Gotthardexpress 41 verschüttet
ELFTES KAPITEL

Den Vormittag hatten die Reisenden des eingeschlossenen Zuges dazu verwendet, sich häuslich in ihren Wagen und Abteilungen einzurichten. Die Passagiere waren so verteilt worden, dass fast allen ein Liegeplatz zur Verfügung stand. Ein geschäftiges Hin und Her hatte geherrscht. Der Wechsel war nicht ohne komische Szenen abgelaufen. Junge Leute suchten möglichst beisammen zu bleiben, und die Angehörigen der verschiedenen Nationen bildeten sozusagen kleine Klubs. Die Holländer hatten in grossen Buchstaben an ihrem Wagen mit Kreide die Aufschrift "Villa Zuidersee" angebracht. Das Vorbild machte Schule, und bald trugen die meisten Wagen ihre Bezeichnungen. Es gab ein "Schwyzerhüsli", eine "Casa Ticinese", eine "Ile de France", eine "Villa Wannsee" und andere mehr.
Vor den Wagen spazierten beständig grössere und kleinere Gruppen auf und ab; auch in den Seitengängen herrschte reges Leben. Selbst die aufgeregtesten Gemüter hatten sich beruhigt. Das Erlebnis – denn ein solches war das Geschehen für alle – wurde eingehend besprochen und die Aussicht auf Rettung erwogen. Durch die erzwungene Unterbrechung der Reise erlitten zahlreiche Reisende erheblichen Schaden bei der Abwicklung ihrer Geschäfte, doch war sich jedermann darüber klar, dass die Lebenserhaltung nun im Vordergrund stand.
Am oberen und unteren Tunnelausgang hatte Oberleutnant Gallino Wachen aufgestellt, deren Hauptaufgabe darin bestand, aufzupassen, ob etwas von der Aussenwelt zu vernehmen war. Aufmerksam beobachtend und horchend, standen die beiden Wachen je zwei Stunden an ihrem Platze, bis sie abgelöst wurden. Die Wache der zweiten Ablösung am oberen Tunnelausgang hatte die ersten Sprengungen gehört und gemeldet. Die meisten Reisenden waren daraufhin hinaufgewandert und hatten, das Ohr an die schmutzige Tunnelwand gelegt, auf die Zeichen von aussen gehorcht. Dreissig Meter harter Fels trennten sie von der Aussenwelt. Genau eine Stunde verging, bis neue Sprengungen erfolgten. Da viele den Platz inzwischen verlassen hatten, vernahmen nur wenige die schwachen Laute, die bekundeten, dass draussen die Retter an der Arbeit waren. Im Tunnel waren die mächtigen Sprengschläge nur als leises Klopfen zu vernehmen.

Der Vortrag, den Oberleutnant Gallino im Speisewagen vor vielen Zuhörern über die Geschichte der Schweiz hielt, wurde mit grossem Beifall aufgenommen. Nach Gallino ergriff Zugführer Weber das Wort, der den Vortrag für die zahlreich erschienenen Engländer und Amerikaner in englischer Sprache wiederholte. Die italienischen und französischen Referate über dasselbe Thema hatten die beiden Kondukteure Olgiati und Kunz übernommen.
Dieser lehrreiche Zeitvertreib fand bei den Passagieren grossen Anklang. Die Ankündigung, dass am Nachmittag des nächsten Tages Lokomotivführer Merz und sein Gehilfe Rossi über Bau und Betrieb der Gotthardbahn sprechen würden, wurde mit Beifall aufgenommen. Nach den Vorträgen blieben im Speisewagen zahlreiche Gruppen zurück, die sich mit Spielen vergnügten. Die Nachfrage nach Spielkarten war so gross, dass zu den vorhandenen aus Speisekarten Jass- und Skatkarten hergestellt werden mussten. Wie kunstvoll sie gezeichnet waren, sahen allerdings nur wenige. – Im "Schwyzerhüsli" hatten sich schon am Vormittag verschiedene Gruppen zusammengefunden, die dem Nationalspiel huldigten. Da und dort wurde gesungen. Lachen ertönte aus den Fenstern der Wagen; Kinder sprangen in den Seitengängen herum und tollten auf den Geleisen.
Rossi hatte seinen kleinen Freund Peppino aufgesucht und mit seinen Eltern gesprochen. Es waren einfache Leute aus der Toscana, die an einen Arbeitsplatz nach Deutschland reisten. Besorgt fragte Frau Nessi: "Sind Sie sicher, dass wir bald gerettet werden? Ich vermute fast, dass die Beamten – Sie auch, Herr Rossi – nur so zuversichtlich tun, um die Passagiere bei guter Laune zu erhalten." Ruhig antwortete Rossi: "Sie irren, Frau Nessi. Wir alle hoffen auf baldige Rettung. Gewiss ist es unsere Pflicht, für die Passagiere zu sorgen und sie in jeder Hinsicht zu beruhigen, doch zweifeln wir wirklich nicht im geringsten daran, dass alles getan wird, was überhaupt zu unserer Rettung getan werden kann. Wann die Rettung gelingt – das hängt von einer höheren Macht ab." "Unseretwegen sorge ich mich weniger als um die Kinder", sagte Frau Nessi. "Denken Sie nur, wenn es noch lange geht und nichts mehr zu essen da ist! Wir halten es ja aus, aber die Kleinen... povero Peppino."
Rossi tröstete sie: "Sie müssen sich keine Sorgen machen. Daran haben wir längst gedacht und für die Kinder im Zuge so viele Lebensmittel gesichert, dass keinerlei Gefahr für sie besteht." "Oh, das ist gut. Ich danke Ihnen." Mit Peppino an der Hand und zwei andern Kindern neben sich, wanderte Rossi zu den Güterwagen. Er sagte ihnen nicht, was er vorhatte, und so waren sie äusserst gespannt auf das Kommende. Rossi öffnete die Türe des einen Güterwagens und stellte seine Laterne hinein. Dann hob er die drei kleinen Gehilfen hinauf und kletterte nach. Der ganze Wagen war mit Bastkörben gefüllt. Aus einigen, die schon geöffnet waren, leuchteten den erstaunten Beschauern die schönsten Blumen entgegen, wundervolle Nelken in allen Farben, dazu Magnolien und Kamelien. Fröhlich sagte Rossi: "So, Kinder, jetzt binden wir schöne Blumensträusse und bringen sie in die Wagenabteile. Wollt ihr helfen?" "Ja, ja, gern! Oh, wie schön!" riefen die Kinder.
Peppino meldete sich: "Capo, ich hole Fräulein Jeanne. Weisst du, sie kann sicher viel schönere Sträusse zusammenstellen." Die Absicht seines kleinen Freundes kam Rossi im Grunde seines Herzens sehr gelegen. "Wenn du glaubst, dass Fräulein Jeanne es besser kann, so hole sie nur, Peppino. Aber bist du sicher, dass sie Zeit hat?" Voll Überzeugung erwiderte der Kleine: "Das will ich meinen. Sie hat mir ja versprochen, mitzukommen, wenn wir dich wieder besuchen." Lachend sagte darauf Rossi, indem er den Buben aus dem Wagen hob: "Also los, Peppino. Und bleib nicht etwa unterwegs stecken." Eifrig rannte Peppino davon.
In einer Kiste hatte Rossi genau so viele Wein- und Bierflaschen gesammelt, als Abteile im Zuge waren. Aus den Flaschen hatte er "Vasen" gemacht, eine Arbeit, die einige Vormittagsstunden beansprucht hatte. Um den Halsansatz jeder Flasche hatte er eine Schnur gewickelt, sie mit Öl getränkt und angezündet; dadurch erhitzte sich das Glas an der betreffenden Stelle stark. Dann hatte er die Flasche schnell in kaltes Wasser getaucht; dabei war der Hals glatt abgesprungen. – Diese einfachen Vasen stellte er jetzt bereit. Nach einer Viertelstunde rief Peppino vor dem Wagen: "Wir sind da!" Rossi entschuldigte sich bei Jeanne, dass er sie bemüht hatte, aber sie erklärte, dass sie sehr gern gekommen sei, und fügte hinzu: "Ich kann nicht ohne Tätigkeit sein. Bis jetzt habe ich Spielkarten gezeichnet, aber das eilt nicht so." "Aha, Sie sind also die Künstlerin! Ich habe die schönen Karten schon bewundert. Nun, wenn Sie wollen, so zeigen Sie jetzt ihre Kunst im Blumen binden."
Rossi hielt ihr die Hand hin, und mit leichtem Ruck zog er sie hoch, hinein in den Güterwagen. Bewundernd rief Jeanne aus: "Oh, welche Pracht! Die schönen Blumen!" Entzückt schaute sie auf die geöffneten Körbe, in denen die zarten Kinder des Südens auf grünen Asparagusranken gebettet waren. Geschickt stellte Jeanne die Sträusse zusammen. Rossi füllte seine Flaschenvasen an der nahen Quelle mit Wasser, und die Kinder eilten mit dem fertigen Schmuck fort, um die Blumen in den Wagen zu verteilen. Mit grossem Eifer waren alle bei der Arbeit. Einen Strauss nach dem anderen hielt Jeanne dem Führergehilfen zur Begutachtung hin und steckte ihn dann in die bereitgehaltene Vase. Dabei fasste Rossi absichtlich die Flasche so weit oben, dass seine Hände Jeannes Finger berührten. Sie schaute auf seine Hände – sie waren stark, aber lang und schmal – ‚ und sie deutete die leichte Berührung als ein schüchternes Werben von seiner Seite.
Nach einer Weile klopfte sie ihm schelmisch lächelnd auf die Finger und sagte: "Aber, Herr Rossi. Bei ernster Arbeit darf nicht gespielt werden." Rossi entschuldigte sich, aber im geheimen stellte er befriedigt fest, dass sie ihn erst bei der zwölften Vase ermahnt hatte. Als die Arbeit beendet war, sagte Rossi zu seiner Helferin: "Fräulein Vautier, für Sie habe ich etwas besonders Schönes!" Er zog einen etwas festeren Korb hervor und öffnete ihn. Wundervolle Rosen in allen Farben wurden sichtbar. Ein wenig verwirrt erklärte er: "Eigentlich hatte ich diese Blumen für die beiden einzigen Erstklass-Abteile weggestellt. Aber nun sollen Sie sie haben. Sie haben sich die Rosen redlich verdient."
Jeanne lächelte. Sie freute sich über die offensichtliche Verlegenheit des jungen Mannes. Seine Ausrede mit der ersten Klasse klang doch recht erkünstelt, und zudem strafte seine Verlegenheit ihn Lügen. Aber sie sagte nichts. Sie band die Rosen und stellte sie in die von Rossi bereit gemachte Vase. Dabei berührten sich ihre Hände wieder und verweilten einen Augenblick länger beieinander, als notwendig gewesen wäre. Mit den Kindern spazierten dann Jeanne und Rossi zu den andern zurück. Vor der "Ile de France" verabschiedete sich Rossi und bedankte sich nochmals für die Hilfe. "Warten Sie einen Augenblick", sagte Jeanne und verschwand in ihrem Abteil. Aus dem prachtvollen Blumenstrauss nahm sie eine blassrote Rose und reichte sie Rossi mit den Worten: "Sie müssen doch auch für Ihre Arbeit belohnt werden" durch das Fenster hinaus. Rossi drückte ihr herzlich die Hand und verschwand dann im Halbdunkel des Tunnels. Jeanne schaute ihm nach, und trotz dem Dämmerlicht sah sie, dass er die Rose an seine Lippen führte.
Sinnend sass sie dann in ihrem Abteil. Sie kannte sich selbst nicht mehr; mit Verwunderung stellte sie fest, dass die Verehrung Rossis ihr mehr Eindruck machte, als sie jemals für möglich gehalten hätte. Sie versuchte sich ein Bild zu machen von dem, was in ihrem Innern vorging, aber es gelang ihr nicht; einzig ein bezwingendes Glücksgefühl verriet ihr, dass es vielleicht doch nicht nur freundschaftliche Zuneigung war, was sie für den jungen Mann empfand, den sie tief im Innern eines Berges, fern der Heimat, kennengelernt hatte.