Grundsätze im Modellbahn-Bau

Wenn man Diskussionen unter Modellbahnern in den Medien verfolgt, erhält man den Eindruck, dass es nur zwei Sorten davon gibt.
Nämlich auf der einen Seite die Fetischisten, auch „Nietenzähler“ genannt, und auf der anderen Seite die „Wurstler“.

„Etwas wursteln“ meint in der Schweiz: Hauptsache, es ist ein Ergebnis da, wie es daher kommt ist egal. Man produziert „Murks“.

Ich lerne, nicht zuletzt auch über diese Website, viele Modellbahner kennen, denen diese Polarisierung Probleme bereitet.
Einerseits ist „wursteln“ nicht ihr Stil, denn sie stellen an ihre Arbeit durchaus einen gewissen Qualitätsanspruch.
Andrerseits lassen sich durch die Kritiken und Anmerkungen der Fetischisten viele Anfänger, aber auch erfahrene Modellbahner, dazu verleiten, diese Normen und Qualitäts-Vorstellungen als das unabdingbare Ziel anzunehmen.

Die Aussagen vieler Modellbahner zeigen mir, dass sie zwar gerne eine Anlage oder ein Modul bauen möchten, aber daran zweifeln, solch hohe Qualitäts-Ansprüche erfüllen zu können.
Sie resignieren und verlegen sich im besten Fall auf das Sammeln von Modellen, da man dabei ja nichts falsch machen kann.
Dass dies eine trügerische Hoffnung ist, merken sie spätestens dann, wenn kurz nach dem Kauf eines „tollen“ Modells, im Internet oder in Fachzeitschriften die „kritische Würdigung“ gerade dieses Modells durch einen Fetischisten auftaucht.

Es gilt für jeden Modellbauer eine wichtige Regel:

Schön und richtig ist, was mir gefällt.
 

Grundlagen für einen vorbildlichen Modellbau

Eine Erkenntnis möchte ich hier gleich an den Anfang stellen, denn sie steht über allem Anderen:

Vermeide Kompromisse, ändere die Planung!

Für mich als Erbauer eines Dioramas oder einer Modellbahnanlage stellt sich immer auch die Frage nach den möglichen Erfolgsgarantien. Die Frage also, ob es Richtlinien gibt, bei deren Einhaltung ein gewisser Erfolg garantiert ist. 
Tatsächlich gibt es solche Erkenntnisse, und je mehr von ihnen beim Modellbau berücksichtigt werden, um so mehr steigt dessen vorbildgetreues Aussehen. Dabei ist sklavisch genauer Nachbau nicht unbedingt am erfolgreichsten. 
Auf einige dieser wichtigen Erkenntnisse im Bau von Dioramen und Modellbahnanlagen soll hier eingegangen werden:
  1. Die Realisierung von Vorbildsituationen erträgt in der Länge grössere Abweichungen vom Nenn-Massstab.
    Die Längen-Abweichungen sollten sich allerdings wiederum an einen einheitlichen Massstab halten.
  2. Die Distanzen in die Tiefe (Breite) und in die Höhe ertragen nur kleinere Abweichungen vom Nenn-Massstab.
    Je näher man sich am Gleis befindet, desto kleiner sollte die Abweichung sein.
  3. Anlagen in unmittelbarer Nähe des Bahnkörpers (Gleis), sowie der Bahnkörper mit seinen Einrichtungen selbst, sollen so weit als möglich im Nenn-Massstab realisiert werden.
  4. Alle zu Punkt 3 gehörenden Anlagen und Einrichtungen müssen nach denselben physikalischen und bautechnischen Grundsätzen gebaut werden, wie das Vorbild.
(Die Punkte 1 und 2 haben sich auch die Modellbahn-Hersteller mit ihren in der Länge verkürzten Wagen im Massstab 1:100 zu Nutze gemacht.) Die direkte Realisierung einer Vorbildsituation wird, schon aus Platzgründen, in den wenigsten Fällen möglich sein. Einschränkungen sind hier meistens unumgänglich.
Die Gotthardbahn, welche vielen Modellbahnern als Vorbild dient, soll dies eindrücklich belegen. Ein Nachbau der Kehren im Bereiche Gurtnellen – Wassen (Wattigen) würde die folgenden Ausdehnungen erfahren:
Massstab 1 : 1 1 : 45  1 : 87 1 : 160 1 : 220
Länge in m 4500  100.00 51.72 28.13 20.45
Tiefe in m  1250  27.78 14.37 7.81 5.68

Der Schluss daraus:
Ein Nachbau bestimmter örtlicher Situationen genau im Nenn-Massstab ist auf Dioramen möglich, da ein der Dioramengrösse entsprechender Ausschnitt der Wirklichkeit ausgewählt werden kann.
Für den Bau einer Modellbahnanlage ergibt sich aber die Konsequenz,dass der Nachbau eines bestimmten Streckenteiles entweder nur auf grosser Fläche (unter Berücksichtigung von Punkt 1 und 2) oder aber nur unter solch grossen Kompromissen möglich ist, dass sie letztlich den Nachbau dem Original (weit) entfremden.
Als positives Beispiel zu diesen Überlegungen kann hier die Gotthardbahnanlage im Verkehrshaus in Luzern angeführt werden. Sie liegt nach meinem Dafürhalten gerade noch im Rahmen des Erträglichen. 

Die Lösung des Problems besteht meines Erachtens darin, auf einer Modellanlage bestimmte, für eine Bahnlinie typische und charakteristische Örtlichkeiten auszuwählen und diese auf der Modellbahnanlage dioramenhaft umzusetzen.
Dabei, wie auch besonders bei der freien, nicht an konkreten Vorbildern orientierten Planung, ist Punkt 4 die grösste Aufmerksamkeit zu schenken:

Bahntechnische Bauten müssen nach denselben Regeln und Gesetzen gebaut werden, wie beim Vorbild.

Da den meisten Modellbahnern diese Grundlagen nicht zugänglich sind, müssen wir sie uns irgendwie erschliessen. Einerseits geschieht dies in einer gewissen Weise bereits durch die NEM-Normen.
Wollen wir uns aber direkt beim Vorbild orientieren, dann wird es schwieriger.
Zum Glück haben uns die Bahngesellschaften bereits grosse Vorarbeit geleistet. 
Jede Bahngesellschaft fasst(e) ihre entsprechenden Regeln in sogenannten Normalien zusammen. Diese können uns ohne grosse bautechnische Grundkenntnisse zeigen, wie wir zu bauen haben.

Grundsätzliche Überlegungen

Die bestimmenden Elemente beim Bau einer Bahnlinie sind:

Die Gewährleistung dieser drei Elemente erfordert, nebst dem ordentlichen Planum auf ebener Strecke, vorwiegend die Überwindung zweierlei Arten von Hindernissen:
Vertiefungen und Erhöhungen.

Hierfür bieten sich Lösungen unterschiedlicher Stärkegrade an:
Nämlich der Bau von:

Vertiefung: Einschnitt     Tunnel
Erhöhung: Aufschüttung Damm Viadukt Brücke

Hieraus ergibt sich für den Modellbau im Bereiche des Trasse-Baues eine Reihe von zu beachtenden Themen:

A. Einschnitte, Aufschüttungen, Dämme
1. Böschungen  a. Einschnitte
  b. Dämme
2. Mauern  a. Mauersorten Bruchsteinmauer
    Trockenmauer
    Betonmauer
  b. Mauerarten Stützmauer
    Futtermauer
    Steinsatzmauer
    Felsabstützungen
spacer
B. Tunnels
1. Eingleisige Ausführung
2. Zweigleisige Ausführung
3. Mögliche Lösungen bei mehrgleisigen Ausführungen
spacer
C. Brücken
1. Bachdurchlässe
2. Viadukte
3. Widerlager
4. Stahlbrücken a. Stahlträgerbrücke Fahrbahn oben
    Fahrbahn unten
  b. Fachwerkbrücke Fahrbahn oben
    Fahrbahn unten
5. Betonbrücken, Steinbrücken
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