Die Geschichte der Gotthardbahn

Bahnhof und Depot Erstfeld

Die Wahl des Standortes

In allen Projekten zur Realisierung einer Bahn über den Gotthard war zwangsläufig eine Unterteilung in Tal- und Bergstrecken vorgesehen.
Bei allen Projektbeschreibungen waren deshalb auch am Fusse der Bergstrecken Stationen für entsprechende Traktionswechsel als unumgänglich angesehen worden.
Der Standort dieser Stationen wechselte, je nach Lage der vorgesehenen Trasse, mit jedem Projektverfasser.
Auf der Nordseite wurden diese Stationen im Raume Erstfeld - Silenen, auf der Südseite im Raume Giornico - Biasca vorgesehen.

Wetli legte in seinem Projekt diese Station auf der Nordseite in den Raum Silenen, zwischen Evibach und Kirchbach.
Die Herren Beckh und Gerwig verlegten die Station nach Erstfeld und beschrieben in ihrem Projekt die Lage des Bahnhofs so:
„... Der Stationsplatz von Erstfeld befindet sich unmittelbar hinter Klus. Am Ende der Station beginnt eine stärkere Steigung. ...“

Zur Aufgabe der Endpunkte der Bergstrecke äusserten sie sich so:
„... Es ist angenommen, dass auf den zwei Stationen Erstfeld und Giornico, wo die starken Steigungen beginnen, und ebenso auf den Stationen Göschenen und Airolo, wo sie endigen, stets Reservemaschinen stationiert seien, mittelst welcher das Arrangieren der Bahnzüge, sowohl für die Berg-, als für die Thalfahrt, zu geschehen hat.
Für jede dieser Stationen haben wir daher eine Locomotivremise nebst Drehscheibe und die nöthigen Dienstgeleise zum Aufstellen der Wagen und Züge berechnet. ...“

Karte mit dem Bahnabschnitt Schattdorf - Amsteg.

Karte mit dem Bahnabschnitt Schattdorf - Amsteg.
Experten-Projekt Wetli Experten- Projekt Beckh & Gerwig , später ähnlich ausgeführt durch Hellwag.

Im Jahre 1872 übernahm der grossherzoglich badische Baurat Robert Gerwig als Oberingenieur die technische Leitung des Baues der Gotthardbahn. Nach dem finanziellen Debakel beim Bau der Tessinischen Talbahnen musste dieser aber 1875 zurücktreten.
Siehe auch Kapitel 5

Die Gotthardbahn-Gesellschaft ernannte nun den Oberingenieur der österreichischen Nordwestbahn Willhelm Hellwag zum neuen Oberingenieur.
Dieser legte 1876 in seinem Bericht "Kostenvoranschlag zum Bau der Gotthardbahn" seine Überlegungen zu den früheren Projekten dar und verlegte anfänglich die Station im Reusstal wieder an die Stelle in Silenen, an der sie bereits Wetli geplant hatte.
Auch er begründete die Anlegung eines Lokomotivdepots:
„... Nördlich und südlich sind an den Ausgangspunkten der Rampen grössere Stationen erforderlich, für welche eine Länge von 400 - 1000 Meter für nothwendig erachtet worden ist. Es ist zwar bei den im Auge gehaltenen allgemeinen Dispositionen für den zukünftigen Betrieb die Nothwendigkeit, in diesen Stationen eine Zugsrangierung vorzunehmen, behoben, es soll daselbst für den constanten Zug vielmehr nur ein Ersatz der Zugskraft nach Erfordernis der wechselnden Bahnconstruction stattfinden.
Da jedoch in diesen Stationen, ausser der Ab- und Zuführung der Locomotiven, die Regelung der Zugsfolge, die Ordnung der Bremsen, die Revision der Fahrzeuge, und die dadurch hervorgerufene Ein- und Umstellung von Wagen und dgl. Raum und Aufenthalt erfordernde Manipulationen vorzunehmen sind, so ist immerhin das Bedürfnis zu einer grösseren Anzahl von Geleisen vorhanden und daher die genannte Stationslänge nothwendig. ...“

Die Grösse der geplanten Station mit Depot geht aus der ersten Auflistung der Gebäulichkeiten und Anlagen hervor:

Station Silenen (die spätere Station Erstfeld)
Station der Klasse 1  
Weichen 22  
Kreuzungen 30  
Lokomotiv-Drehscheiben 1  
Wagen-Drehscheiben 2  
Schiebebühne 1  
Brückenwaage 1  
Bockkran 5  
Geleiseabschluss 2  
Wasserstation 2 Reservoirs mit 5 m Durchmesser
  1 Zuleitung zu Wasserkran 500 m
  2 Wasserkrane
  1 Heizhaus-Leitung 100 m
  1 Dampfpumpe oder natürlicher Zufluss von 500 m Länge
Distanz-Signale 2  
Hand-Signale für Wärter 3  
Sprech-Apparate 1  
Glocken-Signalapparate 1  
Aufnahmegebäude 1  
Einsteighalle 1 mit Veranda von Eisen, 50 m lang und 5 m breit
Güterschuppen 1 mit 2 Thoren
Locomotiv-Remise 1 12 Stände
Wagen-Remise 1 20 Stände
Kohlenschuppen 1 720 m² für 36'000 Ctr.
Kleine Werkstätte 1 416 m²
Heizhaus 1  
Arbeiter-Aborte 2  
Zugführer-Kaserne 1 350 m²
Requisiten-Depot 1   130 m²
Wohnhaus für Beamte 1 300 m²
Waschküche 1  
Wärterhäuser 1 einfaches
  1 doppeltes
Weichenwärter-Buden 2  

Im Jahre 1877 wurde Baudirektor Pressel aus Wien von der Gotthardbahn-Gesellschaft eingeladen die, von Willhelm Hellwag geplante, letzte Trasseführung zu beurteilen. Pressel lieferte sein Gutachten ein Jahr später ab und machte verschiedene Änderungsvorschläge.
Insbesondere schlug er vor, die Stationsdistanzen auf höchstens 8 km zu verkürzen. (Bei Hellwags Projekt lagen sie zwischen 9,5 und 10,1 km.) Weiter schlug Pressel vor, die Station für den Betriebswechsel von Silenen nach Erstfeld, nördlich der Klus, zurück zu verlegen und in Silenen die, von den Behörden ohnehin gewünschte, gewöhnliche Station zu erstellen. Denselben Vorschlag machte er auch für die Südseite. Der Beginn der Bergstrecke sollte von Bodio nach Biasca verlegt werden.

Im Dezember 1877 nahm der Bauinspektor des Kantons Uri, Gisler, in seinem Bericht über die projektierte Anlage der Gotthardbahn auf dem Gebiete des Kantons Uri, auch zu den geplanten Stationen Stellung:
„... Von Altdorf bis zum Wyler (Gurtnellen) ist nur eine einzige Zwischenstation in Aussicht genommen, nämlich zwischen Evibach und Kirchbach bei Silenen, die dann zugleich für Silenen, Erstfeld und Amsteg zu dienen hätte.
Es scheint aber notwendig, dass namentlich Amsteg, beziehungsweise das Maderanerthal als Sommeraufenthalt der meisten Bewohner von Silenen, eine Station erhält, die nicht drei Kilometer ausserhalb des Dorfes liegt, wie dies bei der jetzt vorgeschlagenen der Fall ist.
Wenn aber diese in der Nähe von Amsteg sich befindet, kann sie für Erstfeld nicht mehr genügen.
Das Folgerichtige wird sein, wenn statt der angegebenen einen Haltestelle, deren zwei angelegt werden; die erste bei Erstfeld, die zweite entweder im 'Dörfli' in Silenen oder beim 'Flühli' in Amsteg. ...“

Dieser Bericht war für den Gemeinderat Erstfeld das Signal, mit einer Eingabe an den Regierungsrat die eigenen Interessen zu wahren:
„... Wir glauben, die Erstellung einer Station in Erstfeld würde die Bahn bedeutend frequentieren, indem jetzt schon ein beträchtlicher, für die Bahn immerhin rentabler Verkehr mit Vieh, Holz und anderen Produkten und namentlich durch die Ausbeutung des Schlossberggletschers stattfindet, und dass das in hier sehr günstige Terrain für Nutzbarmachung von Wasserkräften für den Betrieb industrieller Etablissements zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.
Ferner müssen wir bemerken, dass ohne Haltstation die Bahn für uns rein illusorisch wäre, denn die Station Altdorf käme bereits sieben und die in Silenen vier Kilometer von uns entfernt, und deshalb ist uns nicht der geringste Vorteil in Aussicht gestellt.
Es ist nun unser ausdrückliches Verlangen, dass man in hier eine entsprechende Haltstation erstellt. ...“

Im Januar 1879 war im Rathaus in Altdorf ein Plan der Gotthardlinie zur Einsichtnahme aufgelegt. Daraus ging hervor, dass die Bahnstation Erstfeld von der so genannten Butzengasse aufwärts gegen die Klus verlegt werden sollte.

Der Bau von Bahnhof und Depot

Mit den Arbeiten für die Station Erstfeld wurde am Montag, dem 12. Juli 1879, im «Steinbruch» ob der Klus begonnen.
Wenige Tage später traf die bundesrätliche Genehmigung ein, mit folgendem Vorbehalt:
„... Die Bahnverwaltung möge die Frage der Verlegung der Rangier- und Maschinenstation von Erstfeld nach Flüelen noch weiter studieren und dem Bundesrat bis Ende September einen definitiven Bericht erstatten, ob diese Frage zu bejahen oder zu verneinen sei. Inzwischen könne der Unterbau in der Weise in Angriff genommen werden. dass eine allfällige, spätere Erweiterung erleichtert werde. ...“

1880 genehmigte der Bundesrat eine Vorlage der Gotthardbahndirektion, wonach die Rangier- und Maschinenstation der Gotthardbahn auf der Nordseite des Gotthards in Erstfeld angelegt werden soll.

Zur selben Zeit wurde die Erstellung der Hochbauten von Immensee bis Göschenen an die Firma H. Egger und Sohn und E. Ritter Hochbauunternehmung vergeben.
Die Herstellung der benötigten Weichen für dieselbe Strecke wurde der Firma J. Vögele, Maschinenfabrik in Mannheim, übertragen.
Die Vergabe der Herstellung der Kreuzungen ging an Ganz & Co., Eisengiesserei und Maschinenfabrik in Budapest. Die Bauunternehmung Nord hatte ihre Arbeiten für die Hochbauten im Jahre 1880 bereits begonnen, als in der «Urner Zeitung» eine kurze Notiz erschien:
„... Das auf hiesiger Station im Bau begriffene Aufnahmegebäude ist dritten Ranges, daher so klein, dass sich die Einwohner auf den Wartsaal nicht verlassen können, sondern sich jedenfalls auf den Regenschirm gefasst machen müssen.
Jedoch immer noch besser als das Projekt Hellwag, das gar keine Station in Aussicht genommen hatte. ...“

Ende des Jahres 1880 waren Aufnahmegebäude und Güterschuppen in Erstfeld unter Dach.
Die Gebäulichkeiten der Werkstätte waren zu dieser Zeit ebenfalls grösstenteils vollendet und die benötigten Werkzeuge und Maschinen wurden geliefert. Lediglich der Arbeiterabort war noch im Bau.
Im Jahre 1881 wurde die Schiebebühne bei der Firma Gebr. Decker und Co. Cannstadt in Auftrag gegeben, die Fertigung der Drehscheiben wurde der Firma Josef Vögele Mannheim übertragen.
Im August waren die Bauarbeiten auf der Bahnlinie nahezu vollendet. Der Oberbau ging rasch der Vollendung entgegen.
Von den 29 Weichen auf der Rangierstation waren 25 angeschlossen.
Zwei Lokomotivremisen, je ein Zwölfplätzer, waren unter Dach, ein weiteres Gebäude war im Bau begriffen.

Plan der Station Erstfeld

Plan der Station Erstfeld

Im Verlaufe des Jahres 1881 begann die GB auch bereits das nötige Stations-, Zug- und Werkstättenpersonal zu rekrutieren.
Immer mehr Personal kam nach Erstfeld. Die Gotthardbahndirektion entschloss sich, etwas gegen die grosse Wohnungsnot zu unternehmen, und liess im Oberdorf zwei Einfamilien- und zwei Zweifamilienhäuser sowie im «Mohrenkopf» ein Sechsfamilienhaus bauen.
Das so genannte «Sektionshaus», das in Wassen stand und worin die Arbeitsräume der verschiedenen Bauabteilungen der Gotthard-Nordseite untergebracht waren, wurde zerlegt und nach Erstfeld transportiert. In der «Kluserhofstatt» wurde es 1882 neu aufgebaut und als Neunfamilienhaus eingerichtet.
Auch das expropriierte Gasthaus «Kreuz» in der Klus wurde als Wohnhaus für Beamte umgebaut, fiel aber 1898 wieder dem Ausbau der Geleiseanlagen zum Opfer.
Ab Anfang März des Jahres 1882 begann die Anlieferung von Maschinen und Wagen. Die Güterwagen wurden dabei teilweise über den Vierwaldstättersee nach Flüelen transportiert.

Die Ausrüstungsgegenstände der Stationen und Wärterhäuser verteilte man auf der Nordrampe mit Hilfe der ehemaligen Dampfmaschine Uto der Uetlibergbahn.

Die Lok diente der Bauunternehmung Nord als Baulok der Materialbahn.