Gotthardexpress 41 verschüttet
ZEHNTES KAPITEL

Als es Tag wurde, konnte man in der Grandiosa das Ausmass des Unglücks übersehen. Ein wolkenloser, tiefblauer Himmel wölbte sich über der wilden Landschaft, wo wenige Stunden vorher noch Tod und Verderben geherrscht hatten. Nur etwa hundert Meter über der Bahnlinie, dort wo die Bahn den ersten Kehrtunnel verlässt, klaffte eine grosse, frische Wunde im Berg. Ein ganzer Felskopf war losgebrochen, hatte im Sturz den Tunnel auf vierzig Meter eingedrückt und ausgefüllt. Etwa vierhunderttausend Kubikmeter harter Granit waren da heruntergestürzt. Auf dem Wege zur Talsohle war alles wegrasiert worden. Kein Baum, kein Strauch war mehr zu sehen, nur hell leuchtender, nackter Fels. Hausgrosse Blöcke hatten einen Teil der Staatsstrasse mitgerissen; auf der Talsohle lagen die über den Fluss führende Bahnbrücke und der Eingang zum Kehrtunnel 1 unter ihnen begraben. Infolge der Stauung war der Fluss auf die rechte Talseite gedrückt worden und bildete nun hier einen kleinen See, aus dem das Wasser weiterfloss. Aus der Ferne war der Felssturz anzusehen wie ein Lawinengang; weiss und rein hob sich seine Spur von der verwitterten Umgehung ab.
Militär hatte die Strasse vor der Blockstation Pianotondo und unterhalb des Bergsturzes gegen Giornico zu gesperrt. Die aufgebotenen Genie- und Sappeurtruppen waren mit Extrazügen herangeführt worden.

Geschäftiges Treiben herrschte überall. Baumaterial wurde abgeladen, und schon errichtete man die ersten Pfeiler für die provisorische Strassenbrücke. Hunderte von fleissigen Händen griffen zu. Bis zum Abend sollte die Brücke fertig sein, der Anschluss an die Strasse von oben und unten in Betrieb genommen werden. Laute Befehle ertönten. Es gab kein planloses Hasten und Jagen, jeder Handgriff war wohlberechnet. Zahlreiche Soldaten und viele Erdarbeiter, die in aller Eile herbeigeschafft worden waren, arbeiteten am Anschlussstück der Strasse auf der rechten Bergflanke, die seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden war. Gesträuch und Bäume mussten entfernt, teilweise eingestürzte Stellen aufgefüllt werden. Von unten, von der Talsohle her, arbeitete sich eine andere Gruppe auf dem alten Strassenstück . Elektriker stellten Stangen auf und spannten Leitungen. Gegenüber der Grandiosa, auf einem Felsvorsprung der Bergflanke, wurden mächtige Scheinwerfer aufgestellt. Sie sollten bei Nacht das ganze Bergsturzgebiet beleuchten; denn keine Minute lang durfte mit der Arbeit ausgesetzt werden.

Die gesamte technische Leitung lag in den Händen von Ingenieur Suter. Mit seinen Technikern hatte er sein Hauptquartier in einem Wärterhaus bei der Blockstation Pianotondo aufgeschlagen. Das Häuschen stand nur hundert Meter vom Ausgang des Kehrtunnels 1 entfernt; wie durch ein Wunder war es unversehrt geblieben. Ein grosser Felsblock war hart daneben niedergegangen, um sich dann in dem kleinen Garten, der an der Felswand klebte, zur Ruhe zu setzen. Vom Südfenster des provisorischen Büros aus sah man an diesem Felsblock vorbei auf die Gruppe der Mineure, die damit beschäftigt waren, den Tunnelausgang freizulegen.
Von sämtlichen in der Nähe liegenden Steinbrüchen waren die besten Mineure angefordert und anstandslos hergeschickt worden. Es waren verschlossene, harte Männer, die wussten, um was es ging. Mit nacktem Oberkörper arbeiteten sie, bekämpften den glatten Fels wie einen persönlichen Feind. Geübten Auges erkannten sie die schwachen Stellen im Granit und setzten dort ihre Bohrer an. Wütend, mit höllischem Lärm frass sich der scharfe Stahl in das Gestein.
Um die kleineren, freiliegenden Felsen wurden Stahlkabel geschlungen, die mit einer starken Motorwinde verbunden waren. Es war eine Kunst, die Schlaufen sachgemäss zu binden. Auf ein Zeichen hin liess ein Arbeiter die Winde anlaufen, so dass das Kabel sich langsam spannte. Der Felsblock zitterte leicht, bewegte sich und verlor das Gleichgewicht. Die Winde liess nicht los, bis das Felsstück aus seiner Unterlage gehoben war und unter Donnern den Abhang hinunterkollerte. Doch musste sich vorher die Schlaufe lösen. Die Arbeit war gefährlich, und sie konnte nur von flinken, geübten Leuten verrichtet werden; sonst bestand die Gefahr, dass das zurückschnellende Kabel mit furchtbarem Schlage die Arbeiter traf. Felsstück um Felsstück rollte in die Tiefe und stürzte krachend in den kleinen Stausee.
Eine ganze Gruppe von Kompressoren vollführte einen ohrenbetäubenden Lärm. Sie waren auf einem unversehrt gebliebenen Stück der Staatsstrasse aufgestellt. Wie Schlangen ringelten sich die langen Schlauchleitungen, die zu den Pressluftbohrern der Mineure führten, am Boden. Monteure waren mit der Wartung der schweren Maschinen beschäftigt. Benzin und Ölfässer standen umher. Keine Minute durfte verlorengehen, ständig mussten die Maschinen auf höchsten Touren arbeiten. Eine Sirene übertönte gellend den Lärm der Arbeitsplätze. Alle Arbeiter zogen sich eilig zurück. Dreimal heulte die Sirene auf, und ihr warnender Ton schrie: "Achtung! – Sprengung!" Zwei Minuten lang herrschte unheimliche Stille. Dann folgten rasch hintereinander einige Detonationen. Der Feuerwerker hatte sich hinter einem Felsen verborgen. An den Fingern zählte er die Schläge ab: Eins... zwei... drei... vier... fünf... sechs... sieben.
Verdammt, es fehlte ein Schuss. Hatte er sich verzählt? War die Zündschnur gerissen oder eine kapsel weggeschleudert worden? Wenn nicht alle Ladungen losgingen, musste er nachsehen, was mit der Fehlladung geschehen war. Wenn die Sprengung dann gerade in diesem Augenblick erfolgte, flog er mit in die Luft... Da krachte es nochmals..., acht! Alle Ladungen waren explodiert. Die Sirene heulte von neuem. Die Arbeit wurde wieder aufgenommen. Mächtige Felsbrocken lagen umher, wurden zerkleinert und konnten nun stückweise weggeschafft werden. Erneut setzte der Höllenlärm der Kompressoren und Steinbohrer ein.
Der Bauleiter kletterte über die Felsen zu den Mineuren. Mit kundigem Blick überschaute er das Arbeitsfeld, gab Anweisungen, berechnete das schon Geleistete und bestimmte die Richtung des neuen Angriffs auf den harten Fels. Er trug die Hauptverantwortung dafür, dass die Eingeschlossenen in möglichst kurzer Zeit befreit würden. Erleichtert hatte er festgestellt, dass das Gestein an der Einsturzstelle weniger kompakt war, als es zunächst den Anschein hatte. Demnach fehlte es im Tunnel jedenfalls nicht an frischer Luft. Wenn sie sich auch nur langsam erneuerte, der Wechsel würde genügen, um den verbrauchten Sauerstoff zu ersetzen. Dass Wasser im Tunnel vorhanden war, wusste er. Die Mineure, die mit höchster Anspannung arbeiteten, wurden alle zwei Stunden abgelöst. Wenn der Mann der Ablösung sich neben die Maschine stellte, übergab der arbeitende Mineur ihm den Pressluftbohrer, ohne dass die Arbeit unterbrochen wurde. Mit frischer Kraft jagte der ausgeruhte Mann den Stahl in den Fels.

Auf dem Strassenstück oberhalb der Bergsturzstelle waren Baracken aufgestellt worden. Schmiede bearbeiteten dort die abgenützten Werkzeuge, schliffen sie und härteten von neuem den Stahl. Eine besondere Mannschaft hatte Notküchen erstellt; von dort aus wurde das Essen auf dem Platze verteilt,
Im Gebäude der Blockstation hatte sich die Betriebsleitung eingerichtet. Es waren verschiedene neue Telephonleitungen gelegt worden, da das einzige Diensttelephon und der Telegraph den starken Anforderungen nicht genügten. Hier herrschte Techniker Riva als Verbindungsglied zwischen der Bauleitung, der Direktion in Luzern und der Aussenwelt überhaupt. Gehilfen und Sekretäre bedienten Telephon und Telegraph. Boten kamen und gingen. In einem Nebenraum war das Kommando der aufgebotenen Truppen untergebracht. Von dort aus wurden der Brücken- und Strassenbau geleitet. Der Kommandant des Wach- und Absperrdienstes hatte seine Posten eingerichtet und organisiert. Es galt nicht nur, die Neugierigen fernzuhalten, die Leute mussten auch vor Schaden und Gefährdung durch neue Erdrutsche oder Steinschlag geschützt werden.
An den Stellen, wo die Staatsstrasse gegen Norden und Süden gesperrt war, standen lange Autokolonnen. Von nah und fern hatten sich Wissbegierige eingefunden, doch ein Durchkommen gab es nicht, Nur besondere Ausweise ermächtigten zum Zutritt. Die Übrigen, denen der Zugang nicht gestattet war, hatten rasch herausgefunden, dass einzig von der Bergflanke, die der Grandiosa gegenüberliegt, ein Blick auf das Arbeitsfeld möglich war. Über Geröll und Felsen, durch Gestrüpp und Dornen hatten sich die Zuschauer einen Weg gebahnt und bevölkerten nun dort, wo die Scheinwerfer aufgestellt waren, den ganzen Abhang. Vor ihnen lag die Grandiosa in ihrer ganzen Wildheit, mit ihrem in der Mitte aufgerissenen Leib. Sie konnten das Fortschreiten der Arbeit verfolgen und waren doch während der Sprengungen ausserhalb der Gefahrenzone.

Bei den Scheinwerfern gegenüber der Grandiosa hatten auch die Presseleute Platz genommen. Von allen Seiten, aus allen grösseren Städten des Kontinents waren sie herbeigeeilt. In Lavorgo hatten sie durch einen besonderen Beamten, der sein Büro im Stationsgebäude eingerichtet hatte, die ersten Mitteilungen der Bahnverwaltung erhalten. Der Presseausweis verhalf ihnen zur Bewilligung, den Militärkordon zu passieren, so dass es ihnen möglich war, die im Entstehen begriffenen Bauten zu besichtigen.
Bald hatten die Presseleute jedoch entdeckt, dass sie bedeutend mehr sehen, ja sogar bequem alles überblicken konnten, wenn sie sich auf der anderen Talseite niederliessen. Filmreporter waren mit Aufnahmen für die Wochenschauen beschäftigt. In allen Sprachen ertönten die Anweisungen für Helfer und Arbeiter. Bekannte begrüssten sich und tauschten ihre Eindrücke aus. Berichterstatter sind international, sie treffen immer wieder zusammen. Oft hörte man Ingolds Namen. Er hatte Glück gehabt und den Rahm abgeschöpft. Wo Ingold sich auch zeigte, da war er der Mittelpunkt einer Gruppe. Immer wieder musste er seine Eindrücke von der nächtlichen Fahrt wiedergeben und das Bild der Unfallstelle schildern, das er bei seiner Ankunft im Morgendämmern vorgefunden hatte. Bereitwillig gab er Auskunft, und vielfach führte er Einzelheiten an, die seinen Kollegen noch nicht bekannt waren. Ingold befand sich in dem ihm zusagenden Fahrwasser. Das war etwas anderes als die Berichterstattung über fade Gerichtsverhandlungen, wo es darum ging, ob der Streit im Treppenhaus für eine Ehrverletzungsklage genügte, oder die Reportage über einen unbedeutenden Boxkampf zwischen zwei Gegnern, die einander sichtlich schonten. Es war eine Lust zu arbeiten. Seinem Spürsinn entging wenig, und was er nicht selber herausfand, das erfuhr er durch seinen Freund Riva. Durch dessen Hände liefen alle Fäden, und geradezu unbezahlbar waren die Mitteilungen, die Ingold durch ihn erhielt, lange bevor sie den Weg zu den andern fanden.
Von Zeit zu Zeit verschwand einer der Berichterstatter, um die Neuigkeiten vor Redaktionsschluss seiner Zeitung zu telephonieren. Mitunter kam Bericht, dass die Verwaltung durch ihren Beamten eine Mitteilung an die Presse zu machen habe. Gemeinsam begab sich dann die ganze Schar zu der bezeichneten Stelle. In fliegender Hast brachten die Berichterstatter das Gehörte zu Papier. In der ganzen Welt wurde die Grandiosa bekannt. Tausende von Zeitungen veröffentlichten das erste Bild der "Neuen Schweizer Zeitung", bis sie eigene Bildberichte erhielten. Die Mittagsausgabe des Blattes war gerade in Lavorgo und in den Büros in der Grandiosa eingetroffen. Überall sah man die "Neue Schweizer Zeitung". Der Name Ingold war in aller Mund. Mineure sassen während ihrer Arbeitspause um einen Kameraden geschart, der das Geschriebene übersetzte. Befriedigt hörten sie, wie ihre Arbeit gewürdigt wurde.
Auch die Soldaten konnten es schwarz auf weiss lesen, wie sie in der Nacht und am frühen Morgen in allen Teilen des Landes alarmiert und in Eiltransporten zur Unfallstelle geführt worden waren. Ihr Dienst und ihre Aufgaben waren genau beschrieben, und zu allem stattete die Bahnverwaltung dem Militär in einer offiziellen Mitteilung ihren Dank für die wertvolle Hilfe ab. Der Techniker Riva hatte ebenfalls die Zeitung vor sich. Mit einer Hand hielt er das Blatt, mit der andern führte er die Gabel zum Munde. Das Mittagessen war ihm ins Büro gebracht worden, da er keine Zeit hatte, seinen Platz zu verlassen. Er bewunderte die Leistung seines Freundes Ingold, der es fertiggebracht hatte, in verhältnismässig kurzer Zeit so viele Berichte zu verfassen und zu übermitteln. Plötzlich wurde die Türe aufgerissen, und herein stürmte derjenige, an den er soeben gedacht hatte. Ingold schwenkte die Mittagausgabe seiner Zeitung in der Hand und hielt sie Riva vor die Nase. Lachend rief er: "Freund! Riva! Hast du gelesen?"
Gelassen erwiderte Riva: "Natürlich habe ich die Zeitung gelesen. Du hast wirklich wacker gearbeitet. Und dein Geschäft verstehst du auch. Alle Achtung!" Rivas Augen überflogen noch einmal das Blatt: Ankunft in Lavorgo. In der Grandiosa. Das hohe Lied der Arbeit. Die Rettungsaktion... Den Titeln entsprachen die Artikel, die gewiss interessant waren, aber für Riva nichts Neues enthielten, da er selbst es ja gewesen war, der dem Berichterstatter die meisten Informationen geliefert hatte. Da verlor Ingold die Geduld und deutete mit dem Finger auf eine Stelle der letzten Seite, wo zwischen zwei dünnen Strichen die Namen der für den Inhalt des Blattes verantwortlichen Redaktoren aufgeführt waren. Da stand jetzt zwischen den Namen der andern Redaktoren der Name Hans Ingold. Aha, das war es, was Riva übersehen hatte. Er stand auf und schüttelte seinem Freunde die Hand: "Hans, ich gratuliere! Du hast die Beförderung verdient."
Ingold strahlte über das ganze Gesicht und drückte die dargebotene Hand so kräftig, dass der Freund sie ächzend zurückzog.