Gotthardexpress 41 verschüttet
ACHTES KAPITEL

Weinend kam die kleine Anna, Tochter des Lokomotivführers Merz, lange vor Schulschluss nach Hause gelaufen. Schon auf dem Wege zur Schule hatten ihr einige Kinder berichtet, dass sich ein Eisenbahnunglück ereignet hatte. Andere Eisenbahnerkinder brachten die Nachricht, dass ein Bergsturz einen Schnellzug begraben hätte; sie wussten sogar die Namen des verunglückten Personals. Die Lehrerin hatte sich sofort erkundigt, was nicht schwer fiel, da die Nachricht sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitete. Sie tröstete dann die Schülerin, erklärte, dass ihr Vater nur eingeschlossen sei und bald wieder heimkehren werde. Schliesslich schickte sie die weinende Anna nach Hause.
Mit abgerissenen Worten, unterbrochen von lautem Weinen, erzählte Anna ihrer Mutter, was vorgefallen war. Die kleinere Schwester Berta kam im Nachthemdchen gelaufen und schmiegte sich an die Mutter, deren Blick starr in die Ferne gerichtet war. Lautlos war ihr Schmerz. Was sie oft befürchtet hatte, war eingetroffen: ihr Walter kehrte nicht zurück. Doch das konnte nicht sein, ihr Gefühl sagte ihr, dass er lebte, dass er an sie dachte. Noch nie hatte ihr Gefühl sie betrogen, wenn ihr Mann auch stundenlang über die Zeit hinaus ausgeblieben war, oder wenn Verkehrsstörungen ihn überhaupt verhindert hatten, heimzukommen. So stark spürte sie auch heute die Gewissheit, dass sie, dem erlittenen Schrecken zum Trotz, die weinenden Kinder damit zu trösten vermochte, dass der Vater sicherlich in einigen Tagen zurückkehren werde.
Es läutete an der Wohnungstür. Ein Beamter des Depots Bellinzona trat ein. Als er die starre Haltung der Frau bemerkte und die weinenden Kinder sah, wusste er, dass er auf eine schonende Einleitung verzichten konnte, dass Frau Merz bereits von dem Unglück gehört hatte. Nur ungern hatte er diesen Gang unternommen. Unter diesen Umständen bedeutete seine Nachricht einen grossen Trost für die schwer geprüfte Frau. Die Depotleitung hatte eine Mitteilung des Chefs der Zugförderung erhalten, wonach sehr hohe Wahrscheinlichkeit bestand, dass der Schnellzug 41 verschont geblieben war. Frau Merz war dem Überbringer dieser Nachricht dankbar. Sie klagte nicht, sondern erklärte ruhig, sie habe gefühlt, dass ihr Mann lebe. Froh, seinen Auftrag erfüllt zu haben, verliess der Beamte das Haus.
Nach einigen Minuten kam wieder Besuch. Es war die Mutter Rossis. Sie und ihr Sohn lebten zusammen, eine kleine zufriedene Familie. Eine Schwester Rossis war auswärts verheiratet, und der ältere Bruder arbeitete in Amerika. So umgab sie das einzige Kind, das Zuhause geblieben war, mit ihrer ganzen Liebe. Und nun dieses Unglück. Ihr armer Carlo!
Frau Merz musste das alte Mütterchen stützen. Sie führte die schluchzende Frau zu einem bequemen Sessel und tröstete sie. Die Meldung des Depots war der Alten noch nicht bekannt. Erleichtert liess sie ihren Tränen freien Lauf, nachdem Frau Merz sie aufgeklärt hatte. Beide, die junge und die alte Frau, trugen dasselbe Leid, hofften auf ein gütiges Schicksal, das ihnen den Gatten, den Sohn wieder in die Arme führen sollte. Frau Merz überredete das Mütterchen, bei ihr zu bleiben, um gemeinsam auf die Rückkehr ihrer Lieben zu warten. Dankbar nahm Frau Rossi das Anerbieten an. Was sollte sie auch daheim anfangen, allein mit ihren trüben Gedanken? Hier hatte sie doch eine verwandte Seele, die ihren Kummer teilte und ihn tragen half.
Frau Rossi erzählte ihrer Leidensgefährtin von ihrem Carlo. Ihr Mann, der vor einigen Jahren gestorben war, hatte immer gewünscht, dass Carlo das kleine Gütchen bewirtschaftete. Man hätte ja noch etwas Land dazukaufen können. An den Mitteln hätte es nicht gefehlt. Schon als Kind aber hatte Carlo sich in die Eisenbahn verliebt. Wie oft hatte sie ihn beobachtet, wenn er in den Reben arbeitete. Wenn unten am Hang ein Zug vorbeifuhr, vergass Carlo seine Arbeit und schaute ihm nach, bis er im Tunnel vor Bellinzona verschwand. Schliesslich rang er dem Vater die Bewilligung ab, Mechaniker werden zu dürfen. Wenn er am Abend müde aus der Werkstätte kam, arbeitete er noch im Rebberg und im Stall. Der Vater sah ein, dass es nicht von Gutem gewesen wäre, den Jungen davon abzuhalten, Lokomotivführer zu werden. Und Carlo dankte dem Vater, indem er ihm half, wo er konnte.
"Der Vater hat es noch erlebt," fuhr Frau Rossi fort, "wie unser Carlo dort unten seinen ersten Zug vorbeiführte. Er winkte uns mit einem weissen Taschentuch zu, und dem Vater rannen die Tränen über die Wangen, als er ihn erblickte. Und nun ist mein Carlo begraben im Berge. O Dio mio, gib mir mein Kind wieder... "