Gotthardexpress 41 verschüttet
FÜNFTES KAPITEL

Der Nachtreserveführer im Depot Bellinzona hatte keinen Augenblick Ruhe. Vor einer Stunde war ihm gemeldet worden, das der Sturm eine Lokomotive beschädigt hatte. Beide Stromabnehmer waren heruntergerissen worden. Glücklicherweise hatte dabei die Fahrleitung keinen Schaden erlitten; der Betrieb ging ohne Unterbrechung weiter. Es galt, rasch zu handeln. Meier schaute auf der Diensteinteilung nach, wer frei war. Es ging nicht anders, Delco, der erst am Morgen zum Dienst hätte erscheinen sollen, musste geholt werden. Er beauftragte einen Fahrdienstwärter, den Lokomotivführer Delco zu holen.
Nach kurzer Zeit erschien dieser mit dem Fahrrad, das der Wärter benutzt hatte. Der Wärter folgte später zu Fuss. Meier hatte unterdessen eine Ersatzlokomotive bereitgestellt, so dass Delco sie sogleich übernehmen und abfahren konnte. Später sollte die beschädigte Lokomotive mit einem Güterzug zurückgeführt werden. Darum hatte Meier die notwendigen Eintragungen in sein Kontrollbuch gemacht. Den Dienst, für den Delco vorgesehen war, musste nun ein anderer Lokomotivführer übernehmen. Dann machte Meier eine Runde in der Remise der elektrischen Lokomotiven und der Dampfmaschinen. Alles klappte. Sechs Dampfmaschinen waren unter Druck, jederzeit bereit zur Ausfahrt. An einer Maschine musste der Wasservorrat im Tender ergänzt werden. Wieder im Führerzimmer, blätterte Meier in den neu aufgelegten Zirkularen und Dienstanweisungen. Da schrillte das Telephon. Die Bahnhofsleitung verlangte eine Verstärkungslokomotive für einen Güterzug. Unterdessen war ein Lokomotivführer zum Dienst angetreten, der den Frühzug vorheizen sollte. Diesem teilte der Nachtreserveführer die Verstärkungslokomotive zu. Meier musste nun selbst die in den Geleiseanlagen vor dem Bahnhof stehende Frühzugkomposition vorheizen.
Doch bevor er diese Arbeit in Angriff nehmen konnte, läutete das Telephon abermals: "Hier Pianotondo, Bergsturz in der Grandiosa. Zug 41 im Kehrtunnel 1 eingeschlossen. Zug 824 steht hier. Schluss." Kaum hatte er angehängt, so meldete sich die Bahnhofleitung: "Haben Sie Meldung von Pianotondo? Wir organisieren Hilfszug. Sorgen Sie für zwei Dampflokomotiven und Werkzeugwagen. Schluss." Meier eilte in den Aufenthaltsraum der Heizer. Er gab einem Kollegen den Auftrag, eine Dampfmaschine zu sofortiger Abfahrt bereitzustellen und im Vorbeigehen einen Fahrdienstarbeiter heraufzuschicken. Der Heizer Zanetti, der sich schon in der Remise befand, sollte die zweite Maschine in Angriff nehmen. Dann legte der Nachtreserveführer das Verzeichnis mit den Telephonnummern der Hilfsmannschaft A vor sich auf den Tisch und läutete seinen Chef aus dem Schlaf. Er erhielt sogleich Antwort und meldete in kurzen Worten das Vorgefallene.
Bevor er in seiner Tätigkeit fortfahren konnte, wurde er durch den gerufenen Arbeiter unterbrochen. Meier beauftragte ihn, sofort die beiden nächstwohnenden Lokomotivführer für einen Hilfszug zu holen. Der Arbeiter rannte los; er wusste, dass in solchen Fällen grösste Eile geboten war. Jetzt läutete Meier die Hilfsmannschaft A nach dem Verzeichnis aus dem Schlafe. Es meldeten sich der Werkführer und die Vorarbeiter, sowie zehn Spezialarbeiter. Die Hilfsmannschaft B umfasste eine Gruppe von fünfzehn Mann. Mit ihrem Adressenverzeichnis wurde ein anderer Fahrdienstarbeiter auf die Suche geschickt. Der gerufene Führer Crivelli meldete sich. Ihm wurde die vorbereitete Maschine zugeteilt, und wenige Minuten später konnte er an den ständig bereitstehenden Hilfs- und Werkzeugwagen anfahren.
Allmählich erschienen auch die ersten der gerufenen Arbeiter. In der Bahnhofhalle wurden einige Personenwagen an den Hilfszug gestellt. In kleinen Gruppen standen Angestellte beisammen und besprachen das Unglück. Namen wurden genannt: Rossi und Merz - beide waren allen bekannt und erfreuten sich grosser Beliebtheit unter den Kollegen. Der Depotchef übernahm die Leitung des Hilfszuges. Er kontrollierte die Ankunft der Mannschaft. Bald waren alle beisammen, Arbeiter, Spezialisten, Schweisser.

"Auf! Alarm!" Laut und hell tönte das Kommando durch die Hallen und Gänge der grossen Kaserne in Bellinzona. Die Soldaten sprangen auf; ein Jagen und Hasten hub an, doch dahinter standen Planmässigkeit und Überlegung. Im Kasernenhof wartete der Platzkommandant, die Uhr in der Hand, mit einigen Offizieren. Nach sechs Minuten war die erste Gruppe angetreten. Der Unteroffizier meldete. Sieben Minuten - die zweite Gruppe stand bereit. Nach zehn Minuten war ein ganzer Zug zur Stelle.
Die Kasernenwache führte einen Mann in den Hof, einen Eisenbahner. Der Mann übergab dem Kommandanten ein Telegramm, das der Offizier hastig aufriss und las. Zweihundert Mann wurden für Bewachung und erste Hilfe erbeten. Kurze Beratung mit den Offizieren, dann einige Befehle: "Achtung - Steht! - Ruhen! Im Gotthardgebiet ist ein Bergsturz erfolgt. Die erste Kompanie und der vierte Sanitätszug marschieren im Eilschritt zum Bahnhof. Sie übernehmen Bewachungs- und Hilfsdienst bei der Bahn." Der Hilfszug stand in der Bahnhofhalle von Bellinzona bereit. Im Laufschritt erschienen die Soldaten. Gegenüber den Wagen machten sie halt. Ein Kommando - schnell und geordnet wurden die Wagen bestiegen. Der Kommandant trat zum Bahnhofvorstand und meldete den Bestand seiner Leute. Der Vorstand dankte für die rasche Hilfe und teilte den Offizieren noch einige Einzelheiten über das Unglück mit. Hierauf bestiegen auch die Offiziere mit dem Depotchef, dem Betriebschef und einem Bahningenieur die Wagen.
Der Hilfszug 41b raste in die Nacht hinaus. Der Sturm hatte sich gelegt, die Wolken waren zerrissen. Da und dort schimmerte ein Stern am tiefdunklen Nachthimmel. Auf verschiedenen Stationen hielt der Zug, um die alarmierten Hilfskräfte aufzunehmen. Streckenarbeiter mit ihrem Werkzeug stiegen ein; ganze Gruppen, die beisammen wohnten, erschienen miteinander; Stellwerkschlosser und Monteure, Brückenschlosser und Elektriker waren darunter. Wer näher der Grandiosa wohnte, wusste weitere Einzelheiten über das Unglück. Beklommen besprachen die Männer im Zuge den Bergsturz. Schon oft hatten sie am Tage und in der Nacht ausziehen müssen, um Hilfe zu bringen. Auch diesmal würden sie ihr möglichstes tun, um zu retten, was noch zu retten war. Es waren harte Männer, die ihre Pflicht kannten, die nicht viele Worte zu machen pflegten, auf die man sich jedoch in jeder Lage verlassen konnte. Der Hilfszug 41b näherte sich seinem Ziele. Von Norden, von Erstfeld her, war ein zweiter Hilfszug auf der Fahrt. Die Unfallstelle musste von beiden Seiten in Angriff genommen werden.