NEUNTES KAPITEL
"Extrablatt! - Extrablatt!" Laut rufend, die Zeitung schwingend, eilten die Verkäufer durch die Strassen der Stadt. GROSSES EISENBAHNUNGLÜCK IN DER GRANDIOSA NACHTSCHNELLZUG VERSCHÜTTET!
Die Leute rissen sich um das Extrablatt der "Neuen Schweizer Zeitung", das die ersten Nachrichten von dem Unglück brachte. In Riesenbuchstaben leuchtete der Name Grandiosa auf der ersten Seite des Blattes. In fetten Lettern war der erste Bericht des Hilfsredaktors Ingold vom Unglück gesetzt, mit einer genauen Beschreibung der Grandiosa, des Ortes, wo der Bergsturz niedergegangen war. Dann folgte eine Schilderung der Reise im Extrazug der Direktion, der Bahnhöfe, in denen sich die Züge stauten, und ein Bericht über die schon angeordneten Massnahmen, samt der durch Fettschrift besonders hervorgehobenen Berechnung, nach welcher der Schnellzug wahrscheinlich unbeschädigt im Kehrtunnel 1 steckte.
Sofort nachdem der Nachtredakteur der "Neuen Schweizer Zeitung" die erste Nachricht Ingolds erhalten hatte, liess er in richtiger Erkenntnis der Lage den Chefredaktor rufen. Wenn nur nichts durchsickerte und die Redaktionen der anderen Zeitungen ahnungslos blieben. Um sich darüber zu vergewissern, sandte der Nachtredaktor sogleich einen Boten zum Bahnhof. Aber dort war nicht das geringste zu erfahren, weder mit Geld noch mit guten Worten. Sie hielten dort dicht, jedenfalls auf Befehl von oben. Das war gut so! - Inzwischen war der Chef gekommen. Er teilte die Ansicht des Nachtredaktors. Vorerst galt es, die anderen Redaktionen auszuschalten. Der Bericht des Boten vom Bahnhof war insofern günstig, als niemand etwas in Erfahrung bringen würde. Unauffällig wurde das notwendige Personal für eine Extraausgabe herangeholt. Die normale Auflage sollte verzehnfacht werden. Wie dieser Ingold es nur angestellt haben mochte, der Erste zu sein? Wenn nur bald weiterer Bericht von ihm kam.
Eine Stunde verging mit Warten. Nochmals wurde der Bote zum Bahnhof geschickt, und wieder kehrte er ohne Neuigkeiten zurück. Der Chef rieb sich frohlockend die Hände und wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit dem Nachtredaktor. Im Setzersaal sassen die Maschinensetzer vor ihren Maschinen. Den ersten Bericht Ingolds für das Extrablatt hatten sie in wenigen Minuten getastet. Jetzt warteten sie auf neue Manuskripte und diskutierten in der Zwischenzeit die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten über den Hergang des Unglücks. Immer wieder glühte der Berufsstolz in ihren Augen auf - ihre Zeitung war die Erste! Ja - dieser Ingold! Ungeduldig wanderte der Chefredaktor in seinem Zimmer hin und her. Da schrillte das Telephon. Er hob den Hörer ab und meldete sich. Eine fremde Stimme wurde hörbar. Der Chef winkte erregt seinem Mitarbeiter. Dieser nahm den zweiten Hörer, vor sich den Stenogrammblock.
Sie hörten: "Hier Zgraggen, Erstfeld. Ihr Berichterstatter im Extrazug hat mich beauftragt, Ihnen zu melden... " Eine Viertelstunde lang las der Bahnbeamte die Sätze ab, die Ingold während der Fahrt in fliegender Hast getippt hatte. Hierauf erklärte der Beamte, das Manuskript als Eilbrief an die Redaktion senden zu wollen, Ingold habe ihm die Spesen schon vergütet. Der Chefredaktor dankte; dann blickte er seinen Mitarbeiter an. Das war ein Fall! Als erstes Blatt im Besitz dieser Nachrichten zu sein. Zudem war der Berichterstatter schon am Platze. Ingold hatte entschieden ein Meisterstück geleistet. Nun galt es, noch mindestens eine halbe Stunde zu schweigen und die Konkurrenz so lange auszuschalten - dann war das Extrablatt gesichert und mit ihm der Gewinn.
Eifrig wurde an der Zusammenstellung des Manuskripts gearbeitet. Blatt um Blatt wanderte in die Setzerei. Ingolds im Telegrammstil abgefasste Notizen wurden ausgearbeitet und vervollständigt. Aus einem früheren Aufsatz über die Grandiosa war im Bildarchiv noch ein Druckstock vorhanden. Das Bild sollte auf der ersten Seite der Zeitung prangen. Pfeile wurden in die Mater gepresst; sie deuteten die jetzt blockierten Ein- und Ausfahrten in den Kehrtunnel an. Die Maschinensetzer arbeiteten im Rekordtempo, und in der Stereotypie wurde mit allen Mitteln für die rasche Erhitzung des Bleies gesorgt, während der Maschinenmeister zum vierten Male die riesige Druckmaschine überprüfte. Heute durfte kein Fehler das Papierband abreissen lassen. Das ganze Haus wusste es - heute kam's darauf an!
Auf der Redaktion läutete das Telephon. Die Redaktion einer Berner Zeitung fragte an, ob sie Auskunft über das Unglück habe könne. Da half nur eine Ausrede. Der Chefredaktor verstellte seine Stimme und antwortete auf Spanisch. Befremdetes Fragen auf der anderen Seite, in französischer, dann in englischer Sprache. Doch der Chef blieb hartnäckig bei seinem Spanisch, bis der andere einhängte. Die Verwünschung hatte man in Zürich nicht mehr gehört - das Extrablatt war gerettet. In wenigen Minuten würde die erste Ausgabe draussen sein.
Nach einer Weile schrillte die Telephonglocke wieder. Diesmal war es ernst. Die ausländischen Agenturen riefen an. Paris, Berlin, Budapest, Rom wünschten Bescheid, und eine New Yorker Agentur in London versprach jede Summe, wenn die ersten Nachrichten für Amerika über ihr Büro gehen würden. Der Chefredaktor wiederholte immer wieder, dass sein Mann zur Zeit der einzige Journalist an Ort und Stelle sei; dass in einer halben Stunde ausführliche telephonische Berichte durchgegeben würden, und dass sich die Agenturen auf diese Zeit die Leitungen reservieren lassen sollten. Er konnte es sich leisten, Honorare zu verlangen, die dem Wochenumsatz seiner Zeitung nahekamen; die Agenturen bewilligten jede Summe, ja, viele trafen gleich Abmachungen für die fortlaufende Berichterstattung über das ganze Drama in der Grandiosa.
Kaum waren die Agenturen für den Augenblick befriedigt, da meldeten sich schon die Radiogesellschaften. Wie sie die einzige fliessende Nachrichtenquelle ausfindig gemacht hatten, blieb ein Rätsel. Der Chef schaute auf die Uhr. In einer Viertelstunde würde die Expedition mit der Auslieferung der zweiten Extraausgabe beginnen können. Jeder Kiosk und jede Austrägerin sollten das deissigfache der normalen Auflage erhalten. Und zwar würden alle Stellen mit dem ersten Frühzug bedient sein, die Zeitung also zu einer Zeit in den Händen haben, da die gesamte Konkurrenz noch nicht eine Zeile gesetzt hatte.
Dieser Ingold war unbezahlbar! Allein die Nachrichtenübermittlung für die verschiedenen Radiogesellschaften würde einen normalen Monatsgewinn einbringen, von den Extraausgaben ganz zu schweigen. Nicht hoch genug war der Einfluss auf die normale Auflageziffer einzuschätzen. Auf dem ganzen Erdenrund würde die "Neue Schweizer Zeitung" zitiert werden. "Mit Genehmigung der ,Neuen Schweizer Zeitung'... ", so würde man in den grössten Zeitungen der Welt, die Millionenauflagen hatten, lesen. Langsam wurde es Tag. Die ersten Strassenverkäufer schrien sich heiser. Die Autos rasten in den Morgen hinein; denn in der Schweiz sollten alle nur irgendwie erreichbaren Städte durch die "Neue Schweizer Zeitung" selbst informiert werden. Motorradfahrer versorgten die umliegenden Ortschaften: sogar mit dem Flugzeug wurden Zeitungspakete in den Tessin und in die welsche Schweiz geschickt.
Der Chef und der Nachtredaktor gönnten sich einen Augenblick Ruhe. Heisser Kaffee wurde gebracht. Das Zimmer war voll von Zigarettenrauch. Eine fieberhafte Atmosphäre herrschte im Raume. Die beiden waren in ihrem Element. Für die nächste Ausgabe war ein Bericht der Bahnverwaltung vorgesehen, und sicher hatte bis dahin Ingold wieder Neuigkeiten auf Lager. Dann allerdings waren auch die Berichterstatter der anderen Zeitungen auf dem Platze. Aus ganz Europa würden sie zusammenströmen und ihre Redaktionen selber bedienen. Der Vorsprung, den die "Neue Schweizer Zeitung" bis jetzt innegehabt hatte, war dann aufgeholt. Nun, das spielte keine Rolle - der Erfolg war ihr auf alle Fälle sicher! Die Ablösung kam, die Tagesredaktoren traten ihren Dienst an. Der Chef gab noch einige Anweisungen und bestimmte, dass die Abendausgabe, wenn irgend möglich, drei Stunden früher in fünffacher Auflage herauskommen sollte.