanden. Wie viele Tage würden noch bis zur Rettung vergehen – und was mochten sie bringen?