Gotthardexpress 41 verschüttet
SIEBTES KAPITEL

Im Gepäckwagen des eingeschlossenen Schnellzuges 41 hatten sich die Männer zusammengefunden, die dafür verantwortlich waren, dass die Wartefrist von allen möglichst gut überstanden wurde. Sie hatten sich auf die an den Wänden aufgestapelten Gepäckstücke gesetzt.
Der Zugführer schilderte die Gesamtlage. Da niemand sagen konnte, wie gross die Gesteinsmassen waren, die die Tunnelportale versperrten, musste man sich unter Umständen auf eine längere Gefangenschaft gefasst machen. Sicher war nur das eine: dass die Verwaltung und alle an der Rettungsaktion Beteiligten alles tun würden, um die Eingeschlossenen zu retten. Die Hauptfrage war das Essen. Im Zuge befanden sich achtzehn Kinder, deren Eltern grösstenteils italienische Auswanderer waren. Erwachsene Reisende waren hundertsechzig gezählt worden. Dazu kamen acht Personen vom Zug-, Lokomotiv- und Speisewagenpersonal. Zusammen waren also hundertsechsundachtzig Menschen auf unbestimmte Zeit eingeschlossen. Unter diese hatte man die wenigen vorhandenen Lebensmittel aufzuteilen. Dem Schnellzug waren am Schluss zwei Güterwagen mit Eilfracht angehängt. Einer dieser Wagen enthielt Blumen von der Riviera. Im anderen aber befanden sich einige Sendungen, die verwendet werden konnten. Da waren einmal zwei Kisten Tee; daran würde also bestimmt kein Mangel herrschen. Allerdings konnte er nur schwach gesüsst werden, weil der Zuckervorrat im Speisewagen nicht weit reichte. Ausserdem gab es als sehr willkommene Zugabe hundertsechzig Kilo Schokolade und vier Kisten frische Bananen. Der Zugführer schlug vor, auf alle Fälle für die Kinder eine eiserne Ration von Bananen und Schokolade auf die Seite zu legen. Die gesamten Nahrungsmittel sollten vom Speisewagenpersonal verwaltet und verteilt werden. Der Chef des Speisewagens übernahm diese Aufgabe. Er zählte sodann auf, welche Vorräte im Speisewagen zur Verfügung standen. Für die Fahrt waren sechzig Morgenessen und hundert Mittagessen vorgesehen. Ferner hätten aus den Vorräten etwa vierzig kalte Platten serviert werden können. Sicherheitshalber schlug er vor, alle Esswaren im Gepäckwagen zu lagern, wo sie gegebenenfalls bewacht werden konnten. Der Chef wusste aus Erfahrung, dass bei nagendem Hunger mancherlei Hemmungen schwinden. Nach seinen Berechnungen war es möglich, aus den Vorräten des Speisewagens den Leuten drei Tage hindurch je drei Rationen zu verabreichen, wenn sie auf ein Viertel der normalen Nahrungsmenge herabgesetzt wurden. Die Kinder sollten von Anfang an doppelte Rationen bekommen. Auch die vorhandenen dreissig Liter Milch sollten ausschliesslich für die Kinder reserviert bleiben. Die meisten Auswandererfamilien hatten das Essen für einen oder zwei Tage bei sich. Sie würden also vorerst keinen Hunger leiden. Allerdings - was geschehen sollte, wenn die Befreiung länger als drei bis vier Tage auf sich warten liess, das vermochte der Küchenchef nicht zu sagen. Sorgenvoll blickte er auf sein wohlgenährtes Bäuchlein.
Hierauf er griff der Arzt, Dr. Schmid, das Wort. Er war auf der Rückreise von einem medizinischen Kongress und hatte willig der Bitte Folge geleistet, mitzuraten und mitzuhelfen. Seiner Ansicht nach würde es möglich sein, mit den vorhandenen Nahrungsmitteln vier bis fünf Tage auszuhalten. Im Notfall könnten Erwachsene zehn bis vierzehn Tage ohne jegliche Nahrungsaufnahme ausharren. An Wasser und Tee fehlte es nicht, das war die Hauptsache. Es freute ihn, dass schon das Personal daran gedacht hatte, den Kindern besondere Pflege und Rücksicht angedeihen zu lassen. Als glückhafte Fügung fiel noch ins Gewicht, dass der Eilfrachtwagen u. a. eine grosse Sendung Zigaretten, aus verschiedenen Sorten bestehend, enthielt, die ebenfalls beschlagnahmt werden konnte. Sie sollten den Reisenden zur Verfügung gestellt werden, wenn der Vorrat im Speisewagen zu Ende war. Das Rauchen würde nicht nur über den Hunger hinwegtäuschen, sondern auch helfen, die Zeit zu vertreiben und trübe Gedanken fernzuhalten.
Als der Arzt das sagte, lächelte Rossi verständnisvoll; er konnte es nicht unterlassen, seinen Capo leicht anzustossen. Lokomotivführer Merz teilte dann noch mit, was in technischer Hinsicht zu geschehen hatte. Die Beleuchtung der Wagen müsste sofort eingeschränkt werden, da sie Batterien nach höchstens sechsunddreissig Stunden entladen sein würden. Er und Rossi wollten inzwischen für eine Notbeleuchtung sorgen. Öl war auf der Lokomotive genug vorhanden; im Transformatorgehäuse befanden sich einige tausend Liter. Die beiden waren auch bereit, die Beschaffung von Brennstoff für den Speisewagen zu übernehmen. Schlimmstenfalls konnte man einen der Güterwagen abmontieren und seine Holzteile als Brennmaterial verwenden. An Arbeit würde es keinesfalls fehlen. Oberleutnant Gallino, in Zivil Ingenieur und ein bekannter Fussballspieler, war eben auf der Rückreise von einem Nahkampfkurs zu seiner Fliegerkompanie. Er hatte schon mit dem Unteroffizier und den Soldaten Rücksprache genommen und erklärte, dass er gerne den Ordnungsdienst übernehme. Seine Vorschläge lauteten, dass sich die Soldaten in einem Abteil des Gepäckwagens aufhalten sollten, und dass es den Reisenden freigestellt würde, sich nach Nationen zusammenzutun. Auf diese Weise konnten sie sich gegenseitig unterhalten und einander auch helfen, wenn es nötig wurde.
Der Zugführer dankte allen Versammelten recht herzlich für ihre Hilfe. Dann machte er sich mit den beiden Kondukteuren an den schwierigsten Teil seiner Aufgabe: die Reisenden von der Katastrophe in Kenntnis zu setzen. Er begann damit im ersten Wagen, während seine beiden Kollegen sich ans Ende des Zuges begaben; ungefähr in der Mitte trafen der Zugführer und seine Kollegen wieder zusammen.

Im Allgemeinen nahmen alle Passagiere die Nachricht von dem Unglück und der misslichen Lage ziemlich ruhig auf. Die Schweizer, als Kinder der Berge, vermochten sich am ehesten zu erklären, wie der Bergsturz entstanden war, und sie wussten genau, dass von aussen her allen Menschenmögliche zur Rettung der Eingeschlossenen getan werden würde. Auch die Engländer brachte die Nachricht nicht aus der Fassung. Einige Amerikaner, die einzigen Passagiere aus der ersten Klasse, waren geradezu begeistert über den Vorfall und beglückwünschten sich gegenseitig, dass sie "dabei" sein durften. Sie bedauerten nur, dass sie keine Möglichkeit hatten, den Verwandten und Freunden in der Heimat Nachricht zu geben.
"Das ist grossartig! Ganz grossartig!" rief der Amerikaner Armstrong aus, als Zugführer Weber in von der Neuigkeit in Kenntnis setzte, und auf den etwas verwunderten Blick des Zugführers hin setzte er hinzu: "Entschuldigen sie, ich weiss, dass der Vorfall eigentlich betrüblich ist, aber für mich kann er unter Umständen einen Glücksfall bedeuten. Das wird eine Sensation werden!" Der Zugführer musste wider Willen lächeln und meinte: "Sie sind wohl Journalist?"
"Nein, nein", wehrte Armstrong ab, "ich bin Weltreisender, Mitglied des 'Globetrotter-Clubs' in New York. Mir fehlt zu meinem Glück nichts weiter als ein spannendes, noch nie dagewesenes Reiseabenteuer, und das habe ich jetzt. Grossartig, ganz grossartig!" Frohlockend rieb er sich die Hände. "Je länger der Aufenthalt dauert, desto besser." Diese Meinung teilte der Zugführer zwar nicht, aber es war ihm ganz recht, dass Armstrong und die übrigen Amerikaner die Angelegenheit von dieser Seite her auffassten. Das würde die Stimmung der anderen Passagiere sicher günstig beeinflussen.

Da und dort musste das Zugpersonal aber auch trösten oder Reklamationen entgegennehmen. So erhob ein Industrieller, der sich selbst als Kosmopolit bezeichnete, heftigen Widerspruch, als ihm mitgeteilt wurde, dass man die Familien mit Kindern in die Polsterklassen verlegen werde. Mit ausgebreiteten Armen stand er in der Tür des Erstklassabteils, das er bis jetzt allein innegehabt hatte, als wollte er es gegen die Eindringlinge verteidigen. Andere Passagiere desselben Wagens und solche, die auf der Suche nach neuen Plätzen waren, hörten der Diskussion belustigt zu. "Dieses Abteil habe ich schon in Mailand besetzt", sagte der Mann. "Und ich denke nicht daran, es mit einem Rudel lärmender, schmutziger Kinder zu teilen. Was glauben sie eigentlich, Kondukteur, wofür ich meine Fahrkarte bezahlt habe?" Mit ruhigen Worten versuchte der Zugführer dem Aufgeregten klarzumachen, dass er schliesslich nur das Recht auf einen Platz habe und nicht auf ein ganzes Abteil.
"Niemand kann mich zwingen, mein Abteil mit Kindern zu teilen!" rief der Mann empört. Da zwängte sich Rossi durch die wartenden Leute, schob den behäbigen Herrn wortlos von der Türe fort und betrat das Abteil. Gelassen räumte er die auf den Polstersitzen umherliegenden Gegenstände zusammen und versorgte sie im Gepäcknetz. Hierauf trat er wieder auf den Gang und sagte zu dem sprachlos dastehenden Reisenden: "So, die Frage ist erledigt. Sie haben zwei Plätze und können demnach sogar bequem schlafen. Ihnen gegenüber werden zwei Kinder liegen. Wenn sie ein übriges tun wollen, geben sie einen ihrer Mäntel zum Zudecken der Kinder her. In solch einer Lage sollten sich alle Menschen gegenseitig beistehen." Vor sich hinbrummend betrat der Zurechtgewiesene sein Abteil und streckte sich verdriesslich auf seiner Polsterbank aus.

Dann begann unter Mithilfe des Zugpersonals und der bereitwillig helfenden Soldaten ein allgemeiner Umzug, so dass schliesslich den kinderreichen Familien zwei Polsterwagen zur Verfügung standen. Das gefiel den Kindern, sie hörten auf zu weinen, und es dauerte gar nicht lange, so zogen sie auf Entdeckungsreisen aus. Vor den Wagen, auf den Geleisen, spazierten Reisende auf und ab, gaben doch die jetzt noch hell erleuchteten Abteile genügend Licht. Für die meisten Leute war dieser Spaziergang im Tunnel eine unterhaltsame Neuheit. Viele bemerkten erst jetzt, dass der Tunnel eine Kurve beschrieb. Von allen Seiten wurden die Bahnbeamten mit Fragen bestürmt, und bereitwillig gaben sie Auskunft.
Der Zugführer begab sich mit den Amerikanern, denen sich auch einige englische Herren anschlossen, zur Lokomotive. Dort musste Lokomotivführer Merz alles Mögliche erklären. Schliesslich beleuchtete er den Innenraum der Lokomotive und lud die Herren ein, heraufzuklettern. Er erläuterte das Prinzip der elektrischen Zugförderung im grossen und dann die Einrichtung der Lokomotive in ihren Einzelheiten. Er fand aufmerksame Zuhörer; vor allem der Amerikaner Armstrong zeigte gespanntes Interesse. Einer der Herren machten den Vorschlag, auch den übrigen Reisenden den Besuch der Lokomotive zu gestatten, damit sie sich die Zeit in nützlicher Weise vertreiben könnten. Weber nahm die Anregung gerne entgegen und kam dadurch auf den guten Gedanken, den Speisewagen als Vortragssaal zu verwenden, um die Reisenden zu unterhalten. Er wollte darüber mit seinen Kollegen sprechen.
Der Führergehilfe Rossi hatte unterdessen im Speisewagen eine Kiste geholt und die Wagen durchstreift, um die Glühbirnen einzusammeln denn mit dem Lichtstrom musste sogleich gespart werden. In den Abteilen nahm er alle Birnen bis auf eine weg; ausserdem wurden die Seitengänge noch mit einer Lampe erhellt. In jedem Wagen beliess er jedoch in einem Abteil sämtliche Birnen, damit sich hier diejenigen Reisenden zusammenfinden konnten, die lesen wollten. Seine Arbeit ging nur langsam vonstatten, denn er musste immer wieder erklären, warum diese Massnahme, die wenig Anklang fand, nötig war. Ungefähr in der Mitte des Zuges hatte Rossi seine Kiste mit ausgeschraubten Birnen gefüllt. Er stellte sie an die Tunnelwand und setzte seine Tätigkeit mit einer anderen, leeren fort. Im letzten Wagen befand sich eine Reisegesellschaft aus lärmigen, jungen Männern, die anscheinend einem Klub angehörten. Wenigstens trugen die meisten von ihnen einen braunen Pullover mit einem grossen "V" auf der Brust. Sie beschwerten sich heftig über die mangelhafte Beleuchtung und erklärten immer wieder, dass sie sich nicht mit einem einzigen hellerleuchteten Leseraum begnügen könnten. Ihr Auftreten war so herausfordernd, dass Rossi schliesslich seine Versuche, ihnen Einsicht beizubringen, aufgab und in ihrem Wagen alle Birnen brennen liess. Er hatte weder Zeit noch Lust, sich mit den Krakeelern einzulassen. Es war einfacher, dafür zu sorgen, dass in ihrem Wagen das Licht zuerst ausging.

Mit seiner Kiste auf der Schulter wanderte Rossi den Zug entlang nach vorne. Als er zu der Stelle kam, wo die andere Kiste mit den Glühbirnen stand, bemerkte er einen kleinen Jungen, der neben der Kiste sass. Eine junge Dame sprach mit lebhaften Gesten auf ihn ein. Rossi hörte, wie der Junge schluchzend sagte: "Es war doch so schön und lustig." Er trat zu den beiden. Lachend erklärte die Dame, was vorgefallen war. Gerade vor dem Fenster ihres Abteils hatte sie eine ganze Reihe Explosionen gehört und dann gesehen, wie der Kleine eine Birne nach der anderen an die Tunnelwand geschleudert hatte. Dem Buben bereitete diese Beschäftigung sichtliches Vergnügen. Aber sie war hinausgeeilt und hatte der Zerstörung Einhalt geboten. Nun weinte der kleine Übeltäter, weil er nicht begriff, warum der hübsche Spass ihm nicht gegönnt war.
Rossi nahm das schwarzgelockte Kerlchen auf den Arm und tröstete es in seiner Muttersprache. Die Fremde, die nur gebrochen italienisch sprach, entnahm ihrer Tasche einige Bonbons und gab sie dem Kinde. Leicht streichelte sie den Lockenkopf, wobei sie ungewollt Rossis Wange berührte. Errötend zog sie die Hand zurück und sagte schnell: "Oh, Pardon." "Das macht nichts", erwiderte Rossi, "es hat ja nicht weh getan." Das junge Mädchen erkannte sofort den Beamten wieder, der den behäbigen Herrn zurechtgewiesen hatte, als er sich weigerte, sein Abteil mit Kindern zu teilen. Rossis ruhiges, energisches Eingreifen hatte ihr gefallen. Rossi schaute den Schlingel auf seinem Arm an und sagte: "Dem Kleinen da könnte ich einmal die Lokomotive zeigen, das wird ihn bestimmt trösten." "Oh, da komme ich mit", rief das junge Mädchen eifrig. "Eine Lokomotive habe ich noch nie aus der Nähe betrachten können. Ich muss mir nur rasch Schuhe anziehen."
Erfreut erwiderte Rossi: "Das ist recht, kommen sie nur." Dem Kleinen teilte Rossi in seiner Muttersprache mit, dass das junge Mädchen ihn zur Lokomotive bringen werde; er fragte ihn, wie er eigentlich heisse. Der Knabe lachte schon in der Vorfreude auf das Kommende und erwiderte: "Peppino, Peppino Nessi. Aber darf ich auch auf die Maschine klettern? Fahren wir dann weiter?" Die letzte Frage musste Rossi verneinen, aber er versprach dem Kleinen, ihm die Lokomotive von aussen und von innen zu zeigen. Der Kleine stand zwischen den beiden Erwachsenen, die ihn an der Hand hielten. Das junge Mädchen verabschiedete sich von Rossi, um seine Pantoffeln mit Schuhen zu vertauschen. Den Kleinen nahm es mit in seinen Wagen. Leise pfeifend nahm Rossi seine beiden Kisten und begab sich zur Lokomotive. Dort versorgte er die Glühbirnen und teilte Merz mit, dass er bald Besuch erwarte. Er müsste einer Dame die Lokomotive zeigen.
Sein älterer Kamerad antwortete darauf lachend: "Da will ich aber Gift darauf nehmen, dass die Dame jung und hübsch ist und ihre technischen Studien noch nicht beendet hat." Ganz nahe trat Rossi an seinen Capo heran und flüsterte ihm vertraulich ins Ohr: "Stimmt, und ausserdem raucht sie Zigaretten." Rossi hatte nämlich die leichte Bräunung ihres linken Zeigefingers bemerkt, als er sich zu überzeugen trachtete, ob sie einen Ring trüge. Bald darauf hörte Rossi seinen kleinen Freund vor der Lokomotive rufen: "Oh, macchinista! Wir sind da!"
Das junge Mädchen führte Peppino an der Hand. Rossi staunte als er sah, dass sie einen braunen Pullover und dazu passende Trainigshosen trug, mir derselben Grazie, wie vorher das Reisekostüm. Er stieg hinunter und hob den Kleinen hinauf. Dann liess er das junge Mädchen die steile Eisentreppe hinaufklettern und folgte nach. Im hell erleuchteten Führerstand bewunderte Peppino die glänzenden Instrumente. Rossi erklärte seiner Besucherin die Einrichtung und den Zweck der Apparate. Sie hatte sich das alles nicht so kompliziert vorgestellt und zuerst geglaubt, das grosse Handrad auf dem Führertisch diene dazu, die Lokomotive zu lenken, wie etwa das Steuerrad bei einem Auto. Verstohlen betrachtete Rossi sie von der Seite. Ihr dunkles Haar war a la garconne geschnitten, und das verlieh dem feinen Gesicht eine besondere Note, denn Haartracht und Gesicht standen eigentlich in einem seltsamen Gegensatz. Es schien ihm, als ob die Haartracht den fraulichen Reiz verdrängen wollte.
Nach einer Weile trat Merz hinzu, der im Maschinenraum gewesen war. Rossi hätte seine Tunnelbekanntschaft gerne dem Lokomotivführer vorgestellt, aber er kannte ihren Namen nicht. Sie kam jedoch seiner Absicht zuvor, indem sie Merz die Hand gab. Dieser stellte sich vor, und Rossi beeilte sich, das gleiche zu tun. Auch das junge Mädchen nannte jetzt seinen Namen: Jeanne Vautier aus der Provence. Angeregt plauderten die drei auf dem Führerstand und vergassen darüber fast, unter welchen Umständen die Bekanntschaft zustande gekommen war. Fräulein Jeanne war sehr erfreut, dass alle Beamten im Zug ihre Muttersprache so gut beherrschten. Bei ihr Zuhause gab es selten Leute, die mehrere Sprachen konnten. Sie war kurze Zeit in Italien gewesen und hatte sich so viel von der Sprache angeeignet, dass sie sich mit Rossi verständigen konnte. Jetzt war sie auf der Rückreise und beabsichtigte, in den Schweizer Bergen noch einige Zeit Ski zu fahren.
Später erklärte Rossi seinen Besuchern noch die Inneneinrichtung der Lokomotive. Beim Abschied versicherte Peppino, dass er bald wiederkommen werde. Rossi hoffte im stillen, dass der Kleine bei dieser Gelegenheit seine grosse Freundin mitbringen werde, denn er hätte die flüchtige Bekanntschaft gerne fortgesetzt. Im Speisewagen war unterdessen tüchtig gearbeitet worden. In verschiedenen Gruppen hatten die Reisenden das Frühstück eingenommen, das aus Tee und belegten Brötchen bestand. Tee gab es, soviel man wollte. Die meisten Reisenden hatten noch einige Esswaren bei sich. Die Stimmung war gut, beinahe fröhlich, machte sich doch noch kein Mangel fühlbar, während die ungewohnte Lage eher anregend wirkte. Den zahlreichen Familien mit Kindern war das Essen in ihre Wagen gebracht worden. Bei dieser als zweckmässig befundenen Einteilung sollte es bleiben, obwohl sie dem Personal grosse Mehrarbeit verursachte.

Rossi erzählte dem Zugführer von dem Widerstand, auf den er beim Einsammeln der Glühbirnen im letzten Wagen des Zuges gestossen war. Der Zugführer meinte, dass es nicht angehe, Unterschiede in der Behandlung einzelner Passagiere zu machen. Sie alle waren Leidensgefährten und hatten das Gute und Unangenehme gemeinsam zu tragen. Zu zweit begaben sie sich deshalb zum Zugsende, um dort die Beleuchtung in gleicher Weise wie in den übrigen Wagen zu reduzieren. Als Rossi sich aber daran machte, seine Arbeit auszuführen, erhoben die Passagiere mit lauter Stimme Einspruch. Etliche machten sogar Miene, Rossi bei seiner Tätigkeit in den Arm zu fallen. Zugführer Weber ersuchte um Ruhe. In einfachen Worten erklärte er nochmals die Notwendigkeit der Massnahme. Er wies darauf hin, dass in allen Wagen die Beleuchtung derart eingestellt sei, und dass es für diesen Wagen keine Ausnahme geben könne. Es gelte gleiches Recht für alle.
Seine Rede wurde mit spöttischen Rufen und Witzen beantwortet. Einige der jungen Leute drängten sich im Seitengang absichtlich zusammen, so dass ein Durchkommen unmöglich wurde. Rossi verlor die Geduld und schob einen jungen Mann, der eine Narbe über dem Auge hatte, etwas unsanft beiseite. Dieser hob die Faust und wollte zuschlagen. Da ertönte ein energisches "Halt!" Es war Oberleutnant Gallino, der gerufen hatte. Er war zufällig vorbeigekommen, hatte den Lärm gehört und sogleich den Wagen bestiegen. Jetzt übersah er mit einem Blick die Sachlage und erkannte, dass er gerade zur rechten Zeit gekommen war, um eine Schlägerei zu verhindern; denn Rossi sah keineswegs so aus, als liesse er sich einen Faustschlag gefallen. Der junge Mann mit der Narbe über dem Auge hatte auf den Ruf hin zwar seinen Arm sinken lassen, doch verhiess der Ausdruck seines Gesichtes nichts Gutes.
"Meine Herren", sagte Oberleutnant Gallino ruhig, "ich nehme an, dass sie genau wissen, aus welchem Grunde die Beleuchtung reduziert werden muss. Und ich denke, dass sie sich den Anordnungen des Zugpersonals widerspruchslos fügen werden - in ihrem eigenen Interesse." Rossi beobachtete gespannt die Mienen der Aufsässigen und versuchte, die jungen Leute irgendwo einzureihen. Sie waren durchwegs gut, fast stutzerhaft gekleidet. Offenbar hatten sie das Gefühl, die Welt gehöre ihnen, und Rücksichtnahme auf andere sei überflüssig. Ein grosser magerer Herr mit knochigem Gesicht trat jetzt auf den Offizier zu, verbeugte sich knapp und sagte: "Mein Name ist Bernardi. Ich bin der Mannschaftsleiter des Fussballklubs "Vittoria", dem die Anwesenden angehören. Ich protestiere im Namen aller Mitglieder gegen diese unnütze Schikane."
Einen Augenblick stutzte der Offizier, schaute sich prüfend unter den jungen Leuten um und stellte sich dann vor: "Oberleutnant Gallino. Man hat mich für die Dauer des Aufenthalts im Tunnel mit dem Ordnungsdienst betraut." "Wer ist 'man'", unterbrach Bernardi ihn. "Mit dem gleichen Recht könnte ich mir dieses Amt anmassen. Ich werde mich bei der Direktion beschweren; denn ich sehe durchaus nicht ein, warum hier willkürliche Massnahmen getroffen werden, die für uns unangenehm sind." Rossi wechselte einen Blick mit dem Zugführer. Sie beide konnten über diese Auffassung nur staunen.
"Wir wollen nicht streiten", war Oberleutnant Gallinos Entgegnung, die er im gleichen ruhigen Tone vorbrachte. "Auf jeden Fall bestehen unter den obwaltenden Umständen für sämtliche Passagiere die selben Rechte und Pflichten. Je mehr wir uns gegenseitig helfen, und je mehr wir das Zugpersonal bei seiner schwierigen Arbeit unterstützen, umso besser für uns alle. Sie werden das, wenn sie sich die Sache überlegen, selber einsehen." Er liess noch einmal seine Blicke über die Klubmitglieder schweifen, grüsste und verliess mit raschen Schritten den Wagen. Der Zugführer folgte ihm. Rossi musste noch mache hämische Bemerkung anhören, während er die Birnen im letzten Wagen ausschraubte. Er versuchte, den Zwischenfall mit Humor hinzunehmen und sich nicht über die jungen Leute, die offenbar den Ernst der Lage nicht erfasst hatten, zu ärgern. Er tat, als wären sie nicht vorhanden, und beendete seine Arbeit so rasch wie möglich.

Oberleutnant Gallino hatte nach einigen Schritten, als sie vom letzten Wagen aus nicht mehr gesehen werden konnten, Zugführer Weber beim Arm genommen und ihn in eine der Tunnelnischen gezogen. "Warten sie hier", raunte er dem erstaunten Beamten zu. Dann schwang er sich zwischen zwei Wagen hindurch auf die andere Zugseite und rannte, so schnell es auf dem Schotter möglich war, wieder zum letzten Wagen zurück. Wenn er sich eng an die Tunnelwand presste, konnte er das Wageninnere stückweise übersehen, vielleicht sogar, wenn er Glück hatte, durch ein offenes Fenster einige Gesprächsbrocken erhaschen. Soeben hatte Rossi seine Arbeit beendet. Er entfernte sich, die Schachtel mit den Glühbirnen unter dem Arm. Bernardi rief seine Leute in dem erleuchteten Coup, zusammen. Aber bevor er zu sprechen begann, schloss er das Fenster und zog sogar den Vorhang herunter. Oberleutnant Gallino blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge zu Weber zurückzukehren.
"Was ist los?" fragte der Zugführer, als der Offizier wieder zu ihm trat. "Das weiss ich selbst noch nicht", erwiderte Gallino. "Die Leute im letzten Wagen... merkwürdig! Wie Italiener sehen die doch wirklich nicht aus!"