Das Weihnachtskind vom alten Bahnwärterhaus

von Walter Bär-Vetsch, Altdorf

Themenbild

Die "Engelsburg" bei Intschi

Das alte Bahnwärterhaus steht in der Intschi-Fluh, zwischen Bahnlinie und Kantonsstrasse.
Die ältere Generation kennt das Haus noch heute als "Schiltä-Sächsi", benannt nach der Jasskarte, deren Bild wie ein kleines Haus mit je einem Raum auf drei übereinander liegenden Ebenen aussieht.
Früher diente das Haus dem Bahnwärter, der hier die damalige Schranke zu bedienen hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Strasse ausgebaut und verlegt, die Schranke deshalb aufgehoben, das Bahnwärterhaus nach und nach aufgegeben.
Der Volksmund nannte nun das Wärterhaus auch vermehrt " s’ Zweiävierzgi", seine damalige Hausnummer, oder "Engelsburg".

Mitte der 1990-Jahren kam wieder Leben ins alte Bahnwärterhaus.
Sogenannte "Aussteiger", Söhne und Töchter der 68er-Bewegung, liessen sich nun hier nieder.
Die Leute der Umgebung hatten an der Lebensweise der "Zweiävierzger", wie sie die "komischen Leute" nannten, keine Freude.
Man sprach von zweifelhaften Orgien, und dass die Polizei im alten Wärterhaus oftmals für Ruhe und Ordnung sorgen musste.
Ja, dass sich die jungen Leute nackt auf dem Hausdach und sogar auf der Kantonsstrasse tummelten, hörte man sagen. Die Klagen der Nachbarn, die sich an diesem "unsittlichen Treiben" störten, häuften sich.
Als dann einmal einer dieser "Zweiävierzger" nackt durch Altdorf spazierte, vielleicht unter Drogeneinfluss, räumte die Polizei das "Schiltä-Sächsi".
Die Bewohner, deren Lebensart nicht ins Urnerland passte, verschwanden. Nicht wenige Leute von Amsteg und Intschi waren froh darüber.
Das alte Bahnwärterhaus hinter der Mauer zur Kantonsstrasse stand wieder verlassen und unbewohnt da.

Themenbild

Das "Schiltä-Sächsi".

Aber nur für kurze Zeit! Im Jahr 1976 suchten die "Stäger" (Einwohner von Amsteg) einen Vertreter für den Gemeinderat von Silenen-Amsteg-Bristen.
Als einige Bürger Hansruedi Murer baten, sich dem Amt zu stellen, sagte er nach reiflicher Überlegung zu.
Bereits 1979 musste er als damaliger Vizepräsident das Amt des Gemeinde-Präsidenten übernehmen, da dieser nach schwerer Krankheit verstorben war.
Das Amt des Gemeindepräsidenten brachte Murer zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Gastwirt, Jagdaufseher und Wildhüter viel Arbeit, aber auch sehr viele Freuden.
Eine solche Freude erlebte er 1986, kurz vor Weihnachten.

Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.  (Matthäus 2, 6)

Der Winter hat schon sehr früh viel Schnee gebracht. Eisige Winde durchziehen die Intschi-Fluh.
In Amsteg amtet ein junger Pfarrer, im Riedertal bei Bürglen aufgewachsen, in Uri fest verwurzelt. Als Jüngster einer grossen Bergbauernfamilie hat ihn das karge Leben seiner Jugendjahre stark geprägt. Der "Stäger" Pfarrer ist in der Bevölkerung für seine soziale Unterstützung bekannt und damit vielen notleidenden Mitmenschen oftmals die letzte Hoffnung in ihrer verzweifelten Lage. Manch "armer Schlucker" hat beim Pfarrer von Amsteg gelebte Nächstenliebe und Hilfe erfahren.
Der Gemeindepräsident und der Pfarrer verstehen sich sehr gut, nicht nur als Nachbarn. Sie haben die gleiche Auffassung vom sozialen Zusammenleben in der Gemeinde, von Liebe und Barmherzigkeit gegenüber den Mitmenschen.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. (Lukas 2, 8)

An einem Samstagmorgen, kurz vor Weihnachten, ist der Pfarrer mit seinem Auto unterwegs, um einer älteren Frau die heilige Kommunion zu bringen.
Die Strasse ist schneebedeckt, das Fahren bedarf grösster Vorsicht.
In der Intschi-Fluh fallen ihm frische Fussspuren auf. Sie führen von der Strasse durch den hohen Schnee zum scheinbar verlassenen Wärterhaus.
Frische Fussspuren, am frühen Morgen – sie stimmen den Pfarrer nachdenklich.
Er hält sein Auto am Strassenrand an, steigt aus und folgt den Spuren ins kleine Haus.
Ist es ein Schutzengel, der ihn nachschauen lässt?
Neugierig will er wissen, ob jemand hier Unterschlupf gesucht und gefunden hat.

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2, 7)

Themenbild

Das Wärterhaus stand ursrpünglich an der Landstrasse.
 

Überrascht trifft der Pfarrer im ersten Raum auf eine junge Frau mit ihrem unlängst geborenen Kind.
Nicht in einer Krippe auf Stroh, sondern auf Unrat und alten Lumpen, von den früheren Bewohnern zurückgelassen, sitzt die kaum 17-jährige Mutter in einer Ecke, neben sich ihr vor wenigen Tagen geborenes Kind.
Hier wärmen nicht Ochs und Esel Mutter und Kind. Die bittere Kälte macht den beiden sichtlich zu schaffen.
Ohne Nahrung, ohne Windeln, ohne wärmende Decken, in für diese Jahreszeit ungenügenden Kleidern, hat die junge Mutter Zuflucht im Wärterhaus gesucht.
Ob das Kind hier oder anderswo geboren worden ist, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich.

Der Seelsorger erkennt die prekäre Lage und bittet die junge Frau, ihn doch mit ihrem Kind ins Pfarrhaus zu begleiten.
Gerne sei er bereit, ihnen für eine würdige Unterkunft mit allem Nötigen zu sorgen.
Doch die junge Mutter wehrt sich gegen dieses Vorhaben. Es scheint, dass sie in ihrem bis- herigen Leben mit Behörden und Obrigkeit schlechte Erfahrungen gemacht hat.
Wenigstens willigt sie ein, hier zu warten, bis der Pfarrer mit Holz zum Heizen, mit wärmenden Decken und Kleidern, mit Lebensmitteln, mit Windeln und Kindernahrung zurück sei.
Mit bangem Gefühl fährt der Pfarrer zurück ins Dorf. Wird die junge Mutter auf seine Rückkehr warten? 

Da sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. (Lukas 2, 15)

Der Gemeindepräsident bereitet in seinem Gasthaus "Weisses Kreuz" das Mittagessen für die angesagten Gäste vor.
Er ist überrascht, dass ihn der Pfarrer zu dieser Stunde in der Küche besucht. Nochmehr überrascht ihn des Pfarrers Frage, ob er Brennholz habe, aber höchstens zwanzig Zentimeter lang.
"Wozu brauchst du denn Brennholz, im Pfarrhaus hast du doch eine Ölheizung?"
"Es ist nicht für mich, sondern für eine arme Mutter mit einem Kleinkind. Bitte, Hans, besorge mir das Holz! Es ist dringend!"
Da auch der Gemeindepräsident eine Ölheizung besitzt, überlegt er, woher er so schnell Holzscheiter in der gewünschten Länge besorgen kann. Er erinnert sich einer Holzbeige in der Nähe, dessen Besitzer aber heute Morgen in die Skiferien gefahren ist.
Ihm widerstrebt das Holznehmen, ohne beim Besitzer darüber nachgefragt zu haben.
Doch der Pfarrer wertet das ungefragte Holzholen in dieser Notlage nicht als Diebstahl.
Die Worte des Geistlichen überzeugen ihn.

Jetzt erfährt er in wenigen Worten die Geschichte mit der jungen Frau und ihrem Kind in der Intschi-Fluh, und somit auch den Grund des Holzbedarfs.
Umgehend kommt der Gemeindepräsident der Bitte des Pfarrherrn nach, überträgt die Vorbereitung des Mittagessens seiner Frau, und macht sich mit seinem Auto zur besagten Holzbeige auf.
Hoffentlich versteht der Holzbesitzer das Wegnehmen des Holzes auch!
Es sei verraten: Der Besitzer hat den Holzdiebstahl des Gemeindepräsidenten nicht verstanden, trotz klärendem Gespräch.
Seine Besuche im Hotel Weisses Kreuz sind darauf hin ausgeblieben. Erst die Erklärung und die Entschuldigung des Herrn Pfarrer hat den bestohlenen Holzbesitzer nach etwa zwei Jahren versöhnt!

Und die Hirten kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.  (Lukas 2, 16)

Themenbild

Heute ist das Wärterhaus in Privatbesitz und vermietet.

Der Gemeindepräsident steuert sein mit Holz beladenes Auto im dichten Schneegestöber die Inschi-Fluh hinauf, dem "Schiltä-Sächsi" zu.
Im alten Bahnwärterhaus trifft auch er auf die Mutter mit ihrem Kind, beide immer noch der bitteren Kälte ausgesetzt.
Auch die Pfarrköchin, vom Pfarrer in seine Heimlichkeit eingeweiht, ist schon da. In einem Kochtopf hat sie ein nahrhaftes, warmes Essen mitgebracht, das die junge Mutter nun mit Heisshunger verschlingt. Das Kleinkind schläft friedlich.

Inzwischen organisiert der Pfarrer im Dorf alles Weitere: Er weiht noch eine Frau in sein Geheimnis ein, eine ehemalige Serviertochter vom Weissen Kreuz und damals selbst Mutter mit drei kleineren Kindern.
Sie berät ihn und schreibt ihm das dringend Nötige für Mutter und Kind auf.
Mit der Einkaufsliste tätigt nun der Herr Pfarrer seinen Grosseinkauf. Dass er Pampers und Babynahrung in seinen Warenkorb lädt, bleibt im Laden nicht unbemerkt.
Das Dorfgespräch der nächsten Tage hat seinen Höhepunkt in der Vermutung erreicht, ihr Herr Pfarrer habe wohl gegen das Zölibat verstossen und nun die heimliche Folge zu tragen. Das gehöre sich doch nicht für einen katholischen Geistlichen!
Auch ein Besuch beim Dorfarzt, um die nötigen Impfungen für das Kleinkind abzuklären, steht auf seinem Gang.
Auf dem Weg in die Intschi-Fluh nimmt er auch wärmende Decken für Mutter und Kind mit.
Zurück im "Schiltä-Sächsi" versucht der Pfarrer nun, mit der geduldigen Unterstützung seiner Pfarrköchin, die junge Mutter zu überzeugen, dass sie hier in dieser kalten und unwürdigen Umgebung nicht hausen kann.
Nach längerem Hin und Her lenkt sie ein und begleitet mit ihrem Kind die Pfarrköchin, den Pfarrer und den Gemeindepräsidenten nach Amsteg.
Ein paar Wochen später kann die junge Mutter mit ihrer kleinen Samantha eine günstige Kleinwohnung in einer Seegemeinde beziehen.
Unterstützt vom Pfarrer und vom Gemeindepräsidenten, findet sie auch eine Arbeitsstelle und eine stundenweise Beaufsichtigung ihrer Samantha.
Nun geht für die junge Familie doch noch ein Stern auf!

Am neuen Arbeitsplatz ist man mit der Mutter zufrieden, Samantha ist bestens betreut und der Pfarrer und der Gemeindepräsident sorgen sich weiterhin um die Kleinfamilie.
Oftmals besuchen sie die junge Mutter mit ihrer Samantha, mit Esswaren oder Spielsachen unter ihren Armen.

Und da acht Tage um waren ..., gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war vor dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.  (Lukas 2, 21)

Themenbild

Die Pfarrkriche in Amsteg.
 

Die Taufe der kleinen Samantha steht an. Dazu sind eine Patin und ein Pate nötig!
Der Pfarrer beauftragt den Gemeinde-präsidenten mit deren Suche.
Die Helferin, die damals den Pfarrer beim Einkauf des Nötigsten für Mutter und Kind beraten hat, ehrt die Anfrage sehr: Freudig übernimmt sie das Amt der Gotte.
Der Pfarrer ist sehr erfreut darüber und bestimmt den Gemeindepräsidenten ohne dessen Widerrede als Götti. Dieser zeigt sich darüber stolz, erfüllt sich doch damit sein heimlicher Wunsch.
An einem Freitagnachmittag im Jahr 1987 findet die Taufe statt.
Der Götti holt Mutter und Kind zu Hause ab und fährt sie zur Pfarrkirche nach Amsteg.
Die Patin, die Pfarrköchin und der Pfarrer warten bereits.
Weder der Vater noch die Grosseltern der kleinen Samantha sind anwesend.
Traurig, eine feierliche Taufe in einer fast leeren Kirche!
Doch dann geht die Kirchentür auf, fröhliche Kinderstimmen erfüllen das Gotteshaus.
Heimlich hat der Pfarrer zwei Schulklassen, in denen er zurzeit im Religionsunterricht die Taufe behandelt, zur Feier eingeladen.
Der ursprünglich kleinen Tauffamilie wird es richtig warm ums Herz, der Einzug der Kinderschar für alle ein bleibendes Erlebnis. Die Kinder setzen sich in die vordersten Bänke. Jedes darf während der Tauffeier die kleine Samantha auf seine Arme nehmen.
Zu jedem Kind sagt der Pfarrer etwas Passendes, zu allen, dass er nun einem kleinen Mädchen den Namen Samantha gegeben habe, ohne es zu fragen.
Er vergleicht die heutige Taufe mit den damaligen Taufen der anwesenden Kinder. Auch sie hätten ungefragt einen Namen erhalten, der sie lebenslang begleitet.
Die damaligen Kinder, heute bereits selbst stolze Eltern, erinnern sich noch heute an Samanthas Taufe als Höhepunkt ihres Religionsunterrichts!

Bald wechselt die junge Familie ihren Wohnort, zuerst in eine Urner Talgemeinde, dann in den Kanton St. Gallen zur Schwester der jungen Mutter. Sie bricht den Kontakt ins Urnerland ab.
Wohl versucht der Gemeindepräsident sie in späteren Jahren ausfindig zu machen – leider erfolglos. Jahre später – doch Wunder oder Zufall? – kurz vor Weihnachten 2011, wird der Gemeindepräsident beim Einkaufen in Erstfeld vom Ehemann, dessen Frau die kleine Samantha damals stundenweise in der Seegemeinde betreut hat, angesprochen.
Sofort führt das Gespräch auf die damalige junge Familie. So erfährt der Gemeindepräsident, dass die Betreuerfamilie seit kurzem wieder Kontakt mit Samantha habe.
Mit dem Versprechen, dass er demnächst von ihm Samanthas Adresse erhalten werde, macht sich ihr Götti auf seinen Heimweg.
Sein Herz ist von einem schweren Stein befreit, hat ihn doch die Unkenntnis über Samanthas Leben schwer belastet.

Mitte Januar 2012 besucht der Gemeindepräsident einen Bergbauern, dem er nach einem Grossbrand in erdrückender Not geholfen hat. In der Küche des neu aufgebauten Heimwesens sprechen die beiden bei einem köstlichen Urnerkaffee über dies und das.
Das Handy des Gemeindepräsidenten stört die Gesprächsrunde. Der Mann, der ihn vor rund einem Monat in Erstfeld angesprochen hat, bittet um ein sofortiges Treffen. Sie verabreden sich in einer halben Stunde im Gasthaus Hirschen.
In Ungewissheit, was ihn erwartet, sitzt der Gemeindepräsident schon vor der abgemachten Zeit in der Gaststube.
Nun öffnet sich plötzlich die Tür, sein Mittelsmann tritt ein – begleitet von einer hübschen Frau. Samantha? Ja, die junge Dame stellt sich ihm als Samantha vor.
Tief berührt, mit Tränen in den Augen, aber überglücklich begrüsst der Gemeindepräsident sein nun erwachsenes Patenkind.
Für ihn ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk, die Erfüllung eines langersehnten Wunsches!
Das Gespräch kommt schnell in Gang.
Samantha erzählt ihren Lebensweg.
Ihre Tante, zu der sie vom Urnerland in den Kanton St. Gallen gezogen ist, sei nach schwerer Krankheit bald gestorben.
Samantha sei mit den vier Kindern ihrer Tante in eine Pflegefamilie gekommen. Dort habe sie eine schwere Jugendzeit erlebt.
Diese Familie habe es fertig gebracht, dass Samantha ihre Mutter völlig aus den Augen und aus dem Sinn verlor.
Erst nach und nach habe sie sich, unterstützt von einer guten Freundin, von ihrer schweren Herkunft verabschieden können.
Mit ihrem Freund hofft sie nun, ein glückliches Leben zu finden.

In den nächsten Tagen wird der Gemeindepräsident die freudige Botschaft ins Pfarrhaus und zu Samanthas Gotte bringen.
Sie werden sich darüber freuen, dass das Weihnachtskind vom alten Bahnwärterhaus in der Intschi-Fluh sein Glück gefunden hat.

Herzlichen Dank an Walter Bär, dass ich seinen Text hier veröffentlichen darf.
Für alle, welche die Engelsburg nicht kennen, habe ich die Geschichte mit entsprechenden Bildern ergänzt.