VIERTES KAPITEL
Von dem grossen Fenster an der Südwand der Blockstation Pianotondo geniesst man einen weiten, herrlichen Ausblick. Vor der Station führen die beiden Geleise vorbei, hinter ihr verläuft die Staatsstrasse. Wie die Bahn windet auch sie sich in Kehren und Schleifen durch das enge Tal in die Höhe. Unten rauscht der Fluss, und das wildschöne Bild wird eingerahmt von hohen Bergen. Einige hundert Meter weiter unten im Tale überquert die Linie den Fluss, worauf sie im Berge verschwindet. Südwärts kann der Blick den hellglänzenden Geleisen folgen, bis sie gegen Giornico zu von einem Felsvorsprung verdeckt werden. Kurz vor Pianotondo treten die Schienen aus dem ersten Kehrtunnel wieder ins Freie, um jenseits der Station im zweiten Kehrtunnel nochmals eine Stufe höher zu klettern.
Der Blockwärter besorgt den Nachtdienst, und seine Frau löst ihn am Tage ab. Auf dieser Station steigen keine Reisenden aus oder ein; es ist nur eine Diensthaltestelle, die die Regelung der Zugfolge zwischen den beiden weit auseinander liegenden Nachbarstationen ermöglicht. Wenn ein Zug dem vorhergehenden allzu rasch folgt, wird er in Pianotondo angehalten, bis der erste Lavorgo oder - wenn er südwärts fährt - Giornico erreicht hat. In dieser Sturmnacht horchte der Blockwärter Croce oftmals besorgt nach draussen. Schon einige Male hatte er in der Nähe Steinschlag gehört. Sogleich beim Dienstantritt hatte er die Gefahr dem Bahningenieur gemeldet, der daraufhin die Aufstellung zweier Wachen angeordnet hatte.
Jetzt meldete das elektrische Läutewerk die Abfahrt eines Zuges von Giornico. Croce stellte die Signale auf "Freie Fahrt". Nach einigen Minuten erschien der Zug, hinter dem Felsvorsprung auftauchend, unten im Tale. Bald verschwand er im Kehrtunnel 1, und kurz darauf rollten die schweren Güterwagen dumpf donnernd an der Station vorbei. Seine Laterne in der Hand, liess Croce draussen, vor dem Signalzimmer, den Zug an sich vorbeifahren. Aufmerksam beobachtete er jeden einzelnen Wagen. Schon oft waren während der Fahrt an den Zügen Schäden festgestellt worden, die schlimme Folgen haben konnten, und nur dank der Aufmerksamkeit der Stationsbeamten waren in solchen Fälle Züge "gestellt" worden. Der letzte Wagen war vorbei, und das Schlusslicht verschwand im zweiten Kehrtunnel. Croce betrat wieder das Signalzimmer, um der zurückliegenden Station die Durchfahrt des Zuges zu melden. Dann horchte er abermals in die Sturmnacht hinaus. Eifrig klapperte der Telegraph eine durchgehende Meldung. Bald war der Nachtschnellzug fällig. Da verlangte Lavorgo die Zustimmung für die Durchfahrt eines Güterzuges nach Süden. Croce betätigte die Apparate, Tasten und Hebel und stellte die Signale auf "Freie Fahrt". Das Läutewerk zeigte die Durchfahrt des Zuges in Lavorgo an, der acht Minuten später in Pianotondo ankommen sollte.
Wenig später verlangte Giornico die Zustimmung für den Nachtschnellzug 41. Da er fahrplanmässig verkehrte, mussten sich die beiden Züge, der schwere, südwärts fahrende Güterzug und der Nachtschnellzug, in der Nähe der Station Pianotondo kreuzen. Das Glockensignal von Giornico zeigte die Durchfahrt des Zuges an; hinter dem Felsvorsprung an der Talsohle wurden die drei feurigen Punkte an der Stirnwand der Lokomotive sichtbar. Sie wurden grösser, kamen näher - der Schnellzug verschwand im Kehrtunnel 1. Plötzlich schien das ganze Stationsgebäude zu schwanken - ein Heulen und Donnern ertönte - eine Feuergarbe schoss zum Himmel. Ein heftiger Luftstoss drückte sämtliche Scheiben ein und fegte den Stationswärter in eine Ecke. Nach einigen Sekunden erhob er sich taumelnd und wischte sich das Blut von der Stirne. Es dauerte eine Weile, bis seine Sinne wieder normal arbeiteten.
Sein erster Gedanke galt dem Schnellzug - er würde von selbst zum Stehen gekommen sein, wenn kein Strom mehr floss. Aber der Güterzug - der konnte auf der stark fallenden Strecke auch ohne Strom weiterfahren - in einigen Minuten würde er hier sein! Croce riss die Hebel der Semaphore von Süden und Norden herunter auf "Halt!" und stellte den Zeiger des automatischen Läutewerks auf "alle Züge anhalten!". Auf der Strecke und auf allen Stationen ertönte nun gleichzeitig der Alarmruf der Glocken - fünf mal fünf Schläge: "Alle Züge anhalten!". Croces Frau kam, nur leicht bekleidet, heruntergestürzt. Er rief ihr noch zu: "Stelle den 824!", dann ergriff er die rote Warnlaterne sowie die Knallkapseln und rannte auf dem Geleise dem nahenden Güterzug entgegen. Der Schweiss lief ihm in die Augen, Blut trübte seinen Blick. Keuchend arbeitete er sich im Scheine seiner Laterne vorwärts. Er befestigte die erste Knallkapsel an der Schiene und sicherte sie. Nach fünf Metern wieder eine, dann die dritte.
Mit Mühe riss er sich aus seiner kauernden Stellung empor. Er konnte kaum mehr. Dennoch hastete er weiter, dem Kehrtunnel 2 zu. Fünfzig Meter, hundert Meter - er fiel und raffte sich wieder auf. Wieder legte er eine Petarde, nach einigen Metern die beiden anderen. Er wollte weiter - da warf es ihn hin. Hart schlug sein Kopf auf die stählernen Schienen. Zuckend blieb er liegen. Ein letzter Funke des verlöschenden Bewusstseins veranlasste den Körper, sich auf die Seite zu rollen, als die schwere Lokomotive riesengross über ihm daherbrauste. Neben Croce lag die dunkle Laterne, deren Licht den Lokomotivführer hätte warnen sollen.
Eine Feuergarbe schoss unter der Lokomotive hervor, ein furchtbarer Knall ertönte - wieder eine Feuergarbe und ein Knall - dann eine dritte Detonation. Der Lokomotivführer war das Führerbremsventil in Notbremsstellung. Mit äusserster Kraft legten sich die Bremsklötze an die Räder. Tausendvierhundert Tonnen führte der Zug. Funken spritzten von den Bremsklötzen und Rädern; gewaltige Kräfte hinderten den Zug in seinem Lauf. Die Fahrt verlangsamte sich. Dann wieder drei Detonationen kurz hintereinander. Der Lokomotivführer unternahm alles, was in seiner Macht stand, um den Zug so schnell als möglich zum Stehen zu bringen. Bei der Einfahrt in den Kehrtunnel 2 war der Strom ausgeblieben; er hatte die Fahrt aber fortgesetzt, da der Vorrat an Bremsluft bis zur nächsten Station genügte. Was die Knallkapseln bedeuteten, wusste er natürlich. Auffallend jedoch war, dass sich kein rotes Licht zeigte, wie es die Vorschrift verlangte.
Da kam die Station Pianotondo in Sicht. Hell schwang ein rotes Licht zwischen den Schienen, und kurz davor kam der schwere Zug zum Stehen. Zitternd und bleich trat Frau Croce zum Lokomotivführer und meldete: "Weiter vorn ist ein Bergsturz niedergegangen - der Nachtschnellzug ist darunter." Der Lokomotivführer erkannte sofort die Lage. Natürlich, an dieser Stelle hätte er mit Zug 41 kreuzen müssen. Schnell rechnete er nach - die Stromunterbrechung war vor zwei Minuten und einigen Sekunden erfolgt - der Nachtschnellzug musste zur gleichen Zeit zum Stehen gekommen sein - noch im Kehrtunnel 1, da er bergaufwärts gefahren war. Erleichtert sagte der Lokomotivführer zu Frau Croce: "Der Schnellzug wird im Kehrtunnel 1 sein. Bestimmt, es muss so sein, die Fahrzeiten besagen es deutlich."
Beruhigt begab sich die verängstigte Frau wieder in das Signalzimmer der Blockstation. Da tauchten aus dem Dunkel hinter der Lokomotive zwei Gestalten auf. Der Zugführer des Güterzuges führte den taumelnden Blockwärter. Croces linker Arm hing in seltsam verdrehter Stellung schlaff herab, gebrochen. Blut floss aus einer klaffenden Wunde an der Stirne. Croce erkannte den Lokomotivführer und murmelte vor sich hin: "Es ist gelungen. Wenigstens diesen Zug konnten wir retten." Der Zugführer hatte ihn blutüberströmt neben dem Geleise gefunden, als er nach dem Halt den Wagen entlang zur Lokomotive eilte. Sorgsam führte er ihn mit Hilfe der Frau ins Schlafzimmer, wo sie den Verwundeten auf den Boden legten. Vorerst musste Dringenderes erledigt werden.
Frau Croce verständigte die Nachbarstationen Giornico und Lavorgo und teilte ihnen mit, dass der Güterzug 824 habe angehalten werden können. Ein Bergsturz südlich von Pianotondo habe beide Geleise gesperrt. Der Schnellzug 41 sei nicht angekommen. Sogleich werde eine Patrouille abgehen, um den Schnellzug zu suchen. Mittlerweile hatten der Zugführer und sein Kollege von der Lokomotive Croces gebrochenen Arm gestreckt und geschient. Ein Besenstiel, in zwei Teile zerbrochen, musste vorläufig genügen. Leise stöhnend erhob sich Croce und setzte sich an den Telegraphenapparat.
Da stürzte einer der Streckenwärter herein, die wegen des Steinschlags als Wache aufgestellt worden waren. Bleich und verstört erstattete er Bericht. Er hatte den Schnellzug 41 in den Kehrtunnel einfahren sehen. Jählings hatte dann über ihm ein Heulen und Pfeifen eingesetzt - es knatterte wie aus tausend Maschinengewehren - ein dumpfer Schlag - ein schweres Rollen - der Boden bebte. Der Wärter hatte sich eng an die Felswand gedrückt - und nicht weit von ihm entfernt ging krachend der Felssturz nieder. Der Luftdruck schleuderte ihn zu Boden und presste ihn an die Wand. Felsstücke sausten in hohem Bogen über seinen Kopf - er glaubte, er müsse infolge des gewaltigen Luftdrucks zerspringen. Dann trat Ruhe ein. Eine weisse, süssliche Wolke von Granitstaub lagerte über der Abbruchstelle und wälzte sich aus dem Tale herauf. Über Felstrümmer hinweg kroch er bis dahin, wo sich einmal der Ausgang des Kehrtunnels 1 befunden hatte - jetzt war er eingestürzt. Er suchte seinen Kollegen, dessen Standort sich unterhalb des Kehrtunnels befunden hatte. Welch ein Grauen! Die Brücke über den Fluss, die Bahnlinie - alles war verschwunden, darunter begraben lagen sein Kollege und der Schnellzug 41.
Erschüttert hatten die anderen den Bericht des Mannes gehört. Croce drückte ihm mit seiner unversehrten Rechten wortlos die Hand und berichtete ihm, dass sich der Schnellzug - ihrer Berechnung nach - im Kehrtunnel 1 befinden müsse. Dann bediente er den Morseapparat. Er stöhnte leise, wenn der Schmerz allzu qualvoll wurde - doch die Meldung musste durchgegeben werden, bevor er an sich selbst denken konnte: "S O S - S O S - An die Betriebsleitung. Bergsturz in der Grandiosa stop Nachtschnellzug 41 im Kehrtunnel 1 eingeschlossen stop Güterzug 824 hier gestellt stop Block Pianotondo. Schluss."