Die Geschichte der Gotthardbahn

Die Schneebeseitigung bei der Gotthardbahn

Der Einsatz von Schneepflügen

Obwohl die Gotthardbahn eine Gebirgsbahn war, erfolgte die Schneeräumung in der Anfangszeit auf sehr einfache Weise.
Beim Herannahen des Winters montierte man an allen für den Dienst am Berg vorgesehenen Maschinen (D 3/3 und D 4/4) Schneeräumer unter der vorderen Pufferbohle.
So wurden noch Zugsfahrten bis zu Schneehöhen von 30 – 35 cm durchgeführt.

Grafik Schneeräumer
Schneeräumer an den Lokomotiven

Dauerte der Schneefall länger, oder war die Schneemenge grösser, so wurden besondere Pflugfahrten angeordnet.

In den ersten Betriebswintern wurden zu solchen Fahrten, bei einer Schneehöhe bis zu 70 cm, von Zugtieren (Ochsen) oder Lokomotiven gezogene, hölzerne Schlitten mit eisenbeschlagenen Gleitflächen verwendet, welche auf den Schienen dahin glitten.
Diese hölzernen Pflügen waren auf Grund der langen Fahrtdauer einer raschen und starken Abnützung unterworfen, obwohl deren Gleitflächen mit Eisenteilen beschlagen waren.
Insbesondere die rascheren Fahrten mit einer Lokbespannung beschleunigten den Verschleiss.
Bei der Bespannung mit Tieren war die Abnützung zwar geringer, aber es traten andere Probleme auf. So war das Überqueren der eisernen Brücken mit den Zugtieren erschwert. Im Tessin kam die sehr kostspielige und schwierige Beschaffung der Tiere hinzu.
Später benutzte die Gotthardbahn diese Pflüge nur noch zur Räumung von Stationen und Nebengeleisen.
Zur Schneebeseitigung auf den Stationsgeleisen wurden zum Wegführen des Schnees vom Stationsplateau ca. 1 m³ Schnee fassende Holztruhen auf niederen Schlittengestellen verwendet.

Bei noch höheren oder ausserordentlichen Schneefällen und bei starken Schneestürmen kamen die beiden, von einer Maschine geschobenen eisernen, rollenden Pflüge zur Verwendung. Diese waren 1974/75 von den Tessinischen Talbahnen angeschafft worden.

Plan erster fahrbarer Schneepflug

Erster fahrbarer Schneepflug

Bei diesen rollenden, eisernen Pflügen aber wurde wegen des grossen Höhenabstandes der vorderen Pflugkante von 6 cm zu den Schienen der Schnee auf dem Bahnplanum stark zusammengepresst.
Bei langsamer Fahrt fiel zudem der durch die Pflugschar aufgehobene und seitlich verdrängte Schnee wieder auf die Schienen zurück.
Bei rascher Fahrt wäre der Schnee zwar seitlich weit weggeschleudert worden, wegen der bei diesen Pflügen bestehenden Entgleisungsgefahr, waren schnelle Fahrten aber nicht zugelassen.

Um diesen Übelständen abzuhelfen, wurde in der Werkstätte Erstfeld zuerst versuchsweise an einem dieser eisernen Pflüge eine Vorrichtung angebracht, welche es mittelst einer Schraubenspindel ermöglichte, die vordere Pflugkante bis auf 2 cm Höhenabstand von den Schienen zu senken und wenn nötig wieder zu heben.
Ferner erhielten die Seitenwände des Pfluges nach hinten eine Verlängerung und mit derselben durch Scharniere verbunden, ca. 0,8 m hohe, bewegliche eiserne Flügel, welche beim Befahren der freien Bahn durch oben angebrachte starke eiserne Hebel ausgerückt, beim Passieren von Stationen, Tunnels und Brücken aber eingezogen werden konnten.
Bei ausgerückten Flügeln hatte der Pflug eine hintere Breite von 4 m.
Selbst  bei ausgerückter Flügelstellung konnten die Pflugfahrten ohne Entgleisungsgefahr mit Personenzugsgeschwindigkeit stattfinden.

Plan erweiterter Schneepflug

Plan erweiterter Schneepflug

Im Jahre 1882 lieferte die Maschinenfabrik Esslingen um den Preis von 7000 Fr. per Stück, ohne Flügel, aber inklusive Verzollung 6 grosse eiserne Pflüge nach Rotkreuz. Diese wurden sofort in Erstfeld umgebaut und dann je ein Stück in Rotkreuz, Erstfeld, Göschenen, Airolo, Biasca und Bellinzona stationiert. Die zwei Pflüge älterer Gattung (von den Tessiner Talbahnen herrührend) wurden auf den Stationen Bellinzona und Chiasso in Reserve gehalten (Ceneri).

Beim fortgesetzten Gebrauch dieser Pflüge hatte sich auch die Anbringung von Blechwänden zum Schutze des sich auf dem Pflug befindlichen und die Hebel bedienenden Personals als notwendig herausgestellt.

Schneeräumungszug bei der oberen Entschigtalgalerie
Ein Schneezug bei der oberen Entschigtal-Galerie, bestehend aus einem der 1882 bestellten Pflüge, geschoben von einer D 4/4 mit angehängtem K als Material- und Mannschaftswagen.

Dem Schneezug wurde jeweils ein Personenwagen mit 6 bis 8 Mann und dem nötigen Werkzeug zum allfälligen Schneeräumen angehängt.
Auf dem Pflug selbst befanden sich zwei Mann zum Aus- und Einrücken der Flügel. Dies waren normalerweise der die Pflugfahrt leitende Bahnmeister und ein Vorarbeiter.
Zur Signalgebung war der Pflug mittels einer Leine mit der Dampfpfeife der Lokomotive verbunden.
Das Gewicht eines solchen Pfluges betrug ohne Ballast 8 t, mit Ballast (Schienenstücke) 15 t.

In der Regel wurden die von Göschenen und Airolo in Leerfahrt zurückgehenden Vorspann- oder Schiebemaschinen zu Pflugfahrten verwendet.
Allerdings war es angezeigt, mit der Anordnung und Ausführung solcher Fahrten nicht zu lange zu zögern und dieselben bei länger andauernden Schneefällen, sowie bei heftigem Schneetreiben mehrmals zu wiederholen.

Liessen die Schneefälle nach, mussten an den Lehnenstrecken durch Schneeschaufler jeweils die talseitig und bergwärts entstandenen Schneemauern so schnell als möglich bis auf Schwellenhöhe abgetragen und auf die Talseite verbracht werden.
Einerseits verhinderte man dadurch ein rasches Wiederzuwehen solcher Schnee-Einschnitte, andrerseits war sonst nach längerer Pflugzeit die notwendige Profil-Freiheit nicht mehr zu erreichen, da der Schnee während diesen Pflugfahrten zu einem grossen Teil  nur beiseite gedrückt wurde. Trat dieser Fall ein, musste der Fahrbetrieb eingestellt werden.
Meteorologische Verhältnisse an der Gotthardbahn 1883 - 1886
Station Meter Jahrestemperatur Niederschlag in mm Schneehöhe m/Tag
  ü. M 1883 1884 1885 1886 1883 1884 1885 1886 1883 1884 1885 1886
Altdorf 450.40 9.1 9.7 9.3 9.5 1018.5 875.8 1134.7 1245.0 0.10 0.80 0.20 0.25
Gurtnellen 740.70 ? 8.8 8.3 8.4 ? 688.6 1038.4 957.0 0.20 0.10 0.30 0.40
Göschenen 1109.00 6.5 7.5 6.7 6.3 ? ? 948.4 1309.0 0.60 0.20 0.40 0.90
Airolo 1144.8 ? 6.7 6.6 6.2 ? 833.6 1215.9 2251.0 ? 0.45 ? 0.90
Faido 758.10 8.4 9.0 8.6 8.6 1054.0 ? 1374.2 2056.0 ? ? ? ?
Rivera 475.00 ? ? 10.0 10.1 ? ? 2303.1 2398.0 0.40 0.35 0.25 0.40
Lugano 338.00 11.1 11.5 11.5 11.8 1744.1 1036.3 1954.2 1784.0 0.20 0.10 0.20 0.25
Locarno 208.40 11.4 12.2 11.6 11.7 1614.7 1231.8 2240.1 2480.0 0.25 0.20 0.10 0.35

Die Kosten für Schneebeseitigung auf den einzelnen Strecken der Gotthardbahn waren gross. Dabei ist zu erwähnen, dass der weitaus grösste Teil der Schneebeseitigungskosten durch die Freihaltung der Stationen, besonders aber der beiden höchst gelegenen Bahnhöfe Göschenen und Airolo verursacht wurde. Die entsprechenden Kosten in den Jahren 1883 bis 1886 werden in der nächsten Tabelle ersichtlich.

Die Kosten der Schneebeseitigung
im Jahre 1883 1884 1885 1886
in Göschenen Fr. 9065 5045 3083 6071
in Airolo Fr. 3590 2025 2390 8056