Gotthardexpress 41 verschüttet
DRITTES KAPITEL

Zwei grosse Kraftwerke liefern den Strom für den Betrieb der Gotthardbahn. Eines befindet sich auf der Nordseite, das andere auf der Südseite des Berges. In beiden Kraftwerken wird der Strom auf über hunderttausend Volt Spannung gebracht und so an Unterwerke abgegeben. Diese speisen, nachdem ihre Transformatoren den Strom wieder auf normale Spannung gebracht haben, die ihnen zugeteilten Streckenabschnitte.
Der Wärter im Unterwerk Giornico hatte soeben die Stundenkontrolle beendet; er setzte sich an seinen Schreibtisch im Schaltraum. Sorgfältig trug er die gerade abgelesenen Werte in die Kontrolltabelle ein. Dabei verglich er die vorher eingetragenen Daten. Jede Stunde hatte er Dutzende von Instrumenten zu kontrollieren, abzulesen und die Messwerte einzutragen. Aus den Tabellen ersah er, dass der Verkehr auf seinem Streckenabschnitt trotz der wilden Sturmnacht nicht nachgelassen hatte. Bergaufwärts fahrende Züge bewirkten auf zahlreichen Instrumenten ein Vorrücken der Zeiger auf der Skala. Dumpfer brummten dann die starken Transformatoren im Untergeschoss, und bald darauf zeigten auch die Fernthermometer höhere Temperaturen an. Diese galt es ganz besonders zu überwachen. Sie durften ein gewisses Mass nicht übersteigen, sonst mussten zur Entlastung der Maschinen Reserveapparate eingeschaltet werden.
Weisse, blaue und rote Signallämpchen glühten an den Schalttafeln rings an den Wänden des grossen Raumes auf. In der Mitte stand der mächtige Zentralschalttisch. Auf seiner schwarzen Marmorplatte waren die Fahrleitungen zwischen allen Stationen des Streckenabschnitts aufgezeichnet. Die roten Lämpchen zeigten die Schaltposten in den einzelnen Stationen an. Im Augenblick war alles in Ordnung, denn kein rotes Licht leuchtete auf. Die matte Deckenlampe in der Mitte des Raumes zauberte unzählige leuchtende Reflexe auf die metallenen Instrumente, Hebel und Schalter.
Der Schaltwärter hatte seine Eintragungen beendet und begann, seinen Rapport zu schreiben. Vor beinahe vier Stunden hatte die Alarmsirene geschrillt. Zugleich waren die Signallämpchen von zwei fernliegenden Stationen aufgeleuchtet, ein Zeichen, dass die Leitung irgendwo Kurzschluss hatte. Ein Telephonanruf - eilige Information... und dann hatte er einen Prüfstrom auf die Strecke gejagt. Doch der Versuch war ohne Erfolg geblieben. Der Schaltwärter hatte die Sicherung der Strecke veranlasst und seine Kollegen vom Fahrleitungsdienst alarmiert. Alle diese Männer haben in ihren Wohnungen und bei ihrem Bett Alarmklingeln und Telephon. In der freien Zeit müssen sie immer angeben, wo sie im Notfall zu erreichen sind. Ihr Leben, nicht nur die Zeit während des Dienstes, gehört der Bahn. Sie sind mit ihr verwachsen, sind ihre Diener und Sklaven. Oft werden sie in ihrer Nachtruhe gestört, häufig müssen sie auch vom Essen wegspringen, wenn das Alarmsignal ertönt.
Nach kurzer Zeit waren die vier Kollegen der alarmierten Gruppe, eingehüllt in ihre Wettermäntel, erschienen. Der Schaltwärter hatte unterdessen die Motordraisine aus dem Schuppen gezogen und versuchsweise angelassen. Dann hatte er die Werkzeugkiste und das Reparaturmaterial auf das kleine Fahrzeug geladen. Nur wenige Worte waren gewechselt worden. Der Gruppenführer erhielt die notwendigen Instruktionen; dann raste die Draisine in Sturm und Regen hinaus. Ein starker Scheinwerfer stach in das Dunkel, der Strahl verlor sich in der Ferne, und weg war der Spuk.

Vor einer halben Stunde waren die vier Männer zurückgekehrt. Der Schaden war behoben, und der Verkehr wickelte sich wieder auf beiden Geleisen ab. Müde und abgespannt, mit nassen Füssen, waren die Männer nach Hause gegangen. Jetzt aber musste der Schaltwärter den Vorfall schriftlich melden. Ein vom Sturm gefällter Baum hatte die Fahrleitung gestreift und einen der kostbaren Isolatoren zerschlagen, der ersetzt werden musste. An der zerrissenen Fahrleitung war provisorisch ein Stück eingesetzt worden, bevor man sie wieder hatte spannen können. Diese gefährliche Arbeit muss stets so schnell wie möglich ausgeführt werden. Bei jedem Wetter, mitunter bei strömendem Regen, arbeiten dann die Männer auf den hohen Leitern; oft sind sie dabei nur an die eisernen Masten angebunden. Starke Reflektoren erhellen die Arbeitsstellen nur schwach; nur zu oft wird ein Monteur von einer solchen Expedition mit gebrochenen Gliedern heimgebracht.
Der Schaltwärter blickte durch das grosse Fenster, das eine ganze Wand des Raumes einnahm, auf die darunter vorbeiführende Linie. Ein leichtes Fensterklirren hatte das Herannahen eines Zuges gemeldet. Träge rollte ein schwerer Güterzug vorbei, nach Norden. Zwei starke Lokomotiven hatten Mühe, die lange Wagenreihe zu schleppen. Der Schaltwärter sah die kleinen, blaugrünen Funken an den Stromabnehmern. Schliesslich verschwand das rote Schlusslicht des hintersten Wagens im regnerischen Dunkel. Bald würde der Nachtschnellzug denselben Weg nehmen. Der Wärter wandte sich um. Er hatte gerade noch Zeit zu seiner Stundenkontrolle und zum Eintragen der abgelesenen Ergebnisse in die Tabelle, bis der Nachtschnellzug vorbeirollte. Dann flitzten die hellerleuchteten Fensterreihen gespensterhaft vorüber... das Schlusslicht... und auch dieser Spuk wurde von der Dunkelheit aufgesogen... der Lärm verklang in der Ferne.

Der Schaltwärter stand gerade vor dem Zentraltisch, als in der Ferne ein leises Donnern hörbar wurde. Beinahe im gleichen Augenblick gellte die Alarmsirene. Ein paar rote Lämpchen glühten auf. Ein Blick auf die Schalttafel - Giornico und Lavorgo: alle Speisepunktschalter waren ausgefallen. Zwischen diesen beiden Stationen musste etwas geschehen sein. Der Schaltwärter versuchte wieder einzuschalten - die Sirene schwieg zehntelssekundenlang und heulte dann wieder auf, laut und hell. Es hatte keinen Zweck, den Prüfstrom nochmals in die Fahrleitung zu jagen. Der Kurzschluss dauerte an. Der Schaltwärter rannte zum Telephon - doch da erklang schon das Alarmzeichen von Lavorgo: U. Z. 3 - U. Z. 3 - U. Z. 3. Er nahm den Hörer ab, meldete sich: "Hier U. Z. 3" und hörte die Nachricht: "Hier Lavorgo - alle Schalter aus. Schluss." "Danke. Hier U. Z. 3. Weitere Anordnungen abwarten. Schluss."
Der Schaltwärter benutzte das interne Telephon, um die zweite Gruppe des Fahrleitungsunterhalts zu alarmieren. Die Männer der Gruppe I, die er diese Nacht schon einmal gerufen hatte, mochten soeben erst zu Bett gegangen sein. Dieselben Leute wollte er nicht wieder rufen, sie sollten ihre Ruhe haben. Da klingelte das Ferntelephon: "Hier Z. 2. Betriebsleiter. Alarmieren sie sofort alle drei Gruppen des Fahrleitungsunterhalts. Schluss."
Kein überflüssiges Wort. Knappe, scharfe Befehle, die ohne Zögern ebenso rasch weitergegeben und ausgeführt wurden. Der äusserst komplizierte Apparat arbeitete tadellos. Bis ins Kleinste war alles organisiert und für alles vorgesorgt. Wieder musste der Schaltwärter weitere zehn Mann aus ihrer Nachtruhe aufjagen, unter ihnen die Kollegen, die erst vor einer Stunde müde und schweigsam heimgetrottet waren. Er traf die notwendigen Vorarbeiten, rüstete Werkzeug und Rettungsmaterial, wie es für einen Grossalarm vorgesehen war. Dann begab er sich wieder in den Schalltraum, um auf weitere Befehle zu warten.