EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Am Morgen des sechsten Tages nach dem Bergunglück herrschte in Lavorgo lebhaftes Treiben. Oberall las man das neueste Extrablatt der "Neuen Schweizer Zeitung". Ingold hatte es verstanden, von Rossi und Jeanne Berichte zu bekommen, und auch Riva hatte ihm manches mitgeteilt. So enthielt das Extrablatt viele Neuigkeiten, die selbst manchem Eingeweihten noch nicht bekannt waren. Stellenweise lasen sich die Nachrichten wie ein spannender Roman. Man konnte sich die Lage der Eingeschlossenen ausmalen... die Angst... den Hunger... das Warten... , das Wunder der zeichengebenden Lampe... den Stimmungsumschwung dank dieser Verbindung mit der Aussenwelt.
Grosse Empörung rief der Überfall auf den Gepäckwagen hervor. Die Tatsache, dass es Menschen gab, die selbst in dieser Lage verbrecherische Pläne zu verwirklichen trachteten, erschien jedem geradezu unfassbar. Die Züge brachten Massentransporte nach Lavorgo. In den Pausen zwischen den Sprengungen wanderten Scharen von Schaulustigen zur Grandiosa hinunter, wo sich die Leute derart stauten, dass die verstärkten Wachen oft gezwungen waren, einzuschreiten. Die Filmoperateure hatten sich dank ihrer besonderen Bewilligung gute Plätze aussuchen können, von wo aus sie die letzten Szenen des Dramas in der Grandiosa aufnehmen konnten. Die grauenhaften Verwüstungen, die der Bergsturz angerichtet hatte, büssten einiges von ihrem Schrecken ein, jetzt, da Gewissheit herrschte, dass die Rettung der Eingeschlossenen nahte.
Auf dem Grunde der Schlucht waren Hunderte von Arbeitern damit beschäftigt, das abgestürzte Material wegzuräumen, um das untere Tunnelende freizulegen. Doch diese Arbeit würde noch Tage dauern, und ehe der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte, musste auch noch die weggerissene Brücke über den Fluss ersetzt werden. Beamte nahmen sich der Leute an, die ihre im Tunnel eingeschlossenen Angehörigen erwarteten. Das erste Wiedersehen sollte möglichst ungestört stattfinden, weshalb allen übrigen Privatpersonen der Zutritt zum Tunnelausgang untersagt war. Von dort sollten die Befreiten in Autos nach Lavorgo gebracht werden, wo ein Extrazug auf sie wartete. In Lavorgo hatte man alles für den Empfang vorbereitet. Ärzte waren zugegen, damit diejenigen, die Hilfe brauchten, sogleich die richtige Pflege erhalten und nötigenfalls ins Spital überwiesen werden konnten.
Die Personalien aller im Tunnel eingeschlossenen Passagiere waren telegraphisch aufgenommen worden. Die Verwaltung hatte bekanntgegeben, dass sie für alle durch das Unglück entstandenen Schäden aufkommen würde. Die Mittagsstunde war vorüber, als die Strasse zur Grandiosa in Lavorgo und Giornico gesperrt wurde. Die letzte Sprengung würde bald stattfinden. Dann sollte der Zugang freigegeben werden für diejenigen, die ihre Angehörigen abholen durften.
Frau Merz war mit ihren beiden Kindern Anna und Berta nach Giornico gefahren. In ihrer Gesellschaft befand sich auch Frau Rossi. Die alte Frau wollte ihren Sohn selbst abholen.
Für die beiden Kinder bedeutete die Reise ein Ereignis. In der Schule war täglich von dem Unglück gesprochen worden, und oftmals hatte kindlicher Unverstand die kleine Anna zum Weinen gebracht; ein paar ihrer Schulkameraden konnten es nicht lassen, die Leiden der Eingeschlossenen recht drastisch zu schildern, ohne daran zu denken, dass auch der Vater ihrer Mitschülerin zu den Verschütteten gehörte. Frau Merz verhielt sich, während die Kinder lebhaft plauderten, während der Fahrt still. Sie hatte in diesen Tagen zu viel gelitten. Der Gruss aus dem Tunnel, der sie gestern erreicht hatte, war für sie ein überwältigendes Erlebnis gewesen. Die Hoffnung, dass ihr Mann lebte, war bei ihr nie geschwunden, aber jetzt, da das Wiedersehen wahr werden sollte, hatte sie keine Worte mehr. In Giornico befanden sie sich bald im Kreise von Angehörigen anderer Beamten, die sie kannten. Die Kinder fanden gleichalterige Genossen, die ebenfalls auf ihre Väter warteten.
Nachdem die letzte Sprengung erfolgt war, lud ein Beamter alle ein, die bereitstehenden Autos zu besteigen. Durch die Sperre wurden sie hinaufgeführt zur Grandiosa. Von Lavorgo her trafen ebenfalls Angehörige ein. Wieder wurden Bekannte begrüsst; denn die meisten Eisenbahnerfamilien kannten sich, wenn sie auch nicht am gleichen Ort wohnten. Im Stollen wurde noch gearbeitet. Die Sprengung war gelungen; nun galt es, die letzten Felstrümmer, die die Öffnung versperrten, rasch wegzuräumen und den Durchgang zu erweitern. Von fast unerträglicher Spannung erfüllt, standen die Wartenden und blickten auf die Öffnung des Stollens. Von dort aus war ein Weg angelegt worden, schräg am Hang entlang, hinunter auf die noch erhaltene Staatsstrasse, wo die Kompressoren standen. Dort hielten sich die Wartenden auf; denn diesen Weg sollten die Befreiten hinunterkommen. In einer langen Reihe standen die Autos bereit, um eine Gruppe nach der andern fortzuführen, nachdem sich die Zusammengehörenden gefunden hatten.
Ingold ging von Gruppe zu Gruppe, fragte und machte sich Notizen. Er sammelte Material für seinen letzten grossen Bericht vom Abschluss des Bergdramas. Auch mit den beiden Kindern des Lokomotivführers, der den Unglückszug geführt hatte, plauderte er eine Zeitlang. Filmreporter hielten die Gruppen im Bilde fest; in der Wochenschau konnten sie sich dann selber sehen, wie sie erwartungsvoll immer wieder zum Hang hinauf schauten, wo Rollwagen um Roliwagen voll Gestein aus dem Stollen herausgeführt wurde – jeder ein Beitrag zur nahenden Befreiung. Frohe Erwartung lag auf allen Gesichtern. Nur hin und wieder fiel ein leise gesprochenes Wort. Selbst die Kinder verhielten sich still... , auch sie hatte der grosse Augenblick in seinen Bann geschlagen. Plötzlich ging ein Murmeln durch die Reihen: "Sie kommen!"
Und sie kamen... Auf Bahren wurden zuerst diejenigen herausgetragen, die zu schwach waren, um gehen zu können; es waren einige ältere Leute, der Mann, der einen Tobsuchtsanfall erlitten hatte, und der verwundete Soldat. Tiefe Niedergeschlagenheit ergriff alle. So schlimm hatte man sich die Leiden der Verunglückten doch nicht vorgestellt. Bleich, eingefallen waren die Gesichter der Menschen auf den Bahren, Not und Entsagung redeten eine deutliche Sprache. Als letzter wurde Füsilier Lässer herausgetragen. Ein Sanitätsauto nahm ihn auf. Die andern Passagiere mussten geführt werden; denn alle hielten die Augen fest geschlossen, und viele pressten beide Hände darauf. Nachdem sie eine Woche lang im Halbdämmer des Tunnels gelebt hatten, waren die Pupillen ihrer Augen so sehr erweitert, dass der Sonnenschein sie schmerzhaft blendete. Doch bald gewöhnten sie sich wieder an die Helligkeit.
Ergreifende Wiedersehensszenen spielten sich ab. In allen Sprachen tönten immer wieder dieselben Freudenrufe. Die Filmoperateure kurbelten ununterbrochen. Dann kam eine Reihe Bahnbeamter. Anna und Berta erblickten ihren Vater. Merz sah die Seinen noch nicht, denn auch er hielt die Augen geschlossen, doch er erkannte die Stimmen seiner Kinder: "Papa, Papa!" Fest umarmte er seine Frau, hob die Kinder auf und betrachtete blinzelnd immer wieder die Gesichter; er vermochte das Glück des Wiedersehens noch nicht zu fassen. Frau Rossi stand daneben; gerade wollte sie Merz nach ihrem Carlo fragen, als sie umschlungen wurde. "Mamma, o mamma mia!"
Freudentränen liefen ihr über die Wangen. Liebevoll fuhr sie ihrem grossen Sohne über die Haare. "Carlo, caro Carlo!" Es war nur ein Flüstern. Sie sahen nicht, dass die Filmapparate auf sie gerichtet waren. Für sie war die Umwelt verschwunden. Wenige Schritte entfernt schlossen Herr und Frau Vautier ihre Tochter in die Arme. Jeanne lachte und schluchzte in einem. Auch sie bemerkte die eifrig kurbelnden Filmleute und Photographen nicht, die sie schon bei ihrem Austritt aus dem Tunnel aufs Korn genommen hatten, weil sie sich von den Aufnahmen der Unterweltstelegraphistin ein Geschäft versprachen. Auch Oberleutnant Gallino wurde erwartet. Einige Kameraden, Offiziere seiner Truppeneinheit, waren gekommen, um ihn abzuholen. Doch sie mussten lange warten. Oberleutnant Gailino und seine Soldaten erschienen als letzte, vor sich die Reihe der Verbrecher, die, noch bevor sie den ersten Schritt in die Freiheit tun konnten, am Tunnelausgang einzeln von bereitstehenden Landjägern abgefasst und zu dem wartenden Gefängnisauto geführt wurden.
Als Jeanne sich aus den Armen ihrer Eltern befreit hatte, sah sie sich plötzlich einem Vertreter der Bahnverwaltung gegenüber, der ihr in bewegten Worten für ihre Hilfe dankte und ihr einen Umschlag überreichte, der ein Jahresabonnement erster Klasse für das ganze Netz der Schweizer Bundesbahnen enthielt. Gleich darauf wurde sie von allen Seiten umringt. Ein Lokomotivführer drückte ihr einen grossen Strauss dunkelroter Rosen in den Arm und sagte mit erhobener Stimme: "Diese Blumen, Fräulein Vautier, schenken Ihnen die Kollegen Rossis. Wir heissen Sie herzlich willkommen im Kreise des Lokomotivpersonals." Bewegt dankte Jeanne. So sehr sie sich auch dagegen wehrte, Tränen der Rührung traten in ihre Augen. Ihr Vater fragte verwundert: "Aber, Jeanne, willst du denn eine Stellung bei der Bahn annehmen?"
Leise kam ihre Antwort: "Nein, Vater. Nicht bei der Bahn, aber bei einem Eisenbahner. Ich habe mich mit Carlo Rossi verlobt." Wortlos schüttelte Herr Vautier Rossis Hand, während Jeanne Frau Rossi umarmte. Frau Vautier führte ihr Taschentuch an die Augen, es war zu viel auf sie eingestürmt in diesen Tagen –auch Glück verlangt Widerstandskraft. Es dauerte eine Weile, bis der Bann sich löste. Die Kollegen Rossis, die in der Nähe standen, brachen in Freudenrufe aus: "Hoch Jeanne und Carlo! Hoch!" Unter lauten Beifallsrufen und eifrigem Tücherschwenken fuhren die Autos fort, der Freiheit und einem neuen Leben entgegen. Als man an der drohenden Felswand vorbeikam, die hundertsechsundachtzig Menschen eine Woche lang in ihren Tiefen gefangen gehalten hatte, blickten alle stumm auf das Werk der Zerstörung. Auch Jeanne und Rossi schauten hinüber. Sie hatten sich bei den Händen gefasst; ein leichter Druck sagte ihnen, dass sie beide dasselbe dachten: "Grandiosa – Tage der Sorge, Tage des Glücks."