SECHSTES KAPITEL
Im Luzerner Stadttheater lauschte ein zahlreich erschienenes Publikum ergriffen dem Spiel des Züricher Tonhalle-Orchesters, das von einem italienischen Dirigenten geleitet wurde. Einem Zauberkünstler gleich, schwang er seinen Stab und entlockte den Instrumenten seiner Musiker herrliche Töne. Von nah und fern hatten sich Musikfreunde eingefunden. Die Gelegenheit und der Genuss waren einmalig. Alle Plätze waren besetzt, selbst in den Logen und auf den Balkonsitzen gab es keine Lücken.
In einer der Logen sass Herr Luini, Direktor der Gotthardbahn, mit seiner Familie. Andächtig lauschend, gab er sich dem seltenen Genuss hin, als ein Theaterdiener kaum hörbar in die Loge trat und ihm meldete, dass er dringend am Telephon verlangt werde. Herr Luini verständigte leise seine Frau und verliess rasch seinen Platz. Im Vestibül betrat er die Telephonkabine und meldete sich. Die Stimme seines Hausmädchens antwortete: "Herr Luini, sie sind von der Direktion aus angerufen worden. Sie möchten sofort anrufen." Es vergingen einige Sekunden, bis Direktor Luini die Nummer gewählt hatte. Sofort meldete sich eine energische Stimme: "Hier Müller. Herr Direktor, soeben ist ein Diensttelegramm eingetroffen. Bergsturz in der Grandiosa. Schnellzug 41 verschüttet oder im Kehrtunnel 1 blockiert."
"Danke. - Treffen sie sofort folgende Massnahmen: Extrazug Luzern - Lavorgo bestellen. Für freie Durchfahrt sorgen. Halt in Erstfeld. Telegramme und Meldungen in der nächsten halben Stunde an die Bahnhofleitung richten und vor Zugabfahrt mir übergeben. - Alarmieren sie sofort folgende Herren: Ingenieur Suter, Bauingenieur Castelli, Betriebstechniker Huber und Riva. Ausserdem den Betriebschef und vier Sekretäre. Abfahrt null Uhr dreissig." Sekretär Müller bestätigte die Aufträge. Direktor Luini verliess die Kabine und verlangte seine Garderobe. Dem Theaterdiener gab er den Auftrag, ein Taxi zu holen und die Angehörigen davon zu unterrichten, dass er dienstlich gezwungen sei, fortzufahren.
Auf der kurzen Fahrt zur Kreisdirektion versuchte der Direktor sich ein Bild von der Lage in der Grandiosa zu machen. Er überlegte, welche Massnahmen zu treffen wären. Er zog sein Notizbuch hervor und schrieb einige Zeilen nieder. "Güterzufuhr Nord-Süd stoppen. Umleitung über Parallelbahn organisieren. Personenverkehr bleibt aufrecht. Pendelverkehr zwischen Lavorgo und Giornico organisieren."
Mit einem Ruck hielt der Wagen vor dem Direktionsgebäude. Der Direktor eilte hinauf. Zuerst entledigte er sich seines Fracks, entnahm einem Kasten eine Lederjacke und schlüpfte hinein. Sekretär Müller, der Nachtdienst hatte, überbrachte einen Stoss Telegramme und Abschriften der erteilten Weisungen. Er hatte die Verbindung mit Pianotondo hergestellt, und der Stationswärter Croce hatte über das Unglück Bericht erstattet. Daraus ersah der Direktor sofort, was noch angeordnet werden musste. Er erteilte seinem Sekretär den Auftrag, die Situationspläne Pianotondo - Grandiosa ins wartende Auto zu bringen, desgleichen die grossen Streckenkarten des ganzen Gebiets. Nach der Abfahrt des Zuges sollten weitere Meldungen und Telegramme nach Erstfeld gerichtet werden. Rasch entnahm er dem Schrank ein Paar Bergschuhe und verliess das Büro. Im Auto wechselte er die Schuhe. Wie so viele seiner Untergebenen, musste auch der Direktor der Gotthardbahn in ständiger Bereitschaft sein, damit er dem ersten Rufe Folge leisten konnte.
In der Bahnhofhalle stand eine kleine Schnellzuglokomotive mit zwei Wagen zur Abfahrt bereit. Noch fünf Minuten fehlten bis zur festgesetzten Abfahrtszeit. Einige der Herren, die durch Sekretär Müller alarmiert worden waren, warteten schon. Kurz darauf erschien der Techniker Riva mit einem fremden Herrn, den er dem Direktor als Hilfsredaktor Ingold der in Zürich erscheinenden "Neuen Schweizer Zeitung" vorstellte. Der Journalist bat den Direktor, mitkommen zu dürfen. Luini überlegte schnell. Welch feine Nasen doch diese Zeitungsleute hatten. Aber es war besser, wenn sie ihre Informationen aus erster Hand erhielten. Die sicheren Nachrichten würden dann wenigstens die bestimmt auftauchenden wilden Gerüchte entkräften.
Ingold hatte schon Nummer und Gattung der Lokomotive notiert und bestieg nun, nachdem er dem Direktor für sein Entgegenkommen gedankt hatte, den Extrazug, wie wenn er dazugehörte. Das war ein Fressen! Als erster Journalist auf dem Platze, sozusagen an der Quelle der Informationen, bei einem Ereignis, das bald die ganze Welt bewegen würde! Dankbar drückte er seinem Freunde, dem Techniker Riva, die Hand, dann beugte er sich über die Schreibmaschine auf seinen Knien. Ein Bote brachte ein Bündel Telegramme, und gleichzeitig erschien die Frau des Direktors, um sich von ihrem Gatten zu verabschieden. Er legte ihr ans Herz, ihm die notwendigen Kleider nachzusenden. Dann fuhr der Extrazug ab, dem Süden, der Stätte des Unglücks zu.
Zum Fenster hinaus hatte Ingold einem Bahnarbeiter einen Brief an die Redaktion seines Blattes in die Hand gedrückt, der die ersten Nachrichten enthielt. "Fünf Franken Trinkgeld", konnte er gerade noch rufen, dann fuhr der Extrazug auch schon ab.
Im Zuge setzte sich der Direktor mit den Leitern des Bahnbaus, des Betriebs und dem Chef der Zugförderung zusammen. In knappen Worten schilderte er den Herren die Lage und teilte ihnen mit, was bereits veranlasst worden war. Die letzten Telegramme meldeten, dass der Hilfszug von Bellinzona und derjenige von Erstfeld bereits auf der Fahrt waren.
Der Chef der Zugförderung stellte einen Plan für die Verwendung der südlich der Unterbrechung blockierten Lokomotiven auf. Sie wurden dem Pendelverkehr zwischen der Landesgrenze und der Station Giornico zugeteilt. Auch die Umstellung in der Verwendung der Lokomotiven im Nordsektor verlangte zahlreiche Anweisungen an die einzelnen Depots. Der Betriebsvorsteher hatte die gesamte Umleitung des umfangreichen Güterverkehrs zu organisieren. Hunderte von Zügen mussten täglich überführt werden. Für diese Umleitungen war die notwendige Zahl von Lokomotiven bereitzuhalten. Tabellen wurden aufgestellt, graphische Fahrpläne entworfen. Die Sekretäre vermochten kaum zu folgen, wenn es galt, die unheimlich schnell diktierten Befehle zu Papier zu bringen.
Unterdessen besprach Direktor Luini, mit dem Bauleiter über die grosse Streckenkarte gebeugt, was zur Aufrechterhaltung des Personenverkehrs bei der Unfallstelle geschehen konnte. An der linken Bergseite bei Pianotondo musste eine Notbrücke über den Fluss gebaut werden. Auf der anderen Flussseite fand die Brücke Anschluss an ein Teilstück der alten Gotthardstrasse, das nicht mehr in Betrieb war, seitdem die neuerstellte Staatsstrasse auf der linken Bergflanke ihre Schleifen zog. Für den Brückenbau mussten Genietruppen aufgeboten werden, ebenso für die Instandsetzung der lange nicht mehr benützten Strasse. Die Züge von Süden sollten bis Giornico geführt werden; von dort würden die Reisenden mit Autobussen bis Lavorgo fahren. Bei der Postverwaltung forderte man die notwendigen Wagen an.
Auf jeder Station, an welcher der Extrazug vorbeidonnerte, standen endlos lange Züge still. Die Stauung der Güter, die von Norden kamen, war schon erkennbar. Bald würden alle Geleise belegt sein, wodurch der Verkehr stark behindert wäre. In Erstfeld hielt der Zug kurze Zeit an. Auch hier waren alle Geleise mit stillstehenden Zügen überfüllt, und Gruppen von Bahnangestellten, die nicht mehr weiterfahren konnten, standen umher. Man brachte einen ganzen Stoss Telegramme zum Zug der Betriebsleitung, und eine ebenso grosse Anzahl Aufträge wurde aus dem Zug zur telegraphischen Beförderung abgegeben. Ein Bahnmeister und einige Gruppenführer bestiegen den Zug, sowie eine ganze Anzahl Telephonarbeiter, die mit der Verlegung der zerrissenen Leitungen betraut worden waren.
Hilfsredaktor Ingold hatte inzwischen einen neuen Bericht für die Redaktion seiner Zeitung getippt. Er ersuchte einen der Angestellten, die Meldung telephonisch zu übermitteln. Ingold war in seinem Element, er drängte sich nicht vor, aber er hörte und sah alles. Der Zug hastete weiter. Bald waren die neuen Meldungen durchgesehen. Die Lage wurde übersichtlicher. Nachdem der Zug den langen Gotthardtunnel passiert hatte, konnte man schon die genaue und schnelle Ausführung der Befehle beobachten. Die vollgestopften Geleise begannen sich zu leeren. Die Züge hatten ihre Richtung geändert. Einer nach dem anderen rollte wieder dem Norden zu, von wo er kurz zuvor gekommen war. Der Chef des Bauwesens hatte eine Planskizze angefertigt, in die er anhand der Meldungen die Lage der abgestürzten Gesteinsmassen eintrug.
Dann hielten die Herren dem Direktor Vortrag über ihre Anordnungen und über die eingelaufenen Meldungen. Auch über die Ausführung der ergangenen Weisungen vermochten sie schon zu berichten. Der Chef des Traktionsdienstes hatte die telegraphisch verlangten Angaben über die Durchfahrtszeiten des Schnellzuges 41 und des Güterzuges 824 erhalten. Ebenso war die Zeit des Bergsturzes und der Stromunterbrechung festgestellt worden. Anhand dieser Angaben und auf Grund der genauen Kenntnis der zurückgelegten Entfernungen war es möglich, mit Sicherheit zu berechnen, dass der Zug 41 nicht unter dem Bergsturz lag. Er musste in der Mitte des Kehrtunnels 1 zum Stehen gekommen sein. Erleichtert atmeten die Herren auf, als ihnen das Ergebnis der Berechnungen mitgeteilt wurde. So war zu hoffen, dass der eingeschlossene Zug in einigen Tagen wieder befreit sein würde.
Der Extrazug näherte sich Lavorgo. Direktor Luini bat Ingold zu sich und sagte: "Sie können mit uns zur Unfallstelle fahren. Dort werde ich ihnen eine offizielle Mitteilung für ihre Zeitung geben."
Von Lavorgo aus war unterdessen Zug 824, der bis Pianotondo gefahren war, zurückgezogen und abtransportiert worden. Der Extrazug konnte deshalb bis Pianotondo vorfahren. Langsam wurde die letzte Strecke zurückgelegt. Vor der Blockstation hielt der Zug an; die Herren verliessen die Wagen.